Körper und Schönheitsideal schwuler Männer

Das Schönheitsideal in der schwulen Community setzt viele Männer unter Druck. Joseph Wolfgang Ohlert spricht über Körperkult, Selbstakzeptanz und seinen Fotoband „Bigger“, der mehrgewichtige Männer sichtbar macht.

FRAGEN: Axel Schock
ANTWORTEN: Joseph Wolfgang Ohlert

Veröffentlicht am: 17.06.2026
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Inhaltsverzeichnis

Der Körperkult in der schwulen Community ist gnadenlos. Rank, schlank und durchtrainiert muss Mann sein. Für seinen Band „Bigger“ hat der Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert rund 80 mehrgewichtige Kerle fotografiert und setzt diesen enggefassten Schönheitsidealen eine Vielfalt von Körperformen entgegen.

Porträt von Axel Schock
Axel Schock | Fotoquelle: (c) Natalia Reich
Porträt von Joseph Wolfgang Ohlert vor blauem Hintergrund
Joseph Wolfgang Ohlert spricht im Interview über Körperbilder, Selbstakzeptanz und seinen Fotoband Bigger | Foto: Osman Balkan
AS
Fragen von Axel Schock
JWO
Antworten von Joseph Wolfgang Ohlert

Schönheitsideale, Körperdruck und der Fotoband „Bigger“

AS

Wahrscheinlich gibt es keinen Schwulen, der nicht irgendwann einmal mit seinem Körper unzufrieden war und sich deshalb vielleicht sogar als unattraktiv und zu wenig begehrenswert empfunden hat. Dein Fotoband trägt nun den programmatischen Titel „Bigger“. Ist das deine Antwort auf diesen Druck, dem wir uns selbst aussetzen oder aussetzen lassen?

JWO

Ich habe mich selbst von Jugend an von solchen Schönheitsidealen und von Erwartungen an mich und meinen Körper unter Druck setzen lassen, und immer wieder auch frustriert beim Abnehmen mit dem Jojo-Effekt gekämpft. Es war dadurch alles andere als leicht, meinen Selbstwert zu finden.

Erst als ich die 30 überschritten hatte, fühlte ich mich erwachsen und selbstbewusst genug, um mich von diesem Druck und diesen stereotypen Schönheitsnormen befreien zu können. Dabei hat Schönheit nichts mit Normen und mit Anpassung zu tun. Das hoffe ich mit meinem Buch vermitteln zu können.

Mehrgewichtige Männer und fehlende Sichtbarkeit in Bildern

AS

Mehrgewichtige oder füllige Männer tauchen in der Bilderflut, der wir in der Werbung, in Pornos oder auf Instagram ausgesetzt sind, so gut wie nie auf.

JWO

Ich habe, wenn man so will, selbst auch dazu beigetragen, denn ich habe als Fotograf viel in der Fashion-Szene gearbeitet. Wenn ich diese Bilder durchschaue, sind das fast nur durchtrainierte, sportliche Leute. Menschen mit meiner Art von Körper oder in der Vielfalt, wie ich sie im Schwimmbad oder in der Sauna sehe, tauchen dabei nicht auf.

Was uns Social Media oder die Medien generell als Körperbild präsentieren und sich durch die Ozempic-Welle und Looksmaxxing aktuell für Männer generell noch verstärkt hat, wollte ich etwas entgegenhalten und sagen: „Hey, du bist genug. Du musst nicht diesem Selbstoptimierungswahn krankhaft nachgehen“.

Natürlich kann man versuchen, auf seine Gesundheit zu achten, wenn nötig auch abnehmen. Aber nur, weil dein Körper einem bestimmten Ideal nicht entspricht, hast du nicht mehr oder weniger Grund zur Selbstakzeptanz.

Modelle finden: Vertrauen, Dating-Apps und Community

AS

Wie schwierig war es für dich, Männer zu finden, die sich für dieses Projekt fotografieren ließen?

JWO

Anfänglich war es tatsächlich ein wenig schwierig, Menschen davon zu überzeugen. Ich hatte zunächst gar nicht geplant, ausschließlich schwule, männlich gelesene Körper zu fotografieren. Aber wie sich zeigte, waren Schwule viel eher zugänglich und dazu bereit, sich nackt und sexy von einem Mann fotografieren zu lassen.

