In der Aidshilfe Hamburg kümmert sich das Team Youthwork um die Aufklärungsarbeit für Jugendliche. Schwerpunktmäßig geben wir drei- bis vierstündige Schulworkshops zu sexueller Gesundheit und queerer Bildung, begleiten aber auch als Kooperationspartnerin Messen, Festivals und Partys mit Infoständen und bieten niedrigschwelligen Zugang zu kostenlosen Safer Sex Produkten. Das Team setzt sich zusammen aus Bundesfreiwilligen, Praktikantinnen, dualen Studierenden, ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und einer hauptamtlichen Person, welche das Team anleitet. Ich selbst bin 2024 als Bundesfreiwillige in die Abteilung eingestiegen und befinde mich aktuell seit ca. eineinhalb Jahr als duale Studentin in einer Art Assistenz-Rolle für die Abteilungsleitung. In dieser Position führe ich eigene Projekte durch, unter anderem das weiter unten näher vorgestellte Interview-Projekt für unsere queere Bildungsarbeit.
Als Team ist uns ein niedrigschwelliger Zugang für Jugendliche zu einer vielfältigen sexuellen Bildung seht wichtig. Vielleicht weil viele von uns die Erfahrung an eine Schulzeit und Jugend teilen, die rückblickend mehr Aufklärung, mehr Vorbilder, mehr „Dasein“ von queeren Themen verdient hätte. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu verstehen, wenn die Worte fehlen. Sich selbst zu akzeptieren, wenn über die eigene Identität nicht gesprochen wird, oder nicht so, als wäre sie etwas ganz „normales“ und gesundes, etwas, das Lebensfreude schenken kann.
Unsere Schulworkshops zu sexueller Gesundheit beschäftigen sich nicht ausschließlich mit queeren Perspektiven, schließen diese aber mit ein, um ein nuanciertes Bild von Sexualität zu vermitteln und eindimensionale sexuelle Skripte aufzubrechen. Gerade die biologischen Realitäten hinter oft als queeren Sex gecodeten Sexpraktiken zu erklären durch Fragen wie „was ist die Prostata?“, können solche Zuschreibungen auflösen und sollen zu einem offenen Verständnis von Sexualität anregen, in dem es nicht nur eine Form von „richtigem“ Sex gibt – und von dem am Ende alle Teilnehmenden profitieren, egal mit welcher Geschlechtsidentität und sexuellen/romantischen Orientierung.
Dieser hohe Anspruch an unsere Workshops ist nicht immer in der Realität so umsetzbar, wie wir es uns idealerweise vorstellen. Besonders im Workshop „Plietsch“, in dem es explizit um queere Bildung geht, geraten wir des Öfteren in Grundsatzdiskussionen, die am Ende das demokratische Verständnis unseres Zusammenlebens selbst betreffen.
Schwierige Workshops: wenn das Weltbild wenig zulässt
Einigen Klassen haben wir nicht viel neues zu erzählen: die Schüler*innen bringen sehr viel eigenes Wissen mit und haben kein Problem, das Konzept „Solidarität“ mit dem Konzept vom „Ally-Sein“ in Verbindung zu bringen. Aufeinander Acht geben und Zivilcourage gehören zum Alltag, oder sind zumindest positiv besetzte Begriffe, mit denen sie sich identifizieren wollen. Vielfältige Meinungen und Lebensentwürfe rufen hier vielleicht nicht bei allen Aktivismus, aber oft Neugier bzw. eine grundlegende Akzeptanz hervor.
Auf der anderen Seite gibt es Klassen, in denen wir auf ein schwieriges Grundklima stoßen. Einstellungen beginnen da bei „Das hat mit mir nichts zu tun, deswegen sind mir diese Menschen (und ihre Ausgrenzungserfahrungen) egal“ bis hin zu offen queer feindlichen Aussagen. Empathie und Solidarität für queere Menschen wird oft mehrstimmig abgelehnt. Warum Solidarität mit Menschen, die „anders“ sind als man selbst, wichtig ist, muss erklärt werden und kommt auch dann gefühlt nicht immer an.
„Warum können nicht einfach alle normal sein?“, fragte eine Schülerin genervt am Ende eines Workshops und meinte mit „normal“ „heterosexuell“. Da hat man dann nicht den Eindruck, viel bewirkt zu haben.
