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  • Bi+ Vorurteile und Stereotype

    Bi+ Vorurteile und Stereotype

    Interview mit Antonio Sarcevic zu Vorurteilen und Stereotypen Bi+

    Im Gespräch über Erfahrungen, Perspektiven und Themen, die bewegen.

    Fragen von
    IWWIT IW
    Antworten von
    Antonio Sarcevic AS

    Bi Erasure und der Mythos von der Phase

    IW IWWIT

    Welches Vorurteil über Bi+ hörst du am häufigsten – und was möchtest du darauf antworten?

    AS Antonio Sarcevic

    Das häufigste Vorurteil ist meiner Meinung, dass es nicht-monosexuelle Menschen gar nicht gäbe. Die häufigste Form von bi erasure, also dem Ignorieren bis aktiven Verleugnen von Bi+Identitäten, ist die Annahme, dass bisexuelle Männer eigentlich schwul seien und bisexuelle Frauen eigentlich heterosexuell. Es wird dann oft behauptet Bi+ Menschen „wollen nur Aufmerksamkeit“ oder „haben sich noch nicht entschieden“ oder seien „verwirrt von ihren Gefühlen“. Natürlich soll sich diese angebliche „eigentliche“ Attraktion zufälligerweise exklusiv auf Männer richten.
    Leute mit diesem Gedankengut nehmen sich heraus, uns besser zu verstehen als wir uns selbst. Es kommt sicherlich vor, dass es schwule Männer gibt, die sich zeitweise als bisexuell identifiziert haben. Ebenso dürfen und werden auch heterosexuelle Frauen ihre Sexualität hinterfragen. Ich bin auch der Meinung, jede Person sollte mal wagen, ihre eigene Identität zu hinterfragen. Bi erasure ist allerdings nie gerechtfertigt, egal wie oft fälschliche Annahmen bestätigt werden.
    Die Natur der Bisexualität ist, dass sie fluide ist, und das ist ja auch das Schöne. Sie erlaubt diese Übergänge und Schattierungen zwischen verschiedenen sexuellen Identitäten. Jedoch sollte nie von einzelnen Personen auf eine Gruppe geschlossen werden. Es gibt eine Vielzahl an diversen bisexuellen Lebenserfahrungen. Viele Bi+ Menschen mit einer stabilen sexuellen Identität sind höchstens davon verwirrt, wieso ständig ihre Existenz hinterfragt wird.

    IW IWWIT

    Warum hält sich der Mythos, Bi+ sei nur eine „Phase“ oder ein „Experiment“ und man müsse sich irgendwann für ein Geschlecht entscheiden?

    AS Antonio Sarcevic

    Das hängt in meinen Augen, neben biphoben Vorurteilen und der oben beschriebenen bi erasure, auch damit zusammen, dass monogame und romantische Beziehungen gesellschaftlich auf ein Podest gestellt werden. Angeblich suchen alle Menschen nur die einzig wahre und ewige Liebe, möchte heiraten und eine atomare Familie gründen. Innerhalb dieser Norm wirkt die Wahl einer Partnerperson wie die Entscheidung für ein Geschlecht, schließlich soll die Beziehung ja ewig halten. Konzepte wie Polyamorie, also die Fähigkeit mehrere Menschen gleichzeitig ehrlich zu lieben, diverse Lebens- und Familienkonzepte oder aromantische und asexuelle Identitäten haben es noch sehr schwer mit der Akzeptanz in der Gesellschaft.
    Wichtig ist natürlich anzuerkennen, dass Bi+ nicht gleich Polyamorie ist: Es gibt polyamore Menschen die monosexuell sind und es gibt pansexuelle Menschen die eine monogame Beziehung wollen. Es gibt auch polysexuelle aromantische Menschen und biromantische asexuelle Menschen. Queerness ist so wunderbar facettenreich und es gibt viele verschiedene Überscheidungen von verschiedenen Identitäten.
    Und selbst wenn es für manche Menschen eine Phase sein sollte: Ist das nicht völlig in Ordnung? Ich glaube, für die allermeisten ist es das dennoch nicht. Obwohl die verschiedenen Anziehungen fluide sind, kann die bisexuelle Identität stabil sein. Und was ist schlimm daran, wenn sich Menschen ausprobieren und experimentieren wollen? Solange nicht böswillig mit Gefühlen gespielt wird und jede Person ihren Konsens gibt, ist das in meinen Augen einfach nur schön!

    Coming-out, Selbstwert und Identität

    IW IWWIT

    Welche Auswirkungen haben solche Klischees auf das Coming-out und das Selbstwertgefühl?

    AS Antonio Sarcevic

    Sehr häufig wird gefragt, zu welchem Geschlecht denn jetzt die Anziehung am größten sei – das fühlt sich so an, als würde man doch in eine Kiste gestopft werden. Bisexuelle Menschen sind nicht jeweils zu 40/60 oder 80/20 Prozent homo und hetero, sondern 100 % bisexuell. Ja, viele bisexuelle Menschen haben Präferenzen, jedoch löscht diese „stärkere“ Anziehung nicht „schwächere“ Anziehung in andere Richtungen aus. Viele Menschen erleben ihre Sexualität und Anziehungen auch in Zyklen, dem sogenannten bi-cycle. Für viele ist es fluide, für viele andere ist das Geschlecht größtenteils bis komplett irrelevant für die sexuelle oder romantische Anziehung. Ich glaube, für die meisten Menschen, ob Bi+ oder nicht, ist die charakterliche Chemie das Allerwichtigste für eine langfristige Beziehung.

    IW IWWIT

    Was bedeutet Bi+ für dich persönlich – abseits von Klischees und Schubladen?

    AS Antonio Sarcevic

    Bi+ zu sein, bedeutet für mich, frei und ehrlich zu sein. Nach langer harter Arbeit an dem Verständnis und der Akzeptanz für mich selbst darf ich Gefühle und Anziehung endlich authentisch erleben und kann Menschen unabhängig vom Geschlecht betrachten und wertschätzen, als ganzer Mensch. Das hat mir auch extrem geholfen, um meine Geschlechtsidentität zu hinterfragen und zu formen. Ich verstehe außerdem als bisexuelle Person besser die Zwischenstufen und Zusammenhänge von Privilegien und Unterdrückung. Das hilft mir, Solidarität mit anderen zu fühlen.

    Verstanden und angenommen werden

    IW IWWIT

    Wie gehst du mit Aussagen wie „Du bist doch eigentlich schwul/hetero“ um?

    AS Antonio Sarcevic

    Tatsächlich höre ist das nicht viel in meinem Alltag. Ich erlebe Biphobie und bi erasure primär im Internet oder in anderen Medien und dort nicht direkt gegen mich als Person gerichtet. Dadurch, dass aktuell meine engste Beziehung mit einer Frau ist, werde ich wahrscheinlich primär als hetero gelesen. Darüber wird dann natürlich selten gesprochen, weil es ja „der Regel“ entspricht.
    Wenn ich mich oute, in einem Umfeld, in dem ich mich wohl genug fühle, stoße ich in den meisten Fällen auf Verständnis oder ehrliche Neugier. Ich glaube, lediglich meine Eltern haben es immer noch nicht so richtig verstanden und verarbeitet, aber mit denen spreche ich darüber nicht weiter. Dennoch war ich froh, mich irgendwann auch bei ihnen geoutet zu haben, um nicht mehr das Gefühl zu haben, einen Teil von mir selbst zu leugnen.

    IW IWWIT

    Was wünschen sich Bi+ Menschen von Freund*innen, Familie und Partner*innen?

    AS Antonio Sarcevic

    Das Wichtigste sind Akzeptanz und tatsächlich als Bi+ verstanden zu werden. Informiert euch und zeigt aktiv, dass ihr diese Identität ernst nehmt. Wenn Menschen ihre sexuelle Identität hinterfragen, dann drängt sie nicht in irgendwelche Richtungen, sondern akzeptiert den Zustand des Hinterfragens als solchen.
    Die eigene Identität zu hinterfragen, ist eine intensive Arbeit. Es ist grundsätzlich notwendig, sich ständig zu reflektieren, um sein authentisches Ich zu finden und besser zu verstehen, auch wenn dabei kein neues Label gefunden wird. In diesem Prozess habe ich mir, so wie bestimmt viele andere, einfach gewünscht, emotional gehalten zu werden.

    Mehr Bi+ Sichtbarkeit

    IW IWWIT

    Welche Missverständnisse begegnen dir besonders häufig beim Dating?

    AS Antonio Sarcevic

    Ich habe tatsächlich in meinem Leben wenig gedatet. Meine aktuelle Beziehung habe ich beim Job kennengelernt. In der recht kurzen Zeit, in der ich gedatet habe, sind Missverständnisse eher daraus entstanden, dass ich polyamor bin, und parallel schon in einer romantischen Beziehung war.

    IW IWWIT

    Wie erlebst du Sichtbarkeit als Bi+ Person – gibt es genug positive Vorbilder?

    AS Antonio Sarcevic

    Wie gesagt, ist bi erasure ein großes Thema, daher ist die Sichtbarkeit für Bi+ Personen extrem limitiert. Ich bin dankbar über jedes Fünkchen Repräsentation, das wir in den Medien bekommen. Mir kommen da z. B. Nick Nelson aus Heartstopper, Rosa Diaz aus Brooklyn Nine-Nine oder die Serien Fleabag und Sense8 in den Sinn. Gesellschaftlich gibt es jedoch definitiv noch Luft nach oben.
    Es wird immer angenommen, dass Menschen die „passende“ Sexualität zu ihrer romantischen Beziehung haben. Es hilft auch nicht, wenn Bi+ Charaktere oder Prominente als monosexuell umgedichtet werden. Zum Beispiel ist Brokeback Mountain kein „gay cowboy movie“, sondern offensichtlich ein bisexual shepard movie! Freddie Mercury hat sich zwar nie gelabelt, aber öffentlich mehrere Geschlechter gedated, jedoch wird im Film Bohemian Rapsody ein schwuler Mann gezeichnet, dessen Queerness für seinen Untergang gesorgt habe.
    Ich wünsche mir, das Biphobie und bi erasure aufgearbeitet werden. Ich wünsche mir, dass mehr Personen in der Öffentlichkeit ein Bi+Label tragen und sich für Sichtbarkeit einsetzen, und dass wir mehr Geschichten bekommen, welche diverse bisexuellen Erfahrungen erkunden.

    Bi+ ohne starre Grenzen

    IW IWWIT

    Welchen Satz über Bi+ würdest du am liebsten nie wieder hören?

    AS Antonio Sarcevic

    Ich kann es nicht mehr hören, vor allem wenn es von anderen queeren Menschen kommt, dass bisexuelle Menschen angeblich „nur auf Männer und Frauen“ stehen würden. Im schlimmsten Fall wird noch dazu gesagt, dass sie „nur auf cis Männer und Frauen“ stehen.
    Bisexuelle sind in der Regel nicht besessen von der patriarchal geprägten binären Geschlechterordnung. Das „bi“ in bisexuell steht nicht für „die zwei Geschlechter“, sondern für das, was außerhalb der binären bzw. monosexuellen Orientierungen homo und hetero stattfindet. Das Bisexual Manifesto, das 1990 in der US amerikanischen Bi+ aktivistischen Zeitschrift Anything That Moves abgedruckt wurde, und vorher bereits verbreitet wurde, sagte damals schon explizit: „Do not assume that bisexuality is binary or dougamous in nature; that we must have ,two’ sides or that we MUST be involved simultaneously with both genders to be fulfilled human beings. In fact, don’t assume that there are only two genders.“
    (Auf deutsch: „Gehe nicht davon aus, dass Bisexualität binär oder eine Dichotomie ist, dass wir ‚zwei‘ Seiten haben müssen oder dass wir uns gleichzeitig mit beiden Geschlechtern einlassen MÜSSEN, um erfüllte Menschen zu sein. Gehe tatsächlich nicht davon aus, dass es nur zwei Geschlechter gibt.“).
    Ja, es gibt einzelne transphobe bisexuelle Menschen, aber das Problem ist eben deren Transphobie, nicht deren Bisexualität.

    IW IWWIT

    Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade ihre Bi- oder Pansexualität entdecken?

    AS Antonio Sarcevic

    Erst einmal: Ich bin unendlich stolz auf euch, dass ihr es wagt, die Identität, die euch zugeordnet wurde, zu hinterfragen. Egal wo ihr am Ende landet, werdet ihr – wenn ihr da ehrlich herangeht –durch die innere Arbeit näher zu euch selbst finden. Bitte lasst euch nicht durch Labels und die damit verknüpften Stereotype verunsichern. Labels sind da, um zu beschreiben, statt vorzuschreiben. Tragt also ein Label, das euch befreit, statt euch einzuengen. Egal, wie spezifisch oder vage es erscheinen mag, oder ob es für andere Sinn ergibt: Es soll zu euch passen.
    Ihr müsst auch gar kein Label tragen oder könnt einfach im hinterfragenden Zustand bleiben, wenn ihr euch damit wohlfühlt. „Questioning“ kann auch eine stabile Identität sein. Es gibt nicht den einen Weg, Bi+ zu sein. Es gibt nicht den einen Weg, queer zu sein. Identität ist nun mal etwas extrem Individuelles. Du bist valide, egal wie fest deine Identität ist. Du verdienst, dass Leute dir glauben, dass du am besten weißt, wer du bist. Bisexualität ist immer für alle offen, die ihre Fluidität zulassen und erkunden wollen – egal ob als Zwischenstopp oder Ziellinie, solange ihr euch nur selbst treu bleibt.

