Konsens in queeren Räumen

Vom schwulen Darkroom zur sex-positiven FLINTA-Party: Wie wird sexueller Konsens in unterschiedlichen queeren Räumen ausgehandelt? Und wie gehen wir mit Grenzüberschreitungen in diesen Räumen um? Anlässlich des Welttags der sexuellen Gesundheit am 4. September hat Manu Abdo mit unterschiedlichen Menschen gesprochen.

Autor: Manu Abdo
Veröffentlicht am: 03.09.2022
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Inhaltsverzeichnis

Was bedeutet Konsens beim Sex?

In Deutschland ist jede sexuelle Handlung ohne das Einverständnis aller beteiligten Parteien (affirmativer Konsens) strafbar. Affirmativer Konsens beschreibt eine Situation, in der alle Beteiligten bewusst, freiwillig und aktiv einer sexuellen Handlung zustimmen. Eine sexuelle Handlung könnte jede Form von körperlicher Interaktion mit einem sexuellen Charakter umfassen, wie Küssen, Umarmung, Berührungen oder Geschlechtsverkehr. Zustimmung muss eindeutig sein – egal ob sie verbal oder nonverbal gegeben wird. Sie kann jederzeit zurückgenommen werden und setzt voraus, dass keine Gewalt, kein Zwang und keine Manipulation im Spiel sind. Ein „Ja“ zu einer bestimmten Handlung bedeutet nicht automatisch Zustimmung zu anderen Handlungen, und ein vorheriges Einverständnis gilt nicht automatisch für zukünftige Interaktionen. Schweigen oder das Fehlen von Widerstand gelten nicht als Zustimmung. Konsens ist nur möglich, wenn alle Beteiligten klare Entscheidungen treffen können. Alkohol, Drogen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen können diese Fähigkeit einschränken. In solchen Fällen ist es entscheidend, zu erkennen, ob die andere Person handlungsunfähig ist.

Ein wichtiger Schritt zur Förderung des affirmativen Konsenses war die Einführung der „Antioch College Sexual Offense Prevention Policy“ 1991 am Antioch College in Ohio-USA. Die Richtlinie reagierte auf die wachsende Sorge über sexuelle Übergriffe auf College-Campus. Feministische Bewegungen prägten diesen Ansatz. Ziel war eine Kultur der gegenseitigen Achtung und des Respekts: Konsens musste aktiv, bewusst und freiwillig erfolgen. Diese Politik transformierte das Verständnis von Einwilligung, half sexuelle Übergriffe zu verhindern und schuf einen neuen Standard für den Umgang mit sexueller Zustimmung. Diese Pionierarbeit bereitete den Weg für moderne Ansätze auch in queeren Räumen.

Illustration mehrerer Personen in einem queeren Clubraum; im Hintergrund steht groß „Yes? No? Maybe?“ – Thema: Einvernehmlichkeit beim Sex.
Konsens in queeren Räumen – Symbolbild | Illustration:
Harjyot Khalsa

Konsens in queeren Schutzräumen

Queere Räume dienen oft als sichere Orte für Menschen, die Diskriminierung wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erleben. Viele Veranstalter*innen achten deshalb besonders darauf, dass sich alle Beteiligten körperlich und emotional sicher fühlen. Sie schaffen klare Kommunikationswege und respektieren individuelle Grenzen. Jedoch gibt es selbst innerhalb queerer Räume Unterschiede darin, wie Konsens gelebt und umgesetzt wird, was auch vom jeweiligen Ort und seinen Gegebenheiten abhängen kann.

Allerdings wenn sich jemand aus irgendeinem Grund unangemessen verhält, ohne den Konsens der anderen zu beachten, sollte dies kein Grund für Bestrafung oder Ausschluss sein, sondern eine Gelegenheit, daraus zu lernen. In einer Zeit des ständigen politischen Korrekturprozesses sollte der Raum für Bestrafung durch alternative Ansätze ersetzt werden, die Bildung und persönliches Wachstum fördern. Der*Die nicht binäre Mediator*in Joris Kern gibt seit 2009 Workshops zu den Themen Sexualität und Einvernehmlichkeit für Menschen, die in pädagogischen Feldern arbeiten, und versucht dabei, Konsens als eine Haltung oder Kultur und nicht nur als Methode zu definieren. Joris hat zwei Bücher über Konsens geschrieben: Sex aber richtig und Konsenskultur. Zudem hat er*sie von den Unterschieden in queeren Räumen bei der Arbeit im Organisationsteam einer sex-positiven FLINTA-Party erfahren.

