Wenn die Schafe mit den Wölfen blöken: Rechtsradikale Kommentare von Schwulen

Sheep bleats
Braune Gedanken sind keine Domäne heterosexueller, intellektuell wenig begabter junger Männer. Auch Schwule blöken manchmal.

Der Syrer wird das Abendland islamisieren, der Abzocker-Asylant hat sogar ein Smartphone, und Deutsche sollten nur Deutschen helfen – bei Facebook kommen solche Versatzstücke rechter Ideologie auch von Schwulen. Höchste Zeit für klare Kante.

Mit einem Aprilscherz versetzte die linke TAZ vor ein paar Jahren die rechte Szene in Aufruhr: Die Zeitung berichtete über einen NPD-Funktionär namens Hubert Mölsen, der sich als schwul geoutet habe. Das Nazi-Blog Altermedia Deutschland übernahm die vermeintliche Nachricht und erkannte den fiktiven Mölsen als real an. Die Hasskommentare der Leser ließen nicht auf sich warten: „Eine Schwuchtel könnte ich niemals als Kamerad akzeptieren“, hieß es unter dem Blog-Eintrag. „Diese Volksverräter sollte man kastrieren oder besser gleich erschießen.“ „Schwule und Lesben sind einfach nur krank und nicht national. Es ist völlig egal wie männlich oder feminin jemand ist…Schwuchtel bleibt Schwuchtel.“

Der schwul-lesbische Mainstream wundert sich
Schwule als Kameraden von Rechtsradikalen? Für viele Menschen scheint dieses Szenario tatsächlich nur als Aprilscherz denkbar. Wer will schon mit seinen potenziellen Henkern gemeinsame Sache machen? Außerdem bezieht der schwul-lesbische Mainstream in Deutschland eher linke bis liberale Positionen. Das hat viel damit zu tun, dass die gegenwärtige LGBT-Bewegung in der Studentenrevolte von 1968 wurzelt. Damals gingen Schwulenaktivisten eine Allianz mit der Frauenbewegung ein, um verkrustete bürgerliche Wert- und Geschlechtervorstellungen aufzubrechen. Schwule demonstrierten an der Seite von Maoisten gegen Imperialismus und Vietnamkrieg. Auch in den 1980er-Jahren standen Schwule eher links. Es war die Zeit, als sich die Grünen neben der SPD etablierten und Helmut Kohl sich als Lieblingsfeind anbot. Erst in jüngerer Zeit hat der Konservatismus prominente, offen schwule Repräsentanten, und bis heute ernten schwule und lesbische CDU-Mitglieder regelmäßig Kopfschütteln: „Die Konservativen legen uns doch ständig Steine in den Weg. Die kannst du unmöglich unterstützen.“

Das Rätsel Michael Kühnen
Vor diesem Hintergrund wird klar, wieso es so vielen Menschen merkwürdig erscheint, wenn sich ein Homosexueller noch deutlich weiter rechts einreiht. Beispiel Michael Kühnen. Der Student der Universität der Bundeswehr stieg in den 1970er-Jahren zum Wortführer der Neonazi-Szene auf. Er stellte damit nicht nur die deutsche Rechte vor eine Zerreißprobe, in der vermeintliche Kameraden sogar einen seiner schwulen Anhänger regelrecht hinrichteten. Auch für die bürgerliche Mitte ist Kühnen stets ein Rätsel geblieben. So fehlt in kaum einem Beitrag über den Neonazi, der 1991 an den Folgen von AIDS starb, die Bezeichnung „schillernde Figur“.  

Rechte Parolen auf Facebook
Mit dieser von Schwulen-Klischees durchsetzten Schablone wird der homosexuelle Rechtsradikale zu einer Randerscheinung erklärt. Doch braune Gedanken sind keine Domäne heterosexueller, intellektuell wenig begabter junger Männer in sächsischen Dörfern. Es gibt zahlreiche schwule Schafe, die mit den rechten Wölfen blöken. Das zeigt sich am deutlichsten auf Facebook. Seit die Deutsche AIDS-Hilfe und ICH WEISS WAS ICH TU dazu aufrufen, sich mit Flüchtlingen zu solidarisieren, hagelt es Hasskommentare. Hier ein paar Beispiele:

„Spätestens dann wenn die ersten Kreuze an Hauswänden auftauchen werdet ihr Gutmenschen begreifen dass die Islamisierung auch eure Köpfe fliegen lässt.“

„warum alle zu uns, wo so viele Länder dazwischen liegen?? Sicherheit bekommen sie überall, geld nur bei uns !!“

„da kommen mehr ‚homophobe’ Menschen, als solche, die ‚Homophobie’ erlebt haben.“

„Und dann schaut mal die schwarzen, ausschliesslich männlichen, wohlgenährten Flüchtlingsdarsteller die übers Meer geschippert kommen, in Markenklamotten und neuesten iPhone an!!!“

Die Profile der Urheber legen nahe, dass es sich um offen schwul lebende Männer handelt. Hier ist kein Platz, um Unterschiede zwischen „rechts“, „rechtsradikal“ und „neonazistisch“ zu diskutieren. Doch was diese Nutzer von sich geben, sind mindestens Blubberblasen aus dem bräunlichen Pegida-Sumpf. Einer von ihnen verwendet als Titelbild seines Facebook-Kontos sogar den Wahlspruch der Wehrmacht „Gott mit uns“ und die Flagge des Deutschen Reichs.

Menschen als „Dreck“
Mit welchen Kameraden die zitierten Schwulen sprichwörtlich ins Bett steigen, möge ein weiteres Beispiel illustrieren. Ein dem Profil nach heterosexueller Rocker hinterließ auf der Seite der Deutschen AIDS-Hilfe folgenden Kommentar:

„setzt euch Verdammt noch mal für uns Deutsche ein und nicht dafür wo der Mist herkommt ! (…) es gab in Deutschland früher so gut wie kein Aids woher glaubt Ihr wohl wo das Problem verstärkt herkommt“.

Ähnliche Thesen über AIDS kommen regelmäßig auch von Schwulen. Und auch für das völkische „Deutsche sollten nur Deutschen helfen“ finden sich schwule Nachsprecher. Doch würden diese Homosexuellen auch bei folgendem Wunsch „Gefällt mir“ klicken?

„Schwule Arschficker weg mit dem Dreck !“

Diesen Kommentar hinterließ derselbe Rocker auf der Facebook-Seite der rechtskonservativen Zeitung „Junge Freiheit“ unter einem Artikel, in dem es um Schwulendiskriminierung in der CDU geht. Was die schwulen Sympathisanten rechten Gedankenguts nicht zu begreifen scheinen: Wer Menschen in „Volksgenossen“ und „Dreck“ unterteilt, dem sind Toleranz und Respekt für andere Lebensweisen grundsätzlich fremd. Rechte Ideologen bekämpfen alles, was sie für „abartig“ und „undeutsch“ halten. Dazu gehört eben nicht nur die Moschee, sondern auch die Schwulenkneipe mitsamt ihren Besuchern.  

Mit Argumenten gegenhalten
Menschen als Dreck zu bezeichnen, ist keine Meinung. Das ist Volksverhetzung. Denn wer andere pauschal herabwürdigt, egal ob Schwule oder Asylbewerber, stellt sich außerhalb der demokratischen, rechtstaatlichen Ordnung. Sich dagegen zu wehren, hat also weder etwas mit Zensur noch mit Intoleranz zu tun. Vielmehr ist es an der Zeit, Kante zu zeigen.

Wenn jemand im privaten Umfeld über „diese Syrer“ herzieht, die sogar Smartphones haben – warum schweigen wir dann peinlich berührt? Syrien war vor dem Bürgerkrieg kein Armenhaus. Viele Flüchtlinge hatten einen Job und ein Einkommen. Sie wagen die gefährliche und erniedrigende Reise nach Deutschland ganz sicher nicht wegen ein bisschen Taschengeld. Wenn derselbe oder ein anderer schwuler Freund triumphierend schwafelt, dass 80 Prozent der Flüchtlinge aus Eritrea junge Männer sind und dass es doch also so schlimm nicht sein könne – wieso zeigen wir ihm nicht auf einer Landkarte, wo dieses Eritrea liegt? Wieso fragen wir ihn nicht, wie Frauen und Kinder die Sahara und das Mittelmeer überwinden sollen? Jeder von uns sollte in der Lage sein, Pegida-Thesen mit sachlichen Argumenten als Geplapper zu entlarven. Und jeder sollte endlich damit anfangen.

 

 

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