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No Need For Labels, oder: Schuld war Federico Fellini

Federico Fellinis Film „Satyricon“ war ein prägendes Erlebnis. Ein persönlicher Erfahrungsbericht über sexuelle Anziehung, Bi+, Identität und das Leben ohne feste Labels.

Vier Personen stehen eng beieinander und umarmen sich für ein gemeinsames Porträt.

Spätestens als ich Anfang 1995 Hiram Keller in Federico Fellinis Meisterwerk „Satyricon“ gesehen habe, war mir klar: ja, ich mag dann wohl Jungs. Da war ich vierzehn. Nicht viel später, im Januar 1996, erblickte ich zum ersten Mal Tori Amos auf dem Cover Ihres Albums „Boys for Pele“ und wusste: Frauen gefallen mir auch. Fünfzehn war ich da. Mit Anfang zwanzig hieß „nicht hetero“ zu sein für mich, nicht zu wissen, ob ich lieber mit Angelina Jolie oder mit Brad Pitt auf ein Date gehen will. Lust hatte ich auf beide. Nun mit Mitte 40 ist für mich nur noch interessant, ob ich zu einem Menschen eine Anziehung empfinde, eine vorrangig auf Basis von Humor und Lebenserfahrung geprägte Ebene, die komplett losgelöst ist vom Geschlecht der anderen Person. Wobei es natürlich hilft, wenn die Person gut aussieht.

Mal gucken, wie ich mit sechzig und mit Mitte achtzig empfinden werde. Aber der Reihe nach.

Hiram Keller und Tori Amos mögen die finalen Anzeichen meines breiten sexuellen Interesses gewesen sein, vor ihnen gab aber bereits viele andere schöne Menschen, die mein Teenagerherz visuell berührt haben. Sei es Jason Orange, den ich im Sommer 1993 oben ohne und mit diesem Gesicht (!) im Musikvideo zu „Pray“ von Take That bei MTV gesehen habe (tolles Lied… und was für ein schöner Mann), der junge Arnaud Boetsch (mittelmäßiger Tennisspieler… und was für ein schöner Mann), Grace Jones (eine echte Ikone… und was für eine schöne Frau) oder Gates McFadden (anständige Schauspielerin und… ja, was für eine schöne Frau). Zeichen gab es viele. Spannenderweise waren die oben benannten Erkenntnisse über meine Sexualität jedoch völlig unspektakulär und ohne Dramatik. Und das hat dazu geführt, dass ich über meine Sexualität lange nicht richtig nachgedacht habe und auch nicht nachdenken musste.

An diesem Punkt muss ich grundsätzlich konstatieren: mit zunehmendem Alter merke ich, wie wenig ich eigentlich vom Leben weiß. Trotz meines weiterhin sehr wachen Geistes kann ich nicht verhehlen, dass unsere Welt eine wirklich schnelle geworden ist. Oder, um es anders zu sagen: ich habe nicht immer Zeit, über all die Dinge nachzudenken, die eigentlich wichtig sind- und dennoch denke ich die ganze Zeit nach.

Seien es die lokale und die Weltpolitik, Gedanken zu wichtigen Gesprächen und Prozessen in meinem Beruf, seien es auch triviale Sachen wie Musik, Sport, Kinofilme… nicht zu vergessen meine Partnerschaft, all meine weiteren sozialen Kontakte und nicht zuletzt mein Verhältnis zu mir selbst. Da ist eine Menge, was mein Kopf zwischen dem Aufwachen und dem Schlafengehen zu bewegen vermag. Quasi die physikalisch konnotierte Lageenergie meiner Gedankenwelt, bevor sie zur Entfaltung kommt. Solange in Erwartungshaltung eines Einsatzes, bis ich mir freiwillig die Zeit nehme- oder bis ich gezwungen bin- mich mit einem Thema zu beschäftigen.

Und nun zwingt mich dieser Beitrag für IWWIT plötzlich dazu, mir nicht nur die Frage zu stellen, sondern sie auch zu beantworten, wie ich eigentlich zu meiner eigenen Sexualität stehe. Wie bi bin ich? Bin ich womöglich eher poly- oder gar schon pansexuell? Unter welchem begrifflichen Schirm fühle ich mich am wohlsten? Gibt es jemals ein Zurück oder kann sich meine Sexualität noch woandershin entwickeln? Wie oft im Jahr oder im Jahrzehnt muss ich mit verschiedenen Geschlechtern Sex haben, um mir das Label einer diversifizierten Sexualität glaubhaft aneignen zu können? Und wie definiert eine solche Definition meine eigene Sexualität wirklich? Benötige ich eine so spezifische Definition tatsächlich für mich ganz persönlich – oder hilft sie vielmehr nur anderen Menschen dabei, mich zu katalogisieren und greifbar(er) zu machen?

