Schwule Sexualität zwischen Lust und Gesellschaft
Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch stellte in den 1980er-Jahren eine kühne These auf als er sich in einem Aufsatz zur gesellschaftlichen Lage des männlichen Homosexuellen äußerte:
„Daß viele Homosexuelle in einer Stunde mehr Lust zu mobilisieren und zu konsumieren verstehen als etliche Heterosexuelle im Verlauf eines Jahres, daß sie Dinge erleben, die die Phantasietätigkeit der Normalen übersteigen, daß sie nicht nur irgendwie quantitativ die anderen in den Schatten stellen, sondern viel einfallsreicher und einstellungsfähiger sind – man konnte es schon ein Weilchen wissen.“ (Sigusch 1984, S. 112)
Unbegründet ist seine These selbstverständlich nicht, nimmt er doch Bezug auf die empirischen Ergebnisse der US-amerikanischen Sexualforschung und Sexualmedizin der damaligen Zeit. Zudem denkt er, und das ist das Entscheidende, konsequent gesellschaftlich über die Situation von homosexuellen Männern nach und fragt sich mit welchen Spannungen ihre Sexualität aufgeladen ist. Einen subversiven und utopischen Gehalt behalte sich die Homosexualität, so Volkmar Sigusch, gerade auch, weil sie für die Schwulen damit einhergehe, zwar aus der „Normalität“ brutal ausgegrenzt zu sein, dadurch aber auch vergleichsweise außerhalb der normativen Zumutungen zu stehen. Das ermögliche manchem schwulen Mann sich von Illusionen der bürgerlichen Gesellschaft zu lösen, und „das macht ihn freier und unglücklicher, wenn es das gibt.“ (ebd., S. 110).
Viele von ihnen würden zugleich ein Doppelleben pflegen: Besonders konform und anständig im Arbeitsleben in einem allgemeinen Schlechten, bleibe ihnen ganz persönlich dennoch eine Lustprämie erhalten. Auf das Heute, also 36 Jahre später, können diese Überlegungen selbstverständlich nicht oder nur in Teilen übertragen werden. Vielmehr haben sich Hetero- und Homosexuelle immer mehr aneinander angepasst, sich gewissermaßen wechselseitig homo- und heterosexualisiert. Heute ließe sich vielleicht eher kühn behaupten, dass gesellschaftliche Integration mit Desexualisierung einhergeht.
Wie HIV und Aids schwule Sexualität veränderten
Es gibt allerdings eine Entwicklung, die spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des besagten Aufsatzes ihren Anfang nimmt und bis heute für die Sexualität aller Menschen, und insbesondere für die Sexualität schwuler Männer, von Bedeutung ist: Der Aids- und HIV-Komplex. Dieser lässt Schwule weiterhin Dinge erleben, die die Phantasietätigkeit der Normalen übersteigen. Unter dem Diktat von Aids stehe die Sexualität von schwulen Männern unter einem Gesetz der Angst, so der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker. Das Diktat von Aids verschärfe grundlegende Ängste und Schuldgefühle gegenüber Sexualität und lasse sie zugleich auch neu und transformiert entstehen. Praktisch änderten schwule Männer im Angesicht des Aufkommens der damals sehr häufig tödlich verlaufenden Krankheit ihr Sexualverhalten schnell, konsequent und effizient. Sie sahen sich zwar einem „Zwang zur Einschränkung ihrer Sexualität“ (Dannecker 2019, S. 59) ausgesetzt, befolgten aber in großer Mehrheit und mit erstaunlicher Gewissenhaftigkeit die neuen „Safer Sex“-Regeln und trugen so zu einer erfolgreichen HIV-Prävention bei.
HIV-Prävention als ständiger Begleiter
Seitdem ist die Sexualität schwuler Männer jedoch kontinuierlich von eben dieser HIV-Prävention und ihren Anforderungen begleitet, wenn nicht gar zum Teil belastet und beherrscht, denn die Tragik schwuler Sexualität liegt seither mitunter in ihrer anhaltenden Verknüpfung mit dem HI-Virus und der Verhinderung seiner Ausbreitung. Es erscheint mir also naheliegend, den von Volkmar Sigusch konstatierten Einfallsreichtum, die Einstellungsfähigkeit und die Phantasietätigkeit – und auch das erwähnte Doppelleben – von Schwulen heutzutage auf den Umgang mit HIV und ihr Verhältnis zu Sexualität zu beziehen.
Welche Schutzstrategien es beim Sex gibt
Dass die sexuellen Praktiken und Vorstellungen schwuler Männer weiterhin stets auch um HIV kreisen, verdeutlicht sich an der Vielzahl der Strategien zur Verhinderung einer Ansteckung oder Übertragung des Virus beziehungsweise zur Reduzierung von Risiko. Denn die Liste der Strategien ist lang und bezieht man sie auf das Sexualverhalten der Schwulen und die Vorstellungen, die Menschen sich über die Sexualität von Schwulen machen, so stößt man auf zwei ihrer empörenden und „riskanten“ Kerne: Analverkehr und Promiskuität. Wer von HIV und schwulen Männern spricht, meint womöglich nicht nur das Risiko der Übertragung des Virus, sondern thematisiert, bewusst oder unbewusst, auch den Skandal, den (einige) Schwule sich leisten: Sie ficken sich in den Arsch und vögeln mit (vielen) wechselnden Partnern.
Mit HIV und der Möglichkeit sich oder andere damit anzustecken, kann nun auf sehr unterschiedliche Art und Weise umgegangen werden: Kondomnutzung, PEP, PrEP und Schutz durch Therapie dürften die geläufigsten sein. Serosorting, seroguessing, therapy sorting und negotiated safety machen die Entscheidung für oder gegen Safer Sex vom vermuteten oder bekannten Serostatus des Sexualpartners abhängig.
Barebacking meint den aus unterschiedlichen Gründen vollzogenen Verzicht auf die Nutzung von Kondomen; strategic positioning wählt die aktive oder passive Rolle beim Sex strategisch um die Infektionswahrscheinlichkeit zu senken; withdrawal meint den Verzicht auf die Ejakulation beim Sex; bugchasing und pozzing beschreiben die absichtsvolle Infektion (oder das Spiel mit der Infektionsmöglichkeit) mit HIV; zuletzt bliebe noch (teilweise oder gänzliche) Abstinenz, also der Verzicht auf Sex, auf bestimmte Praktiken oder auf direkte, sexuelle Begegnungen. Nicht zuletzt besteht eine weitere, häufig unbenannte Strategie des Umgangs mit HIV darin, keinen Schutz zu wählen, also situativ, phasenweise oder langfristig, keine Verhaltensänderungen oder -anpassungen zum Schutz vor einer möglichen Infektion vorzunehmen.
HIV-Prävention zwischen Kondom, PrEP und Schutz durch Therapie
Welche der Strategien angewendet und gewählt wird, wird spätestens seit der Jahrtausendwende unter dem Stichwort des „individuellen Risikomanagements“ verhandelt, welches informierte Entscheidungen und Risikoabwägungen der Einzelnen in den Mittelpunkt der Präventionsansätze stellt. Die Deutsche Aidshilfe vertritt in diesem Zusammenhang mittlerweile bekanntlich den sogenannten Safer Sex 3.0.-Standpunkt, der die Gleichwertigkeit der Schutzstrategien Kondom, PrEP und Schutz durch Therapie vertritt. Ironisch gesprochen stellt Safer Sex 3.0. also eine Art neue „heilige Dreifaltigkeit“ der schwulen Präventionsarbeit dar. Während diese von der Deutschen Aidshilfe vertretene Position bei richtiger Anwendung die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von drei Schutzstrategien in den Raum stellt – was medizinisch gesichert und korrekt ist –, stehen die Nutzer in einer je eigenen Beziehung zu den zur Verfügung stehenden Schutzstrategien.
