Poppers: Augen zu und durch?

Poppers gehören für viele zum Sex dazu. Doch Berichte aus Frankreich über mögliche Augenschäden haben für Verunsicherung gesorgt. Was ist dran an den Warnungen? Dieser Artikel ordnet die Studienlage ein, erklärt Wirkungen und Risiken von Poppers und zeigt, worauf du beim Konsum achten solltest.
Startseite > Gesundheit > Poppers: Augen zu und durch?
Geschätzte Lesedauer 8 Minuten

Inhaltsverzeichnis

Macht Poppers-Konsum die Augen kaputt? Französische Forscher warnen vor der Schwulen liebsten Sexdroge, andere Experten plädieren für Gelassenheit

Das Schnüffeln von Poppers kann ins Auge gehen. Das befürchtet jedenfalls ein Medizinerteam aus Frankreich. Die Sexdroge könne die Netzhaut schädigen, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

Der Grund für die Warnung: Die Augenspezialisten hatten vier Personen behandelt, die nach dem Popperskonsum nicht mehr scharf sehen konnten. Die Patienten beklagten zudem einen hellen Fleck in ihrem Blickfeld. Tatsächlich konnten die Experten bei allen Patienten eine Schädigung der Netzhaut feststellen, und zwar genau an jener Stelle, die Bilder mit hoher Auflösung ans Hirn vermittelt („Sehgrube“).

Eine Folge: Die Geschädigten konnten nur noch schwer lesen. Bei zweien von ihnen ließen die Symptome glücklicherweise nach einigen Wochen nach.

Die Forscher suchten und fanden danach noch weitere Fälle. Teilweise waren sie von vorher behandelden Augenärzten nicht diagnostiziert worden, weil die Netzhautveränderungen nur einen sehr kleinen – wenn auch wichtigen – Bereich betreffen.

Was ist Poppers?

Poppers ist ein Sammelbegriff für bestimmte Nitrite, die eingeatmet werden. Die Wirkung setzt sehr schnell ein und hält nur kurze Zeit an. Viele Menschen nutzen Poppers beim Sex, weil sie entspannend wirken, ein kurzes Rauschgefühl auslösen und den Körper lockerer machen. Das kann zum Beispiel den Analverkehr erleichtern.

Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen von Poppers

Poppers wird über Nase oder Mund eingeatmet. Die Wirkung setzt fast sofort ein und hält nur wenige Minuten an. Viele beschreiben ein kurzes Rauschgefühl, das die Wahrnehmung intensiviert und den Körper entspannter macht. Vor allem beim Sex kann sich das luststeigernd anfühlen. Typisch für Poppers ist, dass sich die Blutgefäße weiten. Dadurch sinkt kurzfristig der Blutdruck, während der Puls ansteigen kann. Gleichzeitig entspannt sich die Muskulatur – auch der Schließmuskel. Das ist einer der Gründe, warum Poppers häufig beim Analverkehr genutzt werden. In kleinen Mengen berichten Nutzer häufig von einem stärkeren Lustempfinden, intensiveren Körpergefühlen und einer allgemeinen Entspannung. Die Wirkung ist kurz, klingt meist schnell wieder ab und hinterlässt bei vielen keine Nachwirkungen.

Anders kann es bei höheren Mengen oder häufigem Nachlegen aussehen. Dann kann es zu Schwindel, Übelkeit oder einem starken Blutdruckabfall kommen. In seltenen Fällen sind auch Kreislaufprobleme bis hin zur Bewusstlosigkeit möglich. Manche erleben außerdem Erektionsprobleme – besonders dann, wenn Poppers zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumiert wird. Die Wirkung von Poppers beruht auf einer vorübergehenden Gefäßerweiterung, auch im Gehirn. Dadurch fühlt sich der Rausch intensiv, aber kurz an. Poppers verändern jedoch nicht das Bewusstsein im Sinne von Halluzinationen. Wichtig: Wie stark und wie belastend die Wirkung ist, hängt von der Menge, der Häufigkeit des Konsums und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Substanzen ab. Deshalb gilt auch hier: informiert bleiben und Risiken realistisch einschätzen.

Verschiedene Poppers-Fläschchen mit bunten Etiketten, wie sie beim Sex als Rauschmittel verwendet werden
Poppers sind in der schwulen Szene weit verbreitet – über mögliche Risiken, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen wird jedoch oft wenig gesprochen.

Wie gefährlich ist Poppers?

Da stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist Poppers? Drohen wirklich bleibende Augenschäden? Schließlich sind die bunten Minifläschchen mit betörenden Namen wie „Jungle Fever“, „Hard Wave“ oder „Rush“ bei vielen schwulen Männern sehr beliebt. Die enthaltenen Nitrite haben eine berauschende und sexuell stimulierende Wirkung. Vor allem aber weiten sie die Blutgefäße und entspannen so die glatte Muskulatur – inklusive der Schließmuskel. Das erleichtert den Analverkehr. Poppers hat allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Herz-Kreislaufprobleme und das Absterben von Gehirnzellen. Deutschland toleriert den Verkauf von Poppers, obwohl die Inhaltstoffe rezeptpflichtig sind.

„Poppers wird eifrig benutzt“, sagt Rainer Rybak von Check Up, der schwulen Gesundheitsagentur in Köln. „Bei vielen Leuten stehen solche Fläschchen im Kühlschrank.“

Augenschäden durch Poppers? Die Studienlage ist dünn

Bezüglich des Warnrufs aus Frankreich rät Rybak zur Gelassenheit. „Bisher sind nur vier Einzelfälle bekannt. Bei vielen medizinischen Meldungen kocht die Erregung nur solange hoch, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.“

Seit 15 Jahren ist Rybak in der schwulen Szene unterwegs und informiert über sexuelle Gesundheit. „Mir ist persönlich kein Fall bekannt, in dem jemand nach Poppers-Konsum schwere Folgeschäden zurückbehalten hat.“ Nur auf einer Sexparty sei mal ein Gast nach dem Schnüffeln umgekippt. „Aber ob das nun am Poppers lag, am engen Latexleibchen oder am Flüssigkeitsmangel nach einer durchtanzten Nacht – das kann man nicht eindeutig feststellen“. Körperliche Probleme wie Herzrasen oder Bewusstlosigkeit sind laut Rybak selten allein auf die Droge zurückführen. Das erste Anzeichen einer Überdosierung ist bei Poppers kaum zu ignorieren: ein stechender Kopfschmerz beim Schnüffeln. „Das wirkt so abtörnend, dass dadurch meist Schlimmeres verhindert wird“, sagt der Partydrogenexperte.

Das französische Forscherteam weist selbst darauf hin, dass zwei ihrer Patienten kurz vor dem Sehkraftverlust nicht nur Nitrit, sondern jeweils auch „eine halbe Flasche hochprozentigen Alkohol“ zu sich genommen hätten. Dennoch vermuten die Forscher einen direkten Zusammenhang mit der Droge. Beweisen lässt sich der allerdings bisher nicht: Zwar kann Poppers ein Enzym aktivieren, das für die Fotorezeptoren des Auges wichtig ist, aber dieses hat – das räumen auch die Forscher ein – eine völlig andere Wirkung als in den vier untersuchten Fällen: Das Enzym reduziere die Lichtempfindlichkeit, die Patienten jedoch hätten helle, blendende Flecken beklagt.

Wechselwirkungen problematisch

Der Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, Armin Schafberger, sieht vor allem in Wechselwirkungen eine Gefahr: „Poppers wird oft mit anderen Drogen wie Alkohol kombiniert, dabei können viel schneller gesundheitliche Probleme entstehen.“

Die Kombination von Poppers und Viagra ist sogar lebensgefährlich: Sie kann zu starkem Blutdruckabfall bis hin zu tödlichem Herz-Kreislauf-Versagen führen. Ebenso gefährlich: die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten gegen Angina Pectoris oder hohen Blutdruck.

So bleibt am Ende vorläufig die Erkenntnis: Wer Poppers nimmt, sollte über mögliche Folgen Bescheid wissen und mit Augenmaß zur Sache gehen.

(Philip Eicker)

Wichtige Tipps zum Poppers-Konsum

  • Poppers nie mit Potenzmitteln oder Nitraten (z.B. in blutdrucksenkenden Medikamenten) kombinieren: Lebensgefahr!
  • Poppers nicht trinken und nicht direkt in Nase oder Mund einbringen. Der Kontakt mit Schleimhäuten kann zu Verätzungen und Vergiftungen führen.
  • Gelangt Poppers in Augen, Nase oder auf die Haut: sofort gründlich mit Wasser ausspülen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
  • Poppers nicht zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumieren. Das erhöht das Risiko für Kreislaufprobleme, Schwindel oder Bewusstlosigkeit.
  • Kondome immer vor der Anwendung von Poppers überziehen. Danach kann es schwieriger werden, ein Kondom korrekt anzulegen.
  • Bei Vorerkrankungen des Herzens oder des Kreislaufs besser ganz auf Poppers verzichten.

Weitere Infos über Poppers auf der Seite hiv-drogen.de (Deutsche AIDS-Hilfe)


Häufige Fragen zu Poppers

Poppers werden oft beiläufig konsumiert, dabei gibt es einige wichtige Punkte zu Wirkung, Risiken und Safer Use. In diesem FAQ beantworten wir häufige Fragen rund um Poppers – kompakt und verständlich.

Was passiert im Körper, wenn man Poppers nimmt?

Poppers weitet kurzfristig die Blutgefäße. Dadurch sinkt der Blutdruck, der Puls steigt an und die Muskulatur entspannt sich. Viele erleben ein kurzes Rauschgefühl und intensivere Körperempfindungen. Die Wirkung hält in der Regel nur wenige Minuten an.

Ist Poppers gefährlich?

Poppers kann Nebenwirkungen haben, vor allem bei höheren Mengen oder in Kombination mit anderen Substanzen. Möglich sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufprobleme. Besonders riskant sind Wechselwirkungen mit bestimmten Medikamenten.

Warum ist die Kombination mit Potenzmitteln so gefährlich?

Sowohl Poppers als auch Potenzmittel senken den Blutdruck. Zusammen kann das zu einem starken Blutdruckabfall führen, der lebensgefährlich sein kann. Deshalb gilt: niemals kombinieren.

Kann Poppers die Augen schädigen?

Es gibt Berichte über Sehstörungen nach dem Konsum von Poppers. Ein eindeutiger Zusammenhang ist bislang nicht abschließend geklärt. Klar ist aber: Direkter Kontakt der Flüssigkeit mit Augen oder Schleimhäuten kann zu schweren Reizungen oder Verätzungen führen und sollte unbedingt vermieden werden.

Macht Poppers abhängig?

Poppers macht in der Regel nicht körperlich abhängig. Manche Menschen gewöhnen sich jedoch daran, Poppers beim Sex zu nutzen, und empfinden Sex ohne Poppers dann als weniger intensiv.

Wie kann ich Risiken beim Konsum verringern?

Informiert bleiben, keine Mischkonsum-Experimente eingehen, auf Warnsignale des Körpers achten und Poppers niemals mit Potenzmitteln oder bestimmten Medikamenten kombinieren. Weniger ist hier eindeutig mehr.

Mehr zum Thema Drogen

Blogbeiträge rund um HIV und Aids

Spannende Artikel und Stimmen aus der Community: Erfahre mehr über den Alltag mit HIV, Präventionsmethoden und persönliche Erfahrungen.

Materialien zum Informieren und Teilen

Hier findest du verschiedene Materialien zu HIV, Aids und queerer Gesundheit – digital oder gedruckt, zum Lesen, Anschauen und Weitergeben.

Cover der IWWIT-Broschüre „Poppers und Potenzmittel“ mit Hinweisen zum sicheren Umgang bei Chemsex

Poppers und Potenzmittel

Die zehn Varianten des Drogenfaltblattes richten sich an schwule Männer…

Du brauchst jemanden zum Reden?

Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

• Persönliche Live-Beratung im Chat
• Hilfe per Mail oder Telefon
• Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr