„Zur Hölle, dann eben Deutschland!“ – Wie Mahmoud vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtet ist

istanbulpride2015-blog
Von 2011 bis Mitte 2014 lebte Mahmoud in Istanbul. Er hat dort Freunde und arbeitete als Englischlehrer.

Mahmoud flieht vor dem syrischen Bürgerkrieg und landet schließlich in Deutschland. Als bekannter schwuler Aktivist bekommt er schnell Asyl. Hier erzählt er, warum er sich im Berliner Flüchtlingsheim hilfloser fühlte als in Assads Geheimgefängnis.

Diktatoren verstehen keinen Spaß. Das erfuhr Mahmoud im Februar 1999. Syriens Präsident Hafis al-Assad rief zur Wahl. Einziger Kandidat: er selbst. Mahmoud, damals 24, war bereit mitzuspielen – allein um keine Probleme beim Wechsel seines Studienfachs zu bekommen: Englische Literatur statt Medizin sollte es sein. „Ich wollte es einfacher haben“, gesteht Mahmoud. Aber ein simples „Ja“ genügt dem Diktator nicht. Mahmoud sollte seinem Präsidenten mit einem Tropfen Blut die Treue schwören, per Daumenabdruck auf dem Wahlzettel. „Ich wollte keinen Blute-Eid auf einen Kriminellen leisten und habe behauptet, ich sei Virenphobiker“, berichtet Mahmoud. „Ich dachte damals, ich spreche mit intelligenten Leuten.“ Aber die Wahlbeamten duldeten keine augenzwinkernden Ausflüchte. Sie ließen Mahmoud verhaften und in eine Zelle irgendwo in Syrien schaffen: kein Prozess, keine Nachricht an die Angehörigen. Täglich wird der Student zusammengeschlagen. „Nach zwei Monaten kam ich auf der Straße zu mir“, berichtet Mahmoud, „ich musste einen Taxifahrer fragen, wo ich bin.“ Hafis al-Assad war da schon mit 99,9 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.

Mahmoud gab sein Studium auf und suchte sich einen Job in Jordanien. Erst 2003 kehrte er nach Syrien zurück. An einen „Damaszener Frühling“ unter dem neuen Präsidenten Baschar al-Assad glaubte Mahmoud nicht. Aber er wollte sich arrangieren, auch mit den Muchabarat, den berüchtigten Geheimdiensten. „Sie wollen jeden Lebensaspekt kontrollieren“, sagt Mahmoud schulterzuckend, „aber das war okay, die normale Schikane.“ Nach seinem Literaturstudium arbeitet er als Kulturjournalist in Damaskus. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 beginnt Mahmoud zu bloggen: „Syriangayguy“ nimmt kein Blatt vor den Mund. Entfernte Verwandte entdecken den Blog bei einem Besuch und drohen Mahmoud mit einer Anzeige. Ein zweites Mal will Mahmoud nicht ins Geheimgefängnis. Am 31. Oktober 2011 reist er nach Istanbul. Er hat dort Freunde und kann als Englischlehrer arbeiten. „Als Flüchtling habe ich mich da noch nicht gefühlt“, betont Mahmoud. So schnell gibt er nicht auf: 2012 gründet er Mawaleh, „Syriens erstes queeres Magazin“. „Für mich war klar, dass Homosexuelle ein besonderes Interesse daran haben, das Assad-Regime zu überwinden“, betont Mahmoud.