Warum Schutzstrategien auch Gefühle auslösen
Für den einzelnen Schwulen sind Kondome, PrEP und Schutz durch Therapie allenfalls in Fragen der Haltung oder in der Äußerung ihrer Werte und Normen gleichberechtigt und gleichwertig, vielfach haben sie aber selbstverständlich deutliche Präferenzen, entschiedene Meinungen und Vorstellungen von der Effektivität und Praktikabilität und insbesondere auch ganz bestimmte Fantasien über die unterschiedlichen Schutzstrategien. Die letztgenannten Fantasien beziehen sich dabei nicht nur auf die technische Dimension der Schutzstrategien. Die Präventionsarbeit fokussiert allerdings – und das liegt in ihrer Logik begründet – letztendlich auf eben diese technische Dimension. Prävention handelt von Machbarkeit, adressiert rationale und zur Verhaltensanpassung befähigte Individuen, sie bezieht sich stets auf Risiken und deren Vermeidung und Verhinderung, sie ist dadurch immer unabgeschlossen, sie dramatisiert (auch um sich selbst zu legitimieren und zu erhalten), sie rechnet Kosten und Nutzen gegeneinander auf, ihre Konsequenzen sind Normalisierung, Individualisierung, Totalisierung und (Versuche der) Bändigung eines in der Zukunft liegenden Schlechten (vgl. Bröckling 2008).
Lust, Angst und persönliche Erfahrungen
Im psychischen Haushalt der einzelnen Menschen geht es aber ganz anders zu. Hier sind Fantasien, Vorstellungen und Gefühle von zentraler Bedeutung, die sich auf die Schutzstrategien, auf ihre Nutzer und vor allem auf die Auswirkungen auf das Sexleben beziehen. Ob diese Fantasien und Vorstellungen der Realität entsprechen oder einen Wunsch darstellen, ist dabei zweitrangig. Es manifestieren und mobilisieren sich darin sowohl die sexuelle Biografie, die sexualerzieherischen Paradigmen und die Sexualmoral der einzelnen Männer wie auch ihre sexuellen Wünsche und ihre Vorstellungen von und über Sexualität. Man(n) entscheidet sich in einer bestimmten Situation und mit bestimmten Sexualpartnern für oder gegen eine bestimmte Strategie – nicht nur aufgrund der bloßen Funktion des Schutzes, sondern vielmehr auch aufgrund des (erwünschten) Erlebens von Sexualität und Intimität, aufgrund von sexuellen Bedürfnissen oder aufgrund bestimmter (Verschmelzung- oder Abgrenzungs-)Wünsche.
Was schwule und bisexuelle Männer über HIV-Prävention denken
In insgesamt rund einem Dutzend sexualpädagogischer Workshops mit schwulen und bisexuellen Männern habe ich vor diesem Hintergrund das Ziel verfolgt, genau diese Bezüge auf die Schutzstrategien gegenüber HIV aufzurufen und zu reflektieren. Das erscheint auch deshalb sinnvoll, weil sich mit der „Biomedikalisierung des Aids-Dispositivs“ (Langer 2008, S. 239) die Schutzstrategien gegenüber HIV vervielfältigt haben. Früher galt: Kondom drüber beim Ficken und beim Blasen raus bevor’s kommt. Das gilt so heute nicht mehr.
Dadurch werden Gewohnheiten und Identifikationen mit Schutzstrategien irritiert, die Verhandlung möglicher Schutzvorkehrungen beim Sex verläuft anders, wird stärker in der direkten sexuellen Begegnung kommuniziert oder bleibt wiederum unsichtbar und bedarf keines direkten Austauschs mehr. Nicht zuletzt verunsichern aktuelle Entwicklungen nicht wenige Schwule, und die (an und für sich erfreulichen) biomedizinischen Fortschritte in der HIV-Behandlung und -Prävention gehen für manche eben auch mit (biographisch begründeten) Kränkungen einher. Man muss sich mitunter vom guten alten Kondom verabschieden oder aushalten, dass andere, das tun (wollen).
