HIV in der (Alten-)Pflege: Angst und Vorurteil

PflegeheimschildDie Lebenserwartung von Menschen mit HIV ist heutzutage deutlich gestiegen. Schon heute sind mehr als die Hälfte der Infizierten in Deutschland älter als 50 Jahre, so jüngste Zahlen des Robert Koch-Instituts. Was, wenn diese Menschen pflegebedürftig werden und in entsprechende Heime müssen oder wollen? Viele Pflegeeinrichtungen sind häufig überhaupt nicht vorbereitet.

Zu diesem Ergebnis kam Angela Groß-Thebing, die für ihre 2014 abgeschlossene Bachelor-Arbeit entsprechende Einrichtungen im Großraum Münster befragt hat. Für ihre Studie hatte die Hochschulabsolventin zum einen 16 Leitungskräfte von Münsteraner Alteneinrichtungen befragt. Dabei wurde auch die ablehnende Haltung mancher Heime bestätigt. Zwei Äußerungen:

► „In unserem Haus gibt es keine Gründe, ältere Menschen mit HIV aufzunehmen.“
► „Aus meinen eigenen Erfahrungen als Heimleiter bei einem katholischen Träger kann ich sagen, dass nach außen natürlich die Menschen mit dieser Erkrankung aufgenommen werden. Intern jedoch lehnen Träger dieses häufig ab mit der Begründung ‚Wir würden ja, haben aber leider keinen Platz.“

Zum anderen befragte Groß-Thebing 40 Pflegende aus verschiedenen Einrichtungen mittels Fragebogen zu ihren Kenntnissen über HIV und zu ihrer Einstellung zur Pflege von HIV-Infizierten. Die wichtigsten Ergebnisse:

► 80 % der Befragten – examinierte Alten- und Krankenpfleger mit zum Teil mehrjähriger Berufserfahrung sowie Pflegehelfer und Pflegeschüler – hielten es für richtig, wenn Menschen mit infektiösen Krankheiten in Pflegeeinrichtungen aufgenommen werden.
► Aber: Fast ebenso viele würde es allerdings befürworten, wenn die Beschäftigten über die Aufnahme von HIV-Positiven in ihrer Einrichtung entscheiden dürften.
► Ein Großteil der Pflegekräfte hat seine Kenntnisse für die Pflege von Menschen mit HIV als mangelhaft eingeschätzt. So wussten rund drei Viertel beispielsweise nicht, dass die Infektiosität von HIV-Infizierten unter erfolgreicher antiretroviraler Therapie deutlich reduziert ist.

Das unzureichende Wissen, so ein Studienbefund, befördere demnach Verunsicherung und Angst bei Leitungskräften und Pflegenden und damit auch ihre ablehnende Haltung. Eine weitere Folge dieser Unwissenheit sei ein fälschlicherweise höher eingeschätzter Bedarf an Hygienemaßnahmen:

► Jeweils sieben der 40 Befragten gingen beispielsweise davon aus, dass HIV-positive Heimbewohner separate Toiletten oder isolierte Wohnräume benötigen. Fast die Hälfte war sich sicher, dass bei der Pflege zusätzlicher Hygieneschutz wie Kittel und Mundschutz Pflicht sei.

Überrascht zeigte sich Groß-Thebing daüber, dass „gerade die über 40-jährigen Fachpflegekräfte, deren Ausbildung viel weiter zurückliegt, viel weniger Angst haben, HIV-Positive zu pflegen. Die jüngeren Kollegen hingegen, die in den Fachschulen auf dem neuesten Stand zu HIV unterrichtet wurden, fühlen sich weitaus weniger kompetent dazu.“

Praktische Erfahrungen mit HIV-Positiven hatte bislang allerdings kaum einer der Studienteilnehmer gesammelt. Im Münsterland, so vermutet Groß-Thebing, sei das Thema HIV in der Altenpflege offenbar noch nicht angekommen. Oder aber: HIV-Positive haben keine Chance auf einen Heimplatz in der näheren Umgebung und machen sich deshalb in größeren Städten auf die Suche, wo sie mit mehr Akzeptanz rechnen können.
 

Detaillierte Zahlen zu Angela Groß-Tebings Studie bietet der gemeinsam mit Prof. Dr. Ingo Zimmermann publizierte Artikel „Die Schatten der Vorurteile“ in der Januar-Ausgabe des Fachmagazins „Die Schwester Der Pfleger“.

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