„Ich habe nichts gegen Moslems, aber …“ – Warum schwule Kleingeister Muslime und auch Tunten hassen

close up of male gay couple holding rainbow flags
Die „Alt-68er“ haben letztlich dazu beigetragen, dass sie Gesellschaft liberaler geworden ist. Davon profitieren heute auch jene Schwulen und Lesben, die gern über „Gutmenschen“ spotten.

Gestatten: Tom und Tobias, zwei voll im Saft stehende Schwule, die gut verdienen und sich gesellschaftlich akzeptiert fühlen. Tobias hat allerdings auch Angst. Zum Beispiel vor „den ganzen Arabern“. Und Tunten mag Tom gar nicht. „Die geben ein falsches Bild von uns Schwulen ab.“

Deutschland hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem Land entwickelt, in dem sich ein schwules Paar am Stadtrand ein Haus bauen kann, und zum Richtfest kommt die gesamte Nachbarschaft. So lange die beiden, nennen wir sie Tom und Tobias, Steuern zahlen, sich adrett kleiden, ihren Kinderwunsch mit einem Hund kompensieren und in ihrem Zuhause keine Orgien feiern, gönnt ihnen die dauergewellte Bürgermeisterin von der CDU sogar so etwas Ähnliches wie eine Heirat.

„Das wird man wohl noch sagen dürfen“
Tom und Tobias fühlen sich akzeptiert. Als gebildete Durchschnittsschwule trauern sie Rot-Grün nach, necken beim Spieleabend die beiden liberalen Lesben mit den jüngsten Umfragewerten der FDP und wünschen allen Menschen ein glückliches Leben. Tom und Tobias, die Bürgermeisterin und das Lesbenpaar – sie alle sympathisieren mit demokratischen Parteien und gehören auch sozial zur Mitte der Gesellschaft. Nie und nimmer würden sie sich mit Rechten gemeinmachen, die „Deutschland den Deutschen“ grölen und andere Menschen mit ihrer Intoleranz und Dummheit verfolgen.

Allerdings wird man so manches ja wohl noch sagen dürfen. Zum Beispiel, dass es meistens türkisch- oder arabischstämmige Jugendliche sind, die Homosexuelle angreifen. Das belegen schließlich sämtliche Statistiken. Oder dass Männer, die sich tuntig benehmen, neue Intoleranz gegen Schwule schüren. Doch der Reihe nach.

„Ich habe nichts gegen Muslime, aber …“
Statistiken sind verführerisch. Sie wirken so wissenschaftlich. Es gibt aber einen Schönheitsfehler: Statistiken weisen häufig genau das nach, was ihre Urheber nachweisen wollen. Angenommen in Dortmund kam es im vergangenen Monat zu fünf Attacken gegen händchenhaltende Schwule oder Lesben. Drei der Übergriffe gehen aufs Konto arabischer und türkischer Jugendcliquen. Die zwei anderen wurden von Fans des Fußballclubs Borussia verübt, die nach einer Heimniederlage gegen Schalke04 ein Ventil brauchten. Dann haben Tom und Tobias vollkommen Recht damit, dass 60 Prozent der homofeindlichen Angriffe von Muslimen verübt wurden. Daraus schließen sie – wie die meisten ihrer Nachbarn –, dass Migranten homofeindlicher seien als deutschstämmige Bürger. Ergo sind Muslime für Schwule tendenziell gefährlich.

Dieses Beispiel wirft zwei Fragen auf: 1.) Sind Deutsche, die Schwule verprügeln, tendenziell Fans von Borussia Dortmund? 2.) Haben die Statistiker vielleicht einfach bestimmte Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt gestellt und andere ausgeblendet? Wie wäre es beispielsweise mit den Kriterien „Bildung und sozialer Status“ oder „Geschlecht“? Oder die Experten fragen nach dem Körpergewicht. Dann würde das Ergebnis wahrscheinlich ganz anders lauten.

„Jeder kann ja machen, was er will, aber …“
Neben Muslimen meidet unser schwules Vorzeigepaar auch Tunten. Tom findet es peinlich, wenn ein Mann wie eine Frau gestikuliert und affektiert redet. „Ich bin schwul, weil ich auf Männer stehe, also bitte nur straight-acting“, heißt es seinem heimlichen Sexprofil.

Diese Abgrenzung vom femininen Mann reicht in Deutschland bis ins Kaiserreich und in die Weimarer Republik zurück. Für einen Teil der damaligen Schwulenbewegung bestand das Ideal im gestählten Verteidiger von Rasse und Vaterland. So betitelte beispielsweise Adolf Brand, der Gründer des ersten Homosexuellenmagazins der Welt, die Fotos nackter Jünglinge mit „Deutsche Rasse“ oder „Rasse und Schönheit“. Aus dieser Zeit stammt auch ein ideologischer Kniff, den später der Neonazi Michael Kühnen übernahm: Betont männlich, ja martialisch auftretende Homosexuelle beriefen sich darauf, sie seien von der Natur zum Kämpfen bestimmt. Schließlich müssten sie nicht auf Weib und Kind Rücksicht nehmen und könnten ihre Triebe miteinander ausleben. Nur Tunten sind demnach pervers. Die wahren Homosexuellen sind hypermännliche Kampfdrohnen. So erklärt sich teilweise auch, wie ein offen homosexuell lebender Mann zum Anführer der SA werden konnte. Ernst Röhm war im Ersten Weltkrieg ein hochdekorierter Draufgänger. Als er seinem Förderer Adolf Hitler zu aufmüpfig wurde, ließ dieser ihn und seine „Homosexuellen-Clique“ 1934 ermorden.

