Manchmal löst meine Trans*ness Neugierde aus

Manuel und Paul sprechen offen darüber, was Cruising als trans* maskuline Personen bedeuten kann. Zwischen Anziehung, Unsicherheit und Risiko geht es um Ablehnung und Ausgrenzung, aber auch um Selbstbestimmung, Lust, neue Erfahrungen und den Wunsch, sich queere Räume trotz aller Widersprüche zu nehmen.

Veröffentlicht am: 21.04.2026
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Inhaltsverzeichnis

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Beitrag von Paul
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Beitrag von Manuel
Paul
Manuel

Der erste Schritt: Angst und Aufregung

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Wir beide erleben ja oft ähnliche, aber auch sehr unterschiedliche Sachen beim Cruisen. Erzähl mal, wie das bei dir losging!

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Als ich das erste Mal im Park cruisen wollte, hatte ich extreme Angst. Ich wusste einfach nicht, wie! Die Vorstellung, jemand stellt fest, dass ich trans* bin, und hat dann keine Lust mehr auf mich. Oder ist sogar sauer auf mich. Ich hatte das zuvor beim Daten schon erlebt. Ich hätte es den Männern einfach sagen können, aber beim Cruisen, da will ich nicht sprechen. Das macht für mich den Reiz aus. Mein Drang dazu war sehr stark. Aufregend im positiven Sinne. Für mich fühlte es sich so an, als würde ich zu einer geheimen Gruppe gehören, deren Sprache nur wenige sprechen. Mein männliches Passing war gut. Ich erweckte schnell bei Anderen Interesse.

Gleichzeitig war es ein Dilemma, weil es eben kein Passing als trans* Person war: Ich werde zu 100 % cis gelesen, was gar nicht mein Ziel war. Lieber wäre ich als das gelesen worden, was ich wirklich bin. Und als Person of Color werde ich ohnehin sehr viel männlicher gelesen, egal wie ich mich kleide. Was ich eigentlich gebraucht hätte, wäre eine Szene in der cis Männer sich selbst nicht als Maßstab setzen. Aber das gab es nicht.

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Das kenne ich. Viele denken, dass wir als trans* Leute dankbar sein können, an den Cis-Orten mit dabei sein zu dürfen. Für mich ist es aber eher etwas langweilig, wenn andere Trans*männlichkeiten fehlen. Ich würde gern mehr mit trans* Schwulen spielen Aber viele lassen sich von der trans*feindlichen Vibe der Cruising-Orte abschrecken. Ich weiß selbst, wie schwer es war, das zu überwinden.

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Ja, leider. Ich habe mir einen Darkroom voll mit trans* Menschen vorgestellt. Ich wäre da nackt reingelaufen, positiv aufgeregt. Dort hätte ich kaum Hemmungen gehabt, mich anfassen zu lassen, ohne diese Angst, aufgrund meiner Genitalien abgelehnt zu werden. Mittlerweile gibt es Angebote für T4T-Cruising [trans* für trans*]. Und eben auch einige Orte, wo trans* und cis Personen zusammenkommen können. Davon konnte ich früher nur träumen.

Ablehnung, Gewalt und Trans*feindlichkeit

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Das mit den Partys ist cool, gibt es aber außerhalb Berlins wenig. Es ist eine tolle Ergänzung, widerspricht aber dem Cruising-Vibe von Jetzt-gleich-weil-ich-Bock-hab. Wir trans* Leute müssen halt doch Sex immer planen und dafür viel auf uns nehmen.

Beim Cruisen sind die guten und schlechten Seiten extremer. Man findet leichter jemanden als beim Daten, aber kriegt Ablehnung auch krasser und oft gewaltvoller ins Gesicht. Wenn ich beim Cruisen höre, wie ein cis Mann andere warnt, dass „jetzt auch Frauen in den Laden die, die behaupten, dass sie Männer sind, oder nur aussehen wie Männer, aber keine echten sind“, dann gehe ich aus Protest nicht eher heim, bis ich nicht noch zweimal mit jemand gekommen bin. Einmal hat sich ein Typ an meinem Schwanz zu schaffen gemacht. Als er merkte, dass der anders ist, lachte er mir mit großer Verachtung ins Gesicht: wie ich es wagen könne, hier zu sein. Das trifft hart. Aber ich habe auch von den alten cis Männern gelernt, dass ich mir von Hatern nicht meine Lust nehmen lasse.