Fragen, die sich schon nach kurzem Nachdenken hinter der im Grunde trivialen Aussage „Ich bin weder homo- noch heterosexuell.“ verstecken. Verschiedene Aspekte, die einen genaueren Blick verdienen: wie sehe ich mich? Wie sieht mich mein Ehemann? Wie sieht mich mein Umfeld und wo steht das Thema in der gesellschaftlichen Wahrnehmung?

Die Frage nach meiner eigenen Sexualität ist mir natürlich nicht fremd. Jedoch: so salopp, wie es sich anhört, war es in meinem Leben auch tatsächlich gewesen. Irgendwann war mir klar, ich mag Männer. Cool! Etwas später verstand ich, dass ich Frauen auch attraktiv finde. Groovy! Irgendwann war mir klar, dass das Geschlecht keinen Einfluss darauf hat, ob ich jemanden attraktiv finde. Yeah! Jedes Mal konnte ich mich damit problemlos und ohne Bruchstelle arrangieren. Vielleicht half es, dass ich schon früh sehr bewusst Medien konsumierte, die diese Thematik vergleichsweise ungezwungen dargestellt haben:

Zu dem bereits erwähnten Film „Satyricon“ gibt es eine phantastische literarische Vorlage aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Der Dichter Titus Petronius Arbiter schuf das heutzutage älteste noch erhaltene Prosastück der in Latein verfassten Literatur. Eine oft satirische Darstellung des Lebens zu Zeiten des Kaisers Nero, in dem quasi sämtliche Figuren ununterbrochen entweder debattieren, essen oder Sex haben. Letzteres mit anderen Personen jeglichen Geschlechts, was von niemandem im Buch hinterfragt wird. Ähnlich ungezwungen empfand ich den Umgang mit dem Thema Sexualität in vielen Liedern während meiner Jugend. Madonna (das Video zu „Human Nature“), die Pet Shop Boys (das Video zu „Se A Vida E“) oder Ricky Martin (gar nicht wählerisch, von wem er sich alles im Video zu „She Bangs“ lasziv berühren lässt), die nur wenig versteckt mit einer geschlechterübergreifenden Sexualität gespielt haben. Wenn man nur genau hinschaut.

Auch Filme und Serien spielten bereits vor Jahrzehnten mit dieser Thematik. Unvergessen ist zum Glück auch nach über 50 Jahren Tim Curry als Dr. Frank N. Furter. Und selbst „Star Trek: The Next Generation“ wartete in der fünften Staffel in der Folge „The Outcast“ mit einer knospenden Liebesbeziehung zwischen dem eigentlichen Frauenschwarm Commander Riker und einer Person auf, die einer androgynen Spezies angehört, für die der Ausdruck eines eindeutigen Geschlechts ein Ausdruck von sexueller Perversion darstellt. Inhaltlich vielleicht nicht überzeugend, aber progressiv allemal. Zudem hatte ich das Glück, als Kind und Jugendlicher über Jahre hinweg in Form von Freunden der Familie mit einigen Menschen umgeben zu sein, von denen sich viele wohl heute als queer bezeichnen würden, die damals aber einfach nur konsequent sie selbst waren. Zumindest in meiner kindlichen bzw. jugendlichen Wahrnehmung.

Wenn ich mir die Zeit nehme und auf die Menschen zurückblicke, die ich im Laufe meines Lebens sexuell attraktiv fand, erkenne ich kaum ein Muster. Bi my Guest: Einzig die Attribute Humor (gern abseitig), Lebenserfahrung aka „hat was zu erzählen“, Sympathie und ein spannendes Gesicht, an dem ich mich nicht sattsehen kann, ziehen sich komplett durch. Der ganze Rest ist volatil, schwankend, fluide. Weder das Geschlecht noch die ethnische Herkunft und in eingeschränktem Maße das Alter sind für mich ausschlaggebend.

Diese Erkenntnis ist für mich selbst zugleich erstaunlich wie auch simpel. Erstaunlich deshalb, weil somit auf dieser Welt rund 5,6 Milliarden volljährige Menschen existieren, zu denen ich mich theoretisch nur aufgrund ihrer bloßen Existenz hingezogen fühlen kann- während ich im gleichen Moment aber weiß, wie selten es überhaupt vorkommt, dass ich jemanden sexuell interessant finde. Und gleichzeitig simpel deshalb, weil: ja, weshalb bitte sollten mir grundlegende äußere Attribute wie Brüste, ein Penis, Haare auf der Brust oder eine Vagina vorschreiben, wann ich jemanden von vorneherein sexuell (un)attraktiv finden darf? Dafür gibt es einfach keinen Grund. Alle genannten Attribute sind schön und im Einzelfall auch attraktiv.

Mein Zwischenfazit für mich persönlich lautet deshalb: ich brauche für mich selbst kein definitives und kein definierendes Label, wie meine Sexualität „heißt“. Ich lebe sie aus und begrüße seit über 30 Jahren all ihre Entwicklungen und Veränderungen mit offenen Armen.

