HIV-Infektion trotz PrEP: Interview mit „Joe“

Truvada-Blog
Auch „Joe“ sagt: „PrEP ist ein kalkuliertes Risiko. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass die Möglichkeit einer Infektion besteht.“ Wie beim Kondomgebrauch auch – deshalb heißt es auch SAFER Sex und nicht SAFE Sex.

Auf der CROI, der weltweit wichtigsten medizinischen HIV-Konferenz, wurde Ende Februar der erste gut dokumentierte Fall dokumentiert, in dem sich jemand trotz Prä-Expositions-Prophylaxe (Prä-Expositions-Prophylaxe zur Verhütung einer HIV-Infektion) mit HIV infiziert hatte. Trenton Straube hat mit dem „Fall“ – der nur „Joe“ genannt werden möchte – gesprochen. Hier das gekürzte Interview:

Seit Truvada zur PrEP zugelassen wurde, war die Erfolgsrate – nun ja, perfekt. Keine einzige der Personen, die das Medikament jeden Tag einnehmen, wurde HIV-positiv getestet, und das schließt alle Teilnehmer_innen an klinischen Versuchen und Studien sowie die mehr als 40.000 Menschen ein, die in den USA Truvada zur PrEP einsetzen. Dennoch sprechen die PrEP-Forscher_innen in der Regel nicht von absoluter Sicherheit oder von Garantien – sie haben immer eingeräumt, dass unter bestimmten Umständen und in seltenen Fällen eine HIV-Infektion möglich ist. Diese hypothetische Situation ist jetzt eingetreten: „Joe“ wurde nach zwei Jahren mit guter PrEP-Therapietreue HIV-positiv getestet.

Fangen wir ganz von vorne an „Joe“: Wann hast du das erste Mal von der PrEP gehört?
Im November 2012 veröffentlichte mein damaliger Arzt Malcolm Hedgcock von der Maple Leaf Medical Clinic, die sich hauptsächlich an HIV-positive Patienten aus Toronto richtet, einen Artikel zur PrEP im Outlook, einem der schwulen Magazine in Kanada. Ich habe mich bei ihm gemeldet, und er sagte: „Sie sind die zweite Person, die freiwillig eine PrEP machen will.“ Man brauchte einen negativen HIV-Test, durfte dann drei Monate lang keine Risiken eingehen, bevor man einen weiteren Test machte, und wenn der dann auch negativ ausfiel, konnte man mit der PrEP anfangen. Und so war es dann auch. Ich machte all diese Tests und fing dann irgendwann im Februar oder April 2013 mit der PrEP an.

Hattest du Probleme mit Nebenwirkungen oder mit der täglichen Einnahme?
Nein, mein Körper vertrug das Medikament gut. Und ich habe eine App namens Mind Jogger, die mich an bestimmte Sachen erinnert. Die hatte ich so programmiert, dass sie mich jeden Tag zwischen 11 und 13 Uhr insgesamt zehn Mal an die Einnahme meiner Tablette erinnerte. Die Logik dahinter war, dass ich um diese Zeit auf jeden Fall wach sein würde, unabhängig davon, welcher Tag gerade war oder wo ich mich gerade befand.

Bist du bei der täglichen Einnahme geblieben, oder hast du es nur in „Zeiten mit erhöhtem Risiko“ eingenommen?
Nein, ich habe es durchgängig eingenommen. Viele Leute nehmen das aus Kostengründen nach dem Prinzip „Disco-Dosis“ [also nur in Phasen, in denen sie Risiken eingehen]. Als ich damals die PrEP machte, konnte Truvada in Kanada nur off-label zur PrEP verschrieben werden, aber die Krankenversicherung meines Arbeitgebers übernahm die Kosten, von daher war das für mich kein Problem. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht an das Prinzip Disco-Dosis. Ich glaube, es ist besser, immer den gleichen Wirkspiegel im Blut zu behalten.

