LSBTI-Flüchtlinge: „Das Hauptproblem ist die Unterkunft“ – Interview mit Stephan Jäkel

Notunterkunft
LSBTI-Flüchtlinge sind in Sammelunterkünften leider immer wieder homophoben Anfeindungen ausgesetzt.

Als ob die riskante, oft wochenlange Flucht nicht schon belastend genug wäre, sind insbesondere schwule Flüchtlinge in den Sammelunterkünften immer wieder homophoben Anfeindungen oder sogar gewalttäigen Übergriffen durch ihre Mitbewohner ausgesetzt. Beratung und Hilfe bei dieser Frage und vielen anderen Problemen leistet unter anderem die Berliner Schwulenberatung. Über die konkreten Angebote haben wir mit Stephan Jäkel, Leiter der Abteilung HIV und Prävention, gesprochen.

Stephan, wann hast Du festgestellt, dass es für die Schwulenberatung an der Zeit ist, sich noch intensiver als bisher mit dem Thema LSBTI-Flüchtlinge auseinanderzusetzen?
Das hat eigentlich schon vor rund zwei Jahren angefangen. Denn seitdem sind einerseits immer mehr Flüchtlinge zu uns gekommen, doch die hauptsächliche Problematik ist eine andere: Es gibt in Berlin kaum mehr bezahlbaren Wohnraum. Während der „Brennpunkt“ Wohnraum früher relativ einfach zu lösen war, stehen wir jetzt vor der Situation, dass wir den Flüchtlingen, die zu uns kommen, nur sehr schwer eine Unterkunft vermitteln können. Die psychische Situation der LSBTI-Flüchtlinge hat sich dadurch extrem verschärft.

Inwiefern?
Einfach deshalb, weil sie dadurch den Anfeindungen in den Unterkünften viel länger ausgesetzt sind. Man muss sich vorstellen, dass viele Schwule mit der Hoffnung nach Deutschland kommen, hier endlich sicher und offen homosexuell leben zu können. Eine Hoffnung, die in den Sammelunterkünften oft im Keim erstickt wird.

Jaekel-blog
Stephan Jäkel informiert über die Angebote der Schwulenberatung Berlin für LSBTI-Flüchtlinge.
Kannst Du einmal einen konkreten Fall schildern, was Betroffene in den Sammelunterkünften erleben?
Ich habe vor ein paar Monaten einen syrischen Mann kennengelernt, der nach Berlin gekommen ist und Asyl beantragt hat. In der Sammelunterkunft hat er dann seinem Zimmernachbarn erzählt, dass er schwul sei, woraufhin er von diesem über Wochen beschimpft und bespuckt wurde. Zwar hat er sich schon früh um eine andere Unterkunft bemüht und sogar eine gefunden, allerdings hat es zwei Monate gedauert, bis das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales gesagt hat: Ja, du darfst umziehen. Da war das freie Zimmer natürlich längst vergeben. Am Ende hat es fast ein Jahr gedauert, bis er sich aus der furchtbaren Situation befreien konnte. Leider gibt es noch viel schlimmere Geschichten. Ich kenne einen schwulen Flüchtling, der vor seiner Unterkunft von anderen Flüchtlingen bewusstlos gedrosselt wurde, nachdem er sich offiziell geoutet hat. Er erzählte mir, dass er so viel Hass in den Augen der anderen gesehen hat, dass er dachte, das war´s. Zum Glück hat er den Angriff überlebt.

Was willst Du machen, um diese Situation zu verbessern?
Wir haben ganz klar gesagt, dass sich bei den Unterkünften schnell etwas tun muss. Denn das ist das Hauptproblem, mit dem schwule Flüchtlinge zu uns kommen und das uns übrigens auch von den Betreibern von Flüchtlingsheimen selbst bestätigt wurde. Seit Ende letzten Jahres planen wir deshalb schon eine größere Unterkunft.

Wie weit sind die Planungen dafür?
Am Anfang dachten wir, dass wir einfach ein großes Haus suchen und los geht`s. Die Regularien dafür sind jedoch komplexer als man denken würde. Das größte Problem ist jedoch, überhaupt eine Immobilie zu finden. Wir schalten Anzeigen, vernetzen uns mit anderen Initiativen, schreiben Makler an, aber: Es ist schwierig. Trotz intensiver Bemühungen seit April diesen Jahres haben wir noch nichts gefunden. Wir dachten eigentlich, dass es schneller gehen würde.

Was macht die Schwulenberatung Berlin sonst, um Flüchtlingen zu helfen?
Wir haben im Juli eine Kontakt- und Anlaufstelle für LSBTI-Flüchtlinge geschaffen, die jeden Dienstag- und Freitagnachmittag vier Stunden geöffnet hat und von zwei schwulen Kollegen betreut wird. Einer davon ist selbst Syrer, der politisches Asyl in Deutschland bekommen hat.

Was kann diese Anlaufstelle leisten?
Flüchtlinge können sich zum einen begegnen und austauschen, zum anderen bieten wir auch eine Übersetzungshilfe an, zum Beispiel beim Besuch von Behörden oder Ärzten. Außerdem vermitteln wir Rechtsanwälte und Psychologen, geben Sozialberatung und wir organisieren auch private Unterkünfte. Zum Glück melden sich bei uns immer wieder schwule WGs oder andere, die einfach ein Zimmer zu vergeben haben.

Wie wird das Angebot angenommen?
Wir haben noch gar nicht richtig Werbung dafür gemacht und trotzdem kommen immer mehr Leute. Wir haben seit Juli 2015 etwa 40 schwule und trans* Flüchtlinge erreicht, hauptsächlich aus Syrien – Tendenz steigend. Wir gehen davon aus, dass wir noch viel mehr Menschen erreichen werden, wenn unser Angebot erst einmal bekannter sein wird.

Neben diesem Angebot geht es jetzt darum, unsere bestehenden Angebote für Flüchtlinge besser zugänglich zu machen. Wir benötigen Präventionskampagnen zu HIV/STI und Drogen zumindest in Arabisch und Russisch. Zu viele schwule Flüchtlinge infizieren sich in kürzester Zeit mit HIV in Berlin und haben wenig Wissen dazu, weil sie bei entsprechenden Präventionsangeboten sehr unerfahren sind. Die Sozialberatung und psychologische Beratung/Traumatherapie muss dringend für LSBTI –Flüchtlinge angeboten werden. Wir haben 30 Jahre Erfahrung mit HIV/Aids und dadurch alles Wissen, wie strukturelle Prävention aussehen muss. Deshalb fordern wird, dass uns der Berliner Senat die dafür beantragten zusätzlichen Personalstellen auch bewilligt. Dann können wir auf die Herausforderungen angemessen reagieren.

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