  • Selbstbewusst Bi+

    Selbstbewusst Bi+

    Mich gibt es seit 1968, geboren und aufgewachsen in einer Landeshauptstadt im Süden der Republik. Meine Kindheit war für die damaligen Verhältnisse normal. Queerness war kein Thema und „schwul“ war ein Schimpfwort, wobei eigentlich niemand so recht wusste, warum. Mit der beginnenden Pubertät, war bei mir schon früh erkennbar, zumindest für mich, dass sich meine sexuelle Identität nicht in einer geraden Bahn bewegt und das durchaus abseits der „normalen“ Handlungen wie Gruppenmasturbation im Skischullandheim. Hier nun der große Disclaimer für alles Weitere, was sich bei mir ereignen sollte …

    Mein Geburtstag ist im August, ganz knapp nach dem sogenannten Stichtag, der für den Kindergarteneintritt und vor allem dem Schuleintritt festgesetzt wurde. Ich weiß nicht, ob es sowas heute noch gibt, aber damals wurde quasi festgelegt, dass ich immer ein Jahr älter war als meine Mitkinder bzw. Mitschüler*innen. Nach einer „Ehrenrunde“ in der 9. Klasse im Gymnasium – was zu diesem Zeitpunkt auf mind. 40 % meiner Mitschüler*innen zutraf und ziemlich normal war – wurde es noch krasser. Ich war also in den heißen Jahren meiner sexuellen Emanzipation, einer der ersten mit einem Mofa, einer „80er“, und schließlich einem Auto.

    Neben diesen Assets war ich auch noch größer, breiter und stärker, was unweigerlich zu mehr Selbstbewusstsein führte. Wären wir in einer amerikanischen Highschool-Komödie gewesen, wäre ich immer bei den „angesagten“ Leuten gewesen. Mit anderen Worten, ich hatte einen großen, stabilen Freundeskreis und aufgrund meiner latenten Homosexualität auch einen großen Kreis an Freundinnen, wobei beides streng im platonischen Sinne zu verstehen ist.

    Fotoshooting Serkis zu der Kampagne Biconic | Sven Serkis

    Mein Elternhaus würde man heute wohl „supportive“ nennen, da mein gelegentliches Kokettieren mit Homosexualität und „schwulen“ Stereotypen meine Eltern in keinster Weise aus der Fassung brachte. Mein Vater war zwar sehr konservativ, dennoch kann ich mich an eine harsche Schelte erinnern, als ich mit vielleicht 11 Jahren mal wieder das Wort „schwul“ Synonym abfällig gebrauchte und er mir erklärte, dass ich das lassen solle, um Schwule nicht abzuwerten. Das waren zwar nicht seine Worte, aber sinngemäß seine Aussage. Erst viele Jahre später, als mein Vater bereits verstorben war, habe ich die Progressivität dieser Rüge verstanden und bin im Nachhinein beeindruckt. Mein Vater hatte privat und beruflich einige homosexuelle Bekannte, was für ihn nie ein Thema war. Dennoch weiß ich noch, wie es ihn beschäftigte, wer bei einem schwulen oder lesbischen Paar jetzt „die Frau“ und wer „der Mann“ sei.  Es war eben eine andere Zeit. Als queer-aktivistisch geprägter junger Erwachsener wollte ich ihm einmal bei einem solchen Rätselraten die Welt erklären, da hat er mir leicht empört entgegnet, dass er durchaus Bescheid wisse, trotzdem spekulieren könne. Da er das nie öffentlich, sondern immer nur im kleinsten Kreis machte, kann ich das auch akzeptieren.

    Meine Mutter hingegen beließ es beim nicht ganz ernstgemeinten Lamento über eventuell fehlende Enkelkinder. Sie hatte eine Anekdote, wonach ihr eine Mitschülerin im Mädcheninternat in der Schweiz Avancen gemacht habe, sie aber relativ schnell – wir wissen es bis heute nicht, auf welchem Weg – erkannte, dass sie durch und durch hetero sei.

    Alles in Allem muss man auch konstatieren, dass ich ein typischer Vertreter der Generation X bin. Unsere Eltern hatten Wichtigeres zu tun, als um uns herumzutanzen. Es galt den erwirtschafteten Wohlstand zu sichern und da mussten die Kinder auch mal alleine zurechtkommen.

    Nein, „supportive“ waren meine Eltern nicht. Aber es stand uns auch niemand bei der Entwicklung nennenswert im Weg und ein mildes Desinteresse ist auch fast eine Form der Akzeptanz. Wir wurden auch nicht groß aufgeklärt. Aber dafür bekamen wir genug Taschengeld,  von dem wir die BRAVO kaufen und ohne Widerrede lesen durften.

    Ich war nicht schwul. Dazu hatte ich zu viel Liebe und Spaß mit Mädchen. Ich hatte tolle sexuelle Erfahrungen mit Jungs und vielleicht hätte sich aus der einen oder anderen Geschichte auch mehr als Sex ergeben. Aber dazu war die Zeit noch nicht da. Nicht, weil es nicht möglich gewesen wäre. Aber die Heterokiste war die Norm und somit auch am unkompliziertesten verfügbar. Für anderes fehlte damit die Zeit.

    Trotz aller Sexpositivität und alternativen Beziehungsformen, denen ich mittlerweile theoretisch wie auch praktisch zugeneigt bin, ist auch heute noch für die breite Masse, das Festhalten an der monogamen Beziehung immer noch die Norm. Und damals war ich ausgesprochen, zumindest „seriell“, monogam.

    Mein „erstes Mal“ war großartig und spektakulär mit einer Frau, kurz vor ihrer Hochzeit. Mit 14 Jahren schnappte ich den Begriff „bisexuell“ auf. Ich weiß leider nicht mehr woher. Da hatte ich mein Label gefunden. Ich fand es damals und noch heute einfach klasse, mich selbstbewusst so zu bezeichnen. Deshalb kann ich seit sehr langer Zeit nachvollziehen, warum Label für viele Menschen eine Befreiung sein können, zusammen mit dem Wissen, dass man nicht allein auf der Welt ist. Mit anderen Worten, es lebe die Schublade! Vor allem weil man eine Schublade jederzeit öffnen und wieder verlassen kann, das nennt man dann Fluidität und ist aus meiner Sicht etwas Wunderbares.

    Ansonsten spielte sich meine Jugend nicht explizit in der queeren Szene ab, von gelegentlichen Besuchen einschlägiger Lokale mit dem Freund*innenkreis und dem regelmäßigen Besuch der „Rocky Horror Picture Show“ mit Crossdressing. Wir waren auch durch die Bank weg Heavy-Metal-Fans und unsere Lieblingsecken dementsprechend nicht unbedingt kompatibel zu queeren Szenegängern.

    Auch als Wehrpflichtiger beim Bund war ich eher offensiv, was meine sexuelle Orientierung anbelangte. Dies trug wahrscheinlich dazu bei, dass sich ein Kamerad als schwul outete. Natürlich gab es dort sehr konservative Menschen als Kameraden und Vorgesetzte. Aber ich kann mich im Nachhinein an keinen queerfeindlichen Vorfall erinnern, abgesehen von dummen Sprüchen aus Unkenntnis, denen aber meistens begegnet wurde.

    1991 bin ich dann zum Studium nach Berlin und war quasi vom ersten Moment an in einer queeren Bubble. 1992 war mein erster CSD. Die Jahre waren der Höhepunkt der Aidskrise und somit auch bei meinen Freund*innen sehr präsent. Eine Freundin war Angestellte einer Schwerpunktapotheke im Motzstraßenkiez, wo sie auch wohnte. Wir gingen oft zu ihr und in die einschlägigen Lokalitäten.

    Ich war nicht schwul, bezeichnete mich als bisexuell, wann immer es angebracht war. Sex in diesen Zeiten war schwierig, HIV belastete alles. Dennoch fühlte ich mich in dieser Hinsicht unter schwulen Männern sicherer als in der Heterogesellschaft, weil das Bewusstsein viel ausgeprägter war. Wenn man wöchentlich damit konfrontiert ist, wer positiv, wer im Endstadium von Aids und wer verstorben ist, dann ist man maximal sensibilisiert. Da ich damals noch weitgehend Monogamie als erstrebenswerte Norm annahm, hielt ich mich für sicherer als andere.

    Natürlich kenne ich die Anfeindungen jener Zeit, die Bi+ Personen zu „Virenschleudern“ erklärten und sie bezichtigten, HIV in die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft zu tragen, nur zu gut. Aber ich habe nie darunter gelitten und dank meiner Erfahrungen und Beziehungen in die queere Community, konnte ich diesen Diskussionen immer gut informiert und selbstsicher begegnen.

    Ich hatte einen Führerschein und ein Auto, schon damals in Berlin etwas Besonderes, was mich für gewisse Botengänge oder Ähnliches prädestinierte. Ich habe ab und an HIV-Patienten zum Arzt gefahren, Utensilien für eine Beerdigung transportiert oder bei Haushaltsaufzulösungen geholfen. Hier bekam ich auch die ersten Einblicke in die Abläufe queerer Organisationen, allen voran der Berliner Aids-Hilfe. Das waren eher unregelmäßige Freundschaftsdienste als echter Aktivismus.

    Beim CSD war mir Sichtbarkeit immer besonders wichtig – auch ohne Fummel und Glitzer. Einmal war ich sogar im Fernsehen zu sehen, als ich bei einem Schwenk über die Demo, zufällig vor der Kamera stand. Ich war stolz wie Bolle. Leider war Fernsehen noch linear und ich konnte meinen Freund*innen und der Familie davon nur erzählen.

    In meinen Beziehungen war meine Bisexualität immer bekannt. Glücklicherweise entwickelten sich daraus nie Dramen. Viele Beziehungen zwischen Bi+ Personen und hetero Personen scheitern auch heute noch an dem Stereotyp, wegen dem der Bi+ Person sexuelle Unersättlichkeit unterstellt, wenn nicht sogar vorgeworfen wird. Das war bei mir zum Glück nie der Fall.

    Nach dem Abschluss meines Studiums 1998 zog ich aus beruflichen Gründen für gut zwei Jahre wieder nach Süddeutschland, diesmal wirklich in die Provinz. Auch dort kommunizierte ich meine Sexualität offensiv und selbstbewusst. Natürlich stellte ich mich nicht mit „Guten Tag, ich heiße Thilo und bin bisexuell.“ vor, aber ich nutzte jede günstige Gelegenheit. Meist war ich bei einer unqualifizierten Äußerung mit einem „Hör mal, das geht gar nicht!“ zur Stelle. Und wenn dann die Frage aufkam, woher ich das wüsste, war meine Antwort, „Weil es mich betrifft“ oder „Weil es um mich geht“. Ich kann mich an keine schlechte Reaktion auf so eine Ansage erinnern. Aber natürlich hatte ich auch hier sehr viel Glück. Ich war Familienangehöriger meines Arbeitgebers und wir hatten gesellschaftlich eine besondere Stellung im Dorf. Das kann ein Fluch oder ein Segen sein. Bei mir war es glücklicherweise ein Segen.

    Das hat mich auch geprägt. Ich habe seither öfter den Job gewechselt und war überall vom ersten Moment an geoutet. Ich habe mein Engagement für die queere Community immer direkt im Bewerbungsgespräch erwähnt. Und eventuell war es ab und zu ein Grund, mich nicht zu nehmen, aber das ist aus meiner zugegeben privilegierten Sicht auch kein Nachteil. Wer will schon in einem biphoben Laden arbeiten?

    2011 habe ich meine heutige Ehefrau kennengelernt. 2012 haben wir vom offenen bisexuellen Treffen im Sonntags-Club gehört. Im Januar 2013 haben wir zum ersten Mal an diesem Treffen teilgenommen und waren direkt mit einem Stand beim Motzstraßenfest, welches aus diesem Treffen heraus organisiert wurde. 2016 haben meine Frau und ich geheiratet. 2018 wurde BiBerlin e.V. aus dem Sonntags-Club-Treffen heraus gegründet. Und 2024 haben wir die erste geförderte Fachstelle Bi+ in Europa, in Trägerschaft von BiBerlin e.V. ins Leben gerufen.

    Meine Geschichte ist eine besondere, weil ich in meiner persönlichen Entwicklung viele Freiheiten, viel Unterstützung und auch sehr viel Glück hatte. Vielleicht verkläre ich im persönlichen Rückblick einige Aspekte und manche Erinnerungen sind daher schöner als die damalige Realität. Glücklicherweise hatte ich die Stärke und das Selbstbewusstsein, mich durchsetzen zu können. Aber ohne eine Gemeinschaft, eine Community, ohne die Menschen, die mich begleitet haben, hätte es auch ganz anders kommen können. Ich bin Fußballfan und daher zählt für mich, dass keine*r größer ist als das Team oder der Verein. Aber jede*r muss einen Teil dazu beitragen, dass es so bleibt.