Hat die PrEP dein Sexualverhalten oder deine Einstellungen verändert?
Ja. Ich bin sexuell viel freier geworden. Die PrEP hat mir die Angst genommen. Sie ist es doch, weswegen die Leute sich [sexuell] „benehmen“. Nicht wegen der Moral oder der Religion oder der Gesellschaft, sondern einfach aus Angst davor, krank zu werden – insbesondere aus der Angst vor HIV. Aber sobald du auf PrEP bist, fühlst du dich besser. Du fühlst dich sicherer.

Wie würdest du deinen Kondomgebrauch vor der PrEP beschreiben?
Mal so, mal so, je nach Situation. Ich bin eher passiv, und wenn ich mich bei jemandem wohlfühlte, haben wir keine Kondome benutzt, aber natürlich habe ich Serosorting betrieben [Serosorting: Sex ohne Kondom nur mit jemandem mit dem gleichen HIV-Status haben]. Aber ich würde sagen, meistens hatte ich Sex mit Kondomen.

Und hat die PrEP etwas an deinem Kondomverhalten verändert?
Oh, ja, definitiv. Um ehrlich zu sein, habe ich mit Beginn der PrEP keine Kondome mehr benutzt. Ich war so ein starker Verfechter der PrEP, dass ich beim Chatten auf einer Dating-Site sofort abbrach, wenn jemand Kondome benutzen wollte. Ich wollte den Sex genießen, und wenn ich oder mein Partner ein Kondom trugen, konnte ich das nicht.

Erzähl uns doch bitte, wie es zu deiner HIV-Diagnose kam.
Um noch mal kurz zurückzuspringen: Ich habe immer gewusst, dass ein geringes Risiko besteht, sich unter einer PrEP mit HIV zu infizieren, aber die Wissenschaft stand auf meiner Seite. Außerdem möchte ich noch erwähnen, dass mein behandelnder Arzt gewechselt hatte: Dr. Hedgcock war umgezogen, und Dr. David Knox hatte seine Stelle übernommen.

Am 4. Mai hatte ich meine vierteljährlichen Blutuntersuchungen auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen sowie die Bestimmung der Nieren- und Leberwerte und das ganze Zeug. Am Freitag, dem 8. Mai, rief dann abends um sechs mein Arzt zu Hause an und sagte: „Joe, Ihr p24-Antigen-HIV-Test ist positiv ausgefallen.“

Ich sagte: „Okay, und was bedeutet das?“ Und er meinte: „Sie sind HIV-positiv.“ Nun, das war … das war schon ein Schock. Ich sagte: „Das kann gar nicht sein, absolut nicht. Sind Sie sicher, dass das kein falsch positives Ergebnis ist?“ Aber er meinte, dass bei einem positiven p24-Antigen-Test die Leute in 90 Prozent der Fälle auch tatsächlich HIV-positiv sind.

Bei weiteren Tests hat sich dann bestätigt, dass die Infektion auf einen seltenen HIV-Stamm zurückzuführen ist, der gegen mehrere HIV-Medikamente resistent ist. Aber noch bevor diese ganzen Ergebnisse da waren, hast du dich entschieden, sofort mit einer HIV-Therapie anzufangen, richtig?
Ja, ich wollte das sozusagen im Keim ersticken. Er hat mir sehr starke Medikamente verschrieben, und innerhalb von drei Wochen war meine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Mittlerweile nehme ich andere Medikamente, nur einmal täglich, morgens.

Wie hast du es geschafft, mit dem Ganzen fertigzuwerden? Bist du in eine Selbsthilfegruppe gegangen oder hast du dir anderweitig Unterstützung gesucht?
Entscheidend war, dass ich über meine Situation Bescheid weiß. Mein größtes, mein schlimmstes gesundheitliches Problem ist nicht tödlich – die Infektion wird behandelt und ist unter Kontrolle. Also, ich bin nicht gläubig oder so was, ich verlasse mich auf die Wissenschaft und die Fakten.