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Ich finde dich ganz schön mutig. Ich glaube nicht, dass wir jemals so frei und ungezwungen cruisen können wie cis Männer. Das schmerzt mich schon. Es gibt Alternativen, aber es ist nicht dasselbe. Ehrlich gesagt, ist es auch gefährlich. Genug cis Typen werden aggressiv, wenn sie nicht kriegen, was sie glauben zu bekommen! Sie denken, ihre Erwartung steht ihnen zu. Dieses Entitlement ist so anstrengend. Über Gewalt in schwulen Räumen reden wir zu wenig, vor allem die cis-schwulen Männer!

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Dazu muss man auch sagen, dass die Rechtsprechung in einigen Ländern wieder so weit ist, dass unser Passing, also die angebliche Verheimlichung, Gewalt rechtfertigt. Das Entitlement wird also auch wieder zunehmen. Das ist mir wichtig, dass gerade junge Leute den Zusammenhang verstehen. Auch wenn ich junge Leute ermutigen will, sich nicht vom Cruisen abhalten zu lassen. – Aber, sag, wie ging es mit den Parks und dir weiter?

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Es ging so weit, dass ich mit meiner Therapeutin darüber sprach. Ich wollte unbedingt im Park Sex haben. Ich war öfter da zum Kucken, ich wollte aber nicht nur zusehen, mich nicht wie ein Spanner fühlen. Die Parks sind leider absolut nicht safe. Die Polizei hat verstärkt kontrolliert. Büsche wurden ausgedünnt, Straßenlaternen aufgestellt. Ich habe gesehen, wie Jungs gefickt haben. Plötzlich wurden Autoscheinwerfer auf sie gerichtet, und die Bullen haben sie im Auto mitgenommen. Für einige war das wie ein Kick, das Erwachtswerden. Als Person of Color habe ich allerdings so viel racial profiling erlebt, dass mich allein der Anblick von Polizei total abschreckt, das ist kein Kick für mich. Cruising ist für mich als trans* Person of Color ganz schön unsicher. – Auf was stehst du denn beim Cruisen?

Was Cruisen so reizvoll macht

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Es gefällt mir, wie leicht man unter Männern geil sein kann, wie einfach sie sich auch anstecken lassen: Eben noch tote Hose in der schlecht besuchten Bar und plötzlich ein Rudel im Darkroom, alle wichsen und blasen sich, dass es kein Halten mehr gibt. Diese Verfügbarkeit und die schiere Menge an Männern geben mir ein großes Gefühl von Freiheit. Gerade mit den älteren Männern genieße ich das sehr. Sie haben eine radikale Liebe für männliche Lust, die ich als eine eigene Art von Widerstand gegen Homo-, Lust- und Körperfeindlichkeit erlebe.

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Ich war mal in einem BDSM-Laden auf einer Combat-Party zum Cruisen, nachdem ich schon auf tollen queeren Partys gespielt hatte. Ich war kaum da, als ich realisierte: Okay, es scheint niemand auf mich zu stehen. Überall Bundeswehr-Uniformen. Mir wurde klar, dass ich allein unter weißen – und vermutlich teils auch rechten – Männern war. Hier war meine Trans*ness nicht das Problem, – soweit kam es gar nicht! – sondern, dass ich nicht weiß war. Ich verließ die Party und werde sie nie wieder besuchen. Das waren alles wichtige Erfahrungen. Cruisen musste ich erstmal lernen: wann, wo, mit wem. Nicht zu wissen, was passiert, macht für mich den Reiz aus. Ich erlebe auch viel Positives: Männer voller Lust, mit mir Sex zu haben. Wenn nicht gesprochen wird, kommt auch kein blöder, trans*feindlicher oder rassistischer Kommentar, der mich abtörnt.

