Dating-Apps wie Grindr und Romeo machen es leicht, Sexpartner*innen zu finden – oder Ahnungslose, die man ausrauben kann. Machen Kriminelle tatsächlich „Jagd auf Schwule“? Überfallene und Fachleute berichten
Stell dir vor, du freust dich auf ein Grindr-Date – und plötzlich blickst du in den Lauf einer Pistole. So passiert es Jermaine am 23. November 2025. „Ich habe mich schon oft mit Leuten aus Grindr verabredet“, erzählt er. „Alles war so wie immer. Man dachte, man trifft halt wen Neues.“ Der Berliner ahnt nichts Böses, als er zur vereinbarten Adresse fährt. Das Hochhaus in Buckow ist nur zehn Autominuten entfernt. Hier, im 14. Stock, soll „Nico 20“ wohnen. Die Haustür unten steht offen. Der 24-Jährige fährt mit dem Lift nach oben, schreibt seinem Date, dass er angekommen ist. Im Flur hört er Schritte hinter sich und erblickt einen maskierten Mann. Der bedroht ihn mit einer Schusswaffe, fordert Handy und Hausschlüssel. „Es ging alles so schnell“, erinnert sich Jermaine. „Aber allmählich habe ich realisiert: Du bist Opfer queerfeindlicher Gewalt geworden.“
Statt des erhofften Grindr-Dates beginnt eine tagelange Erpressung. Noch im Treppenhaus soll Jermaine Geld per Paypal überweisen. Doch er hat keinen Account. „Daraufhin wurde der aggressiv. Ich bin dann mit ihm zu mir nach Hause.“ Vor der Haustür kann Jermaine noch aushandeln, dass er erst seine Mutter mit ihrem Rollstuhl in die Küche schieben darf. Sie hat eine Rücken-OP hinter sich. Dann dringt der Täter in die Wohnung ein. „Er hat alles durchwühlt, Schmuck eingesteckt und alle Bankkarten“, berichtet Jermaine. Nun muss er den Täter zur Bank begleiten. „Er hat mir immer wieder gedroht: ,Wenn du was versuchst, passiert deiner Familie was!‘“ Und da ist die Waffe, eine Gaspistole, wie sich später herausstellt.
Am Geldautomaten ist die Gewaltodyssee noch nicht zu Ende. Dem Räuber reicht nicht, was er auf dem Konto findet. Er will auch noch die nächste Gehaltszahlung erpressen. Jermaine darf gehen und sein Handy mitnehmen. „Er hat mich stündlich mit Anrufen bombardiert und weiter bedroht“, berichtet der Neuköllner. Doch der hat längst die Polizei alarmiert. Eine Woche später räumt der Erpresser das Konto leer und schreibt danach per Whatsapp: „Danke. Hat Spaß gemacht.“
Siebenmal dieselbe Masche
Das Besondere an Jermaines Fall: Er hilft dabei, einen schwulenfeindlichen Serientäter hinter Gitter zu bringen. Im Januar verhaftet die Berliner Polizei Daniel F., als er am selben Ort einen weiteren Mann in die Falle locken will. Vor Gericht kommt raus: Es war bereits der siebte Überfall nach dem gleichen Muster: derselbe Räuber, dasselbe Hochhaus, dieselbe Gay-Dating-App. „Angst beim Online-Dating: Wie gefährlich ist Grindr?“ , fragte das Berliner Magazin Siegessäule stellvertretend für viele entsetzte Schwule.
Daniel F. ist tatsächlich erst 20 Jahre alt, und kam im Juni vors Landgericht in Berlin-Moabit. Dort gestand er alle sieben Taten und eine achte, die gar nicht Teil der Anklage war. Vier weitere Personen waren beteiligt. Im November und Dezember 2025 hatten sie rund 7500 Euro zusammengeraubt, in bar und durch Verkauf der Beute. Das Geld war für den suchtkranken Daniel ein wichtiges Motiv. Aber auch sein Hass auf Schwule habe eine Rolle gespielt, so das Gericht. Richter Frank Klamandt erkannte „sadistische Züge“. Mehrere Geschädigte hatte Daniel F. als „Schwuchtel“ beleidigt. Einer musste sich selbst „Hurensohn“ und „Schwanzlutscher“ nennen. Daniel filmte ihn dabei. Ein Opfer zwang Daniel dazu, einen Vogelkadaver in den Mund zu nehmen.