  • Mein Weg zu Bi+

    Mein Weg zu Bi+

    Es war eine gelungene und völlig überfüllte Party, zu der wir beide eingeladen hatten. Nun sind wir in dem Chaos alleine geblieben und liegen dösend auf einer Matratze mitten im Raum. Der Tag hat bereits begonnen. Ein neues Jahr! Er ist wunderschön mit seinen langen blonden Haaren und seinem zarten Gesicht. Kein Wunder, dass ihn viele umschwärmen. Ich genieße die viele gemeinsame Zeit und die Aktivitäten mit ihm.

    Als er mich plötzlich berührt, kommt es völlig überraschend. Ich habe gedacht, er schläft. Ein Moment, der sich öffnet wie eine Tür. Ich drehe mich zu ihm, aber meine Augen bleiben geschlossen. Auch er tut so, als wäre es eine zufällige Berührung im Schlaf. So denke ich. Wir reiben zärtlich unsere Körper aneinander. Irgendwann schlafen wir ein.

    Beim Milchkaffee macht er eine nette Bemerkung. Aber wir reden über anderes. Zum Abschied gebe ich ihn einen kurzen Kuss. Noch lange habe ich gehofft, dass wir wieder zärtlich werden. Manchmal haben wir zusammen nackt im Bett gelegen. Aber meine Annäherungen wurden nicht erwidert. Ich glaube, er hat sich nicht mehr getraut. Der Moment war vergangen.

    Es war mein erstes zärtliches und romantisches Erlebnis mit einem Mann. Es war eine aufregende Zeit. Wir waren jung.

    Manchmal blicke ich mit einem Lächeln zurück. Männer und Frauen sind in mein Leben getreten und wieder gegangen. Aber dieser eine Moment bleibt mir immer in Erinnerung. Vielleicht war es Liebe. So unerfüllt, aber dennoch schön.

    Fotoshooting Serkis zu der Kampagne Biconic | Sven Serkis

    Einige Jahre zurück.

    Leicht tragen mich meine Füße. Sie scheinen zu schweben. Ich bin auf dem Weg nach Hause, umschlungen von einem Gefühl der Bestätigung und der Befreiung. Mein erstes Bi+Meetup.

    Mitten im Sommer war ich eher zufällig auf dem CSD neben dieser riesengroßen Fahne in den Farben Pink, Lila und Blau gelaufen. Viele mussten diese Fahne halten. Nach einer Weile wurde ich gefragt. Ich nahm mir ein Stück und ließ es bis zum Ende nicht mehr los. Wir haben sie dann zusammengefaltet: „Komm doch zum Treffen!“

    Einige bekannte Gesichter, als ich zum Bi+Stammtisch erschien. Heute hoste ich Bi+Meetups, und ich frage andere, wie aufregend der erste Besuch war. Die vielen Gespräche über die Jahre sind mein treuer Begleiter. Hier kann ich mich auch feminin kleiden, wie ich es immer wollte, aber nicht getraut habe.

    Heute freue ich mich, wenn neue Gesichter auf den Meetups erscheinen. Ich hoffe dieser Safer Space kann ihnen helfen. Auch außerhalb versuche ich heute so zu sein, wie ich es immer sein wollte. Selbstbewusst und stark.

    Neulich stellte sich ein neuer Kollege vor: „Ich bin sowieso, mache dies und das, und ich bin heterosexuell.“ Nein, ist tatsächlich nie passiert. Wäre aber ein guter Einstieg in ein Gespräch gewesen. „Seit wann? Wie hast du es bemerkt?“

    Coming-out, kompliziert, kein Must-have und auch kein Gütesiegel!

    Aber wann hattest du dein Coming-out? „Zu unterschiedlichsten Gelegenheiten“, würde ich antworten. In einer diversen Gesellschaft – so frei ich sie mir wünsche – gehe ich einfach vom „Schlimmsten“ aus: Mein Gegenüber ist anders als ich selbst. Sichtbarkeit ist wichtig und hilft gegen Vorurteile! Ein Coming-out kann auch andere dazu bewegen sich zu outen.

    Und so wichtig der sichtbare Protest und Widerstand in der Christopher Street, im Stonewall Inn 1969 und später war, so unverändert, aber dennoch anders ist die Situation heute.

    Und wer mich fragen will, kann mich gerne fragen. Es gibt die vielen Antworten. Weil wir alle anders sind.

    „Meine Ärztin sagt, ich muss mich in letzter Zeit angesteckt haben, und ungeschützten Sex hatte ich da nur mit dir“, schrieb ich in den Chat. „Und du solltest dich unbedingt darauf testen lassen“, ergänzte ich. Ich hätte auch angerufen, aber wir hatten schon einige Wochen keinen Kontakt. Und ich wollte ganz sachlich und ohne Schuldzuweisung die Sache ansprechen.

    Na gut, die letzten Male war ich genervt von seinen Drogenexzessen. Beim Ausgehen kam er erst in Fahrt, wenn wir anderen schon angetrunken nach Hause wollten. Und dann im Bett umso geiler. Vielleicht ging es ja auch darum. Nur war ich dann eigentlich nicht in Stimmung, auch wenn sich sein Po sehr schön anfühlte, den er mir entgegenstreckte. Und da ich gerade noch so konnte, ist es dann mal wieder passiert. Ohne Kondom.

    Das fühlte sich auch OK an, weil wir doch schon ein längeres Verhältnis hatten und ich ihm vertraute.

    Darüber geredet haben wir nie. Auch war es keine richtige Beziehung. Zumindest keine ausgesprochene. Ich habe ihn dann mal zufällig wieder getroffen. Gesund sah er nicht aus. Vielleicht waren es auch die Drogen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das nicht besser handeln kann. Da kann ich nur von Glück sprechen, dass es bis auf das eine Mal gut gegangen ist. Nun ist alles – zumindest bei mir – wieder gut. Ich weiß nur nicht, ob ich diese Lektion wirklich gelernt habe.

  • Team Youthwork der Aidshilfe Hamburg: engagiert für queere Bildung

    Team Youthwork der Aidshilfe Hamburg: engagiert für queere Bildung

    In der Aidshilfe Hamburg kümmert sich das Team Youthwork um die Aufklärungsarbeit für Jugendliche. Schwerpunktmäßig geben wir drei- bis vierstündige Schulworkshops zu sexueller Gesundheit und queerer Bildung, begleiten aber auch als Kooperationspartnerin Messen, Festivals und Partys mit Infoständen und bieten niedrigschwelligen Zugang zu kostenlosen Safer Sex Produkten. Das Team setzt sich zusammen aus Bundesfreiwilligen, Praktikantinnen, dualen Studierenden, ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und einer hauptamtlichen Person, welche das Team anleitet. Ich selbst bin 2024 als Bundesfreiwillige in die Abteilung eingestiegen und befinde mich aktuell seit ca. eineinhalb Jahr als duale Studentin in einer Art Assistenz-Rolle für die Abteilungsleitung. In dieser Position führe ich eigene Projekte durch, unter anderem das weiter unten näher vorgestellte Interview-Projekt für unsere queere Bildungsarbeit.

    Als Team ist uns ein niedrigschwelliger Zugang für Jugendliche zu einer vielfältigen sexuellen Bildung seht wichtig. Vielleicht weil viele von uns die Erfahrung an eine Schulzeit und Jugend teilen, die rückblickend mehr Aufklärung, mehr Vorbilder, mehr „Dasein“ von queeren Themen verdient hätte. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu verstehen, wenn die Worte fehlen. Sich selbst zu akzeptieren, wenn über die eigene Identität nicht gesprochen wird, oder nicht so, als wäre sie etwas ganz „normales“ und gesundes, etwas, das Lebensfreude schenken kann.

    Unsere Schulworkshops zu sexueller Gesundheit beschäftigen sich nicht ausschließlich mit queeren Perspektiven, schließen diese aber mit ein, um ein nuanciertes Bild von Sexualität zu vermitteln und eindimensionale sexuelle Skripte aufzubrechen. Gerade die biologischen Realitäten hinter oft als queeren Sex gecodeten Sexpraktiken zu erklären durch Fragen wie „was ist die Prostata?“, können solche Zuschreibungen auflösen und sollen zu einem offenen Verständnis von Sexualität anregen, in dem es nicht nur eine Form von „richtigem“ Sex gibt – und von dem am Ende alle Teilnehmenden profitieren, egal mit welcher Geschlechtsidentität und sexuellen/romantischen Orientierung.

    Gebäude der Aidshilfe Hamburg mit Banner „Vielfalt ist alternativlos“
    Aidshilfe Hamburg | Foto: Noni v. Musil

    Dieser hohe Anspruch an unsere Workshops ist nicht immer in der Realität so umsetzbar, wie wir es uns idealerweise vorstellen. Besonders im Workshop „Plietsch“, in dem es explizit um queere Bildung geht, geraten wir des Öfteren in Grundsatzdiskussionen, die am Ende das demokratische Verständnis unseres Zusammenlebens selbst betreffen.

    Schwierige Workshops: wenn das Weltbild wenig zulässt

    Einigen Klassen haben wir nicht viel neues zu erzählen: die Schüler*innen bringen sehr viel eigenes Wissen mit und haben kein Problem, das Konzept „Solidarität“ mit dem Konzept vom „Ally-Sein“ in Verbindung zu bringen. Aufeinander Acht geben und Zivilcourage gehören zum Alltag, oder sind zumindest positiv besetzte Begriffe, mit denen sie sich identifizieren wollen. Vielfältige Meinungen und Lebensentwürfe rufen hier vielleicht nicht bei allen Aktivismus, aber oft Neugier bzw. eine grundlegende Akzeptanz hervor.

    Auf der anderen Seite gibt es Klassen, in denen wir auf ein schwieriges Grundklima stoßen. Einstellungen beginnen da bei „Das hat mit mir nichts zu tun, deswegen sind mir diese Menschen (und ihre Ausgrenzungserfahrungen) egal“ bis hin zu offen queer feindlichen Aussagen. Empathie und Solidarität für queere Menschen wird oft mehrstimmig abgelehnt. Warum Solidarität mit Menschen, die „anders“ sind als man selbst, wichtig ist, muss erklärt werden und kommt auch dann gefühlt nicht immer an.
    „Warum können nicht einfach alle normal sein?“, fragte eine Schülerin genervt am Ende eines Workshops und meinte mit „normal“ „heterosexuell“. Da hat man dann nicht den Eindruck, viel bewirkt zu haben.

    Von Pessimismus zu Gelassenheit: sich nicht bremsen lassen

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir nach einer Serie herausfordernder Workshops ratlos zusammensaßen; frustriert, erschüttert und zunehmend pessimistisch, was den Erfolg unserer Arbeit anging. In dieser Zeit musste ich viel umdenken und neu definieren, um die Workshops und unsere Arbeit nicht als gescheitertes Projekt abzuschreiben. Was bedeutet „Erfolg“ für uns, was ist ein „erfolgreicher Workshop“? Soll sich ein Erfolgsgefühl immer dann einstellen, wenn wir möglichst viel Zustimmung bekommen, oder ist es nicht eigentlich viel erfolgreicher, wenn wir die Möglichkeit bekommen, mit
    Kids sprechen zu können, die zwar eine ausgeprägte Haltung gegenüber „diesen queeren Menschen“ haben, aber vermutlich noch nie mit einer selbstbewussten, offen queeren Person konfrontiert wurden?

    Unser Job ist am Ende nicht, Menschen von ihrer Haltung abzubringen. Gerade Jugendliche haben oft sehr starke Meinungen, die ich aber auch mit der Entwicklungsphase und fehlender Erfahrung erkläre. Als ich Jugendlich war, dachte ich auch, ich hätte die Welt verstanden, ja, ich würde sogar sagen, dass ich in Retrospektive eine sehr konservative Jugendliche war. Diese Einstellung hilft mir, Feindlichkeit und Ablehnung in den Workshops nicht mehr als so gravierend wahrzunehmen. Mein „Glaube an die Jugend“ soll durch diese Erfahrungen nicht ins Wanken geraten. Im Gegenteil habe ich seit meinem inneren Paradigmenwechsel mir noch viel dringender die Frage gestellt: was sind geeignete, bessere Methoden, um Empathie zu fördern, Begriffe und Labels mit menschlichen Geschichten zu füllen? Mit welchen Methoden schaffen wir es, den Schülis eine Botschaft mitzugeben, ohne eine Bühne für die Reproduktion von Statements brühwarm aus Manosphere und Co. zu eröffnen?

    Wie kann ich einen Samen säen – „queere Menschen sind Menschen wie du und ich“ – anstatt gleich einen ganzen Regenwald, um dann darauf zu hoffen, dass dieser Gedanke irgendwo im Hinterkopf hängen bleibt und hin und wieder Zweifel am starren Weltbild aufkommen lässt, wie ein kleiner, irritierender Funke?

    Neue Methoden: Weg von Schreibtischarbeit hin zu queeren Geschichten.

    Als ich ins Workshop-Team einstieg, arbeiteten wir hauptsächlich mit zwei Methoden. Erstens mit dem Queer Memory, in dem Begriffe rund um Geschlechtsidentität, sexuelle und romantische Orientierung und Beziehungsmodelle erklärt werden und auf Konzepte wie „Heteronormativität“ und „Ally-sein“ eingegangen wird. Darauf folgte eine Gruppenarbeit mit fiktiven Biografien. Die Schüli-Gruppen sollten ein Plakat erarbeiten zu Fragen wie „welche Schwierigkeiten erlebt XY?“, „was könnte XY für Ängste oder Sorgen haben?“.

