„Jeder wie er will“ – oder doch nicht? Julians Blick auf die aktuelle Kampagne

Eine Anzeigenserie sorgt für Aufsehen in der Szene. „Seid tuntig!“ steht da und dazu lacht uns die Drag Barbie Breakout an. Kaum in schwulen Magazinen oder als Banner in Online-Portalen erschienen, ging ein Raunen durch die Community. Zwei weitere Motive fordern: „Seid spießig!“ und „Seid derb!“ Die Message aus der im Oktober gestarteten Kampagne „Jeder wie er will. Für mehr Akzeptanz in der Szene“ von ICH WEISS WAS ICH TU  ist eigentlich klar und unmissverständlich – und provokativ zugleich: Anstatt dass man tuntig sein DARF, fordert eine Drag Queen im Imperativ die femininen Gays auf so zu sein, wie sie sich fühlen. Das Wort „tuntig“, welches für die Mehrheit wohl meist als Schimpfwort im Alltag auftaucht, erlebt plötzlich einen Wertewechsel und lässt aufhorchen. Gleiches gilt natürlich auch für die Aufforderungen spießig oder derb zu sein.

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Julian hat erwartet, dass das Thema der Diskriminierung in den eigenen Reihen eine hitzige Diskussion auslösen wird. (Foto: Goodyn Green)
Dass das Thema der Diskriminierung in den eigenen Reihen eine hitzige Diskussion auslösen wird, war vorauszusehen. Der Wunsch einer einheitlichen Community mit einer einzigen Stimme bleibt eine Illusion, denn die Gay-Community ist und bleibt eine einzigartig vielschichtige Masse von verschiedenen Menschen. Sie haben zwar dieselbe sexuelle Präferenz, besitzen aber zugleich meist unterschiedliche Vorlieben und Interessen. Sie habenihre eigene Lieblingsbar in ihrem eigenen Lieblings-Stadtviertel mit ihren eigenen besten Freunden. Dazu gehört auch, dass jeder seine eigene Idealvorstellung hat, wie denn ein Schwuler für sie auszusehen hat, wie er sich kleidet und auch welches Image er als Schwuler nach „außen“ vertritt. So ist das Leben von Schwulen so vielfältig, wie die Farben des Regenbogens. Halt „jeder wie er will“.

Vom mehrheitlich großen Beifall und Verfechtern der Aktion vor allem in den sozialen Medien, bis hin zu negativen Reaktionen ist alles vertreten: „Endlich!“, „Super“ und Lobeshymnen über die „längst überfällige Kampagne“ werden gehalten. Doch die Empörung ist ebenso vorhanden und wird auch von einigen Menschen vehement vertreten. Diese Leute würden wohl die Kampagne am liebsten umbenennen in „Jeder wie er will – solange du der Norm entsprichst und mir nicht gegen den Strich gehst“.

Eine „Glosse“ auf einem Nachrichtenportal wollte die Daseinsberechtigung der Kampagne bereits vor Veröffentlichung in Frage stellen. „Mehr feminine Schwule! Das wird ein harter Kampf, den IWWIT sich da vorgenommen hat“, schreibt der Verfasser. Und weiter: Anstatt sich über die richtigen Probleme, wie HIV und andere Geschlechtskrankheiten zu kümmern, müsse man jetzt auch gerade noch Schwule dazu auffordern, femininer zu sein. Der Schreiber, selbst schwul und hauptberuflich Zeitungsmann bei einem Gay-Magazin, bezeichnet die Kampagne für mehr Akzeptanz in der Szene für eine überflüssige Tätigkeit. Doch die Reaktion nahm der Glosse den Wind aus den Segeln: Wenn eine Kampagne solch ein großes Echo auslöst, muss man sich über die Existenz oder Nicht-Existenz einer solchen Aktion nicht mehr streiten. Die Kommentare selbst beweisen: Die Kampagne löst eine längst überfällige Diskussion aus.

