Roman ‚Die Tage der Anne Madrigal‘: Abschied von der Barbary Lane

S.F. 16th Street Castro - Foto torbakhopper_flickr
Ein Blick auf das San Francisco von heute. Im Stadtviertel Russian Hill liegt die fiktive Barbary Lane, in der Maupins liebenswürdige Charaktere lebten und liebten.

Mit Armistead Maupins Roman „Die Tage der Anne Madrigal“ heißt es nun endgültig Abschied nehmen von den Stadtgeschichten aus San Francisco.

Das soll’s nun also wirklich gewesen sein. Was auch immer das Leben von Michael „Mouse“ Tolliver, Mary Anne Singleton, Brian Hawkins und all den anderen Figuren bringen wird – ihr Schöpfer Armistead Maupin will es uns nicht mehr verraten. Sein halbes Leben hat der schwule US-Bestsellerautor mit dieser bunten, queeren Schar verbracht, und Leser_innen auf der ganzen Welt ist sie zu Freunden geworden. In diesen „Stadtgeschichten“, 1973 ursprünglich als Fortsetzungsroman für den „San Francisco Chronicle“ begonnen, erzählt Maupin nicht nur von Singles und Aussteiger_innen, von individuellen Lebensentwürfen und Menschen auf der Suche nach Selbstverwirklichung, von Kiffer_innen, von Konservativen exzentrischen Menschen. Sein Kosmos ist über die Zeit auch zu einer sozialen Chronik seiner Wahlheimat San Francisco und insbesondere des queeren Lebens geworden. Von Anbeginn hatte er in seinen Büchern die Auswirkungen der Aids-Epidemie auf die Stadt und die Community begleitet, in seinem sechsten Band sah sich nun auch Michael „Mouse“ Tolliver, wohl einer der sympathischsten Schwulenfiguren der Weltliteratur, mit einem positiven Testergebnis konfrontiert.

Cover-Maupin
Armistead Maupins Stadtgeschichten: Time to say Goodbye.
Nun hat der mittlerweile 72-jährige Maupin zum wohl unausweichlich allerletzten Mal die Lebensgeschichten und Schicksale dieser literarischen Wahlfamilie zusammengeführt. Im Mittelpunkt des neuen und abschließenden Bandes steht Anne Madrigal. In ihrem Haus in der Barbary Lane hatten die Stadtgeschichten ihren Anfang.  Die mysteriöse trans* Frau war nicht nur Vermieterin, liebenswürdige Ersatzmutter und weise Ratgeberin in allen Lebenslagen, sondern auch stets verlässliche Lieferantin von Marihuana aus Eigenanbau. Doch nach mittlerweile drei Schlaganfällen bekommt die 92-jährige ihr Hasch auf Rezept und wird liebevoll von dem jungen trans* Mann Jake versorgt. Auch San Francisco hat verändert: Die einstige Hippie-Hochburg ist inzwischen fest in der Hand gutverdienender Silicon-Valley-Karrieristen. Wer sich mal richtig gehen lassen will, sexuelle Grenzen überschreiten und alternative Kultur erleben möchte, fährt heutzutage zum Burning Man Festival in der Wüste Nevadas. Nicht von ungefähr hat Maupin dieses Mammuttreffen von Hippies, Künstler_innen, Musiker_innen und Visionär_innen zu einem der Hauptschauplätze seines Romans gemacht. Parallel dazu gibt es eine Zeitreise in Madrigals Kindheit und Jugend als Sohn einer Puffmutter in der Kleinstadt Winnemucca. Man mag „Die Tage der Anne Madrigal“ passagenweise vielleicht etwas zu geschwätzig finden, aber eines muss man Maupin lassen: Er weiß seine Fans zu überraschen. Nicht nur damit, wie einfühlsam er in diesem Rückblick von einer aussichtslosen schwulen Liebe in der Provinz erzählt und von der schmerzvollen Selbstentdeckung des trans* Jungen, der später einmal zu Mrs. Madrigal werden würde. Neben all den neuen Seitensträngen rund um lesbische Mutterschaft, Dating-Portalen für trans* Männer und generationsübergreifenden Sexgeschichten fügen sich mit einmal mehr Episoden aus den früheren Bänden zu einem Puzzle zusammen. Wie, das soll hier natürlich ebenso wenig verraten werden, wie der herzergreifende Schluss. Dafür eine Warnung an all jene Glücklichen, die heute zum ersten Mail überhaupt von Armistead Maupins Romanserie hören: Ihr habt noch großen Spaß vor euch. Doch Vorsicht: Diese Stadtgeschichten machen süchtig!

 

Armistead Maupin: „Die Tage der Anna Madrigal. Die letzten Stadtgeschichten“.  Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 336 Seiten, 10,99 Euro.

Die ersten 8 Bände sind ebenfalls im Rowohlt Verlag erschienen.

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