PrEP, Kondom und moralische Vorwürfe
Skeptische Stimmen gegenüber einer medikalisierten HIV-Prävention, die die PrEP darstellt, drohen neben dem Enthusiasmus von PrEP-Aktivisten unterzugehen. Ohnehin spielen in der Debatte um die PrEP verschiedene Diskurse eine Rolle: Sowohl ein optimistischer Befreiungsdiskurs, der in der PrEP die Möglichkeit zu demokratischer Biopolitik und zur Befreiung schwuler Sexualität von der Stigmatisierung sieht (Schubert 2020) als auch ein skeptischer Medikalisierungsdiskurs, der auch auf die Gefahr der Bildung von Resistenzen gegen Wirkstoffe hinweist und medizinethische Bedenken vorbringt (Bochow 2019). Außerhalb der Fachdebatten werden zudem immer wieder hochgradig unsachliche und stark emotionale Beiträge Teil der Debatte um das Pro und Contra der PrEP. PrEP-Nutzer werden dann als unverantwortliche „Virenschleudern“ und „nur“ um das eigene sexuelle Vergnügen bemühte Egoisten kritisiert oder beleidigt („PrEP-Huren“). Demgegenüber sehen sich Kondomnutzer mitunter dem irritierenden Vorwurf ausgesetzt, altbacken und konservativ zu sein („Kondom-Spießer“).
Wenn Schutz beim Sex zum Konflikt wird
Diese Auseinandersetzungen können konkrete Auswirkungen zeitigen: Manch ein zunächst spannungsgeladenes Sexdate findet ein jähes Ende, weil völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Umgang mit HIV aufeinandertreffen. Das Kondom als Grund für eine wortlose Beendigung einer sexuellen Begegnung; die PrEP als Anlass das Gegenüber mit Vermutungen oder Vorwürfen über dessen Lebensführung und Gesundheitszustand; Schutz durch Therapie als panikauslösender Aids- und Todes-Trigger. In diesen Dynamiken wird nicht zuletzt auch die eigene Haltung gegenüber Sexualität und ihren möglichen Konsequenzen aufgerufen. All das illustrieren die mitunter sehr emotionalisiert und dramatisch geführten Diskussionen innerhalb der schwule Szene über die jeweiligen Schutzstrategien.
Stimmen aus den Workshops
In den erwähnten Workshops haben Teilnehmer ihre Fantasien und Assoziationen zu vier Schutzstrategien vor HIV bzw. zu vier Umgangsmöglichkeiten mit HIV aufgeschrieben oder erzählt. In allen sexuellen Bildungsveranstaltungen waren die schwulen und bisexuellen Teilnehmer aufgefordert, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen und – fernab sozialer Erwünschtheit, Sinnhaftigkeit oder als politisch korrekt geltender Überzeugungen – ihre eigenen Impulse und Bilder gegenüber Kondomen, PrEP, Schutz durch Therapie und Kein Schutz zu sammeln und (ggf. anonym) an Pinnwänden sichtbar werden zu lassen. Die Rückmeldungen sollten sich jeweils auf die Strategie an sich, ihre Nutzer und die Auswirkungen auf das Sexleben beziehen. Die Ergebnisse diskutierten und reflektierten die Teilnehmer im Anschluss gemeinsam. Alle folgenden Zitate sind, ergänzt um einzelne Satzelemente, wortwörtlich aus den Sammlungen aus den Workshops übernommen und exemplarisch zusammengefasst.
Das Kondom: sicher, brav oder lustfeindlich?
