Heute ist ein guter Tag, um gemeinsam gegen jede Unterdrückung einzustehen

Der Beitrag zeigt, warum queere Selbstbestimmung nicht losgelöst von anderen Kämpfen gedacht werden kann. Es geht um Unterdrückung, Klassismus, Rassismus, Transfeindlichkeit und die Frage, wie echte Verbündungen entstehen können.

Autor*in: Sophie Rauscher
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Inhaltsverzeichnis

Die neue Regierungskoalition steht, deutlich ist: Es wird Stimmung gemacht gegen diejenigen, die sowieso schon im gesellschaftlichen Abseits stehen. Es wird gekürzt bei denjenigen, die keine Lobby haben. Es wird versprochen, dass es den meisten Menschen in diesem Land besser gehen wird, wenn Menschenrechte nicht mehr für alle gelten. Das alte Prinzip des „teile und herrsche“: Spalte Nachbar*innenschaften, treibe Familien auseinander, verunmögliche selbstlose Freund*innenschaften. Wenn erstmal alle nur für sich kämpfen, dann lassen sich nach und nach die Rechte einzelner Gruppen abbauen.

Als queere Community ist deshalb enorm wichtig, dass wir spätestens jetzt verstehen: Erst, wenn niemand mehr unterdrückt wird, kann es echte Selbstbestimmung für alle geben. Der 1. Mai ist genauso „unsere“ Demonstration wie explizit queere Prides. Alles hängt mit allem zusammen.

Arbeitsstreik gegen das System

Wir kennen uns aus mit Streiks, wir stellen uns den gesellschaftlichen Erwartungen an unsere Sexualitäten und Geschlechter entgegen. Queer-Sein muss unbedingt als Streik gegen das Patriarchat begriffen werden, um politisch zu sein. Wir legen die Arbeit an diesem System nieder, das in zwei Geschlechter einteilt, nur Kernfamilien kennt und Frauen unterdrückt. Dabei ist das Patriarchat nicht der einzige Feind queerer Freiheit. Selbstbestimmung für alle und damit auch für alle Queers gibt es nur ohne, wie bell hooks die verschiedenen miteinander verknüpften Macht- und Unterdrückungsmechanismen so treffend beschreibt, „Imperialist White Supremacist Capitalist Patriarchy“. Nicht zufällig hängen zum Beispiel Kolonialismus und Queerfeindlichkeit zusammen, wurde Völkern, die ausgebeutet wurden, versucht, das Queer-Sein auszutreiben. 

Konkret lohnt sich der Blick am Tag der Arbeiter*innen auch auf die Zusammenhänge von Klassismus und sexueller und geschlechtlicher Freiheit: Unsere Selbstbestimmung wird beschränkt durch soziale Ungerechtigkeit. Durch unterschiedliche Sorgen und Lasten zwischen denen, die arbeiten und denen, die nur arbeiten lassen. Denen, die mieten und denen, die vermieten. Denen, die schulden und denen, die Eigentum haben. Denen, die sich ausbeuten lassen müssen und denen, die ausbeuten. Denen, die besprochen werden und denen, die sprechen. Denen, die immer nur zuhören müssen und denen, die unterrichten dürfen. Denen, die erforscht werden und denen, die forschen. Denen, für die der eigene Name nur Nachteile bringt und denen, die einen Titel im Namen tragen. Die wenigsten können sich klar auf die eine oder andere Seite einordnen, es geht um fließende Übergänge und Gleichzeitigkeiten. Wichtig ist, diese Pole überhaupt sichtbar zu machen und zu überlegen, wie sie unser Miteinander beeinflussen.

Symbolbild zum Beitrag über Unterdrückung, queere Selbstbestimmung, Klassismus, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit.
Gemeinsam gegen Unterdrückung: Queere Selbstbestimmung braucht soziale Gerechtigkeit | Foto/Quelle: Canva

Geld für alle statt Karriere für manche

Queere Repräsentation bringt uns dort, wo ausgebeutet wird, nicht weiter. Die Kürzung vieler Diversity-Programme großer Unternehmen sollte ein Weckruf sein, dass oberflächliche Lippenbekenntnisse keine Strukturen verändern. Es ging nie darum, Macht zu teilen, sondern um einen schwulen besten Freund in einer aufopfernden Nebenrolle für die Reichen und Mächtigen. Gleichzeitig ist nun angeblich kein Geld mehr da für Beratungsstrukturen, für Kultur, für soziale Einrichtungen. Vor allem queere Jugendliche, die nach Orientierung suchen, aber auch alle prekär beschäftigten Queers werden im Stich gelassen.

