Route Nr. 1 – Bus / Kairo (Von einem Fremden im Bus berührt)
Der Bus ruckelt durch den morgendlichen Verkehr. Hitze, Parfüm, Diesel, das endlose Hupen der Autos. Wir stehen uns in dem schmalen Gang zwischen den Sitzen gegenüber, eingequetscht zwischen Taschen und Ellbogen. Seine Hand hängt lässig in der Nähe seines Gürtels, fast als würde sie dort ruhen. Als der Fahrer bremst, berührt sein Handrücken meinen Schritt. Sie bleibt dort. Kein Stoß, kein Reiben, sondern eine Berührung, die Zufall sein könnte, die Kunst sein könnte. Ich halte den Blick auf das Fenster gerichtet und tue so, als würde ich die Haltestellen zählen. Das Glas wirft mein Spiegelbild zurück, unlesbar. Um uns herum plappert die Stadt, blind und laut.
Wachsamkeit schützt mich. Wachsamkeit öffnet das Tor.
Ich habe gelernt, mit zwei Köpfen zu gehen: einem für Straßen und Fahrpläne, einem für Signale. Signale wie Augen, die verweilen, eine Gewichtsverlagerung, eine flüchtige Berührung im dunklen Raum zwischen Körpern. Man weiß nie, welches davon Gefahr ist, welches eine Einladung. Man weiß nur, wie man stillsteht, wie man atmet, ohne etwas preiszugeben.
Einmal, vor Jahren, wurde ich von der Schule nach Hause verfolgt. Schritte hinter mir, sicher und gleichmäßig. Ich bog um Ecken, um ihn auf die Probe zu stellen; er bog ebenfalls ab. Angst, dann etwas anderes. Der Nervenkitzel, bemerkt, begehrt, verfolgt zu werden. Seitdem gehe ich mit beiden Sinnen wachsam: einer für das Risiko, einer für die Chance.
Der Bus wird in der Nähe der Brücke langsamer. Er steigt aus, ohne sich umzudrehen. Ich warte noch eine Haltestelle und versuche, mich zu beruhigen. Mein Körper hört nicht auf mich. Ich halte meine Tasche vor mich, verstecke meine Ausbuchtung und tue so, als würde ich auf mein Handy schauen. Als ich endlich aussteige, trifft mich die Luft wie ein Geheimnis, das ich nicht verbergen kann. Ich gehe auf den Bahnhof zu, das Kribbeln unter meiner Haut ist noch immer spürbar.
Weg Nr. 2 – Bahnhof / Kairo
Am Bahnhof Ramses vibriert die Luft. Lautsprecher schreien Zahlen, die mir nichts sagen. Die Menschen eilen in alle Richtungen. Ich bewege mich mit ihnen, getragen von Lärm und Schwung. Kein Ticket in meiner Tasche; mein Ziel steht auf keiner Tafel.
Die Toiletten sind halb überflutet, neonbeleuchtet, anonym. Ich stehe länger als nötig am Waschbecken und beobachte im Spiegel, wie Männer hinter mir vorbeigehen. Schnelle Blicke, noch schnellere Ausgänge. Jeder Raum hier hat einen geheimen Zweck. Ich verweile, dann gehe ich wieder hinaus und folge dem Strom zu den Bahnsteigen.
Ich gehe weiter, vorbei am letzten Schild, vorbei an den Wachen, die Rampe hinunter, wo die Gleise beginnen. Das Licht wird spärlicher. Metall, Staub und der Geruch von Motoröl. Verlassene Waggons schlummern in der Dunkelheit, ihre Fenster zerbrochen, ihre Türen halb offen. Gestalten bewegen sich darin. Schatten, die sich am Atem erkennen. Hier verlieren Worte ihre Bedeutung. Ein Husten, eine im Dunkeln angezündete Zigarette, ein Schritt näher: Das ist Sprache genug.
Eine Hand huscht an meiner Tasche vorbei, mein Handy verschwindet, taucht dann wieder in meiner Hand auf, noch bevor ich überhaupt nachdenken kann. Reflex, kein Mut. Die wahre Gefahr ist nicht der Diebstahl. Es ist, gesehen zu werden, beim Namen genannt zu werden. Wir alle wissen, was die Polizei tun könnte, wenn sie jetzt hereinkäme. Angst schärft alles. Der Geruch von Schweiß, der Funke der Berührung, der Hunger, der vorgibt, Liebe zu sein.
