Ein Abend, der bleibt: Laut, queer, solidarisch-Rap für den guten Zweck in Erfurt

Ein antifaschistischer Rap-Abend im AJZ „Banane“ in Erfurt zeigt, wie laut, queer und solidarisch Kultur sein kann. Mit Musik, Spenden und viel ehrenamtlichem Engagement wurde das Queere Zentrum Erfurt unterstützt und ein starkes Zeichen gegen rechte Gewalt gesetzt.

Autor:in: John Sherbaz
Veröffentlicht am: 04.05.2026
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Inhaltsverzeichnis

„Alle queer, alle laut! Alle hier, die sich trauen!“ – schon beim Betreten des Autonomen Jugendzentrums „Banane“ in Erfurt liegt eine gewisse Energie in der Luft. Es ist einer dieser Abende, die mehr sind als nur ein Konzert. Einer, der zeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen, um sich gegenseitig zu stärken. Einer, der laut ist und gleichzeitig zutiefst solidarisch.

Rap als Haltung und Solidarität

Am 6. Dezember 2025 fand hier ein antifaschistischer Rap-Abend statt. Organisiert als Benefizkonzert für das Queere Zentrum Erfurt, wurde schnell klar: Es geht nicht nur um Rap-Musik und schrille Texte, sondern um Sichtbarkeit, Zusammenhalt und konkrete Unterstützung.

Ein Song, der den Ton des Abends setzt, ist „Coming Out Bernd“ von den Thüringer Künstler*innen TRAUMFRESSER und HAZEL. Ursprünglich wurde der Song zum Pride Month 2024 veröffentlicht, in einem politisch aufgeladenen Jahr mit Landtagswahlen.

Wenn es durch den Raum schallt: „Heteronormen auseinanderbauen! Tradition’ zerhauen! Rückwärtsgewandte werden staunen, wie wir liebevoll auf die braune Kacke hauen!“, dann ist das nicht nur Provokation. Es ist Haltung. Und sie wird vom Publikum getragen.

Warum Unterstützung so wichtig ist

Während sich vor der Bühne die Menge sammelt, wird im Hintergrund deutlich, warum dieser Abend überhaupt nötig ist. Das Queere Zentrum in Erfurt existiert seit September 2021 und wird aus dem Thüringer Landeshaushalt gefördert. Doch diese Förderung ist alles andere als sicher. Jahr für Jahr muss erneut gezittert werden: Wird das Geld wieder bewilligt? Können Miete und Personal weiterhin bezahlt werden? Besonders die ersten Monate eines Jahres sind geprägt von Unsicherheit – ein Zustand, der Kraft kostet und langfristige Perspektiven erschwert.

Gerade deshalb hat sich eine Vielzahl von Acts aus Mitteldeutschland zusammengeschlossen. Ob DER NEBENWIDERSPRUCH aus Halle, TRICKEL und TRAUMFRESSER aus Weimar oder SOLJANKA MC feat. CHAVVYNASTY und HAZEL aus Jena: sie alle stehen an diesem Abend gemeinsam auf der Bühne – ohne Gage, ohne Fahrtkostenerstattung. Was sie eint, ist der Wunsch, das Queere Zentrum zu unterstützen. Und das in einer Stadt, in der rechte Gewalt auf einem alarmierenden Niveau ist und insbesondere queere Menschen immer wieder Ziel von Angriffen werden!

Auch hinter den Kulissen zeigt sich diese Haltung. Das Team des AJZ „Banane“ arbeitet komplett ehrenamtlich. Der Eintritt basiert auf Spenden, und selbst Einnahmen aus dem Tresen sowie vom Merch-Stand fließen am Ende in den gemeinsamen Topf. Es ist ein Abend, der von Anfang bis Ende von freiwilligem Engagement getragen wird.

Musikszene bei einem Benefizkonzert in Erfurt
Ein solidarischer Rap-Abend zugunsten des Queeren Zentrums Erfurt | © Canva

Mobilisierung, Zweifel und volle Resonanz

Die Vorbereitung lief dabei alles andere als selbstverständlich. „Überall in der Stadt hingen Plakate“, erzählt Hauptorganisator IZZY BÜRGERMEISTER-LIPPENSTIFT, selbst Teil von TRAUMFRESSER. Auch online wurde mobilisiert, ein Share Pic ging durch soziale Netzwerke, sammelte über 270 Likes und wurde vielfach geteilt. Für eine vergleichsweise kleine Veranstaltung ist das schon beachtlich. Trotzdem bleibt bis zuletzt die Unsicherheit: Werden genug Leute kommen? Wird es reichen, um wirklich etwas zu bewirken?

Aber: Das AJZ bleibt nicht leer. Im Gegenteil: Über den Abend verteilt finden sich etwa 70 bis 80 Besucher*innen ein. Für einen Raum, der rund 100 Menschen fasst, ist das eine starke Resonanz. Die Stimmung ist super. Es wird mitgerappt, getanzt, skandiert.

IZZY zieht am Ende ein klares Fazit: „Für Erfurt und die Größe der Location bin ich sehr zufrieden.“ Doch wie er selbst betont, ist der eigentliche Maßstab ein anderer: die Spendensumme.

Wenn Solidarität konkret wird

Und auch hier wird der Abend seinem Anspruch gerecht. Insgesamt kommen 856 Euro zusammen. 481 Euro davon direkt aus den Spenden der Besucher*innen. Weitere 375 Euro steuert das AJZ „Banane“ bei. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Solidarität hier nicht nur ein Wort ist.

„Meine Erwartungen wurden auf alle Fälle übertroffen!“, sagt IZZY rückblickend. Und tatsächlich: Dieser Abend zeigt, wie viel möglich ist, wenn viele kleine Beiträge zusammenkommen. Wenn Menschen ihre Zeit, ihre Kunst und ihre Ressourcen teilen.

Was bleibt, ist mehr als eine Zahl. Es ist das Gefühl, Teil von etwas gewesen zu sein. Einer Gemeinschaft, die sich nicht einschüchtern lässt. Die laut ist, wenn es nötig ist – und liebevoll, wenn es darauf ankommt.

Wahrscheinlich ist genau das die größte Stärke dieses Abends gewesen: Er hat gezeigt, dass Widerstand nicht nur Protest bedeutet, sondern auch Fürsorge und Solidarität. Dass Kultur Räume schaffen kann, in denen sich Menschen sicherer fühlen.

Was von diesem Abend bleibt

Als gegen Ende noch die Karaoke-Maschine angeworfen wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum endgültig. Hier zählt nicht mehr, wer performt und wer zuschaut. Alle sind Teil des Ganzen.

Und vielleicht hallt genau deshalb ein Satz noch lange nach:

Alle queer, laut und hier, die sich trauen.

John Sherbaz

AJZ „Banane“ Erfurt

Ein wichtiger Ort für Kultur, Begegnung und Engagement

Das AJZ „Banane“ in Erfurt ist ein selbstorganisierter Ort für Konzerte, Veranstaltungen, politische Bildung und solidarisches Miteinander. Mehr Informationen zum Haus, zu Terminen und zur Geschichte findest du direkt auf der Website des AJZ.

Mehr erfahren Infos, Termine und Geschichte AJZ „Banane“ Erfurt


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