    Die Biografie-Arbeit missfiel mir zunehmend. Zu sehr wurde Queer-sein dort auf eine Opferrolle reduziert. Es ging um Schwierigkeiten und Probleme und Ungerechtigkeiten und ich fragte mich, was für einen Eindruck junge Queers vom „queeren Leben“ bekamen. Bei uns auf jeden Fall einen, der von einem Leben voller Schwierigkeiten und Ängste kündigte. Das gefiel mir nicht, wusste ich ja selbst wieviel Freude, Selbstliebe und Community mit einer queeren Identität verbunden sein können. So wurde die Biographiearbeit durch die Ally-Methode ersetzt. Die Ally-Methode zum Thema Solidarität hatten wir im Methodenpool von Queere Bildung gefunden. Wir modifizierten sie zu einer Gruppenarbeit, in dem die Schülerinnen sich überlegten, warum es wichtig ist, Ally zu sein und wie das konkret aussehen kann. Die Antworten werden auf dem Ally- Plakat zusammengetragen, das sie am Ende für ihr Klassenzimmer mitnehmen.

    Beiden Methoden, Biografie- und Ally-Methode, war gleich, dass die Schüler*innen in Gruppen mit Arbeitsblättern beschäftigt wurden. In einigen Klassen funktionierte dieser „schulische“ Arbeitsansatz, bei vielen aber auch nicht. Eine moderne Methode musste her, die den Empathie-Ansatz der Biografie-Methode mit dem Solidaritäts-Ansatz der Ally-Methode verband und dabei noch die Aufmerksamkeit der Schülerschaft zu fesseln vermochte.

    Die Interview-Methode

    Die Idee der Interview-Methode war geboren. Ich visionierte von Interviews, in denen die unterschiedlichsten queeren Menschen von ihren Erfahrungen berichten, gleichzeitig nahbar wirken und insbesondere auch queeren Schüler*innen Mut für die Zukunft mitgeben. Ich verfasste die Projektbeschreibung und stellte mich der großen Frage: welche Geschichten sollen auf unsere Leinwand? Da ich größtenteils allein an meinen Projekten arbeite, musste ich mir im Vorneherein ein Limit setzen: Maximal zehn Interviews und maximal fünf Minuten pro Interview im Endschnitt. Wichtig war mir zudem, Schüler*innen mit Geschichten in Berührung zu bringen, die queere Realitäten in all ihren Facetten und Ambivalenzen spiegeln, aber auch einen hoffnungsvollen, optimistischen Ausblick geben. Die Interviewpartner*innen wählte ich aus meinem eigenen Bekanntenkreis bzw. fragte kleine Kooperationen an.

    Stand Juli 2026 habe ich sieben Beiträge mit Menschen aus der trans, inter, queermuslimischen, christlichen-queeren, vietnamesischen, kolumbianischen, bisexuellen, schwulen, genderqueeren und nichtbinären Community sowie einen Beitrag von einer queeren Person, die von der Gesellschaft Behinderung erfährt. Zwei weiter Beiträge halte ich mir derzeit noch offen, bzw. suche noch nach Interviewpartner*innen hinsichtlich einer aromantischen/asexuellen Perspektive und einer queeren BPoC. Ein Interview mit zwei älteren, lesbischen Personen befindet sich in der Anbahnung. Bei den Beiträgen handelt es sich um semi-strukturierte Interviews. Die Beteiligten bekamen einen Bogen mit Orientierungsfragen, aus dem sie sich Fragen selbst aussuchen konnten. Die Interviews wurden vorwiegend von den Interviewten frei aufgenommen, und dann von mir im Endschnitt in eine einheitliche Struktur gebracht: Vorstellung, was sind Herausforderungen des Queer-Seins, was für schöne Erfahrungen
    habe ich gemacht, Wunsch an die Gesellschaft / an die Schüler*innen / für die Zukunft.

    Einblicke in queere Perspektiven: L. und S.

    Ausschnitthaft soll hier ein kleiner Einblick in die Perspektiven von L. und S., beides Interviewpartner*innen, gegeben werden. L. ist eine genderqueere, bisexuelle Person, die von der Gesellschaft Behinderung erfährt. S. ist schwuler Vikar. Die beiden beschreiben beispielhaft, was viele Interviews wie ein Muster durchzieht: sie verbinden Identitäten, die von der Gesellschaft oft als unvereinbar dargestellt werden, bzw. überhaupt nicht dargestellt und somit gar nicht als Möglichkeit sichtbar gemacht werden. So berichtet L.: „Ich kannte zwar Leute, die schwul sind … aber ich hab mir selbst nie die Frage gestellt, hm, vielleicht mag ich auch das gleiche Geschlecht.

    Bis ich dann durch Leute in den sozialen Medien bemerkt habe, hm, irgendwie finde ich das schön, und dadurch hab ich dann gemerkt, dass ich bi bin.“ Weiter: „Ich seh auf jeden Fall sehr selten Repräsentation von Leuten, die sowohl eine Behinderung haben, als auch z.B. homosexuell sind oder trans. Es gibt gefühlt zwei Wahlen: entweder jemand ist behindert oder jemand ist Teil der LGBTQ-Community. Und dass jemand beides ist, sehe ich sehr selten.“ Auch S. erzählt: „Ich geh damit ziemlich offen um, aber es sorgt immer wieder für Fragezeichen in den Gesichtern. Ich merke schon, dass da eine gewisse Skepsis ist, wie geht denn das für die Kirche zu arbeiten und queer zu sein, schwul zu sein… Kannst du dann überhaupt offen queer sein?“

    Gerade in diesen Überkreuzungen aber offenbart sich die menschliche Resilienz und Kraft, Grenzen zu überwinden, gesellschaftliche Annahmen aufzubrechen um eigene, neue Wege zu finden, die eigene Wahrheit zu leben. Widersprüche werden zum verbindenden Element und vielleicht macht gerade diese Synthese die Interviews so vielschichtig und nachdenklich-stimmend. Vikar S. meint: „Ich glaube, wo wir uns tatsächlich alle ähneln als Menschen, ist unser Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Gemeinschaft, nach einem sicheren Umfeld.“

    In einer idealen Welt können Kirche das – trotz schwerer Verfehlungen in der Vergangenheit – bieten: „Ich glaube, da kann Kirche zumindest ein Stück weit eine Lücke füllen … um Menschen aufzufangen. Und zu zeigen, dass sie geliebt sind, dass sie wichtig sind, dass sie einen Platz haben und nicht in Unsichtbarkeit verschwinden müssen.“ L. weist darauf hin, dass „Diversität ja nicht nur Sexualität und Geschlechtsidentität bedeutet“ – auch Menschen mit Behinderung gehören dazu. Z.B. gibt es im Juli den Disability Pride Month – der könnte auch noch ein bisschen mehr Sichtbarkeit bekommen, gesellschaftlich aber auch in anderen queeren Communities.

    Einbindung in ein methodisches Konzept

    Die Konzeption zur Einbindung der Interviews in eine „richtige“ Methode wurde im Team erarbeitet. Am Ende der Methode sollen die Schüler*innen verstanden haben: das sind nicht nur Begriffe, da stehen echte, komplexe Menschen dahinter, die mehr sind als ein Label, mehr als eine Schublade, die mehrdimensionale Menschen sind wie ich selbst und deren Kampf um eine gewaltfreie, würdige Existenz auch mich angeht. Darauf basierend entstanden vier zentrale Fragen für die anschließende Diskussionsrunde:

    1.) Hast du dich auch schon mal „anders“ gefühlt?
    „Sich anders fühlen“ kann jeden betreffen und dieser Blick ins eigene Leben, die Frage „In welchem Kontext ist es mir so ergangen“ soll den inneren Raum schaffen, um über einen eigenen, persönlich-biographischen Kontext Verständnis und Empathie für das „Anders-sein“-Gefühl von queeren Menschen aufzubauen.

    2.) Was fandest du in den Interviews interessant?
    Dies ist eine bewusst neutrale Formulierung, um den Schüler*innen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu fragen: wurde da in mir was ausgelöst? Was würde da in mir ausgelöst? Freude, Unbehagen, Verwirrung – und was sagt das vielleicht auch über mich aus? Diese Fragen müssen nicht vor der großen Gruppe besprochen werden. Sie sollen aber Impulse für die innere Auseinandersetzung liefern, welche Annahmen man vielleicht hat, mit welchen Gefühlen queere Themen, queere Menschen verknüpft sind. Kleine Irritationsmomente können dazu beitragen, dass internalisierte Ideologien langsam aufgebrochen werden.

    3.) Stell dir vor, deine Bestie wird ausgeschlossen. Wie kannst du unterstützen? Im Anschluss wird gefragt: Würdet ihr das auch für eine andere Person tun? Wie können wir allgemein füreinander einstehen? Sodann kommt das Ally-Poster wieder ins Spiel, auf dem die Ideen notiert werden können.

    4.) Warum ist es wichtig, eine Ally zu sein? Mit dieser Frage wird der Bogen nun explizit zurück zum Konzept „Ally sein“ gespannt. Anders als bei der Ally-Methode können die Schüler*innen aber mit den erlebten Perspektiven arbeiten und darauf aufbauen, was sie aus den Interviews mitgenommen
    hat. An dieser Frage wird sich für uns vermutlich auch am stärksten zeigen, wieviel Empathie bzw. Solidarität wir durch die Methode in den Schüler*innen anregen konnten.

    Fazit: Reflexion und Ausprobieren

    Die sieben Interviews sind berührend, nahbar und menschlich. Ich bin sehr gespannt, wie sie bei den Schüler*innen ankommen und bedanke mich an der Stelle noch mal bei
    allen Interviewpartner*innen für die wundervollen Beiträge. Trotzdem muss ich mein Vorgehen auch kritisch hinterfragen, z.B. wie gehe ich mit meiner Position um, in der ich entscheide, wessen Geschichte (nicht) erzählt wird? Eine Auswahl muss getroffen werden, aber dem Prozess haftet immer auch etwas Kritisches an. Schlussendlich möchte ich aber auch meine Arbeit würdigen und die des ganzen
    Teams, eine neue, spannende Methode für unsere queere Bildung entwickelt zu haben.
    Jetzt heißt es ausprobieren und gucken, ob sie den Realitäts-Test besteht!

  • „Dampf ablassen: Eine kurze Geschichte der Gay Sauna von der Antike bis heute“

    „Dampf ablassen: Eine kurze Geschichte der Gay Sauna von der Antike bis heute“

    Die kommerzialisierte Gay Sauna ist eine Erfindung der sexuellen Revolution der Nachkriegszeit sowie ein fester – wenn auch nicht unumstrittener – Bestandteil und Symbol der modernen schwulen Kultur. Es gilt nicht nur als Ort, an dem körperliche Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern auch individuelle und kollektive queere Identitäten herausgebildet wurden und werden. Belege aus der Geschichte zeigen jedoch, dass Saunen und Bäder bereits in vielen früheren Epochen ähnliche Funktionen erfüllten und diese Tradition bis in die Antike zurückreicht.

    Illustration zur Geschichte der Gay Sauna mit mehreren Männern in einer stilisierten Saunalandschaft
    Gay Sauna im Wandel der Geschichte | Illustration: Noah Elio Weinmann

    Römische Thermen als Vorläufer der Gay Sauna

    Im antiken Rom waren öffentliche Bäder, auch als Thermen bekannt, nicht nur Orte der Hygiene, sondern vor allem wichtige Zentren des gesellschaftlichen Lebens. Man traf sich dort, um beim Baden über die neuesten Steuern, die Politik und die Feldzüge des Reiches zu diskutieren. Die Thermen waren nicht nur hinsichtlich ihrer Architektur und der darin verfügbaren Einrichtungen, wie beispielsweise Becken mit kaltem und warmem Wasser, Trocken- und Dampfbäder sowie Ruheräume, sehr vielfältig, sondern auch in Bezug auf ihre Kundschaft. Es gab Bäder für Patrizier und Plebejer (die Oberschicht und alle anderen), separate Thermen für Frauen und Sklaven, und die reichsten Bürger*innen Roms besaßen oft eigene, private Bäder, die durch ihren Prunk beeindruckten.

    Der Altertumsforscher Asa Eger schrieb über die römischen Thermen als queere Räume. In den erhaltenen Überlieferungen und literarischen Werken fand er Belege dafür, dass es an diesen Orten zu sexuellen Annäherungen zwischen Männern kam. So verführt eine der Figuren, Eumolp, in „Satyricon“ von Titus Petronius den Sohn seines Freundes in einem Bad in Pergamon. In dem Dialog „Vom glücklichen Leben” wiederum preist Seneca der Jüngere die heißesten und dunkelsten Räume der Bäder, in denen man die Nähe anderer Männer suchen konnte. Auffällig ist auch: Manche Bäder schmückten ihre Räume mit suggestiven, erotischen oder sogar pornografischen Fresken. Häufig entstanden sie zudem in unmittelbarer Nähe von Bordellen. Ein Beispiel dafür sind die Vorstadtthermen in Pompeji.