In den sittenstrengen, homofeindlichen Nachkriegsjahren predigten bürgerliche Homosexuelle die Anpassung an gesellschaftliche Normen. Sie bezeichneten sich selbst gern als „überzeugte Junggesellen“. Manche fühlten sich sogar von der Männergemeinschaft in der katholischen Kirche angezogen, obwohl sie ihre Homosexualität dort verbergen mussten. Die „Bürgerlichen“ grenzten sich von „weibischen“ und rebellischen Schwulen ab, die ihre sexuelle Orientierung öffentlich zur Schau stellten. Die Studentenrevolte von 1968 hat letztlich aber für jenes linksliberale Gewährenlassen in der Gesellschaft gesorgt, von dem heute auch jene Schwulen und Lesben profitieren, die gern über „Gutmenschen“ spotten. Doch die Denkungsart der Anpasser lässt sich auch im Jahr 2015 noch beobachten: CSD ja, aber bitte in Jeans und T-Shirt statt öffentlich die scheußlich behaarten Arschbacken zu entblößen. Und auch nicht ständig lautstark gegen Homofeindlichkeit eintreten. Wer beispielsweise Anzeige gegen jemanden erstattet, der auf Facebook zum Mord an Homosexuellen aufruft, der schürt nur weiteren Hass. Bloß nicht provozieren. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

Rote_Zwerge_1774
Die weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz verdanken Schwule und Lesben kaum der Tatsache, dass die meisten von ihnen sich schon immer angepasst verhielten.
Minderheit tritt Minderheit
Tom und Tobias sind also zwei höfliche Zeitgenossen, die sich für linksliberal halten und einfach nur Muslime und Tunten nicht sonderlich mögen. Übrigens haben die beiden Beispiele etwas Entscheidendes gemeinsam: Das schwule Paar konstruiert sich Gruppen von Menschen, die angeblich ihre – Toms und Tobias‘ – Position als Vertreter der gesellschaftlichen Mitte bedrohen.

Tom und Tobias betrachten sich als Angehörige einer Minderheit, die es zu Anerkennung gebracht hat. Die meisten Deutschen stimmen für die Ehe für alle, und auch das Adoptionsrecht für alle ist nur noch eine Frage der Zeit. Deutschland hat es fast geschafft. Und nun kommen diese Muslime aus all diesen rückständigen Ländern und bringen ihren Hass auf Schwule mit. Je mehr von denen sich in Deutschland niederlassen, so fürchtet das Paar, desto ungemütlicher wird es wieder für die Homosexuellen. Fast genauso bedrohlich, wenn auch indirekt, sind für Tom und Tobias all jene Schwulen, die sich nicht an gesellschaftliche Normen und Geschlechterbilder halten. Denn sie bringen die Mehrheit gegen die Minderheit auf, sagen Tom und Tobias. „Muss man sich im Bus lautstark über den letzten Sexpartner unterhalten? Muss man nach jedem blöden Scherz so tuckig kreischen? Kann man sich nicht einfach benehmen wie normale Männer?“

Das Märchen von der abendländischen Kultur
Akzeptanz als Ergebnis unserer Kultur? Die homofeindliche christliche Sexualmoral hat das Abendland so lange geprägt, das die Auswüchse bis in die heutige Zeit reichen. Es ist erst 31 Jahre her, dass ein Bundeswehrgeneral wegen seiner Homosexualität entlassen wurde. Es ist erst 21 Jahre her, dass die Bundesregierung den Paragraphen 175 strich, der Schwule zu Kriminellen stempelte. Es ist erst sechs Jahre her, dass ein österreichisches Gericht untersagte, einen verstorbenen, rechtspopulistischen Landeshauptmann als schwul zu bezeichnen. Noch immer knutschen manche Bundesliga-Stars öffentlich mit angeblichen Freundinnen, obwohl sie schwul sind. Und noch immer wettert so manche katholische Hausfrau öffentlich gegen die perversen Arschficker. Wenn unsere Gesellschaft solche „Christenmenschen“ erträgt, wieso trauen wir ihr dann nicht zu, die Intoleranten unter den Muslimen im Zaum zu halten? Dass Tom und Tobias zwischen Muslimen und Deutschen unterscheiden, ist kulturgeschichtlich und soziologisch schlicht Unsinn. Die wahre Fronlinie verläuft zwischen toleranten Bürgern und homofeindlichen Horden.

Unverbogen durchs Leben
Anerkennung als Ergebnis von Anpassung? Die bürgerlichen Homosexuellenbünde sind in den 50er- und 60er-Jahren damit gescheitert, den Paragraphen 175 wegzubuckeln. Erst beharrlicher, öffentlich ausgetragener Streit hat dazu geführt, dass der Gesetzgeber Homosexuellen nach und nach gleiche Rechte zugebilligt hat. Auch die weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz verdanken Schwule und Lesben wohl kaum der Tatsache, dass die meisten von ihnen sich schon immer angepasst verhielten. Nur wer der Mehrheit seine Andersartigkeit selbstbewusst als etwas vorlebt, das zu seiner Persönlichkeit gehört, nur wer Konflikt und Kontroversen standhält, ändert heteronorme Sehgewohnheiten und Denkweisen. Es sind also nicht Homosexuelle wie Tom und Tobias, die für Wandel und Fortschritt sorgen, sondern jene Individualisten, die unverbogen durchs Leben gehen. Die eine oder andere Tunte gehört dazu.
 

Der Autor bedankt sich bei dem Sozialwissenschaftler Dr. Andreas Heilmann für ein anregendes Gespräch.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.