Von Pessimismus zu Gelassenheit: sich nicht bremsen lassen
Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir nach einer Serie herausfordernder Workshops ratlos zusammensaßen; frustriert, erschüttert und zunehmend pessimistisch, was den Erfolg unserer Arbeit anging. In dieser Zeit musste ich viel umdenken und neu definieren, um die Workshops und unsere Arbeit nicht als gescheitertes Projekt abzuschreiben. Was bedeutet „Erfolg“ für uns, was ist ein „erfolgreicher Workshop“? Soll sich ein Erfolgsgefühl immer dann einstellen, wenn wir möglichst viel Zustimmung bekommen, oder ist es nicht eigentlich viel erfolgreicher, wenn wir die Möglichkeit bekommen, mit
Kids sprechen zu können, die zwar eine ausgeprägte Haltung gegenüber „diesen queeren Menschen“ haben, aber vermutlich noch nie mit einer selbstbewussten, offen queeren Person konfrontiert wurden?
Unser Job ist am Ende nicht, Menschen von ihrer Haltung abzubringen. Gerade Jugendliche haben oft sehr starke Meinungen, die ich aber auch mit der Entwicklungsphase und fehlender Erfahrung erkläre. Als ich Jugendlich war, dachte ich auch, ich hätte die Welt verstanden, ja, ich würde sogar sagen, dass ich in Retrospektive eine sehr konservative Jugendliche war. Diese Einstellung hilft mir, Feindlichkeit und Ablehnung in den Workshops nicht mehr als so gravierend wahrzunehmen. Mein „Glaube an die Jugend“ soll durch diese Erfahrungen nicht ins Wanken geraten. Im Gegenteil habe ich seit meinem inneren Paradigmenwechsel mir noch viel dringender die Frage gestellt: was sind geeignete, bessere Methoden, um Empathie zu fördern, Begriffe und Labels mit menschlichen Geschichten zu füllen? Mit welchen Methoden schaffen wir es, den Schülis eine Botschaft mitzugeben, ohne eine Bühne für die Reproduktion von Statements brühwarm aus Manosphere und Co. zu eröffnen?
Wie kann ich einen Samen säen – „queere Menschen sind Menschen wie du und ich“ – anstatt gleich einen ganzen Regenwald, um dann darauf zu hoffen, dass dieser Gedanke irgendwo im Hinterkopf hängen bleibt und hin und wieder Zweifel am starren Weltbild aufkommen lässt, wie ein kleiner, irritierender Funke?
Neue Methoden: Weg von Schreibtischarbeit hin zu queeren Geschichten.
Als ich ins Workshop-Team einstieg, arbeiteten wir hauptsächlich mit zwei Methoden. Erstens mit dem Queer Memory, in dem Begriffe rund um Geschlechtsidentität, sexuelle und romantische Orientierung und Beziehungsmodelle erklärt werden und auf Konzepte wie „Heteronormativität“ und „Ally-sein“ eingegangen wird. Darauf folgte eine Gruppenarbeit mit fiktiven Biografien. Die Schüli-Gruppen sollten ein Plakat erarbeiten zu Fragen wie „welche Schwierigkeiten erlebt XY?“, „was könnte XY für Ängste oder Sorgen haben?“.
Die Biografie-Arbeit missfiel mir zunehmend. Zu sehr wurde Queer-sein dort auf eine Opferrolle reduziert. Es ging um Schwierigkeiten und Probleme und Ungerechtigkeiten und ich fragte mich, was für einen Eindruck junge Queers vom „queeren Leben“ bekamen. Bei uns auf jeden Fall einen, der von einem Leben voller Schwierigkeiten und Ängste kündigte. Das gefiel mir nicht, wusste ich ja selbst wieviel Freude, Selbstliebe und Community mit einer queeren Identität verbunden sein können. So wurde die Biographiearbeit durch die Ally-Methode ersetzt. Die Ally-Methode zum Thema Solidarität hatten wir im Methodenpool von Queere Bildung gefunden. Wir modifizierten sie zu einer Gruppenarbeit, in dem die Schülerinnen sich überlegten, warum es wichtig ist, Ally zu sein und wie das konkret aussehen kann. Die Antworten werden auf dem Ally- Plakat zusammengetragen, das sie am Ende für ihr Klassenzimmer mitnehmen.
Beiden Methoden, Biografie- und Ally-Methode, war gleich, dass die Schüler*innen in Gruppen mit Arbeitsblättern beschäftigt wurden. In einigen Klassen funktionierte dieser „schulische“ Arbeitsansatz, bei vielen aber auch nicht. Eine moderne Methode musste her, die den Empathie-Ansatz der Biografie-Methode mit dem Solidaritäts-Ansatz der Ally-Methode verband und dabei noch die Aufmerksamkeit der Schülerschaft zu fesseln vermochte.
