Kategorie: Gesundheit

  • Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.

    [Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

    Ben fasst sich beim Sprechen mit der rechten Hand ans Herz. im Hintergrund ist ein Foto von Ben als kleiner Junge an die Wand projeziert.

    Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.

    Ben, in „Coming Clean“ erzählst du offen aus deinem Leben, auch über Sexarbeit und Drogenkonsum. Hattest du beim Schreiben manchmal Angst, deine Freund*innen zu schockieren?

    Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!

    Zu Beginn wirkt dein Stück wie Comedy. Alles ist zum Lachen. Dann wird es ernster und drastischer. Du beschreibst zum Beispiel, wie du als Escort einem deiner Kunden einen bläst und dabei in Tränen ausbrichst. Schon damals ist dir durch den Kopf gegangen: „Some time this will sound funny like a scene of ,Showgirls‘.“ (Anm. der Redaktion – auf deutsch etwa: „Irgendwann wird dies so lustig wie eine Szene aus ,Showgirls‘ klingen.“)

    Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.

    Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.

    In einigen krassen Szenen unterbrichst du dein Stück und sprichst zum „kleinen Ben“, dem Kind in dir. Auf einer Leinwand erscheint dann ein Kinderfoto von dir.

    Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

    Ben zieht sich das T-Shirt über Mund und Nase und blickt ängstlich nach links in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum.

    Ist es dir früher schwer gefallen, dich selbst zu lieben?

    Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.

    Eine dieser Geschichten ist dein erstes Mal – mit Crystal Meth und „Rich, dem Dealer“. Er hat dich nicht nur mit Drogen versorgt, ihr hattet auch geilen Sex. Warum hast du diese Begegnung so gut in Erinnerung?

    Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Du hast mehrere Anläufe gebraucht, um wieder ohne Crystal Meth leben zu können. Die „Zwölf Schritte“ haben dir dabei geholfen. Ein Jahr lang hast du auch auf Sex verzichtet. Wie kam das?

    Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“

    Am Ende hast du das durchgezogen?

    Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.

    Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.

    Was hast du mitgenommen aus deiner sexuellen Fastenzeit?

    Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.

    Eine nützliche Erfahrung, um den Corona-Lockdown zu überstehen…

    Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

    Ben kniet und schaut nach rechts oben. Hinter ihm stehen auf einer virtuellen Tafel verschiedene Kritzeleien, wie "BEN + DOUG" in einem Herz, "I LOVE DOUG", "1 + 1 = BEN LOVES DOUG", oder "GURL!" in einem Kreis.

    Was hilft dir denn dabei, dich okay zu finden?

    Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.

    Dein Stück ist noch online. Aber können wir dich auch mal live in Deutschland sehen?

    Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.


    Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:

    www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann


    Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.

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    Ben verneigt sich auf der Bühne in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum. vor einem Publikum, das ihm eine Standing Ovation gibt.

  • „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    Florian, 37, berichtet seit vier Jahren bei ICH WEISS WAS ICH TU über seine Drogenerfahrungen. Er will damit anderen Drogenkonsumenten helfen, Risiken zu reduzieren. Anlässlich der aktuellen Diskussion sprachen wir mit ihm über Crystal Meth.

    Florian, hast du Erfahrungen mit Crystal?

    Ja, habe ich. Ich bin fast daran kaputt gegangen.

    Du lehnst Drogenkonsum nicht prinzipiell ab, sondern gibst Tipps, wie man seinen Konsum kontrollieren und Risiken reduzieren kann. Das hat offenbar mit Crystal nicht geklappt?

    Nein, überhaupt nicht. Drogenkonsum ist nie ohne Risiko, und man kann prinzipiell von jeder Droge abhängig werden. Aber bei Crystal ist die Schwelle so schnell überschritten, dass ich wirklich nur raten kann, die Finger davon zu lassen.

    Du warst abhängig?

    Ja, die Gefühle auf dieser Droge sind einfach so gut, dass man sie wiederhaben will. Und schon bist du machtlos. Die Falle schnappt verdammt schnell zu.

    Was hast du auf Crystal erlebt?

