Interview
Mehr als 10.000 Ukrainer*innen mit HIV sind vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen. Die eigens entwickelte Plattform DATACHECK Connect hilft ihnen, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden.
Ein Interview mit dem Projektleiter Borys Hrachov über das schwule Leben in den Zeiten vor und während des Krieges und die Herausforderungen, sich im Exil zurechtzufinden.
Axel Schock | Fotoquelle: (c) Natalia Reich
Fragen von
Borys Hrachov spricht im IWWIT-Interview über Flucht, HIV und seinen Neuanfang in Deutschland. Foto: © Borys Hrachov
Antworten vonEin schwules Leben vor dem Krieg
Borys, du lebst inzwischen eine ganze Weile in Berlin. Wie hat dein Leben vor dem Krieg ausgesehen?
Ich arbeitete als Projektmanager bei zwei großen Menschenrechtsorganisationen. Zum einen bei Alliance.Global, die unter anderem rechtliche Hilfe für die LGBTIQ-Community bietet, zum anderen für ein HIV-Präventionsprojekt. Ich hatte bis zum Einmarsch der Russen das für mich denkbar beste schwule Leben geführt. Ich hatte ursprünglich nicht vor, zur Armee zu gehen, aber dann ist doch alles ganz anders gekommen. Ich habe mich mit 27 freiwillig gemeldet und habe zweieinhalb Jahre auf verschiedenen Ebenen als Sanitäter und in der medizinischen Versorgung gearbeitet.
Mit HIV nach Deutschland: Neue Herausforderungen
Du bist nun einer von derzeit etwa 1,3 Millionen Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Etwa 10.000 davon gelten als HIV-positiv. Ist diese Zahl realistisch?
Sie dürfte deutlich höher sein, genaue Zahlen sind leider nur schwer zu ermitteln, da viele von ihnen bereits in der Ukraine eine antiretrovirale Therapie (ART) oder auch die PrEP erhalten haben. Und für einige ist es einfacher, online mit ihren Ärzt*innen in der Ukraine in Kontakt zu bleiben und die ART per Post zu beziehen, als sich mit dem deutschen System vertraut zu machen und sich hier mit den notwendigen Medikamenten zu versorgen. Diese Menschen mit HIV tauchen deshalb in den deutschen Statistiken nicht auf.
Ist das deutsche Gesundheitssystem tatsächlich so kompliziert und überbürokratisch?
Es hat zumindest diesen Ruf, weshalb viele, die neu ins Land kommen, abgeschreckt sind, sich damit zu beschäftigen und es auszuprobieren.
Wenn man das ukrainische Gesundheitssystem gewohnt ist, gibt es allerdings schon deutliche Unterschiede. Gerade was HIV-Dienstleistungen angeht, ist das System sehr modern und einfach zugänglich. Man muss sich faktisch um nichts selbst kümmern. Man kann eigentlich alles online erledigen und wird an Termine erinnert, bekommt bei Bedarf ein Taxi bestellt oder automatisch Material für Abstriche nach Hause geschickt. Das ist für Menschen, die diesen Rundumservice gewohnt sind, erst einmal eine Umstellung. Wenn man sich in das System eingearbeitet hat, ist es auch gar nicht so schwer, zum Beispiel einen Arzttermin für die PrEP zu bekommen.
Man darf aber nicht vergessen, dass es für Migrant*innen generell schwer ist zu verstehen, wie das Gastland funktioniert. Man muss alles neu erlernen wie ein Kind – wie man Fahrkarten kauft, ein Konto eröffnet oder Post verschickt; zumal, wenn man zur Migration gezwungen wurde und ohne Vorbereitung und Planung das Heimatland verlassen musste. Das ist zwar an sich nicht so kompliziert, aber für Menschen, die neu ankommen, zumal mitten in einem Krieg, kann das alles erst einmal überfordern.
Hier in Deutschland hast du dein Engagement für die queere und die HIV-Community der Ukraine fortsetzen können, wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen. So leitest du jetzt das „DATACHECK Connect". Wie kann dieses von der Deutschen Aidshilfe initiierte Projekt den Menschen helfen, sich leichter im Gesundheitssystem zurechtzufinden?
