Wenn das Essen zur Qual wird – Essstörungen bei (schwulen) Männern

Skinny Young Man
Frauen leiden tatsächlich häufiger unter Essstörungen als Männer. Doch die Zahl der männlichen Betroffenen steigt – im besonderen Maße unter schwulen und bisexuellen Männern.

Essstörungen gelten landläufig als eine Sache von Mädchen und Frauen. Doch zunehmend leiden auch Männer an Magersucht oder Bulimie, und insbesondere Schwule sind von dieser Erkrankung betroffen.

Wann genau Mark* sein Idealgewicht erreicht hat, kann er nur ungefähr schätzen. Es dürfte inzwischen rund drei Jahren her sein, dass sein Gewicht perfekt im Verhältnis zu seiner Köpergröße stand. Um zwölf Kilo war er 26-Jährige leichter geworden. Jahrelang hatte er sich unwohl in seiner Haut gefühlt, zu fett und nicht begehrenswert. Hat seine Einsamkeit und Kontaktschwierigkeiten in der schwulen Szene auf fehlende Sixpacks und überzählige Pfunde geschoben –und hat dann den inneren Schweinehund überwunden.

„Zunächst habe ich die üblichen Diäten ausprobiert und fettiges Zeug und Kohlenhydratbomben wie Brot, Käse und Nudeln weggelassen“, erzählt Mark. Drei- bis viermal die Woche sah man ihn im Sportstudio. Der Erfolg beflügelte Mark. Nun verschwanden nach und nach auch Müsli, Obst und Säfte vom Speiseplan. „Zuviel Zucker, zu viele Kalorien“. Irgendwann hat Mark eigentlich fast gar nichts mehr gesessen. „Und wenn es dann doch mal passierte, ging ich anschließend erst einmal eine Stunde joggen.“ Mark wollte kein Mops, kein Dickerchen mehr sein. Das hatte er tatsächlich geschafft. Mark wog mit seinen 1,81 Meter Größe mittlerweile zwar noch ganze 56 Kilo, aber dennoch zählte er weiterhin jede einzelne Kalorie. Ohne es zu merken, war er in eine massive Essstörung gerutscht.

Sehnsucht nach einem perfekten Körper
„Essstörungen wie Magersucht und Eß-Brech-Sucht werden landläufig als ein frauentypisches Phänomen angesehen“, sagt die Psychologin Stefanie Hildebrandt von Cinderella e.V., der Münchner Beratungsstelle für Essstörungen. Frauen leiden zwar tatsächlich fünfmal häufiger unter Essstörungen als Männer, wie 2012 die Universität Leipzig in einer Studie ermittelte. Doch die Zahl der männlichen Betroffenen steigt. Und im besonderen Maße unter schwulen und bisexuellen Männern.

„Ausgangspunkt ist meist der Wunsch, einen schönen, muskulösen Körper zu bekommen“, erklärt die Psychologin Stefanie Hildebrandt. Nichts spricht grundsätzlich dagegen, auf die Ernährung zu achten und Sport zu treiben. Doch bei Männern, die unter dem sogenannten Adonis-Komplex leiden, entwickeln sich diese Ambitionen zur Sucht. Muskelmasse auf- und Körperfett abbauen um jeden Preis und mit allen Mitteln. Auch dann noch, wenn wie im Falle von Mark das Idealgewicht längst erreicht und nun eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt ist. „Mit dem Resultat, dass durch die Magersucht gerade nicht der Körper erreicht wird, den man eigentlich angestrebt hat“, sagt Stefanie Hildebrand.