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Die drei Motive von ‚Jeder wie er will. Für mehr Akzeptanz in der Szene.‘ (Foto: iwwit.de)

Es gibt aber auch konstruktive Kritik, wie der Kommentar eines Users unter dem Online-Artikel der Siegessäule: „Leider zementiert die Kampagne durch das plakative Übertreiben wieder einmal die gängigen Rollenklischees, die es so für Schwule gibt. Als ob eine starke Identität nur im Extrem möglich wäre.“ Der Spagat zwischen der nötigen Provokation und Irritation für eine auffallende Plakatwerbung ist damit wohl geglückt: Denn auch eine Werbekampagne für mehr Toleranz spielt natürlich letztendlich mit den Stereotypen und fordert mit solchen Motiven die nötigen Reaktionen ein. Klar ist aber auch, dass sich auch nicht eine ganze Community mit drei verschiedenen Motiven und Aussagen identifizieren kann.

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Als Travestiekünstler Shiaz Legz machte Julian zum Eurovision Song Contest 2014 mit seiner YouTube-Parodie ‚Rise Like a Penis‘ auf sich aufmerksam. (Foto: Bendik Giske)
Deshalb schickte ICH WEISS WAS ICH TU die Berliner Drag Queen Barbie Breakout gleich noch einmal auf Gay-Mission. In einem Kurzvideo macht sie sich auf die Suche nach Antworten: Wie fühlt es sich an, ausgegrenzt zu werden? Wie sollte die Community aussehen? Denn viele haben schon Ausgrenzungserfahrungen innerhalb der Szene gemacht – ganz gleich ob in der realen oder in der virtuellen Welt. Auch ich. Deshalb habe ich mich für ein Interview mit der Drag Queen, die größere Eier hat als vielen andere, zur Verfügung gestellt. Als, ein Mann im Fummel mit dem Namen Shiaz Legz und als Schwuler, der sich seiner weiblichen Seite nicht verschließt, konnte ich meine Geschichte mit Barbie teilen. Neben den schon fast gewöhnlichen (!) Ausgrenzungserfahrungen in der Schule oder Sprüchen auf Datingplattformen, wollte ich auch zeigen, wie man plötzlich selber in die Falle tappt und ganz schnell selber ausgrenzt. Aus Scham, Unsicherheit, oder einfach aus dem Drang heraus, den herrschenden Normen der Hetero-Gesellschaft möglichst zu entsprechen.

Da bedrohen andere Leute, die aus der „Norm“ fallen und ihre Andersartigkeit zelebrieren, plötzlich die eigenen eingebläuten Werte der heteronormativen Erziehung. Die Frage bleibt: Wollen wir tatsächlich nur für den angepassten Teil in der breiten Mehrheit akzeptiert werden? Oder darf mein Ziel nicht sein, dass ich voll und ganz so geliebt werde, wie ich bin. Unangepasst, mit all meinen individuellen und trotzdem liebenswerten Seiten? Die Kampagne „Jeder wie er will“ fordert im Grunde genommen bedingungslos für das geliebt zu werden. 100 Prozent wie ich bin und ohne Kompromisse. So falsch kann das doch nicht sein, oder?

 

Zur Person:
Julian Fricker (26) pendelt als freier Journalist zwischen Zürich und Berlin und schreibt unter anderem für „die Welt“. Als Travestiekünstler Shiaz Legz tritt er in Clubs auf und machte zum Eurovision Song Contest mit seiner YouTube-Parodie „Rise Like a Penis“ auf sich aufmerksam. Sie wurde bereits über 90'000 Mal angeschaut. Conchita Wurst selbst meinte jüngst zu Julians Parodie: „Ich fühle mich geehrt und beneide deine Wangenknochen!“ Für ICH WEISS WAS ICH TU und die Kampagne „Jeder wie er will. Für mehr Akzeptanz in der Szene.“ hat er in einem Video von eigenen Erfahrungen berichtet und beobachtet seitdem, wie das Thema wahrgenommen wird. Hier ist das Kurzvideo zum Thema

 

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