    Ein nie dagewesenes Glücksgefühl. Die Realität mit all ihren Problemen ist sofort völlig ausgeblendet. Jede Angst ist einfach verschwunden. Leistungsfähigkeit und sexuelles Empfinden werden explosionsartig gesteigert.

    Das klingt gefährlich attraktiv.

    Das ist es leider. Und genau deswegen kann man sich sehr schnell nicht mehr vorstellen, sein Leben ohne diese Droge zu führen. Und dann setzen auch die negativen Wirkungen sehr schnell ein.

    Welche sind das?

    Ich hatte schlimme Depressionen und Wahnvorstellungen. Ich dachte, es sind Menschen im Raum und fühlte mich krass verfolgt. So etwas erleben viele Konsumenten. Ein Freund von mir hat in seiner Paranoia die Wände aufgeschlagen, weil er Kameras dahinter vermutete. Auch Suizidgedanken kommen oft vor.

    Und trotzdem fällt es schwer, wieder aufzuhören?

    Ja, weil du weißt, dass diese Gefühle, die du auf Crystal hast, ohne Droge nicht zu haben sind. So ehrlich muss man sein, das ist so. Trotzdem macht Crystal nicht glücklich. Auf Sexpartys, auf denen Crystal konsumiert wird, sitzen am Schluss meist alle mit ihren Handys rum und suchen nach dem nächsten Date.

    Die Glücksgefühle, die man am Anfang erlebt, halten also nicht vor?

    Nein, die tiefe Erfüllung, die du suchst, bekommst du nicht. Ganz im Gegenteil, du suchst immer hektischer und verzweifelter. Am Ende macht die Droge ziemlich einsam.

    Was hat dich zum Aufhören bewogen?

    Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Es fängt damit an, dass du Montag nicht zur Arbeit gehen kannst, weil du noch total drauf bist. Dann macht die Droge dich allmählich fertig. Du verlierst Freunde, den Anschluss an dein Leben. Ich habe am Schluss alleine zu Hause gesessen und es ging mir einfach nur noch beschissen.

    Und wie bist du da wieder rausgekommen?

    Ich war sehr motiviert, die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen, auch weil ich ja mit dem Thema Drogen in der Öffentlichkeit stehe. Geholfen haben mir eine Therapie und ein starker Freundeskreis. Ich habe begriffen, dass ich die Kontrolle verloren hatte und konnte das auch vor anderen zugeben. Der Psychologe war anfangs unsicher, ob es ohne stationäre Entgiftung geht, aber das ist mir erspart geblieben.

    Und heute?

    Bin ich mir der Gefahren so bewusst wie nie. Meine Kicks und meine Lust am Leben hole ich mir jetzt auf andere Weise.

    Mehr Informationen zum Thema Drogen und Safer Sex findest du hier.
    Wenn du mit deinem Drogenkonsum nicht mehr klarkommst, lass dich beraten!

    ICH WEISS WAS ICH TU_Florian_Crystal Meth
    ICH WEISS WAS ICH TU Florian über Crystal Meth
  • HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    Hab ich mich mit HIV angesteckt? Bislang musste man nach einer Risikosituation drei Monate mit einem HIV-Test warten, um das auszuschließen. Martin Obermeier erklärt im Interview, warum es bei modernen Labortests nur noch sechs Wochen sind.

    Herr Obermeier, Sie arbeiten in einem Berliner Labor, in dem auch Blutproben auf HIV untersucht werden. Um mal eine Vorstellung zu bekommen: Wie viele Tests sind das so im Monat? Und wie viele Infektionen werden dabei festgestellt?
    Im Jahr machen wir etwa 6.600 Tests, das sind rund 550 Tests pro Monat. Und von diesen 550 sind durchschnittlich vielleicht 15, 16 reaktiv, also rund drei Prozent. Die meisten der Blutproben, die von uns untersucht werden, stammen aus HIV-Schwerpunktpraxen, was die hohe Rate von reaktiven Untersuchungen erklärt, denn da hat ja schon eine gewisse Vorauswahl stattgefunden, wenn die Leute sich dort testen lassen.

    Sieht man sich alle HIV-Suchtests an, die in Deutschland durchgeführt werden, erfolgt die Mehrzahl der Untersuchungen im Rahmen von Blutspenden und vor Operationen.