Unsere Idee war, in Kooperation mit der ukrainischen HIV-Selbsthilfeorganisation 100% Life und der National HIV Hotline, eine Art Brücke zwischen den ukrainischen und den deutschen Dienstleistungen zu schlagen und den Menschen zu erklären, wie sie in Deutschland Hilfe finden können.
Wir haben dazu eine große Datenbank von medizinischen und sozialen Diensten sowie die Kontaktdaten von NGOs und Organisationen aufgebaut und alle notwendigen Informationen ins Ukrainische übersetzt. Denn eine Sprache lernt man nicht in wenigen Tagen und Wochen, daher ist die Sprachbarriere eines der Hauptverständigungsprobleme.
Wir bieten den Menschen außerdem psychologische Hilfe an, denn viele Menschen, die nach Deutschland kommen, leiden unter kriegs- und fluchtbedingten psychischen Belastungen.
DATACHECK Connect: Unterstützung, die ankommt
Wie finden diese Beratungen dann statt?
Online über eine sichere Videoplattform mit Psychologen, die von der Ukraine aus zugeschaltet sind.
Außerdem haben wir einen Chatbot aufgebaut, der zwar sehr einfach ist, aber den Menschen dennoch grundlegende Antworten auf rechtliche Fragen liefert. Wir haben ihn mit den häufigsten Fragen zum Thema Einreise nach Deutschland gefüttert. Viele drehen sich auch um HIV. Zum Beispiel ob ich mit HIV in Deutschland arbeiten darf, ob mein Visumantrag wegen des HIV-Status abgelehnt werden kann und so weiter.
Ein weiteres wichtiges Tool ist der Übersetzungsdienst. Jede:r weiß, wie schwer es beispielsweise ist, einen Termin in einer Facharztpraxis zu bekommen, aber noch schwerer, Ärzt*innen zu finden, die Russisch, Ukrainisch oder Englisch sprechen. Wenn der Arzttermin rechtzeitig im Voraus angemeldet wurde, können wir online Dolmetscher*innen zuschalten. Dieser Service wurde bereits hundertmal in Anspruch genommen.
Wie wird „DATACHECK Connect" generell angenommen?
Wir sind erst Mitte Mai online gegangen, aber bereits in den ersten drei Monaten haben rund 6.000 Menschen die Webseite genutzt.
Queer, geflüchtet und angekommen?
Wie geht es schwulen Ukrainer*innen in Deutschland, insbesondere wenn sie HIV-positiv sind? Kommen sie hier im Land zurecht? Haben sie mit besonderen Problemen zu kämpfen?
Ich denke, sie leben großartig: Es gibt keine Raketenangriffe, keinen Bombenalarm. Aber im Ernst: Ich denke, es ist immer kompliziert, wenn man als Geflüchteter in ein anderes Land kommt. Und es ist komplizierter, schwuler Geflüchteter zu sein, und wenn man ein HIV-positiver schwuler Geflüchteter ist, kommen noch ein paar zusätzliche Probleme hinzu. Man muss sich nicht nur um seine Papiere kümmern, eine Wohnung und Arbeit finden, sondern auch die HIV-Behandlung organisieren. Das alles ist natürlich eine große Belastung für diese Menschen. Aber generell denke ich, dass Deutschland eines der besten Länder für schwule Menschen in Europa ist. Und ich glaube, dass ukrainische Schwule, die nach Deutschland gekommen sind, das nicht unbedingt erwartet haben.
Was könnte die deutsche Gesellschaft und vielleicht auch speziell die queere Community tun, um Menschen aus der Ukraine zu unterstützen?
Eine komplizierte Frage. Die allerbeste Unterstützung für alle Ukrainer*innen wäre, unsere militärischen Aktivitäten gegen Russland zum Beispiel finanziell zu unterstützen. Das ist natürlich eher schwer umzusetzen.
Wenn man den Menschen ganz konkret helfen möchte, dann ist es das Beste, sie bei der Integration zu unterstützen. Ich wäre sehr froh gewesen, wenn ich in den ersten Wochen meines Lebens in Deutschland jemanden gehabt hätte, der mir erklärt hätte, wie die Dinge hier laufen. Inzwischen gibt es viele Organisationen, die Ukrainer*innen bei grundlegenden Fragen helfen, wie zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder beim Umgang mit Dokumenten. Auch hier kann man sich engagieren.