„Das Gewissen ist nicht rational“. Schuldgefühle HIV-Positiver

Depression in young age
Wer HIV-positiv und mi der Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, kann niemanden anstecken. Dennoch haben manche HIV-Positive Schuld- und Schamgefühle.

Wenn im Blut keine Viren nachweisbar sind, kann ein HIV-Positiver seinen Sexpartner nicht anstecken. Eine erfolgreiche Therapie gilt deshalb als ebenso sicherer Schutz wie das Kondom. Dennoch bleibt Sex für manche Positive schuldbesetzt, beispielsweise für den 29-jährigen Vlad. Dagegen fühlt sich Steffen* (46 Jahre) von einer alten Scham befreit. Wir haben die beiden interviewt und ihre Antworten zusammengefasst.

Vlad, 29, Berlin:
„Wo ich herkomme, löst ein schwules Outing genau vier Assoziationen aus: Du nimmst Drogen, lässt dich für Sex bezahlen, bist psychisch instabil und hast HIV. Dieses gesellschaftliche Stigma meiner Heimat Moldawien schleppe ich unterbewusst auch in Berlin mit mir herum, wo ich seit Jahren lebe. Als ich 2009 positiv getestet worden bin, habe ich mich wochenlang innerlich selbst niedergebrüllt: Die Leute haben Recht! Ich bin eine Virenschleuder, die sich nicht unter Kontrolle hat!

Vlad-Blog
Vlad: „Ich kann niemanden infizieren und außerdem gehören zum Blankficken stets zwei. Jeder trägt Verantwortung für sich selbst. Aber das Gewissen ist eben nicht rational.“
Mittlerweile zieht mich der Gedanke an HIV weniger herunter. Das liegt zum großen Teil daran, dass ich seit 2012 Tabletten nehme und keine Viren mehr in meinem Blut nachweisbar sind. Ich habe keine Nebenwirkungen und bin selten krank. Es gibt also keinen Grund, wegen HIV niedergeschlagen zu sein. Aber die Schuldgefühle kommen immer wieder. Wenn ich Sex ohne Gummi habe und wir vorher nicht über unseren Immunstatus gesprochen haben, fühle ich mich hinterher schäbig. Ich weiß, dass das irrational ist. Ich kann niemanden infizieren und außerdem gehören zum Blankficken stets zwei. Jeder trägt Verantwortung für sich selbst. Aber das Gewissen ist eben nicht rational.

Und dann ist da noch eine ganz reale Furcht: Mich verfolgt nach Bareback-Sex die Vorstellung, mein Sexpartner könnte mich anzeigen. Positive gelten für viele in der Gesellschaft als potenzielle Kriminelle. Als Positiver sollst du immer, immer, immer Sex mit Kondom haben – oder besser überhaupt keinen mehr. Sex ohne Gummi wird mit Körperverletzung gleichgesetzt, selbst dann, wenn eine Infektion gar nicht möglich, geschweige denn erfolgt ist.

Tatsächlich hat mir mal ein Typ damit gedroht, mich vor Gericht zu bringen. Der hat nach dem dritten Treffen gefragt: ‚Du bist aber negativ, oder?’ Ich habe ihm die Wahrheit gesagt und er ist ausgerastet. Wie ich es mir erlauben könne, mit ihm zu schlafen, wenn ich zu ‚denen’ gehöre. Dabei war der Sex sozusagen doppelt safer, weil wir jedes Mal ein Kondom benutzt hatten. Ähnlich unangenehme Erfahrungen habe ich gemacht, als in meinem Gayromeo-Profil ‚Sex nach Absprache’ stand. Nach Dutzenden Hassmails mit teils unglaublichen Beleidigungen gebe ich an der entsprechenden Stelle nun gar nichts mehr an. Das muss ich mir nicht antun.

Wirklich großartig reagiert hat mein Freund. Ihm habe ich beim dritten Date verraten, dass ich positiv bin. Ich habe gezittert vor Angst, er könnte aufstehen und gehen. Stattdessen hat er mich in den Arm genommen und mir gesagt, dass sich nichts ändert. Er selbst ist negativ und wir schlafen ohne Gummi miteinander. Seine Zuneigung ist für mich das beste Mittel gegen die Verachtung, die ich mir selbst gegenüber so lange empfunden habe. Zum Psychologen wäre ich nie gegangen. So sehr haben mich die Kleingeister in Moldawien und Deutschland dann doch nicht untergekriegt.“

Steffen, 46, Bremen:
„Mit Mitte 40 gehöre ich zur ersten Generation, die mit Nachrichten über AIDS aufgewachsen ist. Sogar die BRAVO war damals voller Horrorgeschichten. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass ich an meinen ersten Analsex nur noch folgende Erinnerung habe: Eine Woche vorher war Freddy Mercury gestorben, und ich hatte furchtbare Angst, dass das Kondom reißt. Ob’s schön war? Keine Ahnung.

Als ich mit Ende 20 nach zwei Risikokontakten positiv getestet wurde, habe ich mich in Grund und Boden geschämt. Schließlich galt Sex ohne Gummi in den 90ern als etwas, das nur Idioten tun. Heute geht es mir dank erfolgreicher HIV-Therapie körperlich und seelisch gut. Meine Schuldgefühle habe ich überwunden, und die wandelnden Zeigefinger, die immer noch in den Kategorien von damals denken, gehen mir im wahrsten Sinne des Wortes am Arsch vorbei. Das bedeutet aber nicht, dass ich offen mit meiner Infektion umgehe. Auf Fragen reagiere ich situationsabhängig.

Zuhause in Bremen behaupte ich, negativ zu sein. In der Szene kennt jeder jeden und ich habe keine Lust, Stadtgespräch zu werden. Schlechtes Gewissen habe ich nicht, denn meine Infektion geht niemanden etwas an. Ich empfinde es als ungehörig und indiskret, einen Menschen nach einer Erkrankung zu fragen, die er nicht weitergeben kann! Tatsache ist: Ich bin unter Nachweis, kann also auch ohne Kondom Safer Sex haben. Anders läge der Fall, hätte ich zum Beispiel Chlamydien und würde trotzdem ins Pornokino gehen. DAS ist aus meiner Sicht tatsächlich moralisch falsch.

Wenn ich übers Wochenende nach Hamburg oder Berlin fahre, beantworte ich die Frage nach meinem Status wahrheitsgemäß. Schätzungsweise acht von zehn Typen wollen daraufhin ohne Gummi poppen. Nach anderen Geschlechtskrankheiten fragt außer mir komischerweise kaum jemand. Vor allem in Berlin scheinen Tripper und Co. keine Sau zu interessieren. Deshalb würde ich dort nie auf Sexpartys gehen oder mich in der Sauna am Rudelwichsen beteiligen. Rein rechnerisch wäre mir die Wahrscheinlichkeit zu hoch, ein paar Tage später eine schleimige Überraschung zu erleben.“

 

*Name von der Redaktion geändert.

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