Paragraph 175

„Vom Deutschen Reich über den Nationalsozialismus bis zur Wiedervereinigung: Der Paragraph 175 kriminalisierte homosexuelle Männer mehr als ein Jahrhundert lang. Hier erklären wir seine Geschichte und Bedeutung.“
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Inhaltsverzeichnis

Was ist Paragraph 175?

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs war über 123 Jahre lang Gesetz in Deutschland (von 1871/1872 bis 10. Juni 1994). Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und ermöglichte damit die staatliche Verfolgung schwuler und bisexueller Männer.

Im Volksmund wurden Männer, die nach diesem Gesetz verfolgt oder verurteilt wurden, oft „175er“ genannt – also nach dem Paragrafen, der ihre Liebe kriminalisierte.


Warum entstand der Paragraph 175?

Als das Deutsche Reich 1871 entstand, übernahm es aus älteren Rechtsordnungen eine Strafnorm, die als „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern definiert wurde. Damit behandelte der Staat einvernehmliche homosexuelle Beziehungen als Verbrechen.

Solche Regelungen gab es damals in vielen europäischen Ländern – sie waren Ausdruck einer weit verbreiteten Vorstellung, gleichgeschlechtliche Liebe sei „widernatürlich“ oder „unsittlich“.


Paragraph 175 im historischen Überblick

1871

Einführung des Paragraph 175

  • Einführung mit dem Strafgesetzbuch des Deutschen Reichs.
  • „Widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern wurde strafbar.
  • Homosexuelle Männer galten offiziell als Straftäter.
1871–1918

Kaiserreich

  • Der § 175 blieb unverändert bestehen.
  • Strafverfolgung war Teil staatlicher Moral- und Ordnungspolitik.
  • Reformforderungen blieben ohne Wirkung.
1918–1933

Weimarer Republik

  • Der § 175 blieb trotz gesellschaftlicher Liberalisierung bestehen.
  • Mehrere Reformversuche scheiterten.
  • Aktivist*innen forderten die Abschaffung, ohne Erfolg.
1935–1945

Nationalsozialismus und Verschärfung

  • Massive Verschärfung des § 175 unter dem NS-Regime.
  • Strafbarkeit wurde auf alle „unzüchtigen“ Handlungen zwischen Männern ausgeweitet.
  • Weite Auslegung ermöglichte systematische Verfolgung.
  • Verhaftungen, Haftstrafen und Deportationen in Konzentrationslager.
  • Kennzeichnung der Betroffenen mit dem rosa Winkel.
1945–1949

Nachkriegszeit

  • Der § 175 blieb weiterhin gültig.
  • Die NS-Verschärfung wurde nicht aufgehoben.
  • Verfolgung homosexueller Männer setzte sich fort.
1950er–1968

Entwicklung in der DDR

  • Der § 175 wurde in den 1950er Jahren kaum noch angewendet.
  • 1968 weitgehende Streichung aus dem Strafrecht.
  • Nur sexuelle Handlungen mit Jugendlichen blieben reguliert.
1949–1969

Bundesrepublik Deutschland

  • Die verschärfte NS-Fassung blieb bestehen.
  • Einvernehmlicher Sex zwischen Männern blieb strafbar.
  • Zehntausende Ermittlungsverfahren und Verurteilungen.
1969

Erste Reform

  • Teilweise Entkriminalisierung in der BRD.
  • Straffreiheit nur ab 21 Jahren.
  • Weiterhin rechtliche Ungleichbehandlung.
1973

Weitere Lockerung des Paragraph 175

  • Absenkung des Schutzalters auf 18 Jahre.
  • Annäherung an heterosexuelle Altersgrenzen.
  • § 175 blieb dennoch bestehen.
1994

Endgültige Abschaffung des Paragraph 175

  • Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch.
  • Ende einer über 120 Jahre bestehenden Sonderstrafnorm.
ab 2002

Aufarbeitung und Rehabilitierung

  • Juristische Rehabilitierung der Verurteilten begann.
  • Anerkennung staatlichen Unrechts.
  • Erinnerung bleibt Teil queerer Geschichte.

Gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung

  • § 175 war nicht nur ein juristisches Gesetz, sondern zentraler Ausdruck gesellschaftlicher Homophobie in Deutschland über viele Generationen.
  • Er prägte das Leben und die Freiheit schwuler Männer massiv: von Diskriminierung über Stigmatisierung bis zu Gefängnis und Verfolgung.

Der Begriff „175er“ und der lange Kampf gegen diese Norm stehen deshalb nicht nur für rechtliche Unterdrückung, sondern auch für den langwierigen politischen und gesellschaftlichen Kampf um Anerkennung, Sichtbarkeit und Menschenrechte homosexueller Menschen in Deutschland.


Häufige Fragen zum Paragraph 175

Der Paragraph 175 gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Rechtsgeschichte. Hier beantworten wir zentrale Fragen zum Gesetz, seiner Anwendung und seiner Bedeutung bis heute.

Was war der Paragraph 175?

Der Paragraph 175 war ein Abschnitt im deutschen Strafgesetzbuch, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Er galt von 1871 bis 1994 und kriminalisierte homosexuelle Männer über mehr als ein Jahrhundert.

Warum wurde der Paragraph 175 eingeführt?

Der Paragraph 175 wurde 1871 im Deutschen Reich eingeführt. Er beruhte auf moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Zeit, die gleichgeschlechtliche Liebe als „widernatürlich“ oder „unsittlich“ betrachteten.

Wie wurde der Paragraph 175 im Nationalsozialismus angewendet?

Unter dem NS-Regime wurde der Paragraph 175 1935 massiv verschärft. Die Strafbarkeit wurde ausgeweitet, sodass bereits geringste Handlungen verfolgt werden konnten. Zehntausende Männer wurden verhaftet, verurteilt oder in Konzentrationslager deportiert.

Galt der Paragraph 175 nach 1945 weiter?

Ja. Nach dem Ende des Nationalsozialismus blieb der Paragraph 175 in beiden deutschen Staaten zunächst bestehen. Während er in der DDR später weitgehend abgeschafft wurde, galt in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit sogar die verschärfte NS-Fassung weiter.

Wurden die Betroffenen rehabilitiert?

Die juristische Rehabilitierung der nach Paragraph 175 verurteilten Männer begann erst ab 2002. Eine umfassende Anerkennung des erlittenen Unrechts erfolgte damit sehr spät.

Warum ist der Paragraph 175 heute noch relevant?

Der Paragraph 175 steht symbolisch für staatliche Diskriminierung und Verfolgung queerer Menschen. Seine Geschichte zeigt, wie Gesetze Menschenrechte verletzen können – und warum rechtliche Gleichstellung und Erinnerung so wichtig sind.

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