    Fresko aus den Vorstadtthermen in Pompeji mit erotischer Szene
    Erotisches Fresko aus den Vorstadtthermen in Pompeji | Foto/Quelle: Sailko, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

    Römische Sexualität: Anders als unsere heutigen Kategorien

    Hervorzuheben ist, dass die Römer*innen eine völlig andere Einstellung zu Sex und Sexualität hatten als wir heute. So wurde beispielsweise nicht zwischen „heterosexuellem“ und „homosexuellem“ Sex unterschieden. Von vorrangiger Bedeutung war die Stellung, die man in der sozialen Hierarchie des römischen Staates einnahm. Diese bestimmte wiederum, welche Formen des Sex akzeptabel waren und welche nicht. Vollständige Rechte, einschließlich sexueller, genossen erwachsene, römische Bürger, die – sofern sie beim Geschlechtsverkehr die penetrierende Rolle einnahmen – nicht nur mit Frauen, sondern auch mit einem jüngeren Mann oder gar Jungen, mit einem Ausländer, einem Sexarbeiter oder einem Sklaven Sex haben durften.

    Eger bezeichnet die römischen Thermen als „queere“ Räume nicht nur, weil sie ein Ort für Sex zwischen Männern waren, sondern auch, weil es dort möglich war, traditionelle Geschlechterrollen sowie gesellschaftliche Gebote und Hierarchien umzukehren. In einer Gesellschaft, in der Kleidung und äußeres Erscheinungsbild (z. B. der Bartwuchs) Aufschluss über das Alter, die soziale Stellung und die Rolle eines Mannes im Geschlechtsverkehr gaben, stellte die Nacktheit alle Badegäste auf eine Stufe und ermöglichte potenziell intime Annäherungen, die außerhalb der Thermen geächtet oder verboten gewesen wären.

    Osmanische Hammams und europäische Fantasien

    Das Osmanische Reich war eines der größten in der Geschichte und ist der Vorläufer der heutigen Türkei. Die Osman*innen entwickelten ihre eigene Form des Badehauses, die sogenannten Hammams. Neben ihrer hygienischen und sozialen Bedeutung hatten sie auch eine wichtige religiöse Funktion, da sie als Orte ritueller Waschungen dienten. Als queere Räume wurden sie vom Architekten Burkay Pasin in seiner Doktorarbeit untersucht.

    Der Forscher weist darauf hin, dass der Hammam in der europäischen Vorstellungswelt und Kultur, die von orientalistischen Fantasien, Mythen und Vereinfachungen geprägt war, über Jahrhunderte hinweg als stark sexualisierter Raum fungierte. Bereits in der europäischen Reiseliteratur des 16. Jahrhunderts und vor allem in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts lässt sich ein wiederkehrendes Motiv beobachten: Nackte, nicht selten auch weiße (also europäische) Frauen, die gemeinsam im Hammam entspannen. Allein die Tatsache, dass ein Mann keinen Zutritt zum Frauen-Hammam erhalten hätte, beweist, dass es sich hierbei ausschließlich um eine Fantasie handelt.

    Hammams als Orte männlicher Begegnungen

    Doch auch die Osman*innen selbst hielten die Vorstellung vom Hammam als Ort für Gelegenheitssex nicht selten fest, wobei es sich allerdings vor allem um Kontakte zwischen Männern handelte. Pasina verweist auf klassische Studien zu osmanischen Hammams, in denen gelegentliche homosexuelle Praktiken erwähnt werden. Diese sollen jedoch auf Bäder beschränkt gewesen sein, die von Menschen der unteren sozialen Schichten frequentiert wurden. Vor allem die Hammams in der Stadt Bursa sollen einen schlechten Ruf gehabt haben.

    Homosexuelles Verhalten wurde vor allem mit den Angestellten und Masseuren des Hammams, den sogenannten tellak, in Verbindung gebracht. Diese wurden oft als junge, zarte und feminisierte Männer dargestellt. Einige von ihnen verdienten sich mit dem Anbieten sexueller Dienstleistungen etwas dazu. Dieses Phänomen wurde bereits 1686 in dem Buch mit dem vielsagenden Titel Dellakname-i Dilküşa („Das herzzerreißende Buch der Masseure“) beschrieben. Anspielungen auf Sex zwischen Männern tauchen in der klassischen osmanischen Literatur immer wieder auf. Im 16. Jahrhundert gab es sogar ein eigenes Gedichtgenre, das die Schönheit männlicher Körper beim Baden preisen sollte (hammamiye).

    Historische Illustration eines Tellak in einem Hammam
    Ein Tellak mit Hüfttuch und Stelzensandalen im Hammam. Abbildung aus dem Hubanname („Das Buch der Schönen“), einem homoerotischen Werk des türkischen Dichters Fazyl bin Tahir Enderuni aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Wikimedia Commons

    Die Entstehung der modernen Cruising-Kultur

    In der Neuzeit stellten das rasante Bevölkerungswachstum und der ungebremste Zustrom der Landbevölkerung in die Städte, verbunden mit weit verbreiteter Armut, eine Herausforderung für lokale Verwaltungen dar. Nur einzelne, besonders wohlhabende Personen konnten sich das Privileg eines eigenen Badezimmers leisten, während die Mehrheit der Bevölkerung die damals massenhaft errichteten öffentlichen Badehäuser nutzte, die meist kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr zugänglich waren.

    Im 19. Jahrhundert veränderte die Urbanisierung das Leben in den Städten grundlegend. Traditionelle ländliche Gemeinschaften verloren an Bedeutung, die Anonymität in den schnell wachsenden Städten nahm zu und religiöse sowie moralische Normen lockerten sich. Dadurch entstanden neue Möglichkeiten für anonymen, gelegentlichen Sex an öffentlichen Orten – zwischen Männern wurde diese Praxis später als „Cruising“ bezeichnet.

    New York, Paris und die Kontrolle öffentlicher Bäder

    Dieses Phänomen hat George Chauncey in seinem Buch Gay New York am Beispiel New Yorks eindrucksvoll beschrieben. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Stadt aufgrund des Zustroms billiger, internationaler Arbeitskräfte und der Überbevölkerung eine unverhältnismäßig große Zahl alleinstehender Männer. Da sie sich eine Wohnung oder sogar ein Zimmer mit Fremden teilen mussten, begannen sie, ihre sexuellen Bedürfnisse an öffentlichen Orten auszuleben – nicht selten mit anderen Männern.

    Der beste Beweis für die Beliebtheit öffentlicher Bäder als Orte für Sex zwischen Männern sind Berichte über Polizeirazzien in diesen Einrichtungen. So drang die Polizei im Jahr 1876 in das Pariser Badehaus Bains de Gymnase ein, das für die dort stattfindenden Ausschweifungen berüchtigt war, und verhaftete sechs Männer und Jugendliche im Alter von 14 bis 22 Jahren. Sie wurden der Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit beschuldigt, der Manager und zwei Mitarbeiter des Bades hingegen der „Förderung von Päderastie”. Eine ähnliche Aktion fand 1903 in New York statt, als die Polizei an einem Samstagabend im Februar die Ariston Hotel Baths stürmte. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 78 Männer dort, von denen 34 festgenommen und mindestens 16 wegen „Sodomie“ angeklagt wurden.

    Skandale in Wien, München und Budapest

    Auch im deutschsprachigen Raum kam es zu solchen Skandalaffären. Schauplatz einer davon war das noch bis heute bestehende Wiener Central-Bad (heute „Kaiserbründl“), dessen Stammgast der jüngere Bruder des Kaisers Franz Josephs, Erzherzog Ludwig Viktor, war und der 1904 im Zuge eines Annäherungsversuchs an einen Mann eine Ohrfeige erhielt.

    Historische Aufnahme des Bassins im Damen-Dampfbad des Wiener Central-Bades
    Bassin im Damen-Dampfbad des Wiener Central-Bades, 1894 | Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia

    Eine andere Affäre ereignete sich im Februar 1909 im Maximilians-Hofbad in München. Laut Berichten munkelte man schon seit Jahren „da und dort in München“, dass es in dem Etablissement „nicht ganz sauber zugehe, daß insbesondere die männliche Lebewelt aus gewissen Gründen dort verkehre“. Im dritten Stock des Bades, der für uneingeweihte Gäste gesperrt blieb, soll es regelrechte Orgien gegeben haben, an denen sich unter anderem hochrangige Offiziere und Mitglieder fürstlicher Häuser beteiligten. Die Anzeige erstattete ein neu eingestellter Mitarbeiter, doch dem Besitzer, Max Reininger, gelang es, den Skandal zu vertuschen und seine vermeintliche Unkenntnis der Vorgänge gerichtlich feststellen zu lassen.

    Der Prozess konnte nicht über die Feststellung hinausgehen, „daß es im Hofbad zwischen den Bademeistern und einigen Badegästen zwar zu unsittlichen Berührungen und Handlungen gekommen ist, die jedoch nicht strafbar sind“. Die ganze Sache verlief im Sande. Weniger Glück hatten die Besucher des Volksdampfbades des Lukasbades in Budapest, von denen mindestens zehn im Januar 1910 „wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit“ zu jeweils fünfzehn Tagen Gefängnis verurteilt wurden.

    Historisches Werbeplakat des Maximilians-Bads in München
    Werbeplakat des Maximilians-Bads, 1885 | Quelle: Quelle: Stadtarchiv München, DE-1992-PL-13515

    Anfang der 1930er Jahre warnte hingegen eine ganze Schar von Moralaposteln, dass in Badehäusern Unzucht in großem Umfang verbreitet werde. So alarmierte Franz Scott, dass zwei Frauen oftmals ein separates Zimmer mit Badewanne mieteten, um das gemeinsame Bad als Gelegenheit für eine intime Annäherung zu nutzen. Heinz Dalberg wies zudem darauf hin, dass in vielen Bädern Prostitution stattfand und es angeblich nichts gab, „was man nicht haben könnte – für jede Art von Perversität steht geschultes weibliches und männliches Personal zur Verfügung“.

    Die moderne Gay Sauna

    Obwohl Gay Saunen in den folgenden Jahrzehnten auch existierten, erlebten sie ihren wahren Aufschwung in den 1960er und 1970er Jahren, auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution und der Schwulen- und Lesben-Emanzipationsbewegung. Im Westen war ihr Betrieb im Allgemeinen mit größerer Freiheit verbunden, jedoch nicht überall. So kam es beispielsweise im Jahr 1981 in Toronto zu einer Reihe koordinierter Razzien in vier Gay Saunen, die unter dem Decknamen Operation Soap („Operation Seife“) durchgeführt wurden und mit der Festnahme von 300 Männern endeten. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Ostblock keine solchen Orte gab, auch wenn sie nur inoffiziell als Treffpunkte fungierten. Ein Beispiel dafür sind die städtischen Bäder am Teatralny-Platz in Wrocław (Breslau), die in Michał Witkowskis halbautobiografischem Roman Lubiewo als queerer Ort verewigt wurden.

    Dennoch erlitt die Kultur der Gay Saunen – und im weiteren Sinne die gesamte queere Kultur – in den 1980er Jahren mit dem Ausbruch der HIV/AIDS-Pandemie einen schweren Schlag. Schließlich wurde gerade die Gay Sauna als einer der „Hotspots“ verteufelt, was zur Schließung vieler dieser Orte und zum Rückzug eines Teils der Kundschaft aus der Schwulenszene führte. Die mit der Pandemie verbundene moralische Panik hielt lange Zeit an, bis in die späten 90er Jahre hinein, an manchen Orten sogar noch länger.

    Aus diesem Grund engagieren sich viele Saunen heute sehr stark in der Präventions- und Aufklärungsarbeit. Flyer, Informationstafeln, kostenlose Kondome und Gleitmittel sowie in manchen Fällen sogar psychologische Hilfe sind in Saunen heute Standard. An Herausforderungen mangelt es nicht: Neben alten und neuen (MPox) STIs und dem Umgang mit dem Konsum illegalisierter Substanzen im Rahmen von Chemsex sind Diskriminierungserfahrungen vieler queerer Menschen ein sehr dringendes Gesprächsthema. Vor allem Rassismus und unrealistische, verletzende Körperideale verhindern manchmal, dass die Gay Sauna zu dem Safer Space wird, die sie verspricht zu sein.

    Bibliografie:

    Chauncey, George. Gay New York: Gender, Urban Culture, and the Making of the Gay Male World, 1890-1940. New York City: Basic Books, 1994.

    Dalberg, Heinz. Hinter verschlossenen Türen: Ein Tatsachenbericht. Leipzig: Lipsia-Verlag, 1932.

    Eger, Asa. “Age and Male Sexuality: ‘Queer Space’ in the Roman Bathhouse?”. In Age and Ageing in the Roman Empire, Journal of Roman Archaeology, 2007.

    Halperin, David. One Hundred Years of Homosexuality, and Other Essays on Greek Love. New York City: Routledge, 1990.

    Higgs, David. Queer Sites, gay urban histories since 1600. London: Routledge, 1999.

    „Materialien“, Vierteljahrsberichte des WhK I, Heft 3, April 1910.

    Neuhold, Helmut. Das andere Habsburg: Homoerotik im österreichischen Kaiserhaus. Marburg: Tectum, 2008.

    Pasin, Burkay. A Critical Reading of the Ottoman-Turkish Hamam as a Queered Space, Dissertation, Middle East Technical University, 2014.

    Scott, Franz. Das lesbische Weib: Eine Darstellung der Konträr-sexuellen weiblichen Erotik. Berlin: Pergamon-Verlag, 1933.

    Setterington, Ken. Righting Canada’s Wrongs: The LGBT Purge and the Fight for Equal Rights in Canada. Toronto: Lorimer, 2022.

