„Haus voller Wolken“: ln guten wie in schlechten Zeiten

Demenz Vergesslichkeit Altersdemenz
Demenz ist weder unterhaltsam noch sexy. Wie lässt sich darüber schreiben, dass man es auch gerne lesen mag? Jan Stressenreuter zeigt es.

Alzheimer trifft nicht nur alte Menschen. Wie eine solche Diagnose eine schwule Partnerschaft verändert, schildert Jan Stressenreuter in seinem Roman „Haus voller Wolken“.

Die ersten Anzeichen deuten schlimmstenfalls auf Überarbeitung hin, lassen sich als Unaufmerksamkeit oder schlicht natürliche Alterserscheinungen deuten, auch wenn Karsten das 50. Lebensjahr noch lange nicht erreicht hat. Dass einem manche Wörter nicht einfallen wollen, passiert jedem einmal..

Als Karsten eines Tages ins Büro kommt und noch die Hausschuhe trägt, mag dies als einzelner Vorfall noch als lustige Anekdote dienen. Doch diese Ausfälle und Aussetzer häufen sich. Karsten versucht sie zu verleugnen, zu verdrängen und herunterzuspielen, seinen zehn Jahre jüngeren Lebensgefährten Roman, von Beruf Krankenpfleger und daher besonders sensibilisiert, beunruhigen sie. Bald schon werden die Anzeichen überdeutlich. Karsten verläuft sich in der ihm bestens bekannten Umgebung. Er verlegt Gegenstände, die an den absonderlichsten Orten wieder auftauchen: Das Portmonee hat er zu den Karotten im Kühlschrank geräumt, Handschuhe im Badezimmer zwischen die Handtücher gepackt. Doch spätestens als der Hausmüll in der Waschmaschine und stattdessen die Schmutzwäsche im Mülleimer landet, schrillen bei Roman die Alarmglocken. Die ärztlichen Untersuchungen bestätigen schließlich die Befürchtung: Sein Mann leidet an einer besonderen Form vom Alzheimer.

Wie zuletzt in „Wie Jakob die Zeit verlor“ über das Trauma von Langzeitpositiven und der heutigen Lebenswelt von HIV-Infizierten wagt sich der Kölner Autor auch in seinem neuen Roman an ein in der deutschsprachigen Literatur bislang kaum behandelten Aspekt der (schwulen) Lebenswelt heran: Demenz. Krankheiten sind weder unterhaltsam noch sexy. Wer mag davon schon lesen? Und wie lässt sich darüber schreiben?

Eine Party liefert in Stressenreuters Roman den Rahmen für eine in Rückblenden erzählte Liebes- und Beziehungsgeschichte. Noch einmal haben sich alle versammelt: Freunde, Nachbarn, Familienangehörige. Es ist aber kein Geburtstag, der da im Garten des Paares gefeiert wird, sondern der Abschied Karstens ins Pflegeheim.

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„Haus voller Wolken“ ist erschienen im Querverlag.
In diesen wenigen Stunden wird noch einmal an alten Wunden gekratzt, offenbaren Verwandte die wahren Gründe, weshalb sie diese Männerbeziehung nie so recht akzeptieren konnten. Andere zeigen sich heillos überfordert vom Anblick des mal kindlich, mal verwirrt erscheinenden Karsten. Und Roman ist verzweifelt bemüht, seinen Mann in Schutz zu nehmen. „Er ist immer noch Karsten, er ist immer noch derselbe Mensch“, platzt es aus ihm heraus. “Du darfst ihn nicht danach beurteilen, was in seinem Kopf nicht mehr funktioniert.“

Wie schwer es jedoch Roman selbst fällt, mit den Veränderungen bei seinem Partner umzugehen, daran lässt Stressenreuter die Leser ebenso teilhaben wie an ihrer ersten gemeinsamen Nacht und dem filmreichen Liebesgeständnis zum Beginn dieser im besten Sinne bürgerlich-perfekten Beziehung.

„Haus voller Wolken“ ist so zum einen ein Roman über einen angekündigten, unaufhaltsamen Verlust und über eine Liebe, die an ihre Grenzen gerät. Die Grenzen dessen, was ein Mensch für seine Liebe auszuhalten vermag. Als Karstens Zustand sich soweit verschlechtert hat, dass sein Mann ihm das Frühstücksbrot in mundgerechte Happen schneiden muss, ist dies nur „ein weiterer Schritt auf Karstens Weg in ein Land des völligen Vergessens“. Auch die schlimmsten Ausfälle, etwa wenn Roman seinen Mann eingekotet im Bett vorfindet, klammert Stressenreuter nicht aus, sondern schildert sie so lebendig wie drastisch. Doch er erliegt nicht der Versuchung, in blanken Gefühlskitsch abzurutschen.

Wie viel Liebe auszuhalten vermag, wie lange ein Mensch sich der Überforderung aussetzen kann, schildert Stressenreuter in der Figur Roman auf mitfühlende und berührende Weise, bisweilen auch aber mit leisem Humor. Vor allem aber spart er – im Gegensatz zu manch weichgespülten Alzheimer-Drama (wie „Honig im Topf“) – auch schwer zu akzeptierenden negativen Gefühle nicht aus. Wenn Roman aufgrund seiner Überforderung Aggressionen und sogar Hass in sich keimen spürt und sich zudem gegenüber Außenstehenden auch noch entschuldigen und verteidigen muss. Auch für die Entscheidung Karsten nicht mehr weiter zuhause selbst zu pflegen.

 

Jan Stressenreuter: „Haus voller Wolken“. Querverlag, 360 Seiten, 16.90 Euro

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