Kategorie: Gesundheit

  • „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Ficken nur mit Gummi!“. Diese Regel war über viele Jahre gesetzt. Seit einiger Zeit jedoch zeigt die Wissenschaft: Safer Sex ist auch ohne Gummi möglich – wie es Schutz durch Therapie oder die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) zeigen. Gerade die letztgenannte Präventionsmöglichkeit sorgt derzeit für Furore. Das Prinzip: HIV-Negative nehmen eine Tablette täglich ein, um sich vor HIV zu schützen. Was in den USA schon seit 2012 offiziell empfohlen wird, ist in der EU aktuell jedoch nur über Umwege möglich. Ein Skandal, findet unter anderem Emmanuel. Der 30-Jährige Berliner PrEP-Aktivist mit französisch-israelischen Wurzeln kann sich ein Leben ohne den Schutz durch die Tablette kaum mehr vorstellen.

    Emmanuel, du bist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Wie dachtest du früher über Safer Sex?
    Meine Weltsicht war bis dahin ganz einfach: Wir benutzen fast alle Gummis. Manchmal passiert zwar ein Unfall, dann kann es zu einer Infektion kommen, aber letztendlich kennen ja alle die Risiken und lassen sich regelmäßig testen. Die einzige Möglichkeit ohne Gummi ficken zu können, ist in einer monogamen Partnerschaft, nachdem man vorher gemeinsam zum Test gegangen ist. Nur dann gibt es den offiziellen „Stempel“ mit der Erlaubnis zum kondomlosen Ficken.

    Aber so einfach war die Welt dann doch nicht.
    Ja, denn es wurde immer deutlicher, dass das althergebrachte Schwarz-Weiß-Denken nicht mehr funktioniert: „Positiv“ und „Negativ“ oder „Safe“ und „Unsafe“ – was sagt das heute aus? Wir wissen inzwischen ja, dass man sich bei einem HIV-Positiven in erfolgreicher HIV-Therapie nicht infizieren kann. Dagegen gibt es viele vermeintlich HIV-Negative, die von ihrer Infektion nichts wissen, und ohne Gummi unterwegs sind…

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    Weil er es untragbar findet, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist, ist Emmanuel PrEP-Aktivist geworden. (Foto: iwwit.de)

    Zeit und Erfahrung haben mir gezeigt, dass sehr viele Typen doch keine Gummis benutzen, oder nur unter Druck. Ich wurde oft abgelehnt, weil ich nicht bare ficken wollte. Dann gab es auch zwei Fälle, wo das Gummi „verschwunden“ bzw. “weggerutscht“ ist. – Das hat mein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zerbrochen.

    Und was hat dich zur PrEP geführt?
    Ich kam ich zu einem Punkt wo ich entscheiden musste, entweder lebe ich mit ständiger Angst vor HIV, weswegen ich Sex auch nicht uneingeschränkt genießen kann. Oder ich gebe auf und akzeptiere, dass HIV kein „wenn“ sondern ein „wann“ ist. Ich habe immer wieder junge Männer mit dieser Einstellung getroffen: „Ich werde sowieso irgendwann HIV bekommen. Wenn es passiert, dann lasse ich mich einfach behandeln.“ Diese Einstellung kam für mich aber nicht in Frage.

    Glücklicherweise habe ich an diesem Zeitpunkt von der PrEP erfahren, und wusste sofort, das ist genau die dritte Option die ich brauche.

    Was hat dein Umfeld gesagt, als du mit der PrEP begonnen hast? Wie waren die Reaktionen?
    Das war sehr unterschiedlich. Bei Heteros kam das eigentlich sehr gut an. Die Schwulen dagegen hatten schon Probleme damit und waren teils ziemlich moralisch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass es manchen Schwulen nach 30 Jahren „Condom only“-Botschaft schwerfällt, diese fast schon heilige Botschaft aufzugeben. Immerhin haben wir ja alle gelernt: Analverkehr ohne Gummi ist eine „Sünde“. Und jetzt kommt jemand, der meint, Sex ohne Gummi sei nicht mehr unsafe?!