Die Interview-Methode
Die Idee der Interview-Methode war geboren. Ich visionierte von Interviews, in denen die unterschiedlichsten queeren Menschen von ihren Erfahrungen berichten, gleichzeitig nahbar wirken und insbesondere auch queeren Schüler*innen Mut für die Zukunft mitgeben. Ich verfasste die Projektbeschreibung und stellte mich der großen Frage: welche Geschichten sollen auf unsere Leinwand? Da ich größtenteils allein an meinen Projekten arbeite, musste ich mir im Vorneherein ein Limit setzen: Maximal zehn Interviews und maximal fünf Minuten pro Interview im Endschnitt. Wichtig war mir zudem, Schüler*innen mit Geschichten in Berührung zu bringen, die queere Realitäten in all ihren Facetten und Ambivalenzen spiegeln, aber auch einen hoffnungsvollen, optimistischen Ausblick geben. Die Interviewpartner*innen wählte ich aus meinem eigenen Bekanntenkreis bzw. fragte kleine Kooperationen an.
Stand Juli 2026 habe ich sieben Beiträge mit Menschen aus der trans, inter, queermuslimischen, christlichen-queeren, vietnamesischen, kolumbianischen, bisexuellen, schwulen, genderqueeren und nichtbinären Community sowie einen Beitrag von einer queeren Person, die von der Gesellschaft Behinderung erfährt. Zwei weiter Beiträge halte ich mir derzeit noch offen, bzw. suche noch nach Interviewpartner*innen hinsichtlich einer aromantischen/asexuellen Perspektive und einer queeren BPoC. Ein Interview mit zwei älteren, lesbischen Personen befindet sich in der Anbahnung. Bei den Beiträgen handelt es sich um semi-strukturierte Interviews. Die Beteiligten bekamen einen Bogen mit Orientierungsfragen, aus dem sie sich Fragen selbst aussuchen konnten. Die Interviews wurden vorwiegend von den Interviewten frei aufgenommen, und dann von mir im Endschnitt in eine einheitliche Struktur gebracht: Vorstellung, was sind Herausforderungen des Queer-Seins, was für schöne Erfahrungen
habe ich gemacht, Wunsch an die Gesellschaft / an die Schüler*innen / für die Zukunft.
Einblicke in queere Perspektiven: L. und S.
Ausschnitthaft soll hier ein kleiner Einblick in die Perspektiven von L. und S., beides Interviewpartner*innen, gegeben werden. L. ist eine genderqueere, bisexuelle Person, die von der Gesellschaft Behinderung erfährt. S. ist schwuler Vikar. Die beiden beschreiben beispielhaft, was viele Interviews wie ein Muster durchzieht: sie verbinden Identitäten, die von der Gesellschaft oft als unvereinbar dargestellt werden, bzw. überhaupt nicht dargestellt und somit gar nicht als Möglichkeit sichtbar gemacht werden. So berichtet L.: „Ich kannte zwar Leute, die schwul sind … aber ich hab mir selbst nie die Frage gestellt, hm, vielleicht mag ich auch das gleiche Geschlecht.
Bis ich dann durch Leute in den sozialen Medien bemerkt habe, hm, irgendwie finde ich das schön, und dadurch hab ich dann gemerkt, dass ich bi bin.“ Weiter: „Ich seh auf jeden Fall sehr selten Repräsentation von Leuten, die sowohl eine Behinderung haben, als auch z.B. homosexuell sind oder trans. Es gibt gefühlt zwei Wahlen: entweder jemand ist behindert oder jemand ist Teil der LGBTQ-Community. Und dass jemand beides ist, sehe ich sehr selten.“ Auch S. erzählt: „Ich geh damit ziemlich offen um, aber es sorgt immer wieder für Fragezeichen in den Gesichtern. Ich merke schon, dass da eine gewisse Skepsis ist, wie geht denn das für die Kirche zu arbeiten und queer zu sein, schwul zu sein… Kannst du dann überhaupt offen queer sein?“
Gerade in diesen Überkreuzungen aber offenbart sich die menschliche Resilienz und Kraft, Grenzen zu überwinden, gesellschaftliche Annahmen aufzubrechen um eigene, neue Wege zu finden, die eigene Wahrheit zu leben. Widersprüche werden zum verbindenden Element und vielleicht macht gerade diese Synthese die Interviews so vielschichtig und nachdenklich-stimmend. Vikar S. meint: „Ich glaube, wo wir uns tatsächlich alle ähneln als Menschen, ist unser Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Gemeinschaft, nach einem sicheren Umfeld.“
In einer idealen Welt können Kirche das – trotz schwerer Verfehlungen in der Vergangenheit – bieten: „Ich glaube, da kann Kirche zumindest ein Stück weit eine Lücke füllen … um Menschen aufzufangen. Und zu zeigen, dass sie geliebt sind, dass sie wichtig sind, dass sie einen Platz haben und nicht in Unsichtbarkeit verschwinden müssen.“ L. weist darauf hin, dass „Diversität ja nicht nur Sexualität und Geschlechtsidentität bedeutet“ – auch Menschen mit Behinderung gehören dazu. Z.B. gibt es im Juli den Disability Pride Month – der könnte auch noch ein bisschen mehr Sichtbarkeit bekommen, gesellschaftlich aber auch in anderen queeren Communities.