    Wir haben ja Folgendes gelernt: Wenn man nach einer HIV-Risikosituation sicher sein will, dass man sich nicht infiziert hat, muss man drei Monate mit einem HIV-Test warten. Warum gerade drei Monate?
    Diese drei Monate beruhen auf Empfehlungen, die Anfang der 1990er-Jahre verabschiedet wurden: Während der Entwicklung der HIV-Antikörper-Tests hatte man damals gesehen, dass es bei einzelnen Patienten bis zu acht Wochen dauerte, bis das Immunsystem genügend Antikörper für den Nachweis durch den Test gebildet hatte. Und um möglichst große Sicherheit zu haben, vor allem für Blutspenden, einigte man sich auf die Empfehlung, den Test frühestens drei Monate nach der letzten Risikosituation zu machen.

    Die sogenannte diagnostische Lücke – das heißt, die Zeit in der ein Antikörpertest nicht anschlagen würde, obwohl in Wirklichkeit eine Infektion vorliegt – bei den heutzutage eingesetzten Labortests hat sich auf sechs Wochen halbiert. Warum das?
    Schon seit 2002, 2003 gibt es die Labortests der vierten Generation, und seit 2006, 2007 werden die fast flächendeckend eingesetzt. Diese Kombinationstests suchen nicht nur nach Antikörpern, sondern auch nach dem Antigen p24. Dieser Virusbestandteil ist schon früher im Blut nachweisbar, denn der p24-Spiegel steigt in der Regel ab dem 14. Tag nach der Infektion in einen messbaren Bereich.

    Ausschließen kann man eine Infektion dann nach sechs Wochen – wenn der Antigen-Antikörper-Test dann nicht „anschlägt“, sind weder p24-Antigen noch Antikörper im Blut, und man ist mit hoher Sicherheit nicht infiziert.

    Was heißt „mit hoher Sicherheit“?
    Mit hoher Sicherheit bedeutet, dass es seltene Ausnahmen gibt, die aufgrund ihres geringen Vorkommens keine echte Relevanz haben, beziehungsweise dass bestimmte Konstellationen besonders bewertet werden müssen.

    Zumindest für die Post-Expositions-Prophylaxe nach HIV-Kontakt gilt, dass das Zeitfenster bis zu einem sicheren Ausschluss einer HIV-Infektion erst nach Beendigung der Prophylaxe beginnt. Keine Daten liegen aber vor bei Durchführung einer Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP). Hier kann man sich, falls es tatsächlich trotz der Vorbeugung zu einer Infektion kommen sollte, auch eine Verlängerung des diagnostischen Fensters vorstellen.

    Wer ganz sicher gehen will, wartet nach einem HIV-Risiko weiterhin zwölf Wochen bis zum Test.

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    Für die meisten ist diese Info zur verkürzten diagnostischen Lücke neu. Kann man das irgendwo nachlesen?
    Ja, die aktuellen europäischen Leitlinien zur HIV-Testung wurden 2014 veröffentlicht, da findet sich diese Info auf Seite 5. Die deutschen Empfehlungen werden gerade überarbeitet. Daran bin auch ich beteiligt, nämlich als Mitglied im Writing Committee, und ich bin guter Dinge, dass wir die Empfehlungen noch im ersten Quartal 2015 veröffentlichen können.

    Okay, frühestens drei Monate nach der letzten HIV-Risikosituation zum Test, das konnte man sich leicht merken. Nun sind es also sechs Wochen – aber nur beim Labortest. Bei HIV-Schnelltests, bei denen man das Ergebnis schon nach spätestens 30 Minuten bekommt, gilt weiterhin die Drei-Monats-Regel. Warum das?
    Die Schnelltests, die in manchen Gesundheitsämtern und Testprojekten eingesetzt werden, sind reine Antikörpertests, reagieren also nicht auf p24. Schnelltests, die sowohl Antikörper als auch p24 nachweisen können, wären derzeit einfach zu teuer.

    Eine Frage zum Schluss: Hat denn diese Verkürzung der diagnostischen Lücke überhaupt einen Vorteil?
    Nun, aus Gesprächen mit Testkandidaten weiß ich, dass es für viele ein großes Anliegen ist, die Zeit der Unsicherheit zu verkürzen. Es macht eben schon etwas aus, ob ich drei Monate oder nur sechs Wochen warten muss, bis ich mit einem Test eine Infektion ausschließen kann, zum Beispiel nach einer Nadelstichverletzung. Oder nach einem HIV-Risikokontakt außerhalb meiner Partnerschaft – wenn ich sonst mit meinem Partner auf Kondome verzichte, ist es leichter, sechs Wochen wieder zum Gummi zu greifen oder auf Sex zu verzichten als drei Monate …

    Vielen Dank für das Gespräch.

  • Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Klemens Ketelhut kämpft für ein komplettes Verbot von Konversionstherapien, mit denen Schwule angeblich „geheilt“ werden. Dass das nicht klappt, weiß der 45-Jährige aus eigener Erfahrung. Als Teenager geriet er an christliche Fundamentalisten, die ihn von seinem „Dämon“ befreien wollten. Eine wahre Geschichte ohne Happy End.

    Mit der Dating-Show „Prince Charming“ ist schwules Leben im Mainstream angekommen. Doch die selbstbewussten (und hübschen) TV-Homos verstellen den Blick aufs echte Leben. Und da endet nicht jede Coming-out-Story mit einem glücklichen Paar in der Traumvilla.

    Klemens Ketelhut ist zum Beispiel nicht besonders glücklich – und zweifelt, dass er der einzige ist, der „nicht gut in der schwulen Welt angekommen“ ist. „Es gibt viele Coming-out-Geschichten wie meine – nicht alle gehen gut aus.“ Deshalb hat sich der Leipziger entschieden, hier seine zu erzählen, mit all ihren Widersprüchen und einem Kapitel, das ihn bis heute belastet. Als Märchen würde sie so beginnen:

    Es war einmal in den 90er-Jahren, als die meisten Menschen kein Internet hatten und ein bayerischer Innenminister verkündete, über die Homo-Ehe ebenso wenig zu diskutieren wie über „Teufelsanbetung“. Damals war Klemens ein Teenager im Schwäbischen Wald und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Seine Familie war gläubig, zumindest religiöser als die meisten anderen. Klemens und seine zwei Brüder gingen jede Woche in den Kindergottesdienst, engagierten sich später im Jugendkreis und verbrachten ihre Ferien auf christlichen Jugendfreizeiten.

    Religion als Rebellion

    Klemens suchte Gott noch intensiver als der Rest seiner Familie. Über den Schülerbibelkreis lernte er ein freikirchliches Christentum kennen. Er vertiefte sich in die Heilige Schrift und besuchte Lobpreisgottesdienste. In denen singen und beten die Menschen so intensiv, bis sie das Gefühl haben, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein. „Damit habe ich mich gegen meine Eltern und ihre evangelische Landeskirche gestellt“, erinnert sich der heute 45-Jährige. „Wenn man als junger Mensch einen eigenen Zugang zur Welt sucht, ist der charismatische Glaube allemal attraktiver als eine kleine Gemeinde im Schwäbischen Wald.“

    Mit Bekannten aus diesem fundamentalistischen Umfeld fuhr Klemens auf eine Jugendfreizeit, zwei Wochen auf einer Nordseeinsel. Das ehrenamtliche Betreuungsteam kam aus einer evangelikal-charismatischen Gemeinde – und folgte einem bösen Plan. „Die hatten sich offenbar abgesprochen“, urteilt Klemens im Rückblick. Schon kurz nach der Ankunft nahm der Gruppenleiter Klemens erstmals beiseite und eröffnete dem 15-Jährigen, dass er von einem Dämon besessen sei. Schon im Bus habe er einen anderen Jungen „lüstern“ angeschaut. „Sie haben mir immer wieder erklärt, dass ich geheilt werden müsste. Sonst würde ich in die Hölle kommen.“ Bis dahin hatte Klemens nur mit einem einzigen Menschen über seine sexuelle Orientierung gesprochen, ganz vorsichtig. Nun zwang ihn die charismatische Clique zu einer Auseinandersetzung mit seiner Sexualität – noch vor seinem eigenen Coming-out.

    Dämon auf der Nordseeinsel?

    An einem der folgenden Tage muss der Junge als einziger im Ferienheim bleiben, während alle anderen einen Ausflug machen. „Es gab so eine Art Entscheidung, dass ich mit ihrer Hilfe den Dämonen austreiben möchte“, räumt Klemens ein. Aber welche Entscheidungsfreiheit hat ein Teenager, der von erwachsenen Betreuern bedrängt wird? Der zum ersten Mal ohne seine Brüder unterwegs ist, auf einer abgelegenen Insel? „Da hat man keine Wahl mehr, schon gar nicht, wenn du daran glaubst.“

    Also fügt sich Klemens in die Behandlung. Einzelheiten möchte er nicht preisgeben, weil das Ereignis ihn auch drei Jahrzehnte später aufwühlt. „Ich habe auch keine vollständige Erinnerung daran.“ Nur so viel kann Klemens rekonstruieren: Einen ganzen Tag war er eingesperrt, immer umgeben von fünf bis sieben Erwachsenen. „Ich wusste in bestimmten Phasen nicht mehr, ob ich lebend aus diesem Raum rauskomme.“

    „Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt.“

    Nachdem Klemens den Horrortag überstanden hatte, war er euphorisch: Der Dämon war vertrieben und er wieder ein Teil der Gruppe. Erst nach einigen Wochen kommen ihm Zweifel. Noch immer findet er Jungen spannender als Mädchen. Aber er vertraut sich niemandem an. Sein panischer Gedanke: Was würde passieren, wenn sich seine Eltern bei der Reiseorganisation beschweren? „Ich hatte so eine Angst davor, noch einmal in Kontakt mit dem Gruppenleiter zu kommen. Das war ein bedrohlicher Mensch. Heute hoffe ich nur, dass der Alte elendig verreckt ist.“

    Jedes Coming-out eine gute Erfahrung

    So hart formuliert Klemens selten. Als Hochschullehrer ist er geübt darin, Vorträge zu halten. Auch über den Missbrauch, den er ertragen musste, spricht er meist sachlich. Sein Fazit: „Damals wollte ich dazugehören. Heute sage ich: Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt. Es ist krass, einen 15-Jährigen zu isolieren und ihm einzureden, er sei für alle eine Gefahr. Das ist böse!“

    Als Jugendlicher aber hat Klemens das Böse noch nicht so klar erkannt wie heute. Er engagierte sich weiter in seiner Gemeinde: „Das war kein Bruch, sondern ein Ablösungsprozess. Aber heute würde ich sagen: Der Missbrauch war der Anfang vom Ende meiner charismatischen Karriere.“

    Ermutigt durch das Vorbild seines Vorgesetzten outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle.

    Nachdem Klemens für seine Ausbildung in eine größere Stadt gezogen ist, schloss er allmählich Frieden mit seiner sexuellen Orientierung. Wäre seine Lebensgeschichte ein Märchen, wäre damals eine gute Fee ins Spiel gekommen: sein erster Vorgesetzter. Der hat ihn nicht nur in Heilerziehungspflege ausgebildet, sondern auch vorgelebt, dass man offen schwul und glücklich zugleich sein kann. „Wir waren gemeinsam in einer Mitarbeiter-Theatergruppe und haben dort Musik und Kabarett gemacht“, erinnert sich Klemens. „Das war einfach gut. Er hat mich ein bisschen an die Hand genommen.“ Ermutigt von seinem Vorbild outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle. Es folgten viele weitere Coming-outs, in der Familie, bei Freunden, und alle verliefen gut: „Ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass mich Menschen danach abgelehnt haben.“

    Aktivismus gegen Vorurteile

    So engagiert wie er als Teenager in der Kirchengemeinde war, so legte sich Klemens nun für die queere Community ins Zeug. Mit Anfang 20 organisierte er Sommercamps beim Jugendnetzwerk Lambda. Der große Unterschied: Dort werden junge Menschen nicht manipuliert, sondern darin bestärkt, sich selbst und andere zu respektieren.

    Später, umgezogen nach Leipzig, arbeitete Klemens im Verein „Rosa Linde“ mit, vor allem beim Bildungsprojekt „Liebe bekennt Farbe“. Es hilft Jugendlichen, Vorurteile gegenüber queeren Menschen abzubauen, vor allem durch persönliche Begegnungen mit Gleichaltrigen, die schon out sind.

    Klemens Ketelhut lächelt, im Sakko mit Regenbogenanstecker. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Heute forscht der promovierte Erziehungswissenschaftler unter anderem zu Gender- und Queerstudies. Gemeinsam mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld entwickelt Klemens ein Beratungsangebot für andere „Überlebende“ von Konversionstherapien, die queere Jugendliche angeblich „heilen“ sollen. „Viele möchten ihre Homosexualität wegmachen, wenn sie jung sind und noch keine positiven Role-Models kennen“, vermutet Klemens. „Unser Ziel ist ein Präventionsangebot, das allen hilft, die aus einer totalen Gemeinschaft aussteigen möchten – egal ob das Evangelikale sind, Salafisten oder Nazis.“

    Bundestag verbietet „Umpolungen“

    Erst vor Kurzem hat Klemens‘ Geschichte wieder eine märchenhafte Wendung genommen. Sein persönlicher Einsatz – und der seiner vielen Verbündeten – führt zu einem wichtigen Sieg im Kampf gegen den Fundamentalismus: Im Mai 2020 verbietet der Bundestag Konversionstherapien und stellt klar, dass solche „Umpolungen“ schweres Leid verursachen, körperlich wie seelisch. Das neue Gesetz soll Minderjährige künftig besser vor dem schützen, was Klemens mit 15 widerfahren ist. „Dieses Teilverbot hätte mir damals wohl geholfen“, vermutet Klemens. „Queere Kinder und Jugendliche von heute sollen so etwas nicht erleben müssen! Deshalb engagiere ich mich.“

    Klemens Ketelhut lächelt vor Waldhintergrund. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Spätestens nach diesem politischen Erfolg taugt Klemens‘ Lebensgeschichte als Vorlage für eine Streaming-Serie. Der Plot: Ein Teenager wird von bösen Erwachsenen missbraucht. Aber nach seinem Coming-out kämpft er mit Hilfe seiner queeren Community solange, bis ein Gesetz solche Machenschaften verbietet. Währenddessen verliebt er sich in einen Mitstreiter, die beiden heiraten, und wenn sie nicht gestorben sind…

    Eine bessere Welt schaffen

    Doch in so einem modernen Märchen würde sich Klemens nicht wiedererkennen: „Ich habe keinen Freund gefunden, der mir beisteht“, stellt er klar. „Ich bin seit 17 Jahren Single und muss mir aus allem selber raushelfen.“ An mangelnden Kontakten kann es nicht liegen, dass Klemens keinen Mann fürs Leben findet. „Durch mein Engagement lerne ich viele kennen“, berichtet Klemens, „aber wenn es darum geht zu flirten oder Sex zu haben, fühle ich mich oft nicht sicher genug. Für mich bleibt die schwule Community ein gefährlicher Ort.“ So prägt der Missbrauch sein Leben bis heute, obwohl der Evangelikalen-Exorzismus nur ein kurzes Kapitel war.

    „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“,

    fordert Klemens Ketelhut.

    „Solche Erfahrungen sind wie Tretminen in der Psyche“, erklärt Klemens, „sie können noch Jahrzehnte später explodieren.“ Vor zwei Jahren wurde bei Klemens eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Inzwischen macht er eine spezielle Psychotherapie – und erzählt erstmals in Interviews von seinen Erfahrungen. Seine ganz und gar nicht märchenhafte Lebensgeschichte soll allen Mut machen, denen es ähnlich geht wie ihm. „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“, fordert Klemens. Auch ihre belastenden Geschichten gehören zur Wirklichkeit im freien Europa.

    Sein jüngstes Coming-out ist für Klemens auch ein Appell an alle schwulen Männer, nachsichtiger miteinander umzugehen: „Es wär schön, wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig schlechtzumachen, nur weil sich jemand den Sack nicht rasiert“, sagt Klemens. „Stattdessen könnten wir gemeinsam überlegen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen für unsere jüngeren Brüder und Schwestern.“ Klemens muss lachen, weil das so pathetisch klingt. Aber jede gute Geschichte braucht eine Moral – ein Happy End ist dagegen verzichtbar.

    Philip Eicker

    Klemens Ketelhut vor Waldhintergrund nachdenklich blickend. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Mehr Infos zu Klemens‘ Geschichte

    Zum Weiterhören: Im Podcast „Y-Kollektiv“ in der ARD Audiothek erzählen Klemens und andere davon, wie sie von ihrer Homosexualität geheilt werden sollten.


    Hintergrund zum Verbot von Konversionsbehandlungen in Deutschland und weltweit

    In Deutschland gilt seit 2020 ein gesetzliches Verbot von Konversionsbehandlungen von Personen unter 18 Jahren. Das Gesetz „gilt für alle am Menschen durchgeführten Behandlungen, die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind“ (§1, Abs. 1, Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen).
    Verboten ist nicht nur die Durchführung solcher Behandlungen, sondern auch die Werbung, das Anbieten sowie die Vermittlung derartiger Angebote. Zudem soll ein spezielles Beratungsangebot unter dem Dach der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entstehen.
    Insbesondere die Beschränkung des Verbots auf Unter-18-Jährige wird hierzulande auch kritisiert.

    Deutschland ist damit weltweit erst das vierte Land – nach Brasilien, Ecquador und Malta, das Konversionsbehandlungen landesweit verbietet. In weiteren Ländern gibt es zumindest in bestimmten Regionen ein solches Verbot.
    Eine Übersicht über den aktuellen Stand weltweit findet Ihr bei ILGA World (Informationen auf Englisch und Spanisch).

  • Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Etwa 20 Prozent der HIV-Infizierten haben Schwierigkeiten mit ihrer HIV-Therapie. Über Risiken und Nebenwirkungen von HIV-Medikamenten hat der Berliner HIV-Schwerpunktarzt Gerd Klausen die Tage im vorigen Blog-Beitrag informiert. Heute berichtet Dr. Gerd Klausen über Langzeitfolgen der HIV-Therapie.

    Unter welchen Folgeschäden haben Patienten heute zu leiden, die schon über viele Jahre HIV-Medikamente einnehmen?

    In den letzten fünf bis zehn Jahren haben wir in Einzelfällen vor allem Schädigungen der Leber und der Niere festgestellt, darüber hinaus auch Veränderungen im Blutfett-Stoffwechsel, also eine Erhöhung des Cholesterinspiegels. Damit geht ein erhöhtes Risiko für einen Herz- oder Schlaganfall einher. Manche Medikamente stehen außerdem im Verdacht, einen vorzeitigen Knochenschwund auszulösen. Diese Dinge müssen die behandelnden Ärzte daher besonders im Blick haben. Andere Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden.

    Was genau ist unter Lipoatrophie und Lipohypertrophie, so die medizinischen Fachtermini für diese Fettumverteilungsstörungen, genau zu verstehen?

    Bei der Lipoatrophie handelt es sich um den sehr markanten Verlust von Fettgewebe im Gesicht sowie in den Armen und Beinen. Lipohypertrophie bezeichnet die Zunahme von Fettgewebe, meist im Bauch und am Nacken. Die Medikamente, die diese stark stigmatisierenden Symptome höchst wahrscheinlich verursacht haben, waren aus meiner Sicht trotz dieser Nebenwirkungen damals ein Segen, denn durch sie konnte unmittelbar Leben gerettet werden und es gab keine Alternativen. Heute sind wir auf diese Präparate glücklicherweise nicht mehr angewiesen.

    Zugenommen haben bei Langzeittherapierten in den letzten Jahren auch psychische Probleme. Wie lässt sich das erklären?

    Nicht nur Depressionen und Schlafstörungen sind zu einem großen Thema bei Langzeitinfizierten geworden, sondern auch hirnorganische Veränderungen. Medikamente können hier mit eine Rolle spielen. Es ist daher wichtig, solche Symptome immer näher zu untersuchen, um im Zweifelsfalle rechtzeitig reagieren zu können. Allerdings ist es manchmal gar nicht so einfach, einen Patienten davon zu überzeugen, ein Medikament auszutauschen, das er nach seiner eigenen Wahrnehmung immer gut vertragen und ihm vielleicht das Leben gerettet hat.

    Das heißt, es gibt neben den Medikamenten auch andere potentielle Auslöser für die psychischen Probleme eines HIV-Infizierten?

    Ja, denn auch die Langzeitwirkung der Infektion kann eine Ursache sein. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb wir das Virus heute so früh wie möglich behandeln: Denn so erreichen wir, dass es sich nicht so lange ungehindert im Körper vermehren und dadurch Schäden anrichten kann. Auf diese Weise können beispielsweise hirnorganische Veränderungen und Erkrankungen des peripheren Nervensystem weitgehend verhindert werden.

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    Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden. (Foto: fotolia.de)

    Darüber hinaus spielen auch heute noch die psychische Verarbeitung der HIV-Infektion und die krankheitsbedingten Lebensveränderungen eine nicht zu unterschätzende Rolle, etwa was die Sexualität, das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl angeht. Auch für Menschen, die vor 10 oder 15 Jahren aufgrund ihrer Infektion frühzeitig berentet wurden oder andere soziale Folgen erlitten, bedeutet die HIV-Erkrankung einen massiven Einschnitt in die Biografie, der verarbeitet und verkraftet werden muss.

    Die medizinische Forschung und damit einhergehend die HIV-Therapie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten immense Fortschritte gemacht. Können Neuinfizierte, die heute eine HIV-Behandlung beginnen, darauf hoffen, alt zu werden, ohne dass sie unter schweren Neben- und Langzeitwirkungen werden leiden müssen?

    Das glaube ich tatsächlich! Und ich hoffe sehr, dass die Erfahrungen in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten dies auch bestätigen wird. Erfreulicherweise hat sich die HIV-Medizin unglaublich verändert. Die Wirksamkeit der Medikamente ist so gut wie noch nie und wir heute kaum mehr Probleme mit Resistenzen. Zugleich aber bleibt das Thema Nebenwirkungen in der ärztlichen Beratung weiterhin sehr wichtig. Um eben zu verhindern, dass die hilfreiche Therapie zugleich Schäden verursacht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr zu diesem Thema:
    HIV-Therapien heute: Zwischen „sehr gut“ bis „zum Kotzen“

  • PrEP-Start: Von Null auf Hundert in drei Wochen!

    PrEP-Start: Von Null auf Hundert in drei Wochen!

    Der PrEP-Start unter der Lupe: Was gehört dazu? Und wie lange dauert das?

    Du hast Dich entschieden die PrEP zu nehmen? Und am liebsten würdest Du jetzt sofort damit beginnen? Nun ja, eine PrEP bekommst Du nicht einfach an jeder Ecke. Was genau alles zum PrEP-Start dazu gehört und vor allem, wie lange es von der Entscheidung für die PrEP bis zur ersten Tabletteneinnahme dauern kann – dazu haben wir uns unter Prepstern, bei Ärzten, einem Checkpoint und einem Apotheker umgehört. Außerdem geben wir Dir Tipps, woran man denken muss, bis man mit der PrEP beginnen kann.

    Etwas Geduld ist beim PrEP – Start gefragt. Wir sagen Dir worauf Du achten kannst und wie lange es dauert.

    Was sagen die PrEPster?

    Volker

    Volker kommt aus Berlin. Er ist 45 Jahre alt und nimmt seit April dieses Jahres die PrEP. Die Entscheidung ist langsam ihn ihm gereift. Er hat in der Szene zum ersten Mal von PrEP gehört. „Ich habe dann einen Info-Abend mit der Berliner AIDS-Hilfe besucht und auf eigene Faust noch etwas recherchiert“, beschreibt er sein Vorgehen. Er ist zu seinem Hausarzt in Berlin gegangen, der ihn auch sonst betreut. „Mit ihm habe ich noch einmal gesprochen“, erzