„Haltet euch am besten zurück!“

Der Lederkerl prägte über viele Jahre das Bild vom schwulen Mann. Bis heute zeugen die Werke des Künstlers Tom of Finland davon. Doch die Lederszene ist in die Jahre gekommen, und in der Community rümpft man die Nase. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, sprach mit Dirk Killing, der sich seit Jahren im „MSC Rote Erde Dortmund e.V.“ engagiert und dort im Verein seinen Fetisch pflegt. Das gelingt nicht immer ohne Vorbehalte.

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Dirk Killing: ‘Als Fetischkerl fällst du aus dem Rahmen.’ (Foto: privat)
Dirk, du bist als Leder- und Fetischmann weit über unsere Region hinaus bekannt. Vor ein paar Jahren warst du „Mr. Fetish NRW“. Das findet in der Community nicht ungeteilte Zustimmung, oder?

Nein, viele Mitglieder der Community sind einfach davon überzeugt, dass wir nur durch Anpassung gleiche Rechte erhalten werden. Als Fetischkerl fällst du da aus dem Rahmen.

Wie meinst du das?

Ein CSD-Veranstalter hat mir mal gesagt, dass ich mich am besten zurückhalten solle, damit würde ich dem Kampf um Gleichberechtigung mehr helfen. Der hat es auf den Punkt gebracht. An unserer Sichtbarkeit nehmen viele in der Community Anstoß, weil sie die Reaktionen der Heteros fürchten und nicht mit uns in einen Topf geworfen werden wollen. Dabei reden immer alle von Vielfalt.

Bei schwulen Events gibt es immer wieder Sex in der Öffentlichkeit. Das steht vielfach in der Kritik.

Ist das Führen eines Sklaven an der Leine schon eine sexuelle Handlung? Wie sollen wir für unsere Welt demonstrieren, wenn wir sie nicht zeigen dürfen? Nein, es reicht unsere bloße Teilnahme in Fetischklamotten, um bei einigen Leuten Schnappatmung auszulösen. In einer Stadt kam es deshalb mal vor einem CSD zu einem Eklat. Eine andere Gruppe hatte Probleme mit unserer Anwesenheit. Da wurden wir öffentlich im Web als Trittbrettfahrer beschimpft, der CSD sei schließlich ein Familienfest. Zugleich wurden wir vom Organisator eindringlich ermahnt, wir mögen uns bitte am Riemen reißen, man stünde kurz vor der Eheöffnung. Da sei ein guter Eindruck wichtig.

Das ist ein wenig verrückt, denn es waren ja hauptsächlich Lederkerle und Transen, die in der Christopher Street auf die Straße gingen,.

Ja, aber solche Reaktionen sind leider kein Einzelfall. Bei einem anderen CSD wurden wir auf der Bühne interviewt und sollten über unseren Verein erzählen. Im Vorgespräch erklärte uns der Moderator ernsthaft, dass man uns aber keinen Sling auf die Bühne stellen würde. Keine Ahnung, was der für Vorstellungen hatte. Und bei der Konzeption eines Jugendtreffs, wo viele unterschiedliche Gruppen mitgewirkt haben, war unser Engagement nicht gefragt, obwohl wir einen Sozialpädagogen in unseren Reihen haben, der fachlich etwas hätte beisteuern können. Beim Thema Jugendarbeit sollten wir aber in keinster Weise in Erscheinung treten, auch nicht professionell.

Wie geht Ihr denn innerhalb eurer Szene mit solchen Ausgrenzungserfahrungen um?

Um ehrlich zu sein: Es geht uns mittlerweile am Arsch vorbei. Von uns will gar keiner eine „Hetero-Hochzeit“ oder Kinder adoptieren. Aber wir haben uns immer solidarisch erklärt mit den Forderungen der Community. Und beim CSD laufen wir nur noch bei der Parade in Köln mit. In Dortmund haben wir parallel zum CSD unseren „Lederpott“ veranstaltet, aber viel zu tun hatten wir mit dem Straßenfest nicht. Wir sind auch Anfang des Jahres aus dem Dachverband SLADO ausgestiegen.

