Community – Unsere Suche nach Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist für viele queere Menschen Sehnsucht, Schutzraum und Herausforderung zugleich. Der Beitrag nähert sich der Frage, was Community ausmacht – von Radical Faeries und Grindr über Chemsex und Aids bis hin zu Selbsthilfe, Cruising und Solidarität.

Autor*in: Timo Koch
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Inhaltsverzeichnis

I – Radical Faeries: Chaos und Aushandlung

Wir sitzen im Kreis, unter einem Baum. Wer den Talisman hat, spricht, was ihm auf dem Herzen liegt. Alle anderen hören zu – mit offenem Herzen.

Der Heart Circle ist ein zentrales Element zur Gemeinschaftsbildung der Radical Faeries. Seit den späten 1970er Jahren sucht diese Gemeinschaft nach Gegenentwürfen zu homonormativen Lebensrealitäten. Faeries treffen sich, meist in der Natur, um für eine oder zwei Wochen eine Gemeinschaft zu bilden.

In vielen Gesprächen während dieser Woche wird die “Community” beschworen. Doch was bedeutet dieses Wort genau, wenn im Heart Circle einige von uns teilen, dass sie sich in diesem Gathering nicht wirklich zugehörig fühlen?

Mein eigenes Zugehörigkeitsgefühl, denke ich, ist nicht von dieser konkreten Gruppe abhängig – denn zum ersten Mal bin ich zu einem Gathering mit einem Partner gekommen.

Ich schrecke aus meinen Überlegungen auf – laute Konservenmusik, tanzende Faeries. Ich versuche, auf dem weitläufigen Gelände einen Ort zu finden, den die Musik nicht erreicht. Ich ärgere mich – beim Morning Circle, an dem Organisatorisches besprochen wird, wurde nichts erwähnt von Musik, die vielleicht als störend empfunden werden könnte.

Was mich immer wieder zu den Radical Faeries führt, ist der Wille, Dinge anders anzugehen als in unserem Alltag. Umso mehr werde ich ungehalten ob dieses unausgehandelten Handelns. Die persönliche Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit anderer beschnitten wird.

Im nächsten Morning Circle spreche ich die Musik an, und im Gespräch finden wir gemeinsam eine Lösung, die für alle passt. Gemeinschaft braucht Aushandlung, nicht bloße Behauptung.

Illustration von mehreren queeren Personen in einem Baum: Eine Gruppe spricht miteinander, während sich im Vordergrund zwei Männer umarmen. Gedankenblasen zeigen unter anderem ein Herz, Medikamente und ein Kondom.
Queere Gemeinschaft, Nähe und Zugehörigkeit | Illustration: Noah Elio Weinmann

II – Asocial Media: Grindr als Zurückweisungsmaschine

Als ich beginne, über Community nachzudenken, habe ich wieder einmal die Nase voll von Grindr. Die App bezeichnet sich selbst als “die größte soziale Netzwerk-App der Welt für LGBTQ-Menschen”.

Ich bin auf der App, um Sex, Intimität und Bestätigung zu finden. Doch die Online-Suche nach Liebe – Mr. Right and Mr. Right Now – gestaltet sich mitunter ziemlich schwierig: Ständig werden wir mit einem Algorithmus konfrontiert, der immer mehr einen ganz bestimmten Körpertyp favorisiert.

In meiner Nachbarschaft sind etliche perfekt gestählte Oberkörper zu sehen – bei näherem Hinschauen sind sie jedoch 4 Kilometer weit entfernt. Dutzende von Chats bleiben unbeantwortet, und wenn doch einmal so etwas wie Kommunikation entsteht, dann bleibt sie bald nach “was geht?” und “was nimmst du?” und dem Austauschen von Schwanzbildern stecken.

Und so sitzen wir vereinzelt vor unseren Bildschirmen und bleiben unverbunden. Social Media ist nicht sozial: Grindr wird zur Zurückweisungs- und Vereinzelungsmaschine.

Eine altbekannte Geschichte: Ein junger queerer Mensch kommt von seinem Heimatdorf in die Großstadt. Die App als erster Weg, um Gleichgesinnte zu suchen. Doch der attraktive junge Mann, der einem die Tür öffnet, eröffnet einem auch eine Welt voll Hedonismus und Euphorie.

Nach der Euphorie dann der Crash, das Alleinsein, die Frage: Bin ich gut genug? Gehöre ich überhaupt dazu? Werde ich geliebt für das, was ich bin, nicht nur für das, was ich darstelle?

Auf Grindr beginne ich nicht nur an meiner Attraktivität zu zweifeln, sondern auch an meiner Menschlichkeit. Also lösche ich mein Profil und die App zum wiederholten Mal mit dem Vorsatz, im realen Leben Kontakte zu knüpfen und Sex zu finden.

III – Chemsex: Zugehörigkeit in der Risk Community

Als ich Mitte der 1990er zum ersten Mal in der schwulen Szene unterwegs war, lautete die Devise: je männlicher, desto attraktiver. Auf keinen Fall durfte ich tuntig wirken. Ich begann, meine Stimme, meine Bewegungen, meinen Gang zu kontrollieren.