Erst allmählich kommt Mahmoud das Gefühl, auf der Flucht zu sein. 2016 läuft sein Pass aus. „Als Staatenloser kann ich nicht reisen“, erklärt Mahmoud, „aber als Journalist muss ich mobil sein.“ Freunde in der EU hatten in schon oft gedrängt, Asyl in einem EU-Staat zu beantragen. Der Tod seiner Mutter erleichtert Mahmoud die Entscheidung: „Bis dahin hatte ich gehofft, sie in der Türkei leichter wiedersehen zu können.“ Im Sommer 2014 lädt die Heinrich-Böll-Stiftung Mahmoud nach Berlin ein. Als bekannter schwuler Aktivist soll er auf einer Konferenz über die Lage in Nahost sprechen. „Das ist deine letzte Chance“, sagen seine Freunde. Mahmoud zögert. „Deutschland ist das einzige reiche Land, das sich nie an einem UN-Umsiedlungsprogramm für Flüchtlinge aus dem Irak beteiligt hat“, erläutert Mahmoud. „Das hat mich abgehalten.“ Erst im Flugzeug fällt die Entscheidung: „Zur Hölle, dann eben Deutschland!“

MahmoudHassino-blog
„Ich bin privilegiert“, betont Mahmoud, „während des Asylverfahrens habe ich trotzdem an mir gezweifelt.“
Am 19. Juni 2014 geht Mahmoud mit einem Freund ins Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales und bittet um Asyl, im Gepäck viele Empfehlungsschreiben, auch von Reportern ohne Grenzen. „Ich kam gut vorbereitet“, sagt Mahmoud. „Das Verfahren fühlte sich trotzdem schrecklich an. Als ich 1999 im Gefängnis war, habe ich die Dinge mehr unter Kontrolle gehabt als damals“, sagt Mahmoud. „Sie haben mich zwar zusammengeschlagen, aber sie bekamen nichts aus mir raus.“

Als Asylbewerber in Deutschland fühlt sich Mahmoud machtlos. Er muss im Heim wohnen, obwohl er bei Freunden einziehen könnte. Jede Leistung wird einzeln bewilligt: Fahrkarte, Lebensmittel, Arzttermin. „Du hast ein Problem, aber niemand interessiert sich für dich“, kritisiert Mahmoud. Für die Verlängerung seiner Monatskarte musste Mahmoud drei Tage in Folge in der Schlange stehen, jeweils von 6 bis 14 Uhr. „Und um zwei Uhr kommt ein Beamter aus dem Zimmer und sagt: ‚Heute keine Berlin-Pässe mehr‘“, berichtet Mahmoud. „Ich kann stundenlang anstehen – aber was ist mit einer Mutter mit kleinen Kindern?“

Mahmoud hat es besser getroffen als die meisten Flüchtlinge. Als international tätiger Journalist und Schwulenrechtler konnten die Behörden seine Fluchtgründe leicht nachvollziehen. Nach sieben Wochen ist sein Asylverfahren abgeschlossen. Mahmouds Aufenthaltsgenehmigung gilt für drei Jahre. „Ich bin privilegiert“, betont Mahmoud, „während des Asylverfahrens habe ich trotzdem an mir gezweifelt. Wenn mich so ein kurzes Verfahren schon so erschüttert, wie muss es erst den Menschen gehen, die jahrelang auf eine Entscheidung warten müssen?“ Derzeit dauert ein Asylverfahren durchschnittlich fünf Monate. Antragsteller aus Afghanistan warten über ein Jahr auf eine Entscheidung.

Um ihnen zu helfen, begleitet Mahmoud seit August andere Flüchtlinge durch den Asylprozess, im Rahmen des Projekts „Queer Refugees“. Die Schwulenberatung Berlin hatte es im Sommer ins Leben gerufen. Mahmoud erklärt Dokumente, hilft beim Ausfüllen von Anträgen und spricht Mut zu. „Es hilft, wenn dir jemand Schritt für Schritt erklärt, was du tun kannst“, sagt Mahmoud. „Sonst überwältigt dich das Verfahren.“ Schon in Damaskus hat Mahmoud mit schwulen und lesbischen Flüchtlingen gearbeitet. Sie waren vor den Milizen aus dem Irak geflohen, die gezielt schwule Männer ermordeten. Die Gespräche dort haben sein Bild von Flüchtlingen geprägt. „In meinem Kopf steht Refugee für einen starken Willen“, sagt Mahmoud. „Diese Menschen wollten leben!“

 

 

 

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.