Wie Konsens in FLINTA- und schwulen Räumen gelebt wird

„Es ist spannend zu sehen, wie sich die Räume und Dynamiken bei schwulen und FLINTA-Partys unterscheiden, besonders wenn sie im gleichen Veranstaltungsort, aber zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden,” erzählt Joris. Auf FLINTA-Partys ist die Atmosphäre oft ruhiger. Viele Teilnehmende lernen sich zunächst kennen und sprechen miteinander. So entsteht Schritt für Schritt ein Gefühl von Sicherheit und Einvernehmlichkeit, bevor es zu körperlicher Nähe kommt oder sie in den Darkroom gehen. Im Gegensatz dazu stand bei den schwulen Partys der körperliche Kontakt im Vordergrund.

Die Teilnehmer bewegten sich durch den Raum und konnten bereits Kontakt herstellen, oft bis jemand ausdrücklich sagte, dass er es nicht möchte. „Beide Ansätze haben ihre Chancen und Herausforderungen. Die schwule Szene könnte davon profitieren, mehr Kommunikation während und vor der Interaktionen zu fördern, während die Spontaneität und Impulsivität in der schwulen Cruising-Räumen eine Stärke wäre, von dem FLINTA-Räume profitieren könnten. Es ist wichtig, Räume zu schaffen, die sowohl Lust und Spontanität ermöglichen aber auch sicherstellen, dass alle Beteiligten sich wohlfühlen und respektiert werden,” erklärt Joris weiter.

Konsens im Club: Das Beispiel SchwuZ

Der legendäre Club SchwuZ in Berlin, der aus der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) hervorging, ist bekannt für seine sex-positiven Partys, die einen sicheren und inklusiven Raum für die LGBTIQ+ Community schaffen. Auf ihrer Website steht klar: „Konsens unterscheidet unter anderem Sex von sexualisierter Gewalt.“. David Degener vom Awareness-Team dort betont, dass Konsens für viele Menschen kein selbstverständlicher Begriff ist. Er vermittelt das Verständnis des Teams, dass Menschen unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen haben, die ihr Verhalten und ihr Verständnis von Konsens beeinflussen. Ein junger Mensch aus einem kleinen Dorf, der sich mit 18 Jahren geoutet hat und Berlins Kink-Partys ausprobieren möchte, bringt möglicherweise weniger Erfahrung in queeren Räumen mit als jemand, der in Berlin aufgewachsen ist. Diese unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen können dazu führen, dass manche unbewusst ungeschickt handeln, weil ihnen das nötige Wissen fehlt.

Was passiert bei Grenzüberschreitungen?

Wenn eine Person dem Team von einer unschönen Erfahrung berichtet, glaubt das Team ihr zunächst und fragt, was sie sich wünscht und braucht. Viele Betroffene wissen anfangs nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Manche übergriffigen Erfahrungen werden ihnen erst später bewusst. David nennt als Beispiel: „Ich wurde geküsst und habe eigentlich nichts gesagt. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen sollte.“ Auch der Kontext spielt eine wichtige Rolle. Wenn eine BPoC-Person immer wieder ungefragt an den Haaren berührt wird, geht es nicht nur um einen Konsensübergriff, sondern auch um rassistische Gewalt. Ähnliche Situationen können auch bei sexuellen Kontakten im Darkroom entstehen.

Wann Schutz Vorrang hat

Es gibt Fälle, in denen das Verhalten einer Person andere Gäste gefährdet. Solche Personen werden vom Team aus dem Club gebracht, und ihnen wird erklärt, warum sie gerade heraus gebracht werden. „Einer meiner ersten Fälle handelte von einer Person, die andere Menschen mehrfach und ohne deren Zustimmung umarmt hat,“ berichtet David. „Diese Person, die alkoholisiert war, hielt oft Menschen fest und ließ sie nicht los, trotz ihrer Bitten.