Einbindung in ein methodisches Konzept
Die Konzeption zur Einbindung der Interviews in eine „richtige“ Methode wurde im Team erarbeitet. Am Ende der Methode sollen die Schüler*innen verstanden haben: das sind nicht nur Begriffe, da stehen echte, komplexe Menschen dahinter, die mehr sind als ein Label, mehr als eine Schublade, die mehrdimensionale Menschen sind wie ich selbst und deren Kampf um eine gewaltfreie, würdige Existenz auch mich angeht. Darauf basierend entstanden vier zentrale Fragen für die anschließende Diskussionsrunde:
1.) Hast du dich auch schon mal „anders“ gefühlt?
„Sich anders fühlen“ kann jeden betreffen und dieser Blick ins eigene Leben, die Frage „In welchem Kontext ist es mir so ergangen“ soll den inneren Raum schaffen, um über einen eigenen, persönlich-biographischen Kontext Verständnis und Empathie für das „Anders-sein“-Gefühl von queeren Menschen aufzubauen.
2.) Was fandest du in den Interviews interessant?
Dies ist eine bewusst neutrale Formulierung, um den Schüler*innen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu fragen: wurde da in mir was ausgelöst? Was würde da in mir ausgelöst? Freude, Unbehagen, Verwirrung – und was sagt das vielleicht auch über mich aus? Diese Fragen müssen nicht vor der großen Gruppe besprochen werden. Sie sollen aber Impulse für die innere Auseinandersetzung liefern, welche Annahmen man vielleicht hat, mit welchen Gefühlen queere Themen, queere Menschen verknüpft sind. Kleine Irritationsmomente können dazu beitragen, dass internalisierte Ideologien langsam aufgebrochen werden.
3.) Stell dir vor, deine Bestie wird ausgeschlossen. Wie kannst du unterstützen? Im Anschluss wird gefragt: Würdet ihr das auch für eine andere Person tun? Wie können wir allgemein füreinander einstehen? Sodann kommt das Ally-Poster wieder ins Spiel, auf dem die Ideen notiert werden können.
4.) Warum ist es wichtig, eine Ally zu sein? Mit dieser Frage wird der Bogen nun explizit zurück zum Konzept „Ally sein“ gespannt. Anders als bei der Ally-Methode können die Schüler*innen aber mit den erlebten Perspektiven arbeiten und darauf aufbauen, was sie aus den Interviews mitgenommen
hat. An dieser Frage wird sich für uns vermutlich auch am stärksten zeigen, wieviel Empathie bzw. Solidarität wir durch die Methode in den Schüler*innen anregen konnten.
Fazit: Reflexion und Ausprobieren
Die sieben Interviews sind berührend, nahbar und menschlich. Ich bin sehr gespannt, wie sie bei den Schüler*innen ankommen und bedanke mich an der Stelle noch mal bei
allen Interviewpartner*innen für die wundervollen Beiträge. Trotzdem muss ich mein Vorgehen auch kritisch hinterfragen, z.B. wie gehe ich mit meiner Position um, in der ich entscheide, wessen Geschichte (nicht) erzählt wird? Eine Auswahl muss getroffen werden, aber dem Prozess haftet immer auch etwas Kritisches an. Schlussendlich möchte ich aber auch meine Arbeit würdigen und die des ganzen
Teams, eine neue, spannende Methode für unsere queere Bildung entwickelt zu haben.
Jetzt heißt es ausprobieren und gucken, ob sie den Realitäts-Test besteht!