Das Kondom steht für viele für etwas Bewährtes, Vertrautes und Klassisches. Es vermittelt Sicherheit, Kontrolle und das Gefühl, geschützt zu sein – fast wie ein Zuhause. Es ist zweckmäßig, greifbar und gibt manchen das Gefühl, beim Sex verantwortungsvoll zu handeln. Für andere wirkt es dagegen einengend und störend: Es kann reißen, zwicken, drücken, unangenehm riechen oder die Lust unterbrechen.
So wird das Kondom zugleich als Schutz und als Barriere erlebt. Es verspricht Sicherheit. Zugleich kann es Spontaneität und Nähe einschränken.
Frag mal meinen Schwanz! Altbacken, eine halbe Sache, ein Lustkiller.
Wer Kondome nutzt, gilt als gut erzogen, vernünftig und verantwortungsvoll. Gleichzeitig wird er als gehemmt, spießig oder szenefremd beschrieben. Der Kondomnutzer erscheint als Normalfall, als guter Typ, als Gelegenheitsficker oder Kontrollfreak. Manche sagen sogar: vom Aussterben bedroht.
Das Sexleben wirkt brav, normal und sauber. Es ist unspontan, geregelt und eingeschränkt. Manchmal fühlt es sich quälend sicher an. Technisch, distanziert – und der Kopf fickt mit.
Die PrEP: Freiheit, Vorurteile und Verunsicherung
Die PrEP ist für manche unheimlich. Sie ist unsichtbar und wirkt fast wie Zauberei. Manche können kaum glauben, dass sie schützt. Andere sehen sie als Teufelszeug. Sie spaltet, verunsichert und wirft Fragen auf: Was habe ich da in mir? Ist das Chemie, Darkroom oder einfach modern?
Für andere steht PrEP für Freiheit. Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Sie ist innovativ, unkompliziert und verändert den Blick auf Sex. Manche empfinden sie sogar als sexuelle Revolution.
PrEP heißt Veränderung, Vertrauen und Flexibilität. Ihre Nutzer werden sehr unterschiedlich gesehen. Für manche sind sie ewige Prediger. Für andere sind sie jung, wild, szenenah und städtisch. Sie gelten als erfahren, aufgeschlossen, aufgeklärt und privilegiert.
Der PrEP-Nutzer ist zuverlässig, verantwortungsbewusst, er ist so mutig, modern und eigenverantwortlich, bis zum Hals mit STI’s vollgestopft. PrEP ist eine gute Tat. Pioniere schwuler Sexualität, aber: egoistisch und ich-bezogen. Ihr Sexleben ist bombastisch, es ist spontan, frei, entspannt, ungezwungen, flexibel, flexibel und nochmal flexibel, wild, wilder, am wildesten, ausschweifend, vielfältig, sicherer, genussvoll, hier wird einfach nur rumgefickt, und zwar auf Orgien, und übrigens endlich in Ekstase, schon auch irgendwie unbehaglich, denn es macht Druck, es macht mich nicht schöner, lieben tut mich trotzdem keiner, kommt dann die Sucht?, ziellos.
Schutz durch Therapie: Sicherheit trotz Stigma
Mit Schutz durch Therapie herrscht endlich Ruhe. Man ist im sicheren Hafen angekommen. TasP ist praktisch, zuverlässig und extrem sicher. Gleichzeitig bleibt es unsichtbar und kann Angst machen. Mit TasP kommt für viele auch das Stigma. Es ist die unbekannte Welt der Positiven.
TasP gehört zu mir. Es macht mich verletzlich. Es ist aufwändig, aber auch beeindruckend. Alternativlos, denn: Es muss sein. Seine Nutzer sind infiziert und gesund zugleich. Sie sind arm dran, sich selbst überlassen und übernehmen Verantwortung. Manche denken: Die haben mal einen schweren Fehler gemacht. Andere sehen sie als Vorbild. Aber mit ihnen schlafen?