    Witkowski, Michał. Lubiewo. Kraków: Ha!art, 2005.

  • Community – Unsere Suche nach Zugehörigkeit

    Community – Unsere Suche nach Zugehörigkeit

    I – Radical Faeries: Chaos und Aushandlung

    Wir sitzen im Kreis, unter einem Baum. Wer den Talisman hat, spricht, was ihm auf dem Herzen liegt. Alle anderen hören zu – mit offenem Herzen.

    Der Heart Circle ist ein zentrales Element zur Gemeinschaftsbildung der Radical Faeries. Seit den späten 1970er Jahren sucht diese Gemeinschaft nach Gegenentwürfen zu homonormativen Lebensrealitäten. Faeries treffen sich, meist in der Natur, um für eine oder zwei Wochen eine Gemeinschaft zu bilden.

    In vielen Gesprächen während dieser Woche wird die “Community” beschworen. Doch was bedeutet dieses Wort genau, wenn im Heart Circle einige von uns teilen, dass sie sich in diesem Gathering nicht wirklich zugehörig fühlen?

    Mein eigenes Zugehörigkeitsgefühl, denke ich, ist nicht von dieser konkreten Gruppe abhängig – denn zum ersten Mal bin ich zu einem Gathering mit einem Partner gekommen.

    Ich schrecke aus meinen Überlegungen auf – laute Konservenmusik, tanzende Faeries. Ich versuche, auf dem weitläufigen Gelände einen Ort zu finden, den die Musik nicht erreicht. Ich ärgere mich – beim Morning Circle, an dem Organisatorisches besprochen wird, wurde nichts erwähnt von Musik, die vielleicht als störend empfunden werden könnte.

    Was mich immer wieder zu den Radical Faeries führt, ist der Wille, Dinge anders anzugehen als in unserem Alltag. Umso mehr werde ich ungehalten ob dieses unausgehandelten Handelns. Die persönliche Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit anderer beschnitten wird.

    Im nächsten Morning Circle spreche ich die Musik an, und im Gespräch finden wir gemeinsam eine Lösung, die für alle passt. Gemeinschaft braucht Aushandlung, nicht bloße Behauptung.

    Illustration von mehreren queeren Personen in einem Baum: Eine Gruppe spricht miteinander, während sich im Vordergrund zwei Männer umarmen. Gedankenblasen zeigen unter anderem ein Herz, Medikamente und ein Kondom.
    Queere Gemeinschaft, Nähe und Zugehörigkeit | Illustration: Noah Elio Weinmann

    II – Asocial Media: Grindr als Zurückweisungsmaschine

    Als ich beginne, über Community nachzudenken, habe ich wieder einmal die Nase voll von Grindr. Die App bezeichnet sich selbst als “die größte soziale Netzwerk-App der Welt für LGBTQ-Menschen”.

    Ich bin auf der App, um Sex, Intimität und Bestätigung zu finden. Doch die Online-Suche nach Liebe – Mr. Right and Mr. Right Now – gestaltet sich mitunter ziemlich schwierig: Ständig werden wir mit einem Algorithmus konfrontiert, der immer mehr einen ganz bestimmten Körpertyp favorisiert.

    In meiner Nachbarschaft sind etliche perfekt gestählte Oberkörper zu sehen – bei näherem Hinschauen sind sie jedoch 4 Kilometer weit entfernt. Dutzende von Chats bleiben unbeantwortet, und wenn doch einmal so etwas wie Kommunikation entsteht, dann bleibt sie bald nach “was geht?” und “was nimmst du?” und dem Austauschen von Schwanzbildern stecken.

    Und so sitzen wir vereinzelt vor unseren Bildschirmen und bleiben unverbunden. Social Media ist nicht sozial: Grindr wird zur Zurückweisungs- und Vereinzelungsmaschine.

    Eine altbekannte Geschichte: Ein junger queerer Mensch kommt von seinem Heimatdorf in die Großstadt. Die App als erster Weg, um Gleichgesinnte zu suchen. Doch der attraktive junge Mann, der einem die Tür öffnet, eröffnet einem auch eine Welt voll Hedonismus und Euphorie.

    Nach der Euphorie dann der Crash, das Alleinsein, die Frage: Bin ich gut genug? Gehöre ich überhaupt dazu? Werde ich geliebt für das, was ich bin, nicht nur für das, was ich darstelle?

    Auf Grindr beginne ich nicht nur an meiner Attraktivität zu zweifeln, sondern auch an meiner Menschlichkeit. Also lösche ich mein Profil und die App zum wiederholten Mal mit dem Vorsatz, im realen Leben Kontakte zu knüpfen und Sex zu finden.

    III – Chemsex: Zugehörigkeit in der Risk Community

    Als ich Mitte der 1990er zum ersten Mal in der schwulen Szene unterwegs war, lautete die Devise: je männlicher, desto attraktiver. Auf keinen Fall durfte ich tuntig wirken. Ich begann, meine Stimme, meine Bewegungen, meinen Gang zu kontrollieren.

    Schon bald hing ich mit Partyleuten ab. Ecstasy half mir dabei, meine Scham zu verringern und mit Männern zu flirten. Aus der Party wurde mit der Zeit Party and Play. Was mich mit anderen verband, waren Substanzen und extremer Sex: Bareback war zu jener Zeit noch etwas Gefährliches, wir erklärten es zum Fetisch. Vielleicht war es diese “Risk Community”, die mich zum ersten Mal wirklich zugehörig fühlen ließ.

    Wir überschritten Grenzen, um uns von denen abzugrenzen, die uns ausgrenzten. Wir missachteten Regeln, weil diejenigen, die sich an die Regeln hielten, diese erfunden hatten ohne uns zu fragen. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft verletzter Seelen, die sich, nach und nach, auch körperlich verletzten. Wir wurden krank, weil wir als krank bezeichnet wurden.

    Meine HIV-Diagnose kam einige Monate, nachdem ich Crystal Meth entdeckt hatte, das mir erlaubte, anderen Männern näher und barrierefreier zu kommen als je zuvor. Das “Verschmelzen” auf Tina als ganz konkretes Gegenmittel zu der jahrelangen Einsamkeit, dem Nicht-Dazugehören.

    Zwar war ich Teil gewisser Freundeskreise, doch fühlte ich mich immer irgendwie fremd in dieser “Community” von schwulen Männern, die in erster Linie ein gutes Ansehen und ein noch besseres Aussehen anstrebten.

    Später lernte ich, dass es wohl meine Krankheit war, meine Sucht, die mich von der Welt abspalten, mich isolieren wollte, so dass ich immer wieder einen Grund hatte, weiter zu konsumieren.

    IV – Aids: Kollektives Trauma als Kitt

    Die Geschichten, die ich über die Aids-Krise höre und lese, lassen vermuten, dass Gemeinschaft dann am stärksten ist, wenn es einen gemeinsamen Feind gibt. Auf einmal starben Lover, Freunde, Bekannte. Auf einmal sah sich die Community einem doppelköpfigen Monster gegenüber: dem unsichtbaren Virus und der unterlassenen Hilfeleistung durch die Gesamtgesellschaft.

    Lesben, Schwule und queere Menschen standen zusammen, um zu überleben. Ziel von ACT UP etwa war es, mit gezielten Aktionen das Thema Aids in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen und Druck auf die tatenlose Politik auszuüben. ACT UP entstand im “Lesbian & Gay Community Services Center” in New York.

    In den späten 1990ern und frühen 2000ern, mit dem Einzug der ersten HIV-Medikamente, später TasP [JMDA1] und PreP, erlebte ich eine sehr hedonistische Schwulenszene – Partys und Körperkult als Gegenpol und Abwehrgeste zu dem Grauen der vorangehenden Jahre und den Bildern der ausgezehrten, sterbenden Körper. Wir feierten, weil wir das Virus überlebt hatten, vielleicht ähnlich, wie unsere Vorfahren in den 1970ern die Gay Liberation feierten.

    Die Spuren der Aids-Krise gehen vielleicht tiefer, als wir glauben. Bis heute ist dieser Hedonismus in Teilen der Szene tief verankert – als Suche nach Nähe, Entgrenzung, Körperlichkeit, manchmal auch Betäubung. Für einige von uns hört die Party nie auf. Für einige von uns endet sie, wenn sich erneut Krankheit, Verlust oder Ausgrenzung einstellen.

    Ich frage mich, ob wir eine Community schaffen können, in der niemand beschämt wird, weil er krank ist, konsumiert, Hilfe braucht oder nicht in das Bild des begehrenswerten Körpers passt. Die keinen gemeinsamen Feind braucht, sondern von Fürsorge und Solidarität geprägt ist – und der Bereitschaft, einander auch dort nicht fallen zu lassen, wo es kompliziert wird.

    V – Queer Community: Einschluss ist Ausschluss

    Schwullesbisch, LesBiSchwul, LGBT, queer: Die Community, der ich angehöre, hat bereits viele Bezeichnungen getragen. Unser kleinster gemeinsamer Nenner: die Erfahrung des Andersseins als Ur-Erfahrung, das Ausgestoßen-Werden, das Coming-out.

    Doch damit enden die Gemeinsamkeiten oft. Wie unterschiedlich können Menschen sein, um sich immer noch als Teil einer kohärenten Gemeinschaft zu erleben? Können Menschen wie wir, die zum puren Überleben seit ihrer Kindheit gelernt haben, misstrauisch gegenüber anderen zu sein, überhaupt liebevolle Beziehungen miteinander eingehen?

    Ein Zusammenschluss von LGBTQ+ über die Buchstabengrenzen hinweg scheint fast unmöglich. Wir verinnerlichen Stereotype und werfen sie uns gegenseitig vor. Der muskelbewehrte Körper, die tuntige Handbewegung, der lesbische Kurzhaarschnitt: Wir schließen von einer Äußerlichkeit auf das Wesen und die Geschichte eines Menschen – und damit auf dessen Zugehörigkeit.

    Die queere Community funktioniert – wie jede andere Gemeinschaft – mit einem Innen und einem Außen. Doch wer wird eingeschlossen, wer ausgeschlossen? Wer schließt ein, wer schließt aus? Wer ist privilegiert, und wer könnte diese Privilegien nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere produktiv einsetzen?

    Vielleicht existiert die queere Community gar nicht, vielleicht ist sie lediglich ein Phantom. Die politischen Ziele und Bedürfnisse der einzelnen Teil-Communitys sind so unterschiedlich, dass es uns schwerfällt, gegenüber der Gesamtgesellschaft klare Forderungen zu formulieren.

    Ein Anfang wäre vielleicht, den Menschen, die anders aussehen, anders sind als wir, genauer zuzuhören. Ein Anfang wäre vielleicht, nach Gemeinsamkeiten statt nach Unterschieden zu suchen.

    VI – 12-Schritte-Programme: Gemeinschaft durch Zuhören

    Wieder sitze ich in einem Kreis, wieder höre ich anderen Menschen und ihren Erfahrungen zu – dieses Mal in einem Meeting der Selbsthilfegruppe Crystal Meth Anonymous. Seit beinahe zehn Jahren erlebe ich hier meine wohl tiefsten Freundschaften. Ein erst kürzlich zu der Gemeinschaft gestoßener Freund erzählt, er sei in seinem Leben schon viele Male umgezogen, jedes Mal allein. Bei seinem letzten Umzug halfen ihm spontan Bekannte aus CMA.

    In CMA und anderen 12-Schritte-Programmen teilen wir unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander. Indem wir einander erzählen, wie wir aus der Sucht herausfanden und uns im Leben zurechtfinden, indem wir einander in den Meetings immer wieder bedingungslos zuhören, entsteht echte Empathie.

    Vielleicht liegen hier Hinweise darauf, wie auch andere Gemeinschaften funktionieren könnten. Beim Sprechen in den Meetings geht es nicht darum, andere zu überzeugen, sondern die eigene Gefühlswelt auszudrücken. Um eine andere Person zu akzeptieren, muss ich sie nicht verstehen, aber ich sollte ihr zumindest Gehör schenken, wenn sie sich verletzlich zeigt.

    Ein weiterer Faktor ist die Regelmäßigkeit: Auch heute noch gehe ich zwei bis drei Mal pro Woche in Meetings, wo ich seit Jahren immer wieder auf die gleichen Menschen treffe. Inzwischen kenne ich ihre Geschichten und es besteht ein tiefgreifendes Vertrauen.

    Natürlich sind auch die Gemeinschaften von CMA, NA (Narcotics Anonymous) und AA nicht konfliktfrei. Aber ich erlebe sie zumindest größtenteils frei von vorschnellen Verurteilungen. Hier wird niemand ausgeschlossen, denn hier geht es ums Überleben. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken oder dem Drogenkonsum aufzuhören.

    VII – Cruising: Vorübergehende Utopien

    Seit drei Jahren lebe ich in einer Beziehung. Ein Privileg, ein Gefühl des Angekommen-Seins, Boden unter meinen Füßen. Doch mein Freund wohnt in einem anderen Land, und wir sind poly. So will ich auch weiterhin mit anderen in Beziehung treten. Die Suche nach Intimität und Zugehörigkeit ist ein zutiefst menschlicher Zug.

