Schwuler Selbsthass – Polittunte Patsy L’Amour laLove über Ausgrenzung und Diskriminierung

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Polittunte Patsy LAmour laLove und ihr Buch „Selbsthass & Emanzipation“ über Ausgrenzung auf schwulen Dating-Plattformen und über das sogenannte „Normale“.

Patsy L’Amour laLove ist nicht nur Gastgeberin der fraglos trashigsten und spannendsten Tuntenshow Berlins. Die umtriebige Polittunte beschäftigt sich auch als Wissenschaftlerin mit Fragen schwuler Gegenwart und Bewegung. Ein Gespräch über ihr Buch „Selbsthass & Emanzipation“, über Ausgrenzung auf schwulen Dating-Plattformen und über das sogenannte „Normale“.

Vor drei Jahren hast du im Berliner SchwuZ mit „Polymorphia“ eine trashige wie politisch egangierte Tuntenshow etabliert. Was manche erstaunen wird: Du veröffentlichst unter dem Namen Patsy L’Amour laLove auch deine wissenschaftlichen Arbeiten und jetzt auch das von dir herausgegebene Buch „Selbsthass & Emanzipation“.
Ich bin immer Patsy, sowohl in meinem familiären und privaten Umfeld wie auf der Bühne oder wenn ich an der Universität forsche. Ich habe mir den Namen auch in den Personalausweis eintragen lassen.

Du trennst also nicht, wie die meisten Drag Queens, zwischen dem bürgerlichen Namen und dem Bühnennamen?
Ich bin da doch mehr in der Tradition der Polittunten der 70er-Jahre, die ihre Namen auch im Alltag genutzt haben – wie etwa Freifrau Mechthild von Sperrmüll oder Baby Jane Hudson. Abgesehen davon gefällt mir der Name einfach gut. Damit kann ich ganz wunderbar meine Schlager- und Kitschseite ausleben.

Auf dem Cover deines Buches springen einem mit „Selbsthass & Emanzipation“ zwei Begriffe entgegen, die recht wenig Schlagerglückseligkeit verströmen. Kennst du denn auch Selbsthass bei dir oder hast du den bereits überwunden?
Von Überwinden kann man bei Selbsthass eigentlich nicht reden. Bestenfalls könnte die Gesellschaft ihre Trans*- und Homosexuellenfeindlichkeit überwinden, der diese unnötige Form von Scham und Selbsthass in die Menschen pflanzt. Ich bin der Überzeugung, dass kein Leben ohne Konflikte, ohne Scham, ohne Ablehnung verläuft. Darauf hinzuweisen ist für mich, gerade in der politischen Auseinandersetzung mit Selbsthass, sehr wichtig. Dadurch sind platte Vorwürfe an Einzelpersonen – „Du hasst dich doch nur selbst, wenn du dies oder jenes sagst“ – von vornherein ausgehebelt.

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Patsy: „Letztlich geht es um ein Streben nach Normalität, um das Unnormale – die Homosexualität – möglichst unsichtbar zu machen.“
Es gibt also nicht die fortgeschrittenen Emanzipierten, die diese Phase des Selbsthasses überwunden haben?
Ich denke, wenn man sich dieser Problematik immer bewusst ist, agiert man in der politischen Diskussion auch vorsichtiger und fairer im Umgang mit Anderen.

Wie äußert sich denn Selbsthass im schwulen Alltag?
Man muss auf PlanetRomeo einfach mal bei der Stichwortsuche „Tunte“ oder „tuntig“ eingeben und dann schauen, in welchem Zusammenhang diese Begriffe in den angezeigten Profilen verwendet werden. Meist werden sie in Verbindung mit Dicken, Alten und Asiaten genannt. Es geht nicht darum zu schreiben, worauf man steht und was man geil findet, sondern was der Betreffende hasst, ekelhaft findet und deshalb abgelehnt.

Das heißt, dass man bestimmte Persönlichkeitsmerkmale deshalb ablehnt, weil man sie insgeheim in sich trägt und nicht damit in Verbindung gebracht werden möchte?
Ich finde es interessant, dass du hier den Begriff „insgeheim“ verwendest. Denn eigentlich ist es gar nicht insgeheim, sondern sogar sehr offensichtlich: nämlich dass hier ein Schwuler einen anderen Schwulen ablehnt, weil dieser in seinen Augen zu schwul ist. Dieses Phänomen kennt man aus vielen Randgruppen und Minderheiten. Es geht immer um etwas Wahnhaftes, bei dem eigene Anteile in einem anderen abgelehnt werden. Solche Formen der Ausgrenzung und offensiven Ablehnung erfahren nicht nur Schwule, die als tuntig gelten, sondern beispielsweise auch HIV-Positive und Lederkerle wie auch Schwule, die nicht den allgemeinen Vorstellungen von Attraktivität entsprechen oder die promisk leben. Letztlich geht es um ein Streben nach Normalität, um das Unnormale – die Homosexualität – möglichst unsichtbar zu machen.

