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‚Xenia‘: Wilde Reise

In dem turbulenten Coming-of-Age-Roadmovie „Xenia“ machen sich zwei Brüder auf die Suche nach Showruhm, ihrem Vater und einem griechischen Pass.

In dem turbulenten Coming-of-Age-Roadmovie „Xenia“ machen sich zwei Brüder auf die Suche nach Showruhm, ihrem Vater und einem griechischen Pass.

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Dany, noch nicht ganz 16, wie er stets betont, ist ein frühreifes Flittchen. (Foto: pro-fun Media)

Dass „Xenia“ im Griechischen für die seit Jahrtausenden in Ehren gehaltene Tugend der „Gastfreundschaft“ steht, muss man als Zuschauer keineswegs wissen, um bei dem gleichnamigen Film seinen Spaß zu haben. Denn der griechische Regisseur Panos H. Koutras spielt zwar wie schon bei „Stella“, seinem Erstlingsfilm über eine transsexuelle Sexarbeiterin, gerne mit Querverweisen auf die griechische Mythologie, aber ist doch immer ganz nah im hier und heute.

„Xenia – eine etwas andere Odyssee“ beginnt deshalb auch gleich mit einem ordentlichen Blow-Job. Dany, noch nicht ganz 16, wie er stets betont, ist ein frühreifes Flittchen. Die Haare ein wenig zu wasserstoffblond, den Lolly kess im Mundwinkel lässt er sich von einem Stammfreier bedienen und muss nebenbei noch seinen ständigen Begleiter – einen weißen Karnickel namens Dido – in Schach halten. Und wem solche absurd-schrägen Szenen gefallen: Davon gibt es in nachfolgenden zwei Kinostunden reichlich. Dabei erzählt Koutras in seinem beim Filmfestival in Cannes uraufgeführten Drama eigentlich von tragischen Figuren und Lebensgeschichten vor dem Hintergrund des wirtschaftlich zerrütteten Griechenland.

Absurd-schrägen Szenen

Denn Dany (Kostas Nikouli) hat seine Mutter, eine gescheiterte albanische Sängerin und Alkoholikerin, vor nicht einmal zwei Wochen auf Kreta unter die Erde gebracht. Der griechische Vater hat sich vor Ewigkeiten aus dem Staub gemacht. Danys Bruder Odysseas, genannt Ody (Nikos Gelia), schlägt sich in Athen in einer Fastfood-Bude durch und fürchtet seinen nahenden 18. Geburtstag. Denn mit der Volljährigkeit nämlich verlieren die Brüder automatisch ihre Aufenthaltsgenehmigung. Zurück nach Albanien ist keine wirkliche Option, auch wenn ihnen als Einwanderer in Griechenland nicht immer nur Gastfreundschaft entgegenschlägt. Und Dany mit seinem alles andere als zurückhalten Outfit (inklusive Piercings, Muscle-Shirt, Hundehalsband und einer Vorliebe für pinkfarbene Klamotten). Zudem weiß er, wie es sich anfühlt, als Schwuler angepöbelt und verprügelt zu werden.

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In „Xenia“ gibt es auch quietschbunte Traumsequenzen mit monstergroßen Hasen und vieles mehr. (Foto: pro-fun Media)

Für Dany und Ody sieht die Zukunft in Griechenland alles andere als rosig aus, doch Dany hat einen Plan: Er will seinen gesangsbegabten Bruder davon überzeugen, in Thessaloniki bei der TV-Talentshow „Greek Star“ teilzunehmen und sich unterdessen auf den Weg machen, ihren Vater ausfindig machen. Denn wen der die Vaterschaft anerkennt, winkt ihnen ein griechischer Pass. Dass jener Mann, den Dany für den treulosen Ex-Lover seiner Mutter hält, mittlerweile eine neue Familie hat, schwer reich und zudem Politiker einer rechten Partei ist, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.

Quietschbunte Traumsequenzen

Der schwule Filmemacher Panos H. Koutras aber hat dadurch jede Menge Möglichkeiten, um hochdramatische Szenen neben skurrilen Situationen zu setzen. Aber auch Show- und Musiknummern u. a. auch einen Gastauftritt der italienischen San-Remo-Song-Festival-Legende Patty Pravo. Und weil ihm das noch nicht reicht, gibt’s dazu auch noch quietschbunte Traumsequenzen im Stile von Pierre & Gilles. In diesen Szenen können monstermäßige Hasen sprechen und sich Dany auf einer ebenso monstermäßig überdimensionierten behaarten Brust kuschelt. „Xenia“ ist mit seinen 124 Minuten Laufzeit etwas lang geraten. Dies fällt angesichts des kurzweiligen Ideenreichtums und der Vielschichtigkeit dieser etwas anderen Odyssee kaum mehr ins Gewicht.

„Xenia“. Griechenland/Frankreich 2014. Mit Kostas Nikouli, Nikos Gelia, Yannis Stankoglou, Marissa Triandafyllidou, Aggelos Papadimitriou. 124 Minuten.

Von Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.