Der Datingpartner ist auf dem Weg, oder eine Sexparty lockt. Nun kommt es drauf an: Hauptsache „er“ steht, ob aus purer Geilheit oder mit Potenzmitteln. Braucht man aber wirklich Viagra, Tadalafil oder andere Potenzpillen, um guten Sex[1] zu haben? Hannes Ulrich, Sexualtherapeut an der Charité Berlin, erklärt im Gespräch mit Jörn Valldorf, warum eine Erektion weit mehr ist als nur ein steifer Penis. Wie Stress und Leistungsdruck die Lust killen, und warum es manchmal wichtiger ist, die Löwen im Kopf zu bändigen, statt die Symptome zu behandeln. Ein Gespräch über Sexualität, Selbstoptimierung und Intimität.
Warum immer mehr Männer Viagra und andere Potenzmittel nutzen
JV: Studien zeigen, dass nicht wenige junge Männer heutzutage zu Potenzmitteln[2] wie Viagra, Tadalafil oder Sildenafil greifen. Was steckt dahinter?
HU: Diese Mittel werden tatsächlich verbreitet eingenommen. Man bekommt sie leicht – über das Internet, manchmal auch über den Dealer des Vertrauens. Und auch in der ärztlichen Praxis werden sie oft bereitwillig verschrieben, um „funktionierende“ Erektionen sicherzustellen. Man bekommt den Eindruck: Wer nicht permanent bereit ist, einen steifen Penis hat, der funktioniert sexuell nicht. Aber so einfach ist es natürlich nicht.
Wie eine Erektion entsteht und welche Rolle Viagra spielt
JV: Wie funktioniert eine Erektion denn eigentlich?
HU: Viele denken, sexuelle Erregung bedeutet, dass der Puls steigt, der Blutdruck hochgeht, man aufgeregt ist. Klingt logisch, oder? Überraschenderweise ist das aber fast das Gegenteil von dem, was eine Erektion braucht. Der Penis hat sogenannte Schwellkörper, die größtenteils aus Blutgefäßen bestehen. Damit er steif wird, müssen die arteriellen Gefäße weit offen sein, damit Blut hineinfließen kann, und die Venen gleichzeitig verschlossen werden, damit es nicht zurückfließt – quasi ein natürlicher Cockring.
JV: Also eigentlich ein ziemlich cleveres System.
HU: Genau! Gesteuert wird das Ganze vom vegetativen Nervensystem – also dem Teil unseres Körpers, der automatisch läuft, ohne dass wir nachdenken müssen. Es gibt den Sympathikus, der uns aktiviert, und den Parasympathikus, der für Ruhe sorgt. Überraschenderweise ist es genau der Parasympathikus, der aktiv sein muss, damit eine Erektion entsteht – daher auch im Schlaf, das erklärt die bekannte Morgenlatte.
Warum Stress und Leistungsdruck trotz Viagra Erektionsprobleme auslösen
JV: Aber dann frage ich mich: Wenn ich erregt bin, sollte ja alles „aktiviert“ sein. Warum passt das nicht zusammen?
HU: Genau das ist der Punkt! Wenn der Sympathikus aktiv ist – also bei Stress, Angst oder Druck – zieht er die Blutgefäße zusammen. Es wird das Enzym PDE-5 freigesetzt, welches die Erektion verhindert. Evolutionär ergibt das Sinn: Wenn plötzlich ein Löwe vor dir stünde, brauchst du keine Erektion, sondern Fluchtbereitschaft.
JV: Okay, aber meistens steht doch kein Löwe vor uns…
HU: Stimmt, zum Glück! Aber in unseren Köpfen lauern oft kleine Löwen: Leistungsdruck, Versagensängste, Sorgen ums Aussehen, Gedanken wie „mein Penis ist zu klein“. Diese inneren Löwen lösen dieselbe Reaktion aus. Der Sympathikus übernimmt, die Erektion verschwindet – und schon fühlen wir uns als sexuelle Versager, obwohl der Körper eigentlich genau das macht, was er soll.
Warum Viagra und Potenzmittel keine langfristige Lösung sind
JV: Und genau hier kommen PDE-5-Hemmer in den Potenzmitteln ins Spiel, oder?
HU: Genau. Sie hemmen PDE-5, die Blutgefäße bleiben offen – der Penis kann steif werden. Aber das Medikament wirkt nicht nur dort, sondern auch im ganzen Körper. Herzrasen, roter Kopf – ein ganzer Strauß an möglichen Nebenwirkungen[3]. Die Medikamente sind also eher eine Krücke. Sie behandeln die Symptome, nicht die Ursache.
JV: Was wäre denn die nachhaltigere Lösung?
HU: Den Löwen im Kopf bändigen. Schaffen wir entspannte Situationen, in denen wir loslassen können, muss der Sympathikus nicht einspringen, und die Erektion passiert fast von selbst. Wichtig ist, dass wir uns klar machen: Welche Gedanken, Glaubenssätze und inneren Ansprüche bringen mich unter Druck? Wie kann ich selbst, mein Partner oder meine Partnerin dazu beitragen, dass die Begegnung entspannter wird?