Einzelnen unter uns haben sich die vergangenen Jahrzehnte tolle Karrieremöglichkeiten aufgetan, während der Rest dabei zusehen musste, wie sich die eigenen Probleme verschärfen. In Bars, Clubs und Cafés sind Preise gestiegen, kostenlose oder zumindest nicht profitorientierte Begegnungsräume wurden weggekürzt. Die „Community“ hat keine Durchsetzungskraft, wenn sie nur ein loser Verbund von unterschiedlichen Einzelinteressen ist, wenn es nur um persönliche Lust oder gar Gewinnmaximierung geht. Sie kann dort stark für ihre Interessen einstehen, wo sie sich gemeinsam gegen ihre Unterdrücker verbündet.

Neu ist das nicht, die Diskussionen um Anpassung oder Widerstand gehören seit jeher zu den Auseinandersetzungen innerhalb von LSBTI*-Bewegungen. Auch die Frage nach dem Verhältnis der Bewegung zu Regierung und System wird unterschiedlich bewertet: Immer wieder ging es einerseits um den Kampf gegen den Staat und seine Gewalt (Stonewall als Aufstand gegen polizeiliche Maßnahmen, Abschaffung §175 StGB und TSG) und andererseits um die Anerkennung des Staates und seiner Institutionen (Ehe für alle, Strafverschärfungen bei Hasskriminalität, LSBTI* in Militär und Polizei).

Armutsrisiken und Ablenkungsmanöver

Wer online der ein oder anderen trans Person folgt, wird häufiger mitbekommen, dass immer wieder für dringend notwendige Operationen Geld gesammelt wird. Wenn Einzelfälle häufig vorkommen, steckt dahinter ein System. Unterschiedliche finanzielle Ressourcen sorgen dafür, dass nicht jede Person für ihre OP-Kosten selbst aufkommen kann. Transition kann zur Armutsfalle werden, auch das Ausstellen neuer Dokumente kostet, Medikamentenzuzahlungen, Arbeitsplatzverlust aufgrund von Diskriminierung. Was bedeutet es für trans Personen, so viele Behörden- und Arztgänge, so viel Bürokratie überwinden zu müssen, dass dadurch kaum Zeit bleibt, berufliche Ziele zu verfolgen oder sich um Bildung zu kümmern?

Wenn die einzige politische Forderung dann nur die Akzeptanz bleibt, die Bitte, doch genauso auf der Gewinner*innenseite stehen zu dürfen, wird die Chance auf eine gerechtere Welt verpasst, in der es allen besser gehen kann. Deshalb: Verbündet euch, helft einander, baut Chancenungerechtigkeit ab, schafft Zugänge, hinterfragt Machtverhältnisse und die Bedeutung von Reichtum und sozialer Herkunft.

Unterdessen darf niemand auf Ablenkungsmanöver hereinfallen: Rassistische Politik gegen Geflüchtete und migrantisierte Personen schürt Gewalt. Sicherheit kann es nur in einer Welt geben, in der die Schere zwischen Arm und Reich klein ist. Eine Welt, die in Bildung und das gute Leben für alle investiert, die Vertrauensvorschüsse leistet statt Misstrauen zu säen. Autoritäre Staaten geben vor, mit harten Strafen, Sanktionen und Abschiebungen wäre die Geduld mit denen, die unserer Gesellschaft schaden, am Ende. Nur, wer schadet dieser Gesellschaft denn wirklich? Wer kann sich zurücklehnen, während wir uns aneinander an die Gurgel gehen? Für wen gelten Sonderregeln? Ein weiblicher Geschlechtseintrag im Reisepass soll angeblich dafür sorgen, dass Gesetze, die Belästigung oder sexualisierte Gewalt bestrafen, nicht mehr gelten. Diese transfeindliche Behauptung lenkt davon ab, dass es in der Tat eine Gruppe von Menschen gibt, die so gut wie nie zur Rechenschaft für ihre Verbrechen und ihre Übergriffigkeit gezogen wird: Milliardär*innen.