Was die Unterstützung angeht, so habe ich einen tollen Freundeskreis. Viele Freunde leben schon seit mehr als 20 Jahren mit HIV, und mit denen kann ich immer reden. Außerdem hat mich mein Arzt an einen HIV-Psychologen überwiesen, und ich denke, dass auch meine Antidepressiva dazu beigetragen haben, die Wellen zu glätten und keinen Zusammenbruch zu haben.

Um ehrlich zu sein, wache ich morgens nicht auf und denke daran, dass ich HIV-positiv bin. Und wenn ich sage, dass ich positiv bin, fühlt sich das manchmal immer noch seltsam an, denn an meinem Leben hat sich nichts geändert.

Mittlerweile hat deine Fallstudie international Schlagzeilen gemacht. Hast du die Berichterstattung und die Online-Diskussionen verfolgt?
Normalerweise beteilige ich mich schon an solchen Diskussionen, aber in diesem Fall versuche ich, mich von den ganzen Kommentaren fernzuhalten. Ein Facebook-Freund zum Beispiel postete „Genießt euer Aids, PrEPster“. Ich weiß nicht, ob das mit Angst oder Hass oder womit auch immer zu tun hat, aber einige Leute empfinden Genugtuung, dass die PrEP nicht zu 100 Prozent schützt. Und das Ganze passiert im Internet, da hat jeder eine Meinung, oder? Ich hab mich da lieber auf meine Arbeit konzentriert und mich auf eine neue Stelle beworben, da dürfte sich einiges ändern. Es ist gut gelaufen.

Sieht so aus, als würden die Diagnose und der ganze Medienrummel deine allgemeine Gesundheit nicht beeinträchtigen.
Absolut. Ich glaube an persönliche Verantwortung, dass jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist. Ich spreche auch immer offen mit meinen Partnern, ob es nun um meinen Status geht oder um meine Abneigung gegen Kondome. Ich habe meine eigenen Regeln und Grenzen, die ich anderen aber nicht auferlege. Wenn wir nicht zusammenkommen, kommen wir eben nicht zusammen. Wenn du Fragen oder Zweifel hast, beantworte ich sie. Aber ich werde nicht versuchen, dich zu überreden, und ich werde nicht betteln.

Warum ist es wichtig, dass deine Geschichte bekannt wird?
Weil Wissen Macht ist. Je mehr wir wissen, desto besser sind wir vorbereitet. Die PrEP ist ein kalkuliertes Risiko. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass die Möglichkeit einer Infektion besteht, anstatt die Fantasie aufrechtzuerhalten, dass bisher keine Fälle von Infektionen unter PrEP dokumentiert wurden. Jetzt jedenfalls gibt es einen Fall, und das macht die Möglichkeit realer. Ich erzähle den Leuten immer: „Bei mir hat sie nicht funktioniert, aber ich finde sie noch wie vor toll.“ Und wenn ich die ganze Geschichte zurückspulen könnte, würde ich wieder eine PrEP machen. Ich würde nur nicht noch mal Sex mit diesem Mann haben.

Was sagst du zur anderen großen PrEP-Nachricht von Anfang März, nämlich dass die kanadische Regierung jetzt Truvada zur PrEP zugelassen hat?
Ich war sehr erleichtert und dachte: „Endlich die Zulassung!“ Je mehr die PrEP im Mainstream ankommt, desto größer das Bewusstsein dafür. Die Ärzte werden besser informiert sein. Und die Patienten werden mehr wissen. Viele Mythen werden zerstört werden. Und mehr Leute werden smarten und geschützten Sex haben.

 

Original: Meet the Man Who Got HIV While on Daily PrEP, erschienen am 03.03.2016 auf poz.com. Herzlichen Dank an Trenton Straube und an poz.com für die Erlaubnis zur Veröffentlichung! Übersetzung: Literaturtest.

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