    In letzter Zeit habe ich immer öfter das Gefühl, aufgrund meines Alters weniger begehrt zu sein. Immer mehr junge Menschen haben immer bessere Körper, immer besseren Sex, immer bessere Leben. So fühlt es sich an, wenn ich in die Welt schaue – vor allem in die digitale Welt.

    Wieder einmal lösche ich mein Grindr-Profil und gehe zum Cruising in den Grunewald. Nachdem ich in der dritten Runde im Wald endlich Sex gefunden habe, liege ich nackt in der Sonne und denke an all die Communitys, denen ich – mal mehr, mal weniger – angehöre oder angehört habe.

    Mir wird klar: Je bewusster ich mir bin, in welchem Raum ich mich gerade befinde und was dessen Regeln sind, desto besser kann ich mich darin bewegen.

    Bei den Faeries und in queeren Räumen finde ich emotionale und politische Auseinandersetzung mit mir selbst und anderen. In den Räumen der 12-Schritte-Programme finde ich Freundschaft und Genesung. Außerdem werden hier mein Alter und meine Erfahrung zum Vorteil. Im Grunewald finde ich Gelassenheit, Sex und Fun. Einige dieser Gemeinschaften sind beständiger, andere flüchtiger. Doch das macht sie nicht weniger real.

    Gemeinschaft kann vorübergehend sein – aber sie braucht zumindest den Willen zur Aushandlung, zum Zuhören, zum Scheitern, zum Zulassen von Schmerz und Freude – und zur Wiederholung.

  • Vom Wichsen zur Selbstliebe zum Solo-Sex – wie sich das Bild der Masturbation gewandelt hat

    Vom Wichsen zur Selbstliebe zum Solo-Sex – wie sich das Bild der Masturbation gewandelt hat

     „Wichsen“, „Sich einen Runterholen“, „Masturbieren“, „Onanieren“, „Solo-Sex“ – es gibt viele Bezeichnungen für die Selbstbefriedigung.  Interessant dabei: Manches Wort, wie der „Wichser“, im englischen „Wanker“, hat durchaus eine negative Bedeutung, ist sogar ein Schimpfwort und weist darauf hin, dass das Masturbieren einen sehr zwiespältigen Ruf hatte und über die Jahrhunderte hinweg sogar tabuisiert wurde.  Das änderte sich erst mit der sexuellen Revolution der 68er-Bewegung.  In einem Film aus den Siebziger Jahren machte der amerikanische Comedian Woody Allen mal den Witz, dass „Masturbieren Sex ist mit jemandem, den ich liebe“.  Von damals an war die Masturbation nicht mehr ganz so stark tabuisiert.

    Illustration eines Mannes beim Masturbieren – Symbolbild zu Solo-Sex, Lust und sexueller Selbstbestimmung
    Masturbation zwischen Tabus, Selbstliebe und sexueller Selbstbestimmung | Illustration: Noah Elio Weinmann

    Masturbation zwischen alten Tabus und neuen Mythen

    Es lohnt der Blick in die Geschichte, denn schon im alten Rom wurde das „Hand an sich legen“, das der lateinische Wortstamm im Übrigen bedeutet, stark tabuisiert. Vor allem Männern, die masturbierten, wurde mangelnde Männlichkeit und ein „weibisches Wesen“ attestiert und auch allerlei Krankheiten wurden der Masturbation unterstellt.  Bei den alten Griechen und den Ägyptern war das Bild jedoch deutlich positiver: Im alten Ägypten wurde der Solo-Sex sogar mit Fruchtbarkeit, guten Ernten, genügend Wasser im Nil und vielem Positiven mehr verbunden.  Bis ins 19.Jahrhundert wurde die Masturbation dann aber wieder abgewertet, oft sogar verboten. Religion spielte dabei eine große, wenn auch nicht die einzige Rolle. 

    All das, auch wenn es lange her ist, wirkt nach, meint der Sexualpädagoge David Schulz, der bei „BikoBerlin“, einem freien Träger, der pädagogische Fachkräfte im Bereich der Sexuellen Bildung fortbildet. Es gebe noch immer Tabus und Vorurteile.  „Weniger die Klassiker, die früher dabei waren, so etwas wie:  Masturbation macht blind oder dann wachsen dir Haare auf den Händen oder ähnliches. Aber ganz stark verbreitet ist auf jeden Fall die Verbindung zum Nährstoffverlust. Also dass halt Menschen nicht masturbieren sollten, weil dann ganz viele Nährstoffe verloren gehen. Das ist gerade in der Gym-Szene sehr verbreitet. Dass es hier eine Art Energieverlust gibt und Du nicht mehr so männlich wirkst, Dir Männlichkeit verloren geht.“

    Wie alte Schuldgefühle in neuen Bewegungen weiterleben

    Aber nicht nur in der „,Manosphere“, jener extrem cis-männlich geprägten Szene kommen solche Vorurteile vor, auch die sogenannte „NoFap“-Bewegung, entstanden um 2011 in Online-Communitys, propagiert Abstinenz von Masturbation als Weg zu gesteigerter Energie, Fokus, Maskulinität und sozialem Erfolg. Die Bewegung verbindet pseudowissenschaftliche Argumente mit traditionellen Männlichkeitsidealen und einer diffusen Kapitalismuskritik an der Porno-Industrie. Klinische Studien, die die negativen Effekte normaler Masturbation oder die positiven Effekte der Abstinenz belegen, existieren aber nicht – was die Popularität dieser teils wilden Thesen jedoch nicht zu bremsen scheint.

    Eine Rolle spielen ganz sicher auch, bis ins Heute, religiös geprägte Schuldgefühle, egal, ob nun unter Christ*innen, Muslim*innen oder anderen Gläubigen.  David Schulz sagt: „Eine Verknüpfung der Themen Scham und Schuldgefühle beim Solo-Sex und Religion ist durchaus da. Aber das würde ich jetzt auf alle Religionen ausweiten, dass das eine Sünde wäre oder dass Sex eben nur für Gott oder zur Reproduktion oder in heterosexuellen cis Kontexten da sein sollte. Da schwingt auch eine Queerfeindlichkeit mit, oder aber, dass jegliche Form von Sexualität verpönt wird. Das gilt aber auch nur in konservativen Kreisen dieser Religionen. Das ist ja nicht bei allen Christ*innen oder bei allen Muslim*innen so, sondern das ist in den konservativen Ausprägungen verbreitet und die sind dann aber besonders laut.“

    Mann liegt entspannt auf dem Bett – Symbolbild zu Masturbation, Solo-Sex und sexueller Selbstbestimmung
    Masturbation als Teil von Lust, Selbstliebe und sexueller Selbstbestimmung | Foto: Fotoniśch / photocase.de

    Masturbation zwischen moralischer Norm und gelebter Realität

    Wie sehr Masturbation in den Gesellschaften verankert ist, zeigte sich schon Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den USA – damals noch ein erz-konservatives Land. Die Berichte des Sexualforschers Alfred Kinsey waren ein Schock für die amerikanische Gesellschaft. Kinsey belegte, dass Masturbation bei Männern und Frauen so weit verbreitet war, dass sie alle Schichten, Berufe und Bildungsgrade erfasste. Die moralische Norm und die gelebte Wirklichkeit klafften in einem Maß auseinander, das es sich empirisch nicht länger verschweigen ließ.  Was dann aber allzu oft doch geschah – nach dem Motto – was nicht sein kann, was nicht sein darf.  Ebenso wie beim Thema Homosexualität wurde die Masturbation lange Jahre totgeschwiegen.  

    Die Entstehung des Internets und der massenhaft verfügbaren Pornographie seit den späten 1990er Jahren brachten eine neue Dimension in die Debatten. Was vorher ein privates, schwer messbares Verhalten war, wurde nun mit einem bestimmten Medienkonsum verknüpft – die Pornografie, die seit Ende der sechziger Jahre nicht mehr illegal war, erzeugte eine stärkere Offenheit.   Heute, im Social Media-Zeitalter, wird nun in einigen Beiträgen davor gewarnt, wenn Jugendliche und Kinder zu früh und intensiv Pornografie konsumieren und womöglich pausenlos onanieren.  

    David Schulz von „BikoBerlin“ meint, dass aber nicht der Porno-Konsum an sich das Problem sei, sondern die mangelnde Analyse dessen, was da geschaut wird: „Das ist aber etwas, was uns alle angeht, auch die, die keine Pornos konsumieren und auch keine Pornos herstellen. Und wenn es ganz explizit um Jugendliche geht, dann ist unser Ansatz immer, denen die Möglichkeit zu geben, das Gesehene einzuordnen. Und wir plädieren dafür, die Fragen, die dann aufkommen, zu beantworten. Das ist das Wichtige dann an der Stelle, weil die Menschen sind nicht automatisch traumatisiert, nur weil sie einmal einen Pornofilm gesehen haben. Das, was wirklich schädlich ist, ist Schweigen.“

    Masturbation, Fantasien und die eigene Sexualität

    Sexualpädagoge Schulz sagt, dass es schon Unterschiede gebe zwischen Masturbation bei heterosexuellen Männern, homosexuellen Männern oder Frauen, etwa in der Häufigkeit, der gesellschaftlichen Akzeptanz oder der Bedeutung für das Individuum. Männer stehen in Umfragen meist deutlicher und in größerer Zahl zu ihrem Masturbationsverhalten, Frauen sind vorsichtiger. Bei trans Personen steht im Vordergrund, in welcher Phase ihrer Transition sie sich befinden. Unzufriedenheit mit den Genitalien führe dazu, dass manche trans Personen auf Masturbation verzichten – zumindest vorübergehend, so berichten einige Sexualforschende. Die Studienlage ist an diesem Punkt aber noch recht dünn.    

    Festzuhalten bleibt: Masturbation ist immer auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fantasien. In manchen streng reglementierten Partnerschaften komme es sogar zu Eifersuchtsszenen, wenn ein*e Partner*in onaniert, vielleicht sogar, während er oder sie einen Porno schaut, erzählt Sexualpädagoge David Schulz.  Sicher ist auch ein Thema, dass junge Erwachsene manchmal lieber solo bleiben, und sich bei der Masturbation ihren Sexualfantasien hingeben – denn die kann man sich so am besten vorstellen, ohne auf mögliche Wünsche des Gegenübers eingehen zu müssen.  „Corona hat im Sozial- und Sexualverhalten vieles da auch zurückgeworfen“, meint Schulz.

    Warum Masturbation mehr mit Freiheit zu tun hat als mit Schuld

    Die Geschichte der Masturbation ist, bei näherer Betrachtung, auch eine Geschichte der Angst. Angst vor dem unkontrollierbaren Körper, vor der Autonomie des Individuums, vor der Phantasie als subversiver Kraft, vor dem Verlust – von Energie, von Sperma, von Gottesgnade, von gesellschaftlicher Kontrolle. Zu allen Zeiten projizierte die Gesellschaft ihre tiefsten Ängste auf diesen privaten Akt.   Was sich änderte, war nicht der Akt selbst. Er blieb, was er immer war: eine fundamentale Erfahrung des menschlichen Körpers, tief verankert in unserer Natur. Was sich änderte, war die Bedeutung, die eine Gesellschaft diesem Akt zuschrieb – und damit die Macht, die sie über diejenigen gewinnen konnte, die ihn vollzogen.

    Die Idee der Masturbation als Laster, als Krankheit, als Sucht oder als Sünde war stets auch eine Konstruktion von Schuld – und Schuld ist eines der wirksamsten Instrumente sozialer Kontrolle, das Kulturen kennen.  Dass die Medizin und Psychologie diese Schuld schon seit längerem für unbegründet erklären, ist ein erheblicher zivilisatorischer Fortschritt. Dass Scham, Tabu und Fehlinformation dennoch weltweit und auch in westlichen Gesellschaften weiterbestehen, zeigt, wie tief kulturelle Prägungen sitzen – und wie langsam sich selbst jene Überzeugungen ändern, für die die Wissenschaft längst klare Antworten gefunden hat.

    Doch die Geschichte der Masturbation ist noch nicht abgeschlossen. Sie wird in Schulen weitergeschrieben, in Therapieräumen, in Online-Foren, in religiösen Gemeinschaften und in den stillen Auseinandersetzungen, die jeder Mensch mit seinem eigenen Körper führt. Und, so Sexualpädagoge Schulz, auch das müsse man erwähnen, es gibt natürlich auch immer ein „Zuviel“ von etwas, auch von Masturbation. So lange es aber nicht zu körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen komme, soll jeder und jede sein und ihr eigenes Ding machen.  Dazu ist die Geschichte der Tabuisierung und der Verbote zu lang, als dass die Menschen sich heute einschränken sollten – so die einhellige Meinung vieler Sexualforschenden.

  • Körper und Schönheitsideal schwuler Männer

    Körper und Schönheitsideal schwuler Männer

    Interview

    Der Körperkult in der schwulen Community ist gnadenlos. Rank, schlank und durchtrainiert muss Mann sein. Für seinen Band „Bigger“ hat der Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert rund 80 mehrgewichtige Kerle fotografiert und setzt diesen enggefassten Schönheitsidealen eine Vielfalt von Körperformen entgegen.