Für mich hatte es Priorität, dass sich die Leute dabei wohlfühlen und sich gesehen fühlen – und nicht das Gefühl haben, etwa zur Schau gestellt zu werden. Die ersten Modelle habe ich in meinem Freundeskreis gefunden, dann habe ich begonnen, auf Dating-Apps passende Männer anzufragen.

Im Laufe der Zeit hat sich das Ganze verselbständigt. Ich bin während der vier Jahre, die ich daran gearbeitet habe, auch immer wieder auf Reisen gegangen, etwa zum Bear Festival in Sitges, um eine möglichst große Bandbreite an Leuten in meinem Buch repräsentieren zu können, beispielsweise auch People of Color.

Fotografiert werden als Mutprobe und Befreiung

AS

Wie haben die Porträtierten auf die Fotos reagiert?

JWO

Ganz viele haben sich zum ersten Mal überhaupt auf diese Weise fotografieren lassen, und es war für sie eine sehr große Mutprobe. Die Bilder haben sie dann teilweise selbst überrascht und hatten etwas Befreiendes: Ja, ich darf mich attraktiv fühlen und ich bin es auch wert, fotografiert zu werden.

Natürlichkeit statt Fetisch: schöne Porträts größerer Körper

AS

Du hast diese Männer weder als Sexobjekte noch in aufreizenden Posen, sondern in eher alltäglichen, sehr natürlichen Situationen fotografiert.

JWO

Diese Natürlichkeit war mir sehr wichtig. Ich wollte keine Fotos, die einen bestimmten Fetisch bedienen und daher nur ein sehr kleines Publikum erreichen. Ich wollte vielmehr ganz schlicht schöne Porträts schaffen, bei denen die Männer einfach etwas dicker sind – und so Bilder in die Gesellschaft bringen, die es bislang viel zu wenig gibt.

Ich bin davon überzeugt, dass auf lange Sicht ein vielfältigeres Körperbild zur Normalität werden kann, wenn wir die Gesellschaft und auch die Community mit Bildern größeren Körper konfrontieren. Und damit nicht nur zu mehr Diversität beitragen, sondern solchen Männern auch zu mehr Sichtbarkeit und damit auch zu Selbstbewusstsein verhelfen.

Resonanz auf „Bigger“ und der Bruch mit Schubladen

AS

Wie sehen denn die Reaktionen auf das Buch und die Fotos aus?

JWO

Die Resonanz ist teilweise überwältigend, vor allem natürlich von jenen Menschen, die mitgemacht haben. Für manche war das ein richtiger Befreiungsschlag. Aber auch sonst ist das Feedback sehr positiv. Es ist schon etwas paradox, dass man dafür erst Schubladen sprengen muss.

Körper, Gesundheit und die Grenzen von Selbstoptimierung

AS

Es gab sicherlich auch andere Reaktionen. Ich denke an jene, für die Fitness und der perfekt trainierte Körper wesentlicher Lebensinhalt sind.

JWO

Weil auch ich in einer Bubble lebe, habe ich davon wenig mitbekommen. Ich habe aber unter Artikeln zum Buch den einen oder anderen Kommentar gefunden, in denen mehrgewichtige Körper mit „ungesundem Lifestyle“ gleichgesetzt wurden: So gesund könne das ja nicht sein.

Für Menschen, die nichts anderes kennen als Arbeit und Gym, ist das eine naheliegende Wertung. Wie sie selbst ihr Leben gestalten, ist ihnen unbenommen. Es geht aber nicht, dass sie ihr Bild anderen überstülpen oder sagen: „Du lebst ungesund und bist deshalb ein schlechterer Mensch.“ Denn welcher Lifestyle ist denn tatsächlich zu einhundert Prozent gesund?

Bigger

Joseph Wolfgang Ohlert

Mit Textbeiträgen von Jan Kedves, Kevin Junk, Manuel Almeida Vergara, Julius Kraft, Stefan Hochgesand. (dt./engl.), Verlag Kettler, 160 S.

Signierte Exemplare des Buches können direkt beim Fotografen bestellt werden: Joseph@ohlert.de