Und wieso?

Weil wir uns einfach nicht mehr vertreten gefühlt haben. Für die „anständigen Schwulen“ gehören wir in den Darkroom. Aber den gibt es in Dortmund seit der Sexsteuer auch nicht mehr wirklich. Die hat binnen weniger Jahre einen Laden nach dem anderen ruiniert, obwohl nur die Prostitution damit eingedämmt werden sollte. Tatsächlich wurden alle Betriebe, die die Möglichkeit zum Sex boten, damit getroffen, auch schwule Bars oder Saunabetriebe. Ich nehme an, das war ordnungspolitisch auch so gewollt, um die Stadt schmuddelfrei zu machen. Jetzt ist es hier öde. Für drei Gay-Kneipen kommt kein schwuler Mann aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Selbst beim CSD herrscht tote Hose. Dabei waren wir mal das Oberzentrum für die ganze Region.

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Für Dirk gehört der Fetisch zu seiner Identität. (Foto: privat)
Wie ist es denn um Ausgrenzung innerhalb der Fetisch-Szene bestellt?

Ausgrenzung gibt es bei uns eigentlich nicht. Im Gegenteil, der Umgang ist sehr herzlich, egal ob du alt oder jung, dick oder dünn bist. Wir machen uns keinen Stress mit solchen Dingen, bei uns steht der Fetisch im Vordergrund. Allerdings ist die organisierte Lederszene in die Jahre gekommen.

Haben denn jüngere Leute keinen Fetisch?

Doch, aber die stehen eher auf Sportswear oder so. Und im Internet kannst du deinen Fetisch diskreter ausleben, da suchst du dir einen passenden Sexpartner für deine Sauereien und keiner kriegt es mit. Du musst das nicht mehr organisiert im Verein tun. Das Sexuelle vollzieht sich in den eigenen vier Wänden. Das kommt vielen entgegen, die Sexualität zur Privatsache erklären wollen.

Dann ist es auch egal, ob du hetero oder homo bist. Die Fetischvereine gründeten sich in ganz anderen Zeiten. Damals ging es um die Sichtbarkeit schwuler Sexualität. Man wollte die Homophobie in der Gesellschaft provozieren. Darin sehen wir auch heute noch unseren Beitrag zur Bewegung, aber das ist nicht mehr gefragt. Die Ziele sind eher konservativ geworden.

Du selbst gehst sehr offen damit um. Warum ist dir das so wichtig?

Ja, ich mache das ganz offen. Mit der Offenheit mache ich mich unangreifbar. Sollen es doch alle wissen! Für mich ist das meine Identität, und die Klamotten brauche ich, um mich selbst zu spüren. In normaler Kleidung fühle ich mich unwohl und verkleidet. Für mich ist das eine Art der Selbstbestätigung. Ich habe lange Jahre heterosexuell gelebt und bin Vater eines Sohnes. Ganz spießig! Mein Coming out als schwuler Mann und als BDSM'ler waren für mich eine unglaubliche Befreiung.

Immerhin lebst du jetzt auch seit 13 Jahren in einer festen Beziehung.

Das ist richtig, wir sind zwei SM-Männer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, führen aber eine offene Beziehung. Auch das wird heute eher verurteilt. Eheliche Monogamie ist angesagt, am besten im Eigenheim und mit Adoptivkind. Wer das möchte, soll das auch tun können. Aber ich habe auf so eine „Knorr-Familie“ keinen Bock.

Knorr-Familie….?

Ja, die heile Familienwelt in der Werbung, wo die Mutti zu Hause mit dem Essen schon auf ihre Lieben wartet. Gibt es dazu ein schwules Pendant? Kommt sicher noch!

Dirk, vielen Dank für das Gespräch und für deine Offenheit.

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