ICH WEISS WAS ICH TU
Foto: Florian Hetz

Saubere Wäsche

Torsten Nobir

Schwuler Sex kann ganz schön anstrengend sein. Denn bereits bevor der Akt überhaupt startet, veranstalten manche Männer einen regelrechten Reinigungsmarathon. Unser Autor hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.

 

Diese überreinlichen schwulen Männer mit ihren weichspüler-sauberen Handtüchern haben mich schon häufig dazu bewogen, gehässige Kommentare – wenn auch nur gegenüber Freunden – zu äußern. Was für ein gespaltenes Verhältnis sie doch zu ihrer Sexualität haben müssen, ja zu ihrer ganzen Männlichkeit und Homosexualität. Jedes Mal wenn es zum Ficken geht, wird von irgendwoher ein reinlich weißes Handtuch gezogen und rasch unter meinen oder seinen gut gespülten Arsch gelegt. Vielmehr noch: unter die sich alsbald vereinenden Schwänze und Ärsche, aus lauter Furcht, dass diese Verbindung das schöne, saubere Bett – Ehebett – vollsaften könnte.

 

Es hat etwas Amerikanisches, etwas wie aus den Hochglanzpornos vor der Zeit, in der alle ihre Sexfilme selbst drehten. Vielleicht ein Bel Ami Film oder einer von den Falcon Studios. Mit rasierten Achseln, gebleachten Löchern und synchronisierten Stöhngeräuschen. Ein sexueller Perfektionismus, der auch nur geil machen kann, wenn man alles Spontane und Überraschende aus dem Sex getilgt hat, um seine saubere Erquickung daran zu finden.

 

Ohne Handtuch geht bei vielen nicht

Kurzum: ein Handtuch unter meinen Arsch zu legen, zeigt mir, dass daran etwas schmutzig ist, etwas, das nicht mit der echten Welt des sauberen Bettes in Berührung kommen soll. Also doch zurück zur Heimlichkeit? Außen bunte Homoparade, innen weiße Leinen? Es hält sich hier doch ähnlich wie mit den ewigen Spülkuren. Ja, dies ist ein Arsch und aus ihm kommt Kot. Daher wird es auch möglich sein, Kackkrümel auf Gegenständen und Körperteilen zu finden, die zuvor in diesen Arsch geschoben wurden. Aber deshalb auf Analverkehr verzichten? Nur weil man nicht gespült ist? Oder trotz PrEP nur mit Gummi? Manche sagen nun: Ja. Ich sage: bedingt. Es kommt natürlich darauf an, wie sehr man es braucht. Wie sehr man dazu bereit ist, sich schmutzig zu machen.

 

Und darum verstehe ich die piefig-saubere Handtuchpraxis am Ende doch. Nachdem ein attraktiver Sexualpartner kürzlich sein Gleitgel mitbrachte und ich das Gastgeschenk gerne – gemeinsam mit ihm – nutzte, dabei kein Handtuch unterlegt und nach dem Vollzug das Laken wusch. Die Gleitgelflecken färbten das knallig-helle Pink meiner Bettwäsche in unregelmäßigen Abständen als rundlich-ovale Flecken in dunkel-ausgewaschenes Rosa. Die Bettlaken tragen für immer die Reste dieses geilen Zusammentreffens. Eine Erinnerung an etwas aber, das doch eben nur zeitlich begrenzt sein sollte. Das so entstandene Fleckendenkmal verfehlte leider seinen Zweck, sollte es als solches eingeweiht werden; Fakt ist: ich habe ein von Gleitgel durchwirktes Bettlaken, das trotz frischesten Waschgangs schmutzig wirkt. Hätte ich doch bloß ein Handtuch unter das saftige Treiben gelegt!

 

“Sie vollführen anale Zungenküsse – um sich im nächsten Moment vor dem sichtbaren Denkmal ihrer Geilheit auf den Bettlaken zu fürchten.”

 

Es gibt sicherlich Männer, die sich als Handtuch hergeben und anstelle von diesem sich unter die schmatzenden Vorder- und Hinterorgane der Lust legen würden – mit weit geöffnetem Mund den letzten Rest der honig-salzigen Körpersäfte dankbar aufnehmend. Doch hat man nicht immer einen perversen Lusttropfenfreund zur Hand – und möchte mit dem jeweils aktuellen Partner vielleicht auch nicht über dem vor Geilheit strotzenden Gesicht eines Schlucksklaven den Verkehr vollziehen.