Irgendwo in der Nähe quietscht ein Zug, ein Geräusch, das wie eine aufgebrachte Menschenmenge herabfällt. Ich schließe die Augen. Die Vibration summt durch meine Rippen und verwandelt Angst in Rhythmus. Als ich sie öffne, fühlt sich die Dunkelheit weiter an, fast sicher. Ich gehe wieder los und folge den Gleisen in Richtung einer anderen Art von Nacht.
Weg Nr. 3 – Tiergarten / Berlin (Schutzengel der Büsche)
Wir verließen gemeinsam das Treffen, eines von der Art, bei der man im Kreis sitzt und höflich über schwere Themen spricht. Die Sonne sank bereits, und der Himmel färbte sich in jenes sanfte Berliner Violett, das alles nostalgisch erscheinen lässt, noch bevor es überhaupt passiert ist. Er schlug einen Spaziergang vor, nichts Dramatisches, nur: „Komm, ich zeige dir etwas.“ Als wir den Tiergarten erreichten, war das Licht fast verschwunden. Bäume verschwammen zu Silhouetten. Wege verschwammen. Ich habe noch keinen Orientierungssinn, aber ich prägte mir den Winkel des schimmernden Engels auf der Siegessäule ein, wie er den dämmrigen Himmel durchschneidet.
Das wird mir helfen, den Ort zu finden. Jeder Cruising-Treffpunkt braucht einen Schutzengel. Er sprach Arabisch, so wie Menschen es tun, wenn sie annehmen, dass man den Trost dieser Sprache braucht. Wir standen uns nicht nahe, kannten uns nicht einmal, aber er ging voraus wie jemand, der es gewohnt ist, voranzugehen. „Dieser Ort hat mich gerettet“, sagte er. „Ich habe hier meinen deutschen Mann kennengelernt.“ Er zeigte auf eine Baumgruppe, als wäre es eine historische Stätte. „Genau dort. Dort hat alles angefangen.“ Er klang nicht sentimental, sondern sachlich, als hätte der Park ihm genau das gegeben, worum er gebeten hatte.
Als wir tiefer hineingingen, schwebten Männer zwischen den Ästen hin und her, tauchten auf und lösten sich wieder auf, als gehörten sie zur Dunkelheit. Einer trat hervor, starrte mich direkt an und sagte: „Wie viel?“ Unverblümt, träge, selbstsicher. Ich erstarrte. Mein Begleiter seufzte, genervt für mich. „Ignoriere ihn“, sagte er. „Manche Leute glauben, sie könnten dich mit einem Blick beurteilen.“
Er zeigte mir die Stellen, an denen Männer warten, die kleinen Kreise aus plattgetretenem Gras, die Wege, die sich schlängeln und wieder zurückführen, selbst wenn man schwören könnte, geradeaus zu gehen. Es war eine Initiation. Eine einfache Art zu sagen: Auch du kannst hierher gehören.
Als wir endlich den Rand des Parks erreichten, warf er einen Blick auf seine Uhr und sagte, er müsse gehen. Keine Telefonnummern wurden ausgetauscht. Es war nicht nötig. Dennoch hatte sich etwas verändert. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft fühlte sich Berlin nicht mehr unmöglich zu navigieren an.
Weg Nr. 4 – lab.oratory / Berlin – Sexclub/Westdeutschland: Wie ich zur Nummer und zum Kompliment werde
Das lab.oratory liegt in einer Ecke Berlins, die niemand zufällig erreicht. Man kommt nicht auf dem Weg zu einem anderen Ziel daran vorbei. Man geht dorthin, weil man es vorhat, weil eine bestimmte Art von Nacht danach verlangt. Jahrelang habe ich es gemieden. Ich rechnete mit grabschenden Händen. Ich rechnete damit, mich zu fühlen, als läge ich auf einem Untersuchungstisch und würde begutachtet. Doch eines Abends bog ich schließlich um die Ecke. Allein. Mit weniger Adrenalin und größerer Vorfreude. Das hier ist kein Park, und nichts war umsonst.
Wir zahlten, um die Schwelle zu überschreiten. Wir übergaben unsere Kleidung einem Mann, der sie in dünne Plastiktüten warf, die wie Müll aussahen. Eine Nummer wurde mir mit dicker schwarzer Tinte auf den Arm geschrieben, grob und vorübergehend. Ich fühlte mich markiert, katalogisiert, kurzzeitig in einen Kreislauf eingeordnet, dessen Regeln ich nicht ganz verstand. Regeln haben mich nie geküsst. Aber sie zu brechen gab mir einen Kick.