Ein betroffener Gast sagte oft: ‚Nein, bitte fass mich nicht an.‘ Diese Person wurde schließlich ausgeschlossen und schrieb uns ein Jahr nach diesem Vorfall eine E-Mail.” Das Team toleriert keine Form von Täterschutz aber glaubt daran, dass Menschen die Chance haben sollten, zu lernen und sich zu ändern. Wenn jemand des Clubs verwiesen wird, erhält die betroffene Person eine Karte mit einer E-Mail-Adresse. Dies ermöglicht es der Person, später mit dem Feedback-Team in Kontakt zu treten und in Ruhe über den Fall zu sprechen.

Lernen statt nur bestrafen

David nimmt sich dafür die Zeit und ist mit der Geschäftsführung hauptverantwortlich, diese E-Mails zu beantworten. „Wichtig ist, dass eine hohe Vertraulichkeit herrscht und über diese Vorgänge gesprochen wird. Das dauert natürlich einige Tage, weil ich alle Perspektiven mit einbringe und keinen Menschen vorverurteilen möchte,“ erklärt er. Durch den Dialog können verschiedene Perspektiven eingebracht und Themen wie Grenzen, Konsum und Verhalten besprochen werden. Dieser Austausch könnte sogar dazu führen, dass die betroffene Person nach einer Reflexion über den Vorfall wieder in den Club darf. „Ich möchte keinen Hammer schwingen und sagen: schuldig oder unschuldig, sondern in einen Dialog reingehen und Menschen aufklären,“ sagt David.

Konsensunfall oder Übergriff?

Ähnlich sieht es auch Joris, der*die glaubt, dass Sanktionen oder Bestrafungen nicht immer die beste Lösung sind und dass man vor allem zwischen Unfällen und Übergriffen unterscheiden muss. Ein Übergriff liegt vor, wenn jemand die Grenzen einer anderen Person missachtet und möglicherweise absichtlich versucht, diese zu überschreiten. Ein Unfall hingegen passiert oft, wenn beide Parteien glauben, dass sie einvernehmlich handeln, aber später feststellen, dass dies nicht der Fall war. Dies kann aufgrund unklarer Absprachen oder Missverständnisse geschehen.

„Nach einem Konsensunfall ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und daraus zu lernen“, erklärt Joris. „Gemeinsam können die Beteiligten besprechen, was sie aus der Situation lernen und künftig anders machen können.“ Das kann heißen, die eigenen Grenzen klarer zu spüren, häufiger nachzufragen oder den Einfluss von Alkohol und anderen Substanzen stärker zu berücksichtigen. Wenn Menschen einen Konsensunfall gut aufarbeiten, kann das sogar Vertrauen und Verständnis stärken. Ein Übergriff erfordert dagegen Abstand und Schutz für die betroffene Person.

Konsens ist ein Prozess

Joris betont, dass Bestrafung um der Strafe willen nicht weiterhilft – auch dann nicht, wenn ein Ausschluss als Rache verstanden wird. Stattdessen sollten sichere Räume entstehen. Gleichzeitig brauchen Menschen, die aus ihren Fehlern lernen wollen, Unterstützung. Wer sich unangemessen verhalten hat, sollte die Möglichkeit bekommen, das eigene Verhalten zu reflektieren, sich zu verändern und die Folgen des Handelns zu verstehen. „Während Sicherheit oberste Priorität hat, ist es wichtig, den Schutz mit der Möglichkeit der Rehabilitation zu verbinden“, fügt Joris hinzu.

Konsens als Prozess

Deswegen spricht Joris lieber von Konsensualität als von Konsens, als einem kontinuierlichen Prozess, bei dem sich immer etwas Neues entwickelt und neue Impulse entstehen, die Dinge verändern könnten. „Zwischen ‚Ja‘ und ‚Nein‘ gibt es auch ein ‚Vielleicht‘, und darüber kann man verhandeln. Es geht darum, den Rahmen für Experimente zu schaffen.“ betont Joris die Offenheit in sexuellen Begegnungen, wobei manchmal unerwartet wunderschöne Dinge entstehen, wenn wir uns nicht strikt an unsere Vorstellungen halten. Das erfordert, dass man sich ein wenig verletzlich macht. „Es gibt auch immer einen Anfang und einen Stopp.