JV: Klingt so, als ginge es um viel mehr als nur um den Penis.
HU: Ganz genau. PDE-5-Medikamente können helfen, aber die echte Frage ist: Geht es beim Sex um Begegnung oder um Leistung? Funktionieren oder Lust? Sex sollte nicht nur ein Test unserer Männlichkeit sein, sondern eine Möglichkeit, Nähe, Intimität und Spaß zu erleben. Wer das reflektiert, der kann sich manchmal die Pille sparen – und hat viel mehr von der Erfahrung.
JV: Zusammengefasst: Wir sollten die Löwen im Kopf erkennen, entspannen, reflektieren – und dann klappt’s auch ohne Pillen.
HU: Absolut. Und wenn ein bisschen Unterstützung nötig ist, ist das okay. Aber die Pille ersetzt nicht, was wirklich zählt: den Kopf frei zu kriegen und die Begegnung zu genießen.
Potenzmittel sollten nie in Kombination mit Poppers ein gesetzt werden.
https://www.drugscouts.de/lexikon/poppers
„Eine erektile Dysfunktion (im Allgemeinen auch: Impotenz), ist das Unvermögen, eine steife Peniserektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr geeignet ist. Dauern diese Probleme länger als sechs Monate an, gehen Ärzte von einer Erkrankung aus. Sie sollten in diesem Fall Ihren Hausarzt oder einen Urologen aufsuchen. Wiederkehrende Erektionsprobleme können Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung oder psychische Probleme sein.“ (https://www.aok.de/pk/magazin/familie/liebe-sexualitaet/erektionsstoerung-was-ihnen-jetzt-hilft/)
[1] Hier den Artikel von Hannes „Was ist eigentlich Sex“ verlinken
[2] https://www.aok.de/pk/magazin/familie/liebe-sexualitaet/erektionsstoerung-was-ihnen-jetzt-hilft/
[3] „Eine erektile Dysfunktion (im Allgemeinen auch: Impotenz), ist das Unvermögen, eine steife Peniserektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr geeignet ist. Dauern diese Probleme länger als sechs Monate an, gehen Ärzte von einer Erkrankung aus. Sie sollten in diesem Fall Ihren Hausarzt oder einen Urologen aufsuchen. Wiederkehrende Erektionsprobleme können Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung oder psychische Probleme sein.“ (https://www.aok.de/pk/magazin/familie/liebe-sexualitaet/erektionsstoerung-was-ihnen-jetzt-hilft/)
Mehr von Hannes Ulrich: Die Psychologie hinter der Lust
Nachdem wir geklärt haben, warum der Körper manchmal streikt, stellt unser Autor die alles entscheidende Frage: Was ist eigentlich „Sex“? Hannes Ulrich beleuchtet die psychologischen Konstrukte und klinischen Erfahrungen, die unsere Sexualität prägen. Ein Muss für alle, die nicht nur funktionieren, sondern verstehen wollen.
FAQ zu Potenzmittel & Lust
Hier findest du die wichtigsten Antworten rund um das Thema Erektion, den Einsatz von Potenzmitteln und die Frage, wie Psyche und Körper beim Sex zusammenspielen.
Oft steckt gar kein körperliches Problem dahinter, sondern purer Leistungsdruck. Durch Dating-Apps und Pornos entsteht das Gefühl, sexuell permanent „funktionieren“ zu müssen. Die Pille dient dann als vermeintliche Sicherheit, um den eigenen (oder fremden) Ansprüchen gerecht zu werden.
Potenzmittel wie Viagra oder Cialis sind sogenannte PDE-5-Hemmer. Sie blockieren das Enzym, das für das Erschlaffen des Penis zuständig ist. Dadurch bleiben die Blutgefäße weit geöffnet und das Blut wird im Schwellkörper „eingesperrt“ – wie bei einem natürlichen Cockring.
Weil die Biologie gegen dich arbeitet. Wenn du unter extremem Stress stehst oder Angst hast zu versagen, schüttet dein Körper Adrenalin aus (der Sympathikus wird aktiv). Dieser „Flucht-Modus“ zieht die Gefäße zusammen, um das Blut in die Muskeln zu leiten. Da kommt selbst die stärkste Pille oft nicht gegen an.
Ja, absolut lebensgefährlich! Beide Substanzen erweitern die Gefäße extrem stark. Werden sie kombiniert, kann der Blutdruck so massiv abfallen, dass es zu Herzversagen oder einem Schlaganfall kommt. Wenn du Potenzmittel nimmst, ist Poppers tabu.
Hannes Ulrich bezeichnet sie als „Krücke“. Sie helfen dir zwar über den Moment hinweg, heilen aber nicht die Ursache – vor allem, wenn diese psychisch ist. Langfristig ist es effektiver, den „Löwen im Kopf“ (Ängste, Druck) zu bändigen, statt nur das Symptom zu behandeln.
Wenn die Probleme über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten regelmäßig auftreten, spricht man medizinisch von einer erektilen Dysfunktion. In diesem Fall solltest du einen Urologen oder Hausarzt aufsuchen, um organische Ursachen oder ernsthafte Vorerkrankungen auszuschließen.
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