Informiertheit, Ehrlichkeit und Vertrauen spielen hier eine große Rolle. Gleichzeitig bleibt die Frage: Kann man ihnen wirklich trauen? Der Sex wirkt befreit, authentisch und herausfordernd. Er kann vertrauensvoll sein, aber auch verunsichern. Irgendwo zwischen Spannung und Entspannung. Wild und sicher. Verheimlicht und versteckt.
Kein Schutz: zwischen Verurteilung und Fantasie
Kein Schutz ist unwirksam, ignorant, uninformiert, da fehlt es vorne und hinten, nix verstanden, vollkommen extrem, besorgniserregend, unverantwortlich und unbedacht, das gehört BESTRAFT! Und doch ist es mutig, aber auch verzweifelt, vollkommen verrückt und einfach menschlich, kann ja auch gut gehen! Wer kein Schutz betreibt, ist schön blöd, eigentlich ängstlich, verdrängend, der hat viele Probleme und spielt Härte vor. Wir können nicht erkennen, wer es ist! Finde den Wirt! Sie sind widerlich, kaputt und auch geheimnisvoll. Aber: Sie sind so mutig, sie tun, was wir alle gerne wollen würden, das sind Träumer, die leben im Hier und Jetzt, sie sind vollkommen beneidenswert, Draufgänger, naiv und glücklich, sie gefährden unsere Community, Krise! Ihr Sex ist spontan, unbeschwert, gefährlich aber maximal lustvoll, unverantwortlich und Freiheit PUR!
Was HIV-Prävention mit Lust und Moral zu tun hat
Feststellen lässt sich nun abschließend, was kaum verwundern mag: Die Fantasien gegenüber den vier genannten Schutzstrategien und die Umgangsweisen mit HIV sind widersprüchlich. An sie werden Versprechungen und Wünsche geheftet und übertragen, hier werden Normen verhandelt und exorziert, es herrscht Bewunderung und Verachtung. Das Kondom wird mit Konservatismus, sexueller Ödnis, Vertrautem, Nostalgie und Sicherheit verknüpft. Die PrEP wird vor allem mit Innovation, Revolutionärem und Pioniergeist besetzt. Bemerkenswert ist hierbei die Betonung sexueller Freiheit und die Annahme, dass die Nutzer sich sexuell bereichern und viel Sex haben. Zugleich scheint die Sorge vor einer folgenreichen sexuellen Uferlosigkeit und vor Medikalisierung auf.
Die TasP wird gemeinhin vor allem mit Verantwortungsbewusstsein, Informiertheit, Kontrolle und Zugewinn an Lebenszufriedenheit assoziiert. Zugleich wird Mitleid, Unbehagen, Schuld und Neid geäußert. Sehr deutliche und starke Bilder entstehen in Bezug auf den Verzicht auf Schutzvorkehrungen. Die vermutete Eskalation des Begehrens wird scharf verurteilt, bewundert, pathologisiert und beneidet. Das ist wenig überraschend, tritt doch beim Verzicht auf Schutzmaßnahmen (scheinbar) ein schier unmöglicher Zustand in Erscheinung: Die Entledigung von den Anforderungen, Zumutungen und Belastungen von Prävention, also auch eine Sexualität ohne den Einfluss von HIV und Aids.
Warum unbeschwerte Sexualität schwierig bleibt
Alle Schutzmaßnahmen und Umgangsweisen mit HIV erinnern letztlich daran, dass es diese unbeschwerte Sexualität nicht gibt. Mit HIV und Aids haben die gegenüber den Schutzstrategien mobilisierten Gefühle und Fantasien dennoch zugleich viel weniger zu tun, als man glauben mag. Sie sind vielmehr auch Ausdruck eines fortwährenden Doppelleben schwuler Männer: Sie ringen um eine anständige Gesundheitsbilanz und hoffen dennoch auf ihre Lustprämie. Wären sie dabei weniger mit Schutzstrategien identifiziert und müssten sich selbst und andere weniger disziplinieren, könnte die Lustprämie womöglich ganz anders ausfallen.