Schon bald hing ich mit Partyleuten ab. Ecstasy half mir dabei, meine Scham zu verringern und mit Männern zu flirten. Aus der Party wurde mit der Zeit Party and Play. Was mich mit anderen verband, waren Substanzen und extremer Sex: Bareback war zu jener Zeit noch etwas Gefährliches, wir erklärten es zum Fetisch. Vielleicht war es diese “Risk Community”, die mich zum ersten Mal wirklich zugehörig fühlen ließ.

Wir überschritten Grenzen, um uns von denen abzugrenzen, die uns ausgrenzten. Wir missachteten Regeln, weil diejenigen, die sich an die Regeln hielten, diese erfunden hatten ohne uns zu fragen. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft verletzter Seelen, die sich, nach und nach, auch körperlich verletzten. Wir wurden krank, weil wir als krank bezeichnet wurden.

Meine HIV-Diagnose kam einige Monate, nachdem ich Crystal Meth entdeckt hatte, das mir erlaubte, anderen Männern näher und barrierefreier zu kommen als je zuvor. Das “Verschmelzen” auf Tina als ganz konkretes Gegenmittel zu der jahrelangen Einsamkeit, dem Nicht-Dazugehören.

Zwar war ich Teil gewisser Freundeskreise, doch fühlte ich mich immer irgendwie fremd in dieser “Community” von schwulen Männern, die in erster Linie ein gutes Ansehen und ein noch besseres Aussehen anstrebten.

Später lernte ich, dass es wohl meine Krankheit war, meine Sucht, die mich von der Welt abspalten, mich isolieren wollte, so dass ich immer wieder einen Grund hatte, weiter zu konsumieren.

IV – Aids: Kollektives Trauma als Kitt

Die Geschichten, die ich über die Aids-Krise höre und lese, lassen vermuten, dass Gemeinschaft dann am stärksten ist, wenn es einen gemeinsamen Feind gibt. Auf einmal starben Lover, Freunde, Bekannte. Auf einmal sah sich die Community einem doppelköpfigen Monster gegenüber: dem unsichtbaren Virus und der unterlassenen Hilfeleistung durch die Gesamtgesellschaft.

Lesben, Schwule und queere Menschen standen zusammen, um zu überleben. Ziel von ACT UP etwa war es, mit gezielten Aktionen das Thema Aids in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen und Druck auf die tatenlose Politik auszuüben. ACT UP entstand im “Lesbian & Gay Community Services Center” in New York.

In den späten 1990ern und frühen 2000ern, mit dem Einzug der ersten HIV-Medikamente, später TasP [JMDA1] und PreP, erlebte ich eine sehr hedonistische Schwulenszene – Partys und Körperkult als Gegenpol und Abwehrgeste zu dem Grauen der vorangehenden Jahre und den Bildern der ausgezehrten, sterbenden Körper. Wir feierten, weil wir das Virus überlebt hatten, vielleicht ähnlich, wie unsere Vorfahren in den 1970ern die Gay Liberation feierten.

Die Spuren der Aids-Krise gehen vielleicht tiefer, als wir glauben. Bis heute ist dieser Hedonismus in Teilen der Szene tief verankert – als Suche nach Nähe, Entgrenzung, Körperlichkeit, manchmal auch Betäubung. Für einige von uns hört die Party nie auf. Für einige von uns endet sie, wenn sich erneut Krankheit, Verlust oder Ausgrenzung einstellen.

Ich frage mich, ob wir eine Community schaffen können, in der niemand beschämt wird, weil er krank ist, konsumiert, Hilfe braucht oder nicht in das Bild des begehrenswerten Körpers passt. Die keinen gemeinsamen Feind braucht, sondern von Fürsorge und Solidarität geprägt ist – und der Bereitschaft, einander auch dort nicht fallen zu lassen, wo es kompliziert wird.

V – Queer Community: Einschluss ist Ausschluss

Schwullesbisch, LesBiSchwul, LGBT, queer: Die Community, der ich angehöre, hat bereits viele Bezeichnungen getragen. Unser kleinster gemeinsamer Nenner: die Erfahrung des Andersseins als Ur-Erfahrung, das Ausgestoßen-Werden, das Coming-out.

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten oft. Wie unterschiedlich können Menschen sein, um sich immer noch als Teil einer kohärenten Gemeinschaft zu erleben? Können Menschen wie wir, die zum puren Überleben seit ihrer Kindheit gelernt haben, misstrauisch gegenüber anderen zu sein, überhaupt liebevolle Beziehungen miteinander eingehen?

Ein Zusammenschluss von LGBTQ+ über die Buchstabengrenzen hinweg scheint fast unmöglich. Wir verinnerlichen Stereotype und werfen sie uns gegenseitig vor. Der muskelbewehrte Körper, die tuntige Handbewegung, der lesbische Kurzhaarschnitt: Wir schließen von einer Äußerlichkeit auf das Wesen und die Geschichte eines Menschen – und damit auf dessen Zugehörigkeit.