Die Beleuchtung war dunkelrot, ließ Konturen verschwimmen und Augen leuchten. Irgendwo dröhnte Techno. Ich fragte mich, warum niemand tanzte; stattdessen bewegten sich Männer in langsamen Kreisen, drifteten zwischen den Räumen hin und her und musterten jede Türöffnung wie einen Kontrollpunkt. Blicke blitzten auf und verschwanden. Manche huschten an mir vorbei, als wäre ich kein Teil ihrer Gleichung. Andere verweilten zu lange, wägten mich ab, sortierten mich ein und versuchten, mich in eine Kategorie zu stecken, die sie kannten.
Ein Mann lächelte und sagte: „Schön behaart.“ Hier ein Kompliment. Eine kleine, harmlose Sache. Wo ich herkomme, bedeutete Behaarung nie Charme. Es bedeutete gewöhnlich, erwartet. Hier bedeutete es männlich, und männlich, wenn man es bei jemandem wie mir las, trug seine eigene Mythologie in sich. Viril. Stark. Ecken und Kanten. Ich korrigierte ihn nicht. Ich ließ das Kompliment stehen. Mir wurde klar, dass Behaarung mein erotisches Kapital in Berlin ist.
Ich blieb länger als geplant. Zwei-für-eins-Drinks lockerten die Kanten, milderten die Kalkulationen, ließen die Kreisläufe wärmer anfühlen. Das Lab umarmte mich nicht, aber es schloss mich auch nicht aus. Es war eine Welt, die auf Bewegung, Schleifen, Blicken, Transaktionen aufgebaut war. Für eine Nacht ließ ich mich darauf ein.
Route Nr. 5 – Hasenheide / Berlin
Die Hasenheide hat für mich schon immer Sinn ergeben. Vielleicht, weil das Herumstreifen hier kein Ziel ist, sondern eine Art, sich fortzubewegen. Eine Art, aufmerksam zu sein. Ich gehe durch das Haupttor und lasse meine Füße die Richtung wählen. Die Wege verzweigen sich, verengen sich, verschwinden und werden dann wieder breiter, als würden sie einem Möglichkeiten bieten, die die Stadt anderswo verweigert. Hier atme ich tiefer. Man sagt, Cruising sei anonym, aber es ist auch meditativ. Die Sinne werden geschärft. Jedes Rascheln, jede Gewichtsverlagerung, jede Pause hinter einem Baum wird zu einer kleinen Frage. Zu einer Möglichkeit. Der Park lehrt dich, ohne Worte zu lesen. Er ist einer der wenigen Orte, an denen das Verlangen keinen Regeln folgt. Keine Profiltexte, keine Filter, keine Kategorien. Nur Körper, die sich zufällig, aus Neugier, aus Instinkt entdecken. Es fühlt sich fast anarchistisch an. Begehren, offen, neu verteilt, ohne Lizenz.
Während der Pandemie wurden diese Wege über Nacht zu Tanzflächen. Musik, versteckt in Rucksäcken, Fremde, die im Dunkeln schwanken, die Stadt, die so tut, als würde sie es nicht bemerken. Während die Clubs geschlossen blieben, blieben die Queers in Bewegung und erfanden Freude im Unterholz. Die Zeitungen nannten es eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Moralische Panik blühte schneller auf als das Frühlingsgras. Doch die Polizei hat nie verstanden, dass wir keine Ordnung brachen. Wir bauten eine neue auf.
An diesem grauen Tag sehe ich eine Gestalt, die halb im Schatten, halb im Licht steht. Ein Nicken. Eine Pause. Wir bewegen uns aufeinander zu, als hätten wir das schon einmal in einem anderen Leben getan. Keine Fragen, keine Namen. Nur Wärme, Atem, Druck, mein Herzschlag an seinen Rippen. Der Orgasmus kommt leise, wie ein Blatt, das einen Ast hinuntergleitet. Wir lösen uns langsam voneinander. Er lächelt, sanft. Ich flüstere „Auf Wiedersehen“. Er flüstert es zurück.
Jeder Liebhaber war nur auf der Durchreise. Jeder Durchgang hinterließ einen Samen.
Ich gehe weiter, bis die Bäume lichter werden und die Stadt wiederkehrt. Mein Atem verlangsamt sich. Mein Körper fühlt sich leichter an, nicht weil etwas passiert ist, sondern weil es hätte passieren können. Cruising ist nicht nur Sex. Es ist das Betreten eines Ortes, an dem sich das Verlangen nicht entschuldigt. Ein Ort, an dem man sich anders bewegt, anders denkt, anders atmet. Ich trete aus dem Tor, mit diesem Rhythmus noch immer in mir.
Englisches Original
Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. Die englische Originalversion ist im Cruising Guide von IWWIT nachzulesen.