Schutz durch Therapie: „Nicht lang ein Kondom suchen, einfach vögeln“

Stefan
Kennt die Community ‚Schutz durch Therapie‘? Nach Stefans Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. (Foto: iwwit.de)

Stefan ist HIV-positiv. Ficken mit Kondom ist nichts für den 46-jährigen Journalisten aus Saarbrücken. Zum Glück kann er dank erfolgreicher HIV-Therapie auf den Gummi verzichten. Ein Gespräch über Schutz durch Therapie und Sex ohne Sorgen.

Stefan, was bedeutet „Schutz durch Therapie“?
Dank der erfolgreichen HIV-Therapie sind in meinem Blut keine Viren mehr nachweisbar– deswegen kann ich beim Sex keine mehr übertragen.

Kaum zu glauben.
Ich erkläre es immer an meinem Fall: Als ich mit der Therapie angefangen habe, hatte ich 93.000 HIV-Viren pro Mikroliter Blut. Nach einem Monat waren es nur noch 20.000. Zwei Monate später lag der Wert unter 2.000. Heute ist meine Viruslast nicht mehr nachweisbar. Wenn ich dann noch Zettel und Stift dabei habe, male ich dazu eine schöne Kurve auf. Dann checken die Leute plötzlich: Wo keine Viren sind, können auch keine übertragen werden.

Schutz durch Kondom oder Schutz durch Therapie – was ist dir lieber?
Ich muss ehrlich sagen: Ich finde Sex mit Kondom scheiße! In dem Moment, wo du weißt „Ich bin unter der Nachweisgrenze!“, bist du total entspannt, weil du weißt: Es kann praktisch nichts mehr passieren. Wenn man nachts aufwacht und geil ist, sucht man nicht lange nach Kondomen, sondern fängt einfach an zu vögeln.

Dein Freund ist negativ. Habt ihr von Anfang an auf Kondome verzichtet?
Nein. Die ersten zwei, drei Monate haben wir Kondome verwendet. Mein Freund wusste über das Prinzip „Schutz durch Therapie“ Bescheid. Aber es hat gebraucht, bis die Info vom Kopf im Bauch und dann im Schwanz angekommen ist. Wir sind nun seit gut zwei Jahren zusammen, haben Sex ohne Kondom – und er ist immer noch HIV-negativ. Logischerweise.

Wie schützt du dich beim Sex mit anderen Männern?
Bei uns gilt die Regel: Außerhalb der Beziehung benutzen wir Kondome, damit wir keine Krankheiten wie Syphilis in die Beziehung schleppen. Gegen Hepatitis A und B sind wir geimpft. Mir war die offene Beziehung gar nicht so wichtig. Ich bin ja nun in einem Alter, wo ich nicht mehr ständig Sex haben muss. (lacht) Aber mein Freund meinte, das wäre gut.

Als Rollenmodell für ICH WEISS WAS ICH TU bist du oft in Deutschland unterwegs und triffst viele schwule Männer. Wissen die, dass eine Therapie so gut schützt wie ein Kondom?
Nach meiner Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. Vielleicht sind die Fakten in großen Städten etwas präsenter als in kleineren, aber der Unterschied ist nicht riesig.

Ist das Thema damit gegessen?
Nein, die Message ist noch nicht bei allen angekommen. In den letzten 20 Jahren gab es medizinisch einen Riesensprung nach vorne. Das Allgemeinwissen hinkt dieser Realität hinterher. Das ist schade, weil so eine normale, angstfreie Sexualität verhindert wird. Diese Message muss raus, weil das eine enorme Entlastung ist. Vor allem für Paare, bei denen der eine positiv und der andere negativ ist. Deshalb bin ich Rollenmodell, weil dann andere sehen: Ach, die machen das auch so – und es funktioniert.

Was ist deine Botschaft an die schwule Community?
Fürchtet euch nicht davor, Schutz durch Therapie zu praktizieren! Es ist eine enorme Entlastung. Manchmal hört man ja das Argument: Schutz durch Therapie fördert sorglosen Sex. Dann frage ich: Wo ist das Problem, wenn ich sorglos Sex haben kann? Sex ohne Sorgen – das ist doch etwas Schönes!

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