 

Nun braucht man auch nicht so weit gehen – weit in Anführungsstrichen natürlich – in die Gefilde der Perversion. Halten wir kurz beim ganz gewöhnlichen Arschlecken inne. Um nochmal auf mein oben Gesagtes zu kommen: Selbst die, die sich nach amerikanischen Reinlichkeitsgebräuchen schon beim Gedanken an sexuelle Handlungen vorsichtshalber eine Frotteeschürze unterlegen, lecken in aller Regelmäßigkeit genau jene Stellen, aus denen die so gefürchteten Kotbrösel durch lustvolle Betätigung zu purzeln drohen. Sie vollführen rektale Zungenküsse – um sich im nächsten Moment vor dem sichtbaren Denkmal ihrer Geilheit auf den Bettlaken zu fürchten.

 

Doch den Zungenkuss mit meinem Anus erhalte ich heutzutage meist nur, wenn ich dasselbe vor jeglichem Ausfluss mittels vielminütiger Spülorgie in Sicherheit gebracht habe. Das heißt: Spülen, bis das Wasser, das rauskommt, sauberer ist als das, was aus dem Duschschlauch in den Darm gebraust wurde. Mir wurde einmal beigebracht: bei einer schnellen Nummer reicht der kurze Spülgang, kurz rein mit dem Wasser, entleeren und rein mit dem Spaß. Allerdings habe ich damit auch schlechte, weil schmutzige Erfahrungen gemacht. Und wir wollen die weißen Handtücher ja nicht unnötig strapazieren.

 

Und so halte ich mich an den zweiten Tipp: Immer 7 Sekunden, solange es geht, mit lauwarmem Wasser spülen. Entleeren. Wiederholen, bis der Anus einem sauberen Zimmerbrunnen gleicht. Das hört sich so einfach an. Doch sollte man, solange wie Festes kommt, rechtzeitig zur Schüssel stürmen. Nicht, dass man die Kotballen noch händisch in den Abfluss drücken muss. Ja, das ist unappetitlich. Aber wer spricht darüber? Man sollte sich doch zumindest genügend Zeit nehmen und ein wenig Planung darin einfließen lassen, ob man Hindernisse wie eine Badewannenwand überqueren muss, was bei großem analem Spüldruck nicht unbedingt ohne weiteres möglich ist.

 

“Alles doppelt kompliziert auf dem schwulen Laken”

 

Und auch wenn man jeden Winkel von Bad und Darm noch so genau bedenkt, die Sorge bleibt: Wird eine Kotflocke auf die weißen Laken von RammHengst72 fallen? Noch beim Akt hege ich den Gedanken, ob auch bloß nichts danebengeht. Und bin ganz entzückt, als er mir – ein Top wie er im Buche steht – ohne je sein eigenes Laken beschmutzen zu wollen, mir sein Ding, das sich eben noch durch meine Windungen bohrte, entgegenstreckt und es glänzt, ganz fleischfarben und unbeschmutzt. Ich denke mir kurz: Nein, das nehme ich nicht in den Mund. Doch bin ich sozusagen, während sich dieser Gedanke formt, bereits oral ausgefüllt.

 

War das eigentlich schon immer so? Mussten Schwule auch vor 100 Jahren sämtliche Körperöffnungen durchspülen, um dann von ihrem Sexpartner wie auf dem Wickeltisch allerhand Tuchware unterlegt zu bekommen, damit sie bloß mit ihrem Körper samt Geilheit die Einrichtung des Gegenübers nicht beflecken? Wahrscheinlich nicht. Damals rasierte man sich auch die Achseln noch nicht. Doch die Behaarung ist ja auch wiedergekehrt – nur gesäubert und gegen den Schmutz durchkämmt. Also eher: alles doppelt kompliziert auf den schwulen Laken. Die saubere weiße Wäsche hat einen Preis. Meinem Laken in Pink hätte ein bisschen zwanghafte Reinlichkeit ganz gut getan.

Foto: Florian Hetz
Foto: Florian Hetz