Die queere Community funktioniert – wie jede andere Gemeinschaft – mit einem Innen und einem Außen. Doch wer wird eingeschlossen, wer ausgeschlossen? Wer schließt ein, wer schließt aus? Wer ist privilegiert, und wer könnte diese Privilegien nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere produktiv einsetzen?

Vielleicht existiert die queere Community gar nicht, vielleicht ist sie lediglich ein Phantom. Die politischen Ziele und Bedürfnisse der einzelnen Teil-Communitys sind so unterschiedlich, dass es uns schwerfällt, gegenüber der Gesamtgesellschaft klare Forderungen zu formulieren.

Ein Anfang wäre vielleicht, den Menschen, die anders aussehen, anders sind als wir, genauer zuzuhören. Ein Anfang wäre vielleicht, nach Gemeinsamkeiten statt nach Unterschieden zu suchen.

VI – 12-Schritte-Programme: Gemeinschaft durch Zuhören

Wieder sitze ich in einem Kreis, wieder höre ich anderen Menschen und ihren Erfahrungen zu – dieses Mal in einem Meeting der Selbsthilfegruppe Crystal Meth Anonymous. Seit beinahe zehn Jahren erlebe ich hier meine wohl tiefsten Freundschaften. Ein erst kürzlich zu der Gemeinschaft gestoßener Freund erzählt, er sei in seinem Leben schon viele Male umgezogen, jedes Mal allein. Bei seinem letzten Umzug halfen ihm spontan Bekannte aus CMA.

In CMA und anderen 12-Schritte-Programmen teilen wir unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander. Indem wir einander erzählen, wie wir aus der Sucht herausfanden und uns im Leben zurechtfinden, indem wir einander in den Meetings immer wieder bedingungslos zuhören, entsteht echte Empathie.

Vielleicht liegen hier Hinweise darauf, wie auch andere Gemeinschaften funktionieren könnten. Beim Sprechen in den Meetings geht es nicht darum, andere zu überzeugen, sondern die eigene Gefühlswelt auszudrücken. Um eine andere Person zu akzeptieren, muss ich sie nicht verstehen, aber ich sollte ihr zumindest Gehör schenken, wenn sie sich verletzlich zeigt.

Ein weiterer Faktor ist die Regelmäßigkeit: Auch heute noch gehe ich zwei bis drei Mal pro Woche in Meetings, wo ich seit Jahren immer wieder auf die gleichen Menschen treffe. Inzwischen kenne ich ihre Geschichten und es besteht ein tiefgreifendes Vertrauen.

Natürlich sind auch die Gemeinschaften von CMA, NA (Narcotics Anonymous) und AA nicht konfliktfrei. Aber ich erlebe sie zumindest größtenteils frei von vorschnellen Verurteilungen. Hier wird niemand ausgeschlossen, denn hier geht es ums Überleben. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken oder dem Drogenkonsum aufzuhören.

VII – Cruising: Vorübergehende Utopien

Seit drei Jahren lebe ich in einer Beziehung. Ein Privileg, ein Gefühl des Angekommen-Seins, Boden unter meinen Füßen. Doch mein Freund wohnt in einem anderen Land, und wir sind poly. So will ich auch weiterhin mit anderen in Beziehung treten. Die Suche nach Intimität und Zugehörigkeit ist ein zutiefst menschlicher Zug.

In letzter Zeit habe ich immer öfter das Gefühl, aufgrund meines Alters weniger begehrt zu sein. Immer mehr junge Menschen haben immer bessere Körper, immer besseren Sex, immer bessere Leben. So fühlt es sich an, wenn ich in die Welt schaue – vor allem in die digitale Welt.

Wieder einmal lösche ich mein Grindr-Profil und gehe zum Cruising in den Grunewald. Nachdem ich in der dritten Runde im Wald endlich Sex gefunden habe, liege ich nackt in der Sonne und denke an all die Communitys, denen ich – mal mehr, mal weniger – angehöre oder angehört habe.

Mir wird klar: Je bewusster ich mir bin, in welchem Raum ich mich gerade befinde und was dessen Regeln sind, desto besser kann ich mich darin bewegen.

Bei den Faeries und in queeren Räumen finde ich emotionale und politische Auseinandersetzung mit mir selbst und anderen. In den Räumen der 12-Schritte-Programme finde ich Freundschaft und Genesung. Außerdem werden hier mein Alter und meine Erfahrung zum Vorteil. Im Grunewald finde ich Gelassenheit, Sex und Fun. Einige dieser Gemeinschaften sind beständiger, andere flüchtiger. Doch das macht sie nicht weniger real.

Gemeinschaft kann vorübergehend sein – aber sie braucht zumindest den Willen zur Aushandlung, zum Zuhören, zum Scheitern, zum Zulassen von Schmerz und Freude – und zur Wiederholung.