Ein ‚Nein‘ muss immer akzeptiert werden, alles andere ist übergriffig. „Dabei ist egal, ob das Nein von einer anderen Person kommt oder von mir selbst“, erklärt Joris. „Konsens klingt oft nach Schwarz-Weiß: Ja oder Nein, Eins oder Null. Konsensualität entwickelt sich dagegen weiter. Was ich vor fünf oder zehn Jahren als einvernehmlich erlebt habe, sehe ich heute vielleicht anders, weil ich mehr über meine eigenen Bedürfnisse gelernt habe. Das heißt nicht, dass es damals falsch war. Heute verstehe ich aber besser, was ich brauche und wie ich mit anderen umgehen möchte.“

Wenn Konsens Teilhabe ermöglicht

Diese Offenheit zeigt sich auch in Davids Erfahrungen im SchwuZ. Er berichtet von einer Person im Rollstuhl. Sie ging zum ersten Mal in einen Darkroom und erzählte später, wie schön sie den Abend dort erlebt hatte. Vor jeder Interaktion erkundigten sich andere bei ihr, ob alles für sie in Ordnung sei. „Normalerweise erfährt sie wenig Beachtung. An diesem Abend fragten die Menschen sie freundlich, wie es ihr geht. „Auch im Darkroom lief alles respektvoll und problemlos.“ Für sie war das eine neue, positive Erfahrung. Solche Rückmeldungen zeigen, wie wichtig einfache Fragen sind. Ein klares „Ja“ oder „Nein“ kann helfen, ein respektvolles und inklusives Umfeld zu schaffen.


Häufige Fragen zu Konsens

Was bedeutet Konsens beim Sex? Warum ist er in queeren Räumen so wichtig? Und wie lässt sich Zustimmung klar kommunizieren? Hier beantworten wir zentrale Fragen rund um Einvernehmlichkeit, Grenzen und respektvolle Begegnungen.

Was bedeutet Konsens beim Sex?

Konsens bedeutet, dass alle Beteiligten einer sexuellen Handlung bewusst, freiwillig und eindeutig zustimmen. Diese Zustimmung kann verbal oder nonverbal erfolgen. Wichtig ist: Konsens kann jederzeit zurückgezogen werden.

Warum ist Konsens in queeren Räumen besonders wichtig?

Queere Räume sollen Schutz, Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen. Gerade dort, wo Menschen Diskriminierung oder Ausgrenzung erlebt haben, sind klare Kommunikation, respektierte Grenzen und gegenseitige Achtsamkeit besonders wichtig.

Kann Konsens auch nonverbal gegeben werden?

Ja, Konsens kann auch nonverbal ausgedrückt werden, zum Beispiel durch eindeutige Körpersprache. Trotzdem muss klar erkennbar sein, dass alle Beteiligten einverstanden sind. Schweigen oder fehlender Widerstand reichen nicht aus.

Was ist der Unterschied zwischen Konsensunfall und Übergriff?

Ein Konsensunfall kann entstehen, wenn Beteiligte von Einvernehmlichkeit ausgehen, später aber merken, dass Grenzen unklar waren oder missverstanden wurden. Ein Übergriff liegt vor, wenn Grenzen missachtet oder bewusst überschritten werden.

Was tun, wenn meine Grenze überschritten wurde?

Wichtig ist, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen. Betroffene können sich an Freund*innen, Awareness-Teams, Beratungsstellen oder Vertrauenspersonen wenden. Sie müssen nicht sofort wissen, wie sie die Situation einordnen oder damit umgehen wollen.

Wie kann ich beim Sex nach Konsens fragen?

Nach Konsens zu fragen kann einfach sein: „Ist das okay für dich?“, „Magst du das?“ oder „Sollen wir weitermachen?“ Solche Fragen können Nähe, Vertrauen und Sicherheit schaffen — besonders in sexuellen oder sex-positiven Räumen.


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