Rassismus und Ausgrenzung in queeren Räumen

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Oh Mann, das hört sich echt schlimm an. Ich hätte richtig Angst gehabt. Beim Cruisen werden Extreme sichtbarer: wie die weiß dominierte Community in der Gastro, in kulturellen Räumen, in Beratungsstrukturen ihren Rassismus ignoriert. Aber in deinem Beispiel ist es noch krasser und gefährlicher. Und niemand fühlt sich verantwortlich, das zu ändern.

M

Nachts komme ich meist gut an bei denen, die mich tagsüber ablehnen. Romeo funktioniert gut, aber danach werden gern die Profile gelöscht. Viele cis-schwule Männer schämen sich, dass sie auch auf trans* Personen stehen. Das ist schon eine harte Szene. Witzig wird es, wenn dann genau die gleichen Männer wieder ein Profil erstellen und mich erneut anschreiben. Weil sie es eigentlich gut fanden.

P

Das kenne ich. So peinlich! Ich kenne das auch von der Fett-Feindlichkeit. Es gibt viele, die im Geheimen total geil werden bei dick_fetten Körpern, aber dann nicht mit dem Menschen gesehen werden wollen. Bloß keine soziale Verbindung. Das gilt interessanterweise auch für dick_fette Männer, die ihre verinnerlichte Fettfeindlichkeit nicht bearbeiten. Da schmelzen sie beim Sex nur so dahin, hören gar nicht mehr auf zu kommen. Und dann müssen sie schnell weglaufen … Es ist auch bizarr, weil wir als Aktivisten ja auch gern mal Feierabend hätten und nur an Sex, nicht an Politics denken wollen. Aber wir ziehen halt dabei immer den Kürzeren. – Gibt es für dich ein Setting, wo du dich wohler fühlst?

Sicherheit vs. Lust: Ein ständiges Dilemma

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Wohl fühle ich mich dort, wo ich safe bin. Aber geil bin ich auf verbotene und eher unsichere Orte. Das sind zwei Paar Stiefel. Hier einen Kompromiss zu finden, ist echt schwer. Ich will mich weder in Gefahr bringen, noch auf meine Lust verzichten. Und du?

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Ich liebe es, in Bars, Saunen oder draußen zu cruisen, wo ich relativ sicher bin. Dann habe ich das Gefühl, die Welt ist mein Abenteuerspielplatz. Es gibt mir ein bisserl meine Jugend zurück, die voll von Depressionen und Komplexen war – und immer mit zu wenig Sex! Ich passe und bewege mich in Großstadt-Communitys, und habe als deutscher Muttersprachler leichter Zugang zu Test-Angeboten als migrantische trans* Menschen oder welche vom Land. Wir werden im Gesundheitssystem so durchtraumatisiert! Für viele ist die Frage: Setze ich meine Gesundheit aufs Spiel? Muss ich mich erst diskriminieren lassen, bevor ich eventuell Hilfe bekomme? – Aber sag du: Bist du dann eigentlich in den Park gegangen oder nicht?

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Hahaha, ja, irgendwann hatte meine Therapeutin die Schnauze voll. Ich solle meine Angst an die Hand nehmen und endlich leben, was ich so vermisse. Das habe ich gemacht. Es war 23 Uhr, ich in einem schwulen Lederclub, der Park nicht weit entfernt. Zwei Bier und ich war mutig genug für den Park. Mit dem Gedanken: „Mal schauen, muss ja nix machen.“ Es war Sommer und viel los. Ein Typ guckte mir tief in die Augen und plötzlich war alles ganz leicht. Wir knutschten rum, beide sehr erregt. Fassten uns in die Hose, er war gechillt. Ich musste nix erklären. Das habe ich immer wieder erlebt. Wenn wir erst mal erregt sind, dann scheint es oft ganz einfach, Trans*feindlichkeit zu überwinden. Plötzlich geht, was vorher undenkbar schien. Sex ist eine gute Möglichkeit, auch aktivistisch was zu verändern. Im Anschluss waren wir sogar noch ein Bier trinken. Am nächsten Morgen seine Spermaflecken auf meiner Jacke – einfach hot!