    Hat sich dein Sexleben mit der PrEP verändert?
    Ich hatte mit der PrEP anfangs eine ziemlich wilde Zeit, und habe einiges ausprobiert (lacht)… Und jetzt weiß ich besser, wo meine Grenzen liegen. Die viel größere Veränderung hat letztlich im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen. Plötzlich war es mir möglich, eine Nähe und Intimität zuzulassen und zu fühlen, die ich bisher nicht von mir kannte. Auch mein Alltag ist seitdem anders. Die Angst vor HIV war bei mir oft im Hinterkopf – diese ständige Rechnungen, mit wem habe ich was getan und wo könnte ein Risiko bestehen, haben mit der PrEP aufgehört. Vor der PrEP hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Einfluss die Angst auf mein ganzes Leben hat – und eben nicht nur auf mein Sex-Leben.

    Was sagst du zu den Gegnern, die behaupten, PrEP würde ein Tor zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen öffnen?
    Jeder der PrEP unter ärztlichen Aufsicht nimmt wird alle 3 Monaten auf STI untersucht und falls nötig auch behandelt. Ja, es gibt genug anderen Mist. Das sind meistens Schmierinfektionen gegen die Kondome nur teilweise schützen, und die Hälfte der Fälle ist oft symptomlos. Wer behauptet, er brauche nicht regelmäßig beim Arzt Abstriche machen zu lassen, weil er immer mit Gummi fickt und keine Symptome hat, wiegt sich und seine Partner in einer falschen Sicherheit.

    PrEP könnte die Lage ändern – endlich würden sich genau die Männer, die davon am meisten profitieren könnten, häufig vom Arzt beraten und auf STI testen lassen! Könnte das nicht sogar zu einem Rücktritt der Tripper-Epidemie führen?

    Du hast angefangen, dich als Aktivist für die PrEP einzusetzen. Warum?
    Weil ich es traurig finde, dass junge Schwule das Risiko einer Infektion bewusst eingehen, während es schon seit 4 Jahren eine neue, zusätzliche Schutzmöglichkeit gibt! Und auch weil ich es untragbar finde, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist. Wenn das Thema nicht so moralistisch geladen wäre, oder wenn HIV ein Problem der Heterogesellschaft wäre, wäre PrEP schon längst verfügbar. Ich will anderen in der Community den Zugang zur PrEP einfacher machen.

    Wie setzt du dich für die PrEP konkret ein?
    Ich habe erstmal einen Planetromeo-Club gegründet, um Information zu verbreiten über wie man in Deutschland an die PrEP kommen kann („PrEP-info-DE“). Aber das reicht natürlich nicht. Als nächsten Schritt hoffen wir, bald eine eigene Website und eine Facebook-Gruppe zu haben. Es gibt andere Aktivisten, die viel machen – zum Beispiel die LoveLazers, oder PANSY, die ab dem 28.04.2016 einen monatlichen Abend rund um Sex und Drogen organisiert: https://www.facebook.com/LetsTalkAboutSexAndDrugs 

    PrEP ist schon eine Realität. Las uns die Chance nicht verpassen, es richtig einzusetzen. Nur so haben wir eine Chance, die HIV-Neuinfektionsrate zu senken!

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    Emmanuel ist seit Sommer 2015 „PrEPster“. (Foto: iwwit.de)
  • Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Im „Präejakulat“ spiegelt sich das ganze Drama um Safer Sex, für Aidshilfe-Berater ist der stete Lusttropfen die Königsdisziplin. Denn wer glaubt schon, was er weiß? Eine Glosse von Holger Wicht

    So nett sehen sie aus, bevor sie feucht werden!

    Wahrscheinlich ist es noch niemandem aufgefallen, aber das männliche Glied erinnert in gewisser Weise an Gremlins: Wenn es feucht wird, wird’s ernst.

    Man muss das vielleicht erklären: Der Film „Gremlins – Kleine Monster“ drehte sich 1984 um hinreißende Kuscheltiere, die sich aber rasch zu bissigen Bestien wandeln konnten. Wenn Sie mit Flüssigkeit in Berührung kamen, nahm das Unheil seinen Lauf.

    Nun wird ein Penis bekanntlich nicht bissig, wenn er mit … sagen wir mal … Speichel in Berührung kommt. Sobald aber beim Oralverkehr Flüssigkeit aus dem Penis heraus kommt, zieht sich der Bläser nicht selten erschrocken zurück, denn der Tropfen verheißt Unheil. Das liegt an 30 Jahren HIV-Prävention: „Raus bevor es kommt!“ – diese Botschaft haben die meisten Menschen zutiefst verinnerlicht. Wer Sperma in den Mund bekommt, so haben wir’s gelernt, riskiert eine HIV-Infektion.

    Nun kann der Lusttropfen zwar laut Dr. Sommer dann und wann schwanger machen, ist aber kein Sperma. Wissenschaft und Prävention haben für die – wie es so unschön heißt – Vorflüssigkeit von Anfang an eine eindeutige Sondergenehmigung ausgestellt:  Die Viruskonzentration darin reiche für eine HIV-Übertragung beim Oralverkehr nicht aus. Etwas lyrischer formuliert: Von den ersten Frühlingsboten bekommt man keinen Sonnenbrand.

    Sperma nee, Lusttropfen okay? Wer hat diese Botschaft je so einfach geschluckt?

    So einfach könnte es also sein: Sperma nee, Lusttropfen okay. Aber mal ehrlich, diese  Botschaft wie auch den edlen Tropfen selbst haben die meisten von uns doch nie ohne weiteres geschluckt. Für viele Menschen ist der Lusttropfen ein Liebestöter. Und von Anbeginn bis heute ist er die Königsdisziplin des Beratungsgesprächs. Denn in diesem Tröpfchen Körperflüssigkeit spiegelt sich das ganze Universum von Safer Sex, all das Wissen von Übertragungswahrscheinlichkeiten wie all die Ängste und Eventualitäten, die Menschen keine Ruhe lassen.

    … aber dann!

    Anders formuliert: Wir wissen, dass nichts passieren kann – aber lässt uns das ruhig blasen?

    In der Realität sieht’s doch so aus: Solange wir nix sehen und schmecken, ist alles okay, dann wird uns das bisschen Flüssigkeit nicht umbringen. Sobald der Lusttropfen sich aber in die Wahrnehmung drängt, kann er, so klein er ist, erdrutschartige Sorgen ausschwemmen.

    Es geht ja schon damit los, dass es sich nicht immer nur um einen Tropfen handelt; man wird mit sehr verschiedenen Mengen konfrontiert. Und wenn es sich eben mal nicht um einen Lusttropfen, sondern um ein Lustrinnsal oder gar einen Luststrom handelt – ist das nicht vielleicht gerade die Ausnahme von der Safer-Sex-Regel? Summieren sich dann nicht die extrem wenigen Viren pro Mikroliter und überschreiten die gefährliche Grenze?

    Ist das überhaupt noch Vorflüssigkeit? Oder nicht vielleicht doch schon Sperma? Es gibt Männer mit viel Vorflüssigkeit und Männer mit spärlichem Sperma. Konsistenzen variieren. Beide Flüssigkeiten kommen kurz nacheinander aus derselben Öffnung. Lusttropfen und Ejakulat – das sind für den Praktiker Begriffe mit geringer Trennschärfe!

    Und mal ehrlich: Dass eine „geringe Viruskonzentration“ für eine Infektion nicht ausreicht, das ist doch eh ein arg wackliges Konstrukt. Jetzt hört man auch noch, im Rektum sei der Lusttropfen sehr wohl gefährlich. Da ist doch das Sicherheitsgefühl endgültig im Arsch!

    Und überhaupt: Heute Nacht habe ich mir auf die Zunge gebissen, nach dem Abendessen mein Zahnfleisch mit Zahnseide aufgesäbelt und Schleimhäuten ist eh nicht zu trauen. Ist da dem Virus nicht jetzt, in diesem konkreten Fall, doch Tür und Tor geöffnet?

    Mit dem Lusttropfen Freundschaft schließen?

    Es ist ein Reigen irrationaler Ängste, die der Lusttropfen nährt, und sie sind umso schwerer handhabbar, weil ein paar berechtigte Zweifel mitschwingen. So ist das beim Safer Sex: Während wir nach voller Hingabe streben, rechnen wir heimlich in Wahrscheinlichkeiten – und stets mit dem Schlimmsten. Restrisiken sind in Kauf zu nehmen – schummeln sich aber aufgeblasen in den Vordergrund, weil Angst eine der geschicktesten Illusionistinnen unter der Sonne ist.

    Mit Informationen kann man sie nicht immer aus dem Feld schlagen, die Angst, aber immerhin in ihre Grenzen weisen. Zum Glück wissen wir heute, dass selbst die volle Ladung Sperma im Mund im Vergleich zum ungeschützten Analverkehr nur ein geringes Risiko bedeutet. Vielleicht hilft uns das, mit dem Lusttropfen Freundschaft zu schließen?

    Wenn nicht, empfehle ich die Beratungsangebote der Deutschen AIDS-Hilfe. Dort kennt man das Thema schon.

    Die Wahrheit über den Lusttrofen aus der Forschung

  • Guter Tropfen? Böser Tropfen?

    Beim Blasen ist der Lusttropfen kein Problem, beim Ficken kann er für eine HIV-Infektion ausreichen

    Lustropfen
    Jetzt kommt's raus: verschiedene Risiken im Mund und im Arsch (Foto: Wikipedia)

    „Ich habe gehört, der Vortropfen, also der Vorsaft, wäre extrem virushaltig. Andere sagen genau das Gegenteil. Was stimmt nun?“ Diese Anfrage stellte kürzlich ein Mann dem Health Support in Gayromeo. Überhaupt ist der Lusttropfen eines der häufigsten Themen in der Beratung zu HIV und Safer Sex.

    Kann man sich über den Lusttropfen beim Blasen oder Ficken infizieren? Im neuen HIV-Report der Deutschen AIDS-Hifle gibt’s darauf ausführliche Antworten aus der Abteilung für medizinische Fragen. Hier die Zusammenfassung für Praktiker:

    „Für den Vortropfen gilt der alte Satz aus der Beton-Werbung: Es kommt drauf an, was man draus macht“, sagt DAH-Medizin-Referent Armin Schafberger. „Beim Blasen ist eine Infektion so gut wie ausgeschlossen, beim Ficken sieht die Sache ganz anders aus.“

    Beim Oralverkehr ist „Raus bevor es kommt“ also weiterhin eine hervorragende Methode, um sich vor HIV zu schützen. Der Lusttropfen enthält HIV nämlich nur in sehr geringer Konzentration, die für eine Übertragung nicht ausreicht. Außerdem ist die Mundschleimhaut eine ziemlich gute Barriere.

    Vorsicht ist aber geboten, wenn man im Mund offene Stellen hat. Die können auf andere sexuelle übertragbare Infektionen hinweisen, die die Gefahr einer HIV-Infektion stark erhöhen.

    „Man muss sich nicht wegen jeder kleinsten Verletzung im Mund verrückt machen“, betont Armin Schafberger. „Gefährlich wird’s wenn Herpesbläschen oder ein Syphilisgeschwür vorhanden sind. Dann sollte man aufs Blasen verziczhten – natürlich auch im Interesse des Partners. Also: Gut auf Veränderungen im Mund achten und im Zweifel den Arzt fragen!“

    Beim Analverkehr sieht’s generell anders aus als beim Blasen. Es besteht auch ohne Abspritzen ein erhebliches Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Unklar ist allerdings, ob das Risiko für den „passiven“ Partner durch den Lusttropfen entsteht oder durch andere Faktoren.

    (schaf/tau/howi)

    Sicherheitsgefühl im Arsch? Die Glosse zum Thema des Tages