Jermaine war an allen vier Verhandlungstagen im Gerichtssaal und sagt: „Es war überfordernd, dem Menschen gegenüberzusitzen, der einem das angetan hat.“ Dass Daniel F. für fünf Jahre hinter Gitter muss, ist für Jermaine keine große Erleichterung: „Was passiert, wenn er aus dem Gefängnis kommt? Tut er mir dann vielleicht Schlimmeres an?“ Dazu kommt das Gefühl, dass die Behörden die Sache anfangs nicht ernst genommen haben. „Mein Überfall war der zweite“, berichtet Jermaine. „Dass erst noch fünf weitere kommen mussten, bis die Staatsanwaltschaft reagiert hat, finde ich traurig. Gott sei Dank hat sich nun auch unsere Landesregierung der Sache angenommen, weil sie wissen wollen, was da schiefgelaufen ist.“
In Berlin wird nun darüber diskutiert, warum die Behörden nicht schneller erkannt haben, dass hier Serientäter am Werk sind. Im September begann ein weiterer Prozess gegen einen 18-Jährigen, der mindestens sechs schwule Männer via Grindr in deren Privatwohnung überfallen hatte. Die Polizei konnte ihn nach wenigen Wochen fassen, aber offenbar fiel niemandem auf, dass er nach demselben Muster vorging wie Daniel F. „Hier versagt die Kommunikation der Polizei“, kritisierte Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano. Solche Infos müssten intern sofort weitergeleitet werden, etwa an die Ansprechpersonen für queere Menschen bei der Polizei. „Denn wenn diese Stellen nichts wissen, können sie die Community nicht warnen!“
„Jagd auf Schwule“?
Auch viele Medien haben inzwischen über die Grindr-Überfälle berichtet. Eine ARD-Doku warnte sogar vor einer „Jagd auf Schwule“, die über Gay-Dating-Apps organisiert werde. Wie schlimm die Lage ist, weiß am ehesten Maneo, zumindest für den Berliner Raum. Seit 1990 sammelt das schwule Anti-Gewalt-Projekt homofeindliche Vorkommnisse jeder Art – von der abfälligen Bemerkung bis hin zum tätlichen Angriff. „An sich sind solche Dating-Fallen schon so alt, wie das Online-Dating selbst“, erklärt Maneo-Leiter Candy Spilski. „Aber seit 2022 erfassen wir diese Art von Gewalttaten gesondert, weil wir bemerkt haben: Sie häufen sich.“
Einen klaren Trend nach oben oder unten gibt es in Berlin nicht. 2024 wurden Maneo 27 Fälle von Online-Dating-Fallen gemeldet, 2025 nur 11. Dazu zählen in den Maneo-Jahresberichten: echte Dates, bei denen der Gast Wertsachen mitgehen lässt, Erpressungsversuche mit geteilten Fotos und -videos („Sextortion“) sowie Raub beziehungsweise räuberische Erpressung. In sehr seltenen Fällen kommt es auch zu sexualisierter Gewalt. Einen Trend erkennt Maneo darin, dass Dating-Überfälle früher eher von Einzeltätern verübt wurden, heute von organisierten Gruppen – so wie in Jermaines Fall.
Das größte Problem sieht Candy im „riesigen Dunkelfeld“. Die meisten Überfälle werden nie gemeldet und tauchen daher weder bei Maneo noch in der Kriminalstatistik auf. Dass es einige krasse Fälle nun in die Medien geschafft haben, sieht Candy deshalb positiv. „So werden immer mehr Taten bekannt – was gut ist! –, aber ob man da wirklich ein Trend draus ableiten kann, ist schwer zu sagen.“
Auch aus der Polizeistatistik lässt sich keine Flut von Dating-Überfällen ablesen. Eine Stichprobe im Ballungsraum Köln, eine der schwulen Metropolen Deutschlands: Bisher kam kein einziger Fall vor Gericht. Thorsten Helmers, Ansprechpartner für LSBTIQ* bei der Polizei Köln, weiß zwar von einigen, aber da noch ermittelt wird, darf er keine Einzelheiten rausgeben. „Ein verlässliches Lagebild zu diesen Taten lässt sich derzeit kaum erstellen“, erläutert der Kriminalhauptkommissar. Bei einer Anzeige werde weder „homosexuell“ noch „Datingapp“ als Merkmale erfasst. Zudem vermutet auch Thorsten Helmers, dass der größte Teil der Taten gar nicht angezeigt wird. „Über die Beweggründe können wir letztlich nur mutmaßen – sei es Scham, die Sorge vor negativen Reaktionen im eigenen Umfeld oder Angst vor Re-Traumatisierung“, so Helmers. „Klar ist aber: Wir möchten Betroffene ausdrücklich dazu ermutigen, jeden Fall anzuzeigen. Nur mit diesen Informationen lassen sich mögliche Tatzusammenhänge erkennen und verfolgen.“
Schwule Männer, leichte Beute?
So einen Überfall anzuzeigen, ist gar nicht so einfach, denn danach beginnt eine „Achterbahn der Gefühle“, wie Leopold sie beschreibt: „Erst zieht man sich zurück und möchte gar nicht drüber sprechen; dann bricht alles aus einem raus; dann kommt Wut auf; dann wird man wieder traurig… Es kommt alles so geballt.“ Eine Frage quält ihn besonders: „Wieso ist das mir passiert?“
Der Musiker wurde am 19. Mai bei einem vermeintlichen Grindr-Date in seiner Berliner Wohnung überwältigt. Noch im Flur schlugen ihm die Täter mehrfach ins Gesicht. Dann hielten sie ihn in seinem eigenen Zuhause gefangen, beleidigten ihn, bedrohten ihn, versuchten Geld zu erpressen. Erst nach drei Stunden zogen sie mit seiner Girokarte ab. Leopold war geschockt – aber nicht wehrlos: Noch am selben Tag stoppte er die erzwungene Überweisung und erstattete Anzeige. Und am Ende der Woche ging er viral: Sein Instagram-Video wurde mehr als 14.000-mal geliked. „Meine Hauptmotivation war, die Leute zu warnen“, erklärt der 33-Jährige. „Aber ich habe es auch getan, damit ich selber diese Scham nicht mehr spüren muss, um mir selber – und anderen Betroffenen – zu sagen: ,Ihr habt keine Schuld, wenn euch sowas passiert!‘“
Immerhin ist einer der Eindringlinge mittlerweile gefasst: Es ist jener Mann, der nun in Moabit vor Gericht steht. Auch Leopold wird in dem Fall aussagen. Sein Erlebnis ist eine unangenehme Erinnerung daran, dass schwules Dating auch im Jahr 2026 mit Risiken verbunden ist. Per Smartphone wirkt es sehr diskret und sicher, weil man es bequem vom Sofa aus organisieren und jederzeit abbrechen kann. Aber aus kriminalistischer Sicht ist ein Date mit einem Unbekannten in der Privatwohnung gefährlicher als ein Besuch im Darkroom oder in der schwulen Sauna, wo im Notfall Personal und andere Gäste zu Hilfe kommen könnten.
„Die Täter wussten, dass schwule Männer über diese App eine leichte Beute sind“, stellt Leopold fest. „Man kann sich schnell und unverbindlich verabreden – und die Treffen können gleich zu Hause stattfinden.“ Diese Niedertracht beschäftigt ihn bis heute, auch weil die bisher noch nicht gefassten Gewalttäter ihre Verachtung für queere Menschen so schamlos gezeigt haben. Während sie ihn gefangen hielten, verlangte einer der Männer eine Tasse Kaffee, aber bezweifelte, ob der angebotene Becher sauber sei. „Erst im Nachgang habe ich das verstanden“, sagt Leopold noch immer fassungslos: „Die Männer haben sich vor mir und meinen Sachen geekelt, weil ich schwul bin.“
Tatmotiv Homohass
Wie verzerrt das Weltbild mancher Täter ist, zeigte sich auch in den Aussagen des verurteilten Daniel F., die das Magazin Siegessäule dokumentiert hat. Warum er ausschließlich Homosexuelle überfallen habe, wollte der Richter wissen. Die Antwort: Weil sie leichte Opfer seien – bis auf einige Ausnahmen: „Die Arabischen und Türkischen ließen wir in Ruhe, denn da war mit Gegenwehr zu rechnen. Die haben wir vorher immer aussortiert.“
Besonders wütend macht Jermaine, dass der verurteilte Gewalttäter trotzdem behauptet hat, nichts gegen Homosexuelle zu haben. Die menschenfeindlichen Motive und ihre Ursachen dürften nicht unter den Tisch fallen: „Der Täter stammt nun mal aus dem Iran und hatte ein Problem mit Homosexuellen“, sagt er über Daniel F. „Das gehört zur Wahrheit dazu.“ Für Jermaine ist das „kein rechtsextremer Hintergrund, sondern ein islamistischer“.
Ungeachtet der Tatmotive ist eins sicher: Weder Jermaine noch Leopold sind die „leichten Opfer“, für die sie gehalten wurden. Beide haben nicht nur Anzeige erstattet, sondern sind an die Öffentlichkeit gegangen. Jermaine hat in Interviews und auf mehreren CSDs von seinem Fall berichtet. Dort haben sich viele erkundigt, wie es ihm nun geht. „Diese Nachfragen aus der Community geben mir so viel Kraft und Sicherheit“, sagt Jermaine. „Genau für diese Menschen lohnt es sich weiterhin sichtbar und laut zu sein.“
Leopold hat mit seinem Video eine öffentliche Debatte losgetreten und im Bundestag mit Abgeordneten und Aktivist*innen gesprochen, darunter Maneo, LSVD+ und Sophie Koch, die Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Das gemeinsame Ziel: schwules Dating – und queeres Leben generell – sicherer zu machen. „Wir wollen gemeinsam dafür sorgen, dass sich Politik, Polizei, Justiz und Beratungsstellen noch intensiver austauschen, um solche Überfälle in Zukunft zu verhindern“, erläutert Leopold. „Queerfeindlichkeit ist ein großes gesellschaftliches Problem, und zwar in ganz verschiedenen Formen: seien es kriminelle, rechte oder religiös-fundamentalistische Gruppen.“ Die Politik müsse das ernst nehmen und Fördermittel bereitstellen für Organisationen, Verbände und Initiativen, die dagegen angehen. „Mich hat die Hassgewalt über eine Online-Dating-App getroffen“, stellt Leopold fest, „aber sie zeigt sich auch an vielen anderen Stellen, zuletzt beim Anschlag auf den Berliner CSD.“
Safer Gay Dating
Auch die Plattformbetreiber*innen sieht Leopold in der Verantwortung, vor allem Grindr und Romeo. „Sie müssen ihre Apps sicherer gestalten: „Auf Grindr gibt es so viel Werbung, da könnten sie ruhig auch mal einen lokalen Alert rausschicken, zum Beispiel an alle Berliner Profile: ,Passt auf! Es sind schon mehrere Übergriffe gemeldet worden.‘“ Eine Verifizierung der wahren Identität hält der Popsänger für sinnvoll, obwohl viele Leute Gay-Dating-Apps gerade wegen der Anonymität schätzen, vor allem in Ländern, wo Schwule staatlich verfolgt werden. „Das ist eine Gratwanderung. Aber Grindr verdient mit seinen User*innen viel Geld. Sie haben die Ressourcen, um sich was zu überlegen. Die Sicherheit der Nutzer*innen sollte im Vordergrund stehen.“
Den User*innen selbst empfiehlt Candy Spilski von Maneo jene Vorsichtsmaßnahmen, die sich seit dem frühen Internet bewährt hätten: „Trefft euch erstmal an einem neutralen Ort – am besten dort, wo LSBTQ+ willkommen sind. Später könnt ihr immer noch irgendwo anders hingehen.“ Und: „Die Einnahme von Drogen macht es schwieriger, Gefahren richtig einzuschätzen. Oft kommt man ja aus dem Club und loggt sich dann noch mal ein.“
Wenn es zu einer Straftat kommt, empfiehlt Maneo: Wenn möglich, Online-Chats und Fotos per Screenshot sichern. Dann ein Protokoll über den Vorfall schreiben, damit man die Einzelheiten später parat hat, wenn Polizei und Justiz nachfragen. Betroffene könnten sich jederzeit an Opferberatungsstellen wie Maneo oder den Weißen Ring wenden. Diese bieten ein offenes Ohr, Rechtsberatung und können bei Bedarf Therapeut*innen oder Ärzt*innen vermitteln. Candys Fazit: „Den Spaß am Dating sollten wir uns auf gar keinen Fall verderben lassen. Wichtig ist, dass wir auf unser Bauchgefühl hören. Wenn wir in einer Dating-Situation einen seltsamen Eindruck haben, sollten wir uns – wenn möglich – entziehen.“
Noch mehr „Tipps für sicheres Online-Dating“ findet ihr im Maneo-Newsletter von 2024 (ab Seite 6) und auf der Website der Polizei-Beratung.