Die Lederszene – Ein Ort der Sehnsucht

Fetisch ist mehr als Provokation. Ein persönlicher Auszug aus Dirk Beckers Text erzählt, wie frühe Bilder von Männlichkeit, Sehnsucht und Begehren den Weg in die schwule Lederszene geprägt haben.

Autor: Dirk Becker
Veröffentlicht am: 29.04.2026
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Geschätzte Lesedauer 4 Minuten

Inhaltsverzeichnis

Auch in schwulen und queeren Szenen werden Fetische hin und wieder argwöhnisch betrachtet: Muss dass sein? Darf man auf dem CSD seinen Fetisch zeigen? Wenig wird darüber nachgedacht, wie eigentlich Fetische entstehen und welche Bedeutung sie für die Fetischisten haben? Das Team vom Blog „Mein schwuler Sex“ ist dabei auf einen Text von Dirk Becker aufmerksam geworden, der seinen Weg in die Lederszene beschreibt.

Aufwachsen auf dem Land

Meine Kindheit verbrachte ich auf dem Land, umgeben von Kühen und viel Wald und einer sehr lebhaften Großfamilie. Schon damals war ich ein Bücherwurm und verkroch mich am liebsten mit Abenteuerromanen in eines meiner vielen Verstecke im Wald oder zur Not auf unser Baumhaus, denn mein Vater jagte mich und meine beiden Brüder immer wieder gerne aus dem Haus mit den Worten: „Raus an die frische Luft mit euch, ihr Stubenhocker, und kommt nicht vor dem Abendessen zurück!“ Um den üblichen Ballspielen mit meinen fast zwanzig Cousins geschickt aus dem Weg zu gehen, versteckte ich mich auch gern im Heuschober unserer Scheune. Hier konnte ich sicher sein, ungestört in fremde Welten voller Haudegen und Piraten – wenn auch nur zwischen zwei Buchdeckeln – eintauchen zu können.

An einem sehr heißen Sommertag im August machte ich dabei eine Entdeckung, die mein Verständnis der Welt für immer erschüttern würde: Während ich da auf Strohballen lag und las, hörte ich, wie mein Onkel – der jüngste Bruder meines Vaters und nur acht Jahre älter als ich selbst – mit zwei Kumpels die Tür zur Sattelkammer lautstark aufriss und sich bereits beim Betreten des stickigen und staubigen Raums das schweißnasse T-Shirt abstreifte. Ein dritter Freund kam in dem Moment auf seinem Indian-Motorrad angebraust und bockte die Maschine wie ein junger Marlon Brando vor dem Scheunentor auf.

Manneskraft und Muskelspiele

Meine erste Reaktion war es, mich noch tiefer hinter den Strohballen zu verstecken, doch angelockt von dem Gejohle der jungen Männer wagte ich mich vor und schaute durch die Ritze in den Holzplanken direkt auf das Geschehen unter mir. Mein Onkel hatte in der Sattelkammer eine provisorische Hantelbank aufgebaut, wo sich die Freunde wohl häufiger zum Gewichte-Heben trafen. Einer nach dem anderen legten sich die vier im Laufe der nächsten Stunde auf das abgewetzte Polster, um ihre Muskelkraft auf die Probe zu stellen, dabei feierten sie ihren sprießenden Bartwuchs genauso ausgiebig wie ihre vermeintliche Manneskraft sowie jedes sichtbare Brusthaar und jeden sich abzeichnenden Muskel.

Magische vertraute Brüderlichkeit

Joviales Protzen und anerkennendes Johlen gesellten sich zu dem omnipräsenten Grunzen beim Stemmen der Gewichte und komplettierten das magische Ritual des Kräftemessens, und ich lag da und sah den vier Männern hypnotisiert dabei zu, wie sie einander anfeuerten, während die ganze Zeit sich eine seltsame vertraute Brüderlichkeit auf das ganze Szenarium legte. Nach dem Training saßen sie dann schweißtriefend um das Motorrad herum, ließen ihre Bizepse vor den anerkennenden Augen der Freunde hüpfen, legten ihre Arme dem Nebenmann kameradschaftlich auf die Schultern, tranken dabei Bier und rauchten Zigarren, die sie meinem Großvater wohl stibitzt hatten. Völlig verwirrt und überfordert von den vielen Eindrücken machte ich mich dann heimlich aus dem Staub.

Zwei Personen in enger körperlicher Nähe hinter Metallstangen, eine Person blickt direkt in die Kamera, beide tragen schwarze Outfits
Zwei Männer in Leder | Fotoquelle: Sven Serkis

Sehnsucht: Der Weg in meine Leder-Community

Wieso ich mich nicht sofort zu erkennen gegeben und mich zu ihnen gesellt habe, ist mir noch heute schleierhaft, denn ich hatte ein sehr gutes und enges Verhältnis zu meinem jüngsten Onkel, doch eine Stimme in meinem prä-pubertierenden Hirn signalisierte mir unmissverständlich, dass niemand von den Gefühlen, die ich beim Betrachten dieses Männlichkeitsspektakels empfunden habe, erfahren durfte. Meine noch namenlose Erregung musste ja mein Geheimnis bleiben, auch wenn ich mich damals schon mit zwölf Jahren danach sehnte, in diesen virilen Kreis starker Männer aufgenommen zu werden. Es überrascht dann nicht, dass diese porno-würdige Szene später maßgebend für mein sexuelles Verlangen war und mein Begehren noch heute prägt. Erst als ich acht Jahre später die Leder- und Fetischszene entdeckt habe, wurde mir klar, endlich den Platz gefunden zu haben, den ich so lange gesucht hatte.

Auszug aus: Dirk Becker: Die Lederszene – Ein Ort der Sehnsucht. Querverlag 2021

Buchcover „Die Lederszene – Ein Ort der Sehnsucht“ von Dirk Becker
Buchcover: Dirk Becker, „Die Lederszene – Ein Ort der Sehnsucht“, Querverlag 2021. © Querverlag

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