Wie sieht es aber mit den Menschen um mich herum aus? An diesem Punkt ein, zwei Informationen: Ich bin ein cis Mann und mit einem homosexuellen cis Mann verheiratet. Wir haben eine Beziehung, die emotional nur zwischen uns beiden existiert, die additiv jedoch „sex open“ ist. Wir haben schon früh in unserer Beziehung darüber gesprochen, was uns beide jeweils sexuell interessiert und anzieht. Dabei habe ich zu Beginn vermutlich unterschätzt, dass es für einen schwulen Mann eine Hürde darstellen kann, mit einem bi-/poly-/pan-/was auch immer-sexuellen Mann in einer Beziehung zu leben. Wirklich beeinträchtigt hat uns dieser Unterschied glücklicherweise nie, jedoch definitiv beschäftigt.

Der wichtigste Erkenntnisgewinn nach intensiven und ehrlichen Gesprächen war für uns beide: ich kann als Schwuler wie als Pansexueller viele andere Männer / Menschen neben meinem Partner geil finden. Die Frage ist jedoch, kann und möchte ich mich emotional dauerhaft auf eine einzige Person einlassen. Lautet hier die Antwort ein ehrliches „Ja“ auf beiden Seiten, muss man sich über den Rest kaum noch Gedanken machen. Dann ist es schlichtweg egal, ob es da auf der Welt noch 5,6 Milliarden andere paarungsfähige Menschen oder nur 2,8 Milliarden paarungsfähige Männer bzw. Frauen gibt.

Glücklicherweise können und wollen wir uns beide seit vielen Jahren emotional nur auf einander einlassen. Die nicht so überraschenden Zauberwörter heißen hierbei Respekt, Offenheit (im Erzählen und im Verstehen) und Vertrauen. Ohne diese Säulen als Basis wird es schwierig mit einer Beziehung- und dies ehrlichweise unabhängig davon, worauf die Partner*innen in der jeweiligen Beziehung sexuell stehen.

Bleiben die Menschen um mich herum: Freunde und die graue ominöse Masse der „Gesellschaft“. Meine Geburtsfamilie klammere ich aus, da sie in meinem Leben kaum eine Rolle spielt. Kurz gesagt, meine Freunde finden es toll, dass sie mit mir über sexuelle Eskapaden in beinahe jeder Form reden können und ich sehr oft wissend und immer zumindest mitfühlend nicken kann. Ich glaube, von denen stört es schlichtweg niemanden, dass ich sexuell ein breites Spektrum an Menschen mag- den meisten ist es im positivsten Sinne vermutlich sogar egal. Ich habe keinerlei Erinnerung an irgendeinen Konflikt mit irgendjemandem, nur weil ich sexuell nicht auf nur ein Geschlecht fixiert bin.

Aber trotz der bereits aufgezählten Darstellungen in Kunstformen wie Musik, Literatur, Film und TV ist die Repräsentanz von Bi/Poly-/Pansexualität im alltäglichen Lebenskontext natürlich weiterhin bestenfalls punktuell und viel zu gering ausgeprägt. Ein Stück weit ist das für mich sogar nachvollziehbar. Als Versicherung, Partei oder Hersteller*in von Kinderkleidung beispielsweise kann ich problemlos mit einem heterosexuellen oder einem homosexuellen Familienbild werben. Frau/Mann/Kind oder Frau/Frau/Kind sind in einer Werbeanzeige schnell zu erkennen. Wie stelle ich jedoch sauber ausdifferenziert dar, dass der Mann im ersten Beispiel nicht heterosexuell, sondern bisexuell ist und eine der Frauen im zweiten Beispiel pansexuell? Vermutlich unmöglich. Bi the way: Witze über Lesben und Schwule sind, meinem Gefühl nach, ebenso schnell erzählt und griffbereit wie Witze über Blondinen, Manta-Fahren oder Bratschen-Spieler. Witze über Bisexuelle hingegen kommen verwirrenderweise in der Regel allein.

Da kommt die neue Kampagne von IWWIT gerade zur richtigen Zeit. Bi-/Poly-/Pansexualität hat die gleiche Bühne verdient wie die althergebrachten sexuellen Lebensweisen. Im Sortiment der LGBTIQ+ sind wir auch vertreten, wenn auch begrifflich nicht ganz sauber ausformuliert. Aber darüber kann ich hinwegsehen, wenn ich dafür zukünftig auch mal einen guten Witz über uns erzählt bekomme. Ersatzweise würde ich mich über eine gute Partyreihe für uns freuen.

Um ganz zum Abschluss den sprachlichen Zirkelschluss noch zu vollenden: immer noch beide. Aber Brad Pitt nur in jung und Angelina Jolie zu jeder Zeit.

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