Mark, der kein Dickerchen mehr sein wollte, sondern so muskulös wie die Models in den Schwulenmagazinen, war nun zum Hungerhaken geworden. „Mir rutschte ständig die Hose auf Halbmast und ich war nur noch Haut und Knochen“, erinnert sich Mark. „Ich sah richtig scheiße aus und traute mich nun noch weniger unter Leute. Aber ich konnte trotzdem nicht damit aufhören.“  „Mensch, iss doch mal ein bisschen mehr, damit du wieder was auf die Rippen bekommst!“ – diesen Rat hat Mark mehr als nur einmal zu hören bekommen. „Aber sag mal einem Kettenraucher, er soll einfach die Kippen weglassen. Auch Hungern kann zur Sucht werden, das war mir nur noch nicht klar zu diesem Zeitpunkt.“

Die Folgen von Jugendlichkeits- und Körperwahn
Essstörungen unter Männern werden bislang relativ wenig beachtet. Im Vergleich zu ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen sind Schwule dreimal so häufig betroffen, wie aus einer New Yorker Studie hervorgeht. Doch nicht Homosexualität selbst ist Auslöser für das krankhafte Ernährungsverhalten. Vielmehr, so eine schlüssige Theorie, werden Essstörungen bei Schwulen durch den Körper- und Jugendlichkeitswahn und die hohen Erwartungen an die physische Erscheinung innerhalb der Community begünstigt.

Aber nicht jeder, der regelmäßig im Fitnessstudio fleißig Gewichte stemmt, entwickelt deshalb gleich eine Essstörung. Vielmehr, so weiß Sabine Hildebrandt aus ihrem Beratungsalltag, sind Essstörungen eng verzahnt mit tiefer liegenden Problemen. Dies können beispielsweise mangelndes Selbstwertgefühl, unbewältigte Konflikte mit Eltern oder der sexuellen Orientierung sowie schwierige Trennungserfahrungen in der Partnerschaft sein. Solche unbewältigten Probleme und das übersteigerte Bedürfnis nach Akzeptanz durch einen perfektionierten Körper können eine problematische Konstellation ergeben. Sie beeinflussen sich gegenseitig und führen dazu, dass man sich letztlich noch minderwertiger, noch weniger attraktiv fühlt.

Wie raus aus der Körperfalle?
Je schwerwiegender die unbewältigten Konflikte sind, die in den betroffenen Männern schlummern, umso wichtiger ist eine kompetente Hilfe, etwa durch einen Therapeuten. Allerdings nehmen Männer die Essstörung seltener als solche wahr und suchen daher viel weniger oder später professionelle Hilfe. Mittlerweile gibt es in allen größeren Städten solche Beratungsstellen für Menschen mit Essstörungen. Dort wird in einem ersten Gespräch geklärt, welches der geeignete Wege ist, um dem Problem zu begegnen – ob zum Beispiel mit einer Einzeltherapie, in einer angeleiteten Selbsthilfegruppe oder einem Bulimie-Selbsthilfeprogramm. Manchmal sagt, Hildebrandt, hilft den Betroffenen auch bereits eine Ernährungsberatung weiter.

Den Tag, an dem er sein Idealgewicht erreicht hatte, kennt Mark nicht. Dafür aber erinnert er sich noch sehr genau an den anderen entscheidenden Wendepunkt in seiner Körpergeschichte: An einem sonnigen Septembertag stand er noch keine Viertelstunde auf dem Laufband, als er einfach so zusammenklappte. Als er wieder zu sich kam, hatten die Studiobetreiber bereits einen Notarzt gerufen. Mark war die Situation peinlich, wollte schnellstmöglich nach Hause und fühlte sich auch fit genug dazu. Der Notarzt allerdings bestand darauf, ihn zu weitergehenden Untersuchungen in ein Krankenhaus zu bringen.

„Erst jetzt wurde mir bewusst, in welche Sackgasse ich da geraten war. Der Schock saß tief, aber er hat wahrscheinlich mein Leben gerettet.“ Mark ist seither in Therapie. Noch immer kann er den Kaloriengehalt sämtlicher Lebensmittel aufzählen. Er führt genau Buch darüber, was er in welchen Mengen isst. Es ist immer noch nicht wirklich viel, aber jeden Tag ein klein wenig mehr.

 

Du suchst Hilfe? Beratungsstellen für Essstörungen gibt es in allen größeren Städten. Cinderella e.V. in München hilft bei Bedarf auch bei der Suche nach einer Beratungsstelle in deiner Nähe weiter:

Cinderella e. V. – Beratungsstelle für Essstörungen
Westendstr. 35
80339 München
Tel. 089 / 502 12 12
www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de

 

*Name geändert

 

 

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