    Axel Schock

    Axel Schock | Fotoquelle: (c) Natalia Reich

    Fragen von
    Axel Schock AS
    Joseph Wolfgang Ohlert

    JWO über über Körperbilder, Selbstakzeptanz und seinen Fotoband Bigger | Foto: Osman Balkan

    Antworten von
    Joseph Wolfgang Ohlert JWO

    Schönheitsideale, Körperdruck und der Fotoband „Bigger“

    AS Axel Schock

    Wahrscheinlich gibt es keinen Schwulen, der nicht irgendwann einmal mit seinem Körper unzufrieden war und sich deshalb vielleicht sogar als unattraktiv und zu wenig begehrenswert empfunden hat. Dein Fotoband trägt nun den programmatischen Titel „Bigger“. Ist das deine Antwort auf diesen Druck, dem wir uns selbst aussetzen oder aussetzen lassen?

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Ich habe mich selbst von Jugend an von solchen Schönheitsidealen und von Erwartungen an mich und meinen Körper unter Druck setzen lassen, und immer wieder auch frustriert beim Abnehmen mit dem Jojo-Effekt gekämpft. Es war dadurch alles andere als leicht, meinen Selbstwert zu finden.

    Erst als ich die 30 überschritten hatte, fühlte ich mich erwachsen und selbstbewusst genug, um mich von diesem Druck und diesen stereotypen Schönheitsnormen befreien zu können. Dabei hat Schönheit nichts mit Normen und mit Anpassung zu tun. Das hoffe ich mit meinem Buch vermitteln zu können.

    Mehrgewichtige Männer und fehlende Sichtbarkeit in Bildern

    AS Axel Schock

    Mehrgewichtige oder füllige Männer tauchen in der Bilderflut, der wir in der Werbung, in Pornos oder auf Instagram ausgesetzt sind, so gut wie nie auf.

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Ich habe, wenn man so will, selbst auch dazu beigetragen, denn ich habe als Fotograf viel in der Fashion-Szene gearbeitet. Wenn ich diese Bilder durchschaue, sind das fast nur durchtrainierte, sportliche Leute. Menschen mit meiner Art von Körper oder in der Vielfalt, wie ich sie im Schwimmbad oder in der Sauna sehe, tauchen dabei nicht auf.

    Was uns Social Media oder die Medien generell als Körperbild präsentieren und sich durch die Ozempic-Welle und Looksmaxxing aktuell für Männer generell noch verstärkt hat, wollte ich etwas entgegenhalten und sagen: „Hey, du bist genug. Du musst nicht diesem Selbstoptimierungswahn krankhaft nachgehen“.

    Natürlich kann man versuchen, auf seine Gesundheit zu achten, wenn nötig auch abnehmen. Aber nur, weil dein Körper einem bestimmten Ideal nicht entspricht, hast du nicht mehr oder weniger Grund zur Selbstakzeptanz.

    Modelle finden: Vertrauen, Dating-Apps und Community

    AS Axel Schock

    Wie schwierig war es für dich, Männer zu finden, die sich für dieses Projekt fotografieren ließen?

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Anfänglich war es tatsächlich ein wenig schwierig, Menschen davon zu überzeugen. Ich hatte zunächst gar nicht geplant, ausschließlich schwule, männlich gelesene Körper zu fotografieren. Aber wie sich zeigte, waren Schwule viel eher zugänglich und dazu bereit, sich nackt und sexy von einem Mann fotografieren zu lassen.

    Für mich hatte es Priorität, dass sich die Leute dabei wohlfühlen und sich gesehen fühlen – und nicht das Gefühl haben, etwa zur Schau gestellt zu werden. Die ersten Modelle habe ich in meinem Freundeskreis gefunden, dann habe ich begonnen, auf Dating-Apps passende Männer anzufragen.

    Im Laufe der Zeit hat sich das Ganze verselbständigt. Ich bin während der vier Jahre, die ich daran gearbeitet habe, auch immer wieder auf Reisen gegangen, etwa zum Bear Festival in Sitges, um eine möglichst große Bandbreite an Leuten in meinem Buch repräsentieren zu können, beispielsweise auch People of Color.

    Fotografiert werden als Mutprobe und Befreiung

    AS Axel Schock

    Wie haben die Porträtierten auf die Fotos reagiert?

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Ganz viele haben sich zum ersten Mal überhaupt auf diese Weise fotografieren lassen, und es war für sie eine sehr große Mutprobe. Die Bilder haben sie dann teilweise selbst überrascht und hatten etwas Befreiendes: Ja, ich darf mich attraktiv fühlen und ich bin es auch wert, fotografiert zu werden.

    Natürlichkeit statt Fetisch: schöne Porträts größerer Körper

    AS Axel Schock

    Du hast diese Männer weder als Sexobjekte noch in aufreizenden Posen, sondern in eher alltäglichen, sehr natürlichen Situationen fotografiert.

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Diese Natürlichkeit war mir sehr wichtig. Ich wollte keine Fotos, die einen bestimmten Fetisch bedienen und daher nur ein sehr kleines Publikum erreichen. Ich wollte vielmehr ganz schlicht schöne Porträts schaffen, bei denen die Männer einfach etwas dicker sind – und so Bilder in die Gesellschaft bringen, die es bislang viel zu wenig gibt.

    Ich bin davon überzeugt, dass auf lange Sicht ein vielfältigeres Körperbild zur Normalität werden kann, wenn wir die Gesellschaft und auch die Community mit Bildern größeren Körper konfrontieren. Und damit nicht nur zu mehr Diversität beitragen, sondern solchen Männern auch zu mehr Sichtbarkeit und damit auch zu Selbstbewusstsein verhelfen.

    Resonanz auf „Bigger“ und der Bruch mit Schubladen

    AS Axel Schock

    Wie sehen denn die Reaktionen auf das Buch und die Fotos aus?

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Die Resonanz ist teilweise überwältigend, vor allem natürlich von jenen Menschen, die mitgemacht haben. Für manche war das ein richtiger Befreiungsschlag. Aber auch sonst ist das Feedback sehr positiv. Es ist schon etwas paradox, dass man dafür erst Schubladen sprengen muss.

    Körper, Gesundheit und die Grenzen von Selbstoptimierung

    AS Axel Schock

    Es gab sicherlich auch andere Reaktionen. Ich denke an jene, für die Fitness und der perfekt trainierte Körper wesentlicher Lebensinhalt sind.

    JWO Joseph Wolfgang Ohlert

    Weil auch ich in einer Bubble lebe, habe ich davon wenig mitbekommen. Ich habe aber unter Artikeln zum Buch den einen oder anderen Kommentar gefunden, in denen mehrgewichtige Körper mit „ungesundem Lifestyle“ gleichgesetzt wurden: So gesund könne das ja nicht sein.

    Für Menschen, die nichts anderes kennen als Arbeit und Gym, ist das eine naheliegende Wertung. Wie sie selbst ihr Leben gestalten, ist ihnen unbenommen. Es geht aber nicht, dass sie ihr Bild anderen überstülpen oder sagen: „Du lebst ungesund und bist deshalb ein schlechterer Mensch.“ Denn welcher Lifestyle ist denn tatsächlich zu einhundert Prozent gesund?

  • Ein Abend, der bleibt: Laut, queer, solidarisch-Rap für den guten Zweck in Erfurt

    Ein Abend, der bleibt: Laut, queer, solidarisch-Rap für den guten Zweck in Erfurt

    „Alle queer, alle laut! Alle hier, die sich trauen!“ – schon beim Betreten des Autonomen Jugendzentrums „Banane“ in Erfurt liegt eine gewisse Energie in der Luft. Es ist einer dieser Abende, die mehr sind als nur ein Konzert. Einer, der zeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen, um sich gegenseitig zu stärken. Einer, der laut ist und gleichzeitig zutiefst solidarisch.

    Rap als Haltung und Solidarität

    Am 6. Dezember 2025 fand hier ein antifaschistischer Rap-Abend statt. Organisiert als Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt, wurde schnell klar: Es geht nicht nur um Rap-Musik und schrille Texte, sondern um Sichtbarkeit, Zusammenhalt und konkrete Unterstützung.

    Ein Song, der den Ton des Abends setzt, ist „Coming Out Bernd“ von den Thüringer Künstler*innen TRAUMFRESSER und HAZEL. Ursprünglich wurde der Song zum Pride Month 2024 veröffentlicht, in einem politisch aufgeladenen Jahr mit Landtagswahlen.

    Wenn es durch den Raum schallt: „Heteronormen auseinanderbauen! Tradition’ zerhauen! Rückwärtsgewandte werden staunen, wie wir liebevoll auf die braune Kacke hauen!“, dann ist das nicht nur Provokation. Es ist Haltung. Und sie wird vom Publikum getragen.

    Zwei Künstler*innen stehen mit Mikrofonen beim Rap-Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt auf der Bühne.
    Rap-Auftritt beim Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt im AJZ „Banane“ | Foto: instagram.com/fuchsfoto.s

    Warum Unterstützung so wichtig ist

    Während sich vor der Bühne die Menge sammelt, wird im Hintergrund deutlich, warum dieser Abend überhaupt nötig ist. Das Queere Zentrum in Erfurt existiert seit September 2021 und wird aus dem Thüringer Landeshaushalt gefördert. Doch diese Förderung ist alles andere als sicher. Jahr für Jahr muss erneut gezittert werden: Wird das Geld wieder bewilligt? Können Miete und Personal weiterhin bezahlt werden? Besonders die ersten Monate eines Jahres sind geprägt von Unsicherheit – ein Zustand, der Kraft kostet und langfristige Perspektiven erschwert.

    Gerade deshalb hat sich eine Vielzahl von Acts aus Mitteldeutschland zusammengeschlossen. Ob DER NEBENWIDERSPRUCH aus Halle, TRICKEL und TRAUMFRESSER aus Weimar oder SOLJANKA MC feat. CHAVVYNASTY und HAZEL aus Jena: sie alle stehen an diesem Abend gemeinsam auf der Bühne – ohne Gage, ohne Fahrtkostenerstattung. Was sie eint, ist der Wunsch, das Queere Zentrum zu unterstützen. Und das in einer Stadt, in der rechte Gewalt auf einem alarmierenden Niveau ist und insbesondere queere Menschen immer wieder Ziel von Angriffen werden!

    Auch hinter den Kulissen zeigt sich diese Haltung. Das Team des AJZ „Banane“ arbeitet komplett ehrenamtlich. Der Eintritt basiert auf Spenden, und selbst Einnahmen aus dem Tresen sowie vom Merch-Stand fließen am Ende in den gemeinsamen Topf. Es ist ein Abend, der von Anfang bis Ende von freiwilligem Engagement getragen wird.

    Künstler*innen performen mit Mikrofonen beim Rap-Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt.
    Performance beim Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt im AJZ „Banane“ | Foto: instagram.com/fuchsfoto.s

    Mobilisierung, Zweifel und volle Resonanz

    Die Vorbereitung lief dabei alles andere als selbstverständlich. „Überall in der Stadt hingen Plakate“, erzählt Hauptorganisator IZZY BÜRGERMEISTER-LIPPENSTIFT, selbst Teil von TRAUMFRESSER. Auch online wurde mobilisiert, ein Share Pic ging durch soziale Netzwerke, sammelte über 270 Likes und wurde vielfach geteilt. Für eine vergleichsweise kleine Veranstaltung ist das schon beachtlich. Trotzdem bleibt bis zuletzt die Unsicherheit: Werden genug Leute kommen? Wird es reichen, um wirklich etwas zu bewirken?

    Aber: Das AJZ bleibt nicht leer. Im Gegenteil: Über den Abend verteilt finden sich etwa 70 bis 80 Besucher*innen ein. Für einen Raum, der rund 100 Menschen fasst, ist das eine starke Resonanz. Die Stimmung ist super. Es wird mitgerappt, getanzt, skandiert.

    IZZY zieht am Ende ein klares Fazit: „Für Erfurt und die Größe der Location bin ich sehr zufrieden.“ Doch wie er selbst betont, ist der eigentliche Maßstab ein anderer: die Spendensumme.

    Wenn Solidarität konkret wird

    Und auch hier wird der Abend seinem Anspruch gerecht. Insgesamt kommen 856 Euro zusammen. 481 Euro davon direkt aus den Spenden der Besucher*innen. Weitere 375 Euro steuert das AJZ „Banane“ bei. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Solidarität hier nicht nur ein Wort ist.

    „Meine Erwartungen wurden auf alle Fälle übertroffen!“, sagt IZZY rückblickend. Und tatsächlich: Dieser Abend zeigt, wie viel möglich ist, wenn viele kleine Beiträge zusammenkommen. Wenn Menschen ihre Zeit, ihre Kunst und ihre Ressourcen teilen.

    Was bleibt, ist mehr als eine Zahl. Es ist das Gefühl, Teil von etwas gewesen zu sein. Einer Gemeinschaft, die sich nicht einschüchtern lässt. Die laut ist, wenn es nötig ist – und liebevoll, wenn es darauf ankommt.

    Wahrscheinlich ist genau das die größte Stärke dieses Abends gewesen: Er hat gezeigt, dass Widerstand nicht nur Protest bedeutet, sondern auch Fürsorge und Solidarität. Dass Kultur Räume schaffen kann, in denen sich Menschen sicherer fühlen.

    Was von diesem Abend bleibt

    Als gegen Ende noch die Karaoke-Maschine angeworfen wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum endgültig. Hier zählt nicht mehr, wer performt und wer zuschaut. Alle sind Teil des Ganzen.

    Und vielleicht hallt genau deshalb ein Satz noch lange nach:

    Alle queer, laut und hier, die sich trauen.

    John Sherbaz