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Cool, es hat sich also definitiv gelohnt, mit der Angst loszuziehen. Dass Geilsein Trans*feindlichkeit reduziert, habe ich auch erlebt. Auch, dass cis Männer sich gut versorgen. Selbst wenn sie anfangs irritiert sind, weil sich mein Schwanz anders anfühlt. Wenn Sie dann merken, der Ständer bleibt stabil, no matter what, dann gönnen sie sich großzügig. Das macht einerseits großen Spaß, andererseits muss man die Erwartungen erstmal erfüllen. Viele haben diese eine Phantasie und daneben ist beim Cruisen kaum Platz.

Gerade als trans*maskuline Personen müssen wir lernen, uns zu holen, was wir brauchen und begehren. Und Ablehnung einstecken. Das braucht ganz schön Mut. So gesehen ist Cruisen eine Schule fürs Leben.

Was wir vom Cruisen lernen können

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Ich habe so viel kapiert: dass cis Männer auch Angst haben, unsicher sind, deshalb oftmals performen, Viagra nehmen, dass sie auch untereinander sehr hart mit sich umgehen. Nicht alles ist trans*feindlich, vieles gehört einfach zur Cruising-Kultur. Das auseinanderzuklamüsern ist nicht so einfach, aber wichtig. Auch dass cis Männer ganz gut darin sind, Begegnungen abzubrechen oder nein zu sagen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt. Auch dass ein Nein als ein Nein genommen wird. – Ich hab gelernt, wie toll es sich anfühlt, wenn ich trotz Angst losgezogen bin und einfach schöne Momente erleben durfte.

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Stimmt. Im Gespräch mit mir sind trans* Jungs oft überrascht: Sie kennen mich als Aktivisten, der gerade ältere cis-schwule Männer hart kritisiert. Sie überrascht die tiefe Anerkennung und Liebe, die ich auch für sie empfinde. Die hat sich u. a. beim Cruising mit ihnen entwickelt.

Meine Vorlieben, was ich an manchen Körpern sexier finde als an anderen, das spielt für mich beim Cruisen kaum eine Rolle. Die Energie, die Vibe, den jemand mitbringt, und natürlich, auf was man Lust hat – das ist es, was zählt. Und: Was kommt Geiles raus, wenn ich meine Erwartungen hinten anstelle …

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Ja, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Mit Männern, die keine konkreten Erwartungen hatten und offen waren, konnte es ganz spannend und aufregend werden – also immer dann, wenn kein Drehbuch erfüllt werden muss! Manchmal löst meine Trans*ness Neugierde aus. Es ist sozusagen ein Vorteil. Oft sind auch gerade ältere schwule cis Männer, die schon viel Sex in ihrem Leben hatten, dankbar für neue Erlebnisse.

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Viele suchen was ganz Spezielles. Und das merke ich als trans* Mann sofort. Zum Beispiel hat jemand Lust zu blasen, merkt dann aber, mein Schwanz fühlt sich anders an als erwartet und geht. Ich kann das oft nicht nachvollziehen, weil Cis-Schwänze an sich ja schon so unterschiedlich sind.

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All in all hat Cruisen viel zu bieten. Man kann vieles ausprobieren und üben, selbst wenn man grad keine Beziehung hat oder der Beziehungspartner von der Testo-Pubertäts-Geilheit überfordert ist.

Wir haben ja in dem Gespräch immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, denen wir trans* Leute beim Cruisen gegenüberstehen. Mir ist wichtig, dass potentielle Neulinge sich dessen bewusst sind, aber nichts aufschieben. Warte nicht, bis wir in einer Welt oder einer Community leben, in der es sicherer ist. Denn das wird vielleicht nicht in deiner Lebenszeit passieren. Wenn du das Gefühl hast, du kannst mit den negativen Seiten umgehen, dann geh gleich los. Auf zum Cruisen! Wenn nicht, dann such dir Gelegenheiten, wie eben Partys, die sich sicherer anfühlen, oder gründe diese, organisiere, was du brauchst. Verschwende nicht dein kostbares (Sex-)Leben!

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