Der perfekte homosexuelle Mann – so könnte man daraus schließen – ist jung, sportlich, gutaussehend, verpartnert, monogam und beherrscht das „straight acting“. Geht also überall als Hetero durch.
In diesem Begriff „straight acting“, wie er auch in vielen Dating-Profilen verwendet wird, steckt eine Behauptung, die nie funktionieren kann. Der Begriff selbst macht das ja schon deutlich: Es geht um „Acting“, also ums Schauspielen. Man tut nur so, als ob. Darin verbirgt sich der Wunsch, lieber doch nicht schwul zu sein, was aber nicht gelingen kann. Denn im Inneren ist und bleibt man ein schwuler Mann, der sich auf PlanetRomeo als „straight acting“ beschreibt, um Sex mit anderen Männern zu haben. Verstärkend kommen dazu der Jugendkult und die Schönheitsideale der schwulen Subkultur, die ebenfalls normativen Druck aufbauen. Wenn man schon nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht – nämlich heterosexuell zu sein – dann will man doch wenigsten ein schöner, begehrenswerter und daher liebenswürdiger Schwuler sein.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass in Zeiten offen schwule Prominente, eingetragener Partnerschaft und einer gesellschaftlichen Anerkennung von Schwulen und Lesben auf breiter Ebene, Schwulsein an sich kein großes Thema mehr ist. Man bekommt allerdings oft den Eindruck, dass nur ein bürgerliches, angepasstes Leben das erwünschte und damit auch das erstrebenswerte ist.
Offenbar gibt es nur ein bestimmtes Bild von Homosexualität, das der Öffentlichkeit keine Probleme bereitet. Das hängt damit zusammen, dass die Toleranz der Gesellschaft in Wahrheit nur eine Scheintoleranz ist, hinter der der alte Hass auf Homosexualität, auf alles, was anders ist, weiterhin existiert. Ganz deutlich merkt man das bei der AfD und anderen rechten Gruppierungen: Welche feindseligen Parolen da wieder salonfähig werden! Und man sieht es auch daran, dass das Coming-out für schwule, lesbische und trans* Jugendliche immer noch ein Problem darstellt.

Wäre es denn möglich, unsere Gesellschaft soweit zu ändern, dass ein Teenager sein Schwulsein entdecken und leben könnte, ohne deshalb Scham empfinden zu müssen?
Dazu müsste sich die Gesellschaft radikal ändern, und deshalb wird es wohl auch eine Utopie bleiben. Dennoch hänge ich der Utopie nach, dass Menschen – auch ohne Angst – verschieden sein können. Dass sie andere Personen in ihrem Anderssein akzeptieren und zugleich auch ihr eigenes Anderssein selbstbewusst zeigen können. Das hört sich eigentlich ganz banal an und deshalb halte ich es auch für möglich.

 

Patsy L’Amour LaLove (Hrsg.): „Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität“. Querverlag Berlin, 263 Seiten, 16.50 Euro. (Mit Beiträgen u.a. von Patsy L’Amour LaLove, Dirk Sander, Panne Pepper, Daria Majewski, Erik Meyer, Til Amelung, Andrea Trumann, Benedikt Wolf, Martin Dannecker, Polly Puller, Manuela Kay.)

Lesungen und Vorträge von Patsy L’Amour LaLove zum Buch:
15.11., 18 Uhr, Schwulenreferat der Universität Mainz, Erdgeschoss des Philosophicums, Raum P11, Jakob-Welder-Weg 18

16.11., 19 Uhr,  Schwulenreferat der Universität Bielefeld, Raum H9

24. 11., 20 Uhr, Kneipe K-Fetisch, Wildenbruchstraße 86, 12045 Berlin

28.11., 20 Uhr, Autonomes Schwulenreferat im AStA Marburg, Erlenring 5, 35037 Marburg

29.11. , 19 Uhr, Bibliothekssaal der Uni Oldenburg

6.12., 18 Uhr, Queere Ringvorlesung an der Goethe-Universität, Raum SH 0.101/Seminarhaus, Frankfurt am Main

 

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