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Kultur & Szene

„Anlässe für Gewalt gibt es viele. Aber keinen Grund“

Ein Fotograf – jung, schwul, androgyn – wird in Berlin angepöbelt und geschlagen. Seine Reaktion: Er startet ein Kunstprojekt gegen Hass und Gewalt. Dafür sucht er noch Fotomodelle.

Ein Fotograf – jung, schwul, androgyn – wird in Berlin angepöbelt und geschlagen. Seine Reaktion: Er startet ein Kunstprojekt gegen Hass und Gewalt. Dafür sucht er noch Fotomodelle.

Úlfar, was ist passiert an jenem Morgen?
Ich verließ gerade mit einem Freund die U-Bahn. Oben auf der Treppe stand ein Typ und rief mir zu: „he, Ladyboy“. Ich antwortete „wie bitte?“ und schon hatte ich seine Faust im Gesicht. Ich lag ein paar Sekunden benommen auf dem Boden, meine Lippe blutete.

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Ulfar Loga studiert seit zwei Jahren Fotografie an der btk – Hochschule für Gestaltung. (Foto: Ulfar Loga)

Wie hast du reagiert?
Ich war völlig außer mir über diesen Idioten und habe mehrfach die Polizei angerufen. Die kam aber nicht. Mein Freund half mir auf eine Bank, und ein Fremder brachte mir Wasser. Als ich wieder einigermaßen denken konnte, habe ich meinen Freund gebeten, mich zu fotografieren. So wie ich war – mit geschwollener Lippe und fast heulend vor Wut.  

Warum hast du dich fotografieren lassen?
Es klingt für manche vielleicht verschroben, ein Foto von sich machen zu lassen, nachdem man eine auf die Fresse bekommen hat. Aber ich bin Fotograf und weiß, dass in emotionalen Extremsituationen ausdrucksstarke Bilder entstehen können. Das Foto habe ich zwei Tage später auf Facebook gestellt und einen Aufruf gestartet.

Worin besteht dieser Aufruf?
Ich suche Menschen, die wegen nichts und wieder nichts verprügelt oder angespuckt worden sind. Menschen, die einfach nur sie selbst sein wollen. Ich möchte sie fotografieren und ihre Geschichte erzählen. Mir ist dabei ganz egal, ob sie hetero, homo, schwarz oder weiß sind oder ob sie eine Behinderung haben. Denn Anlässe für rohe Gewalt gibt es unzählige, aber keinen einzigen Grund.

Du hast aus der Attacke ein Projekt gemacht …
Genau. Und ich bin auch schon ziemlich weit. Mehr als 100 Leute haben mein Foto auf Facebook geteilt. Reaktionen kamen aus allen Teilen der Welt, aus den USA, aus Südafrika und natürlich aus meiner Heimat Island. Daraus haben sich bisher sechs Foto-Shoots ergeben. Ein paar mehr sollten es noch werden. Das sieht auch das Magazin so, in dem ich die Serie veröffentlichen werde.

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Ulfar will Menschen, die Gewalterfahrungen machen mussten, fotografieren und die Serie in einem Magazin veröffentlichen. Seine Überzeugung: „Bigotte Idioten wollen, dass wir verstummen und uns verstecken. Diesen Gefallen werden wir ihnen nicht tun!“ (Fotos: Ulfar Loga)

Was bezweckst du damit, Fotos von Opfern grundloser Gewalt zu veröffentlichen?
Ich möchte zeigen, dass Menschen, die sich trauen, sie selbst zu sein, eine innere Kraft besitzen. Sie sind viel stärker als jene, die ihnen mit Hass begegnen. Der Typ, der mich geschlagen hat, kommt doch offensichtlich mit sich und der Welt nicht klar. Er findet kein anderes Ventil für seine Gefühle als rohe Gewalt. Das ist erbärmlich. Im Grunde tut dieser Mensch mir einfach nur leid.

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Seit einer homofeindlichen Attacke sucht der junge Isländer Ulfar auf Facebook Menschen, die wegen ihrer Identität angegriffen worden sind. (Bild: Facebook-Screenshot)

Von Donna Summer

„Donna Summer“ ist natürlich ein Pseudonym. Die Autor*in dieses Artikels möchte aufgrund der Stigmatisierung von HIV als freiberufliche*r Journalist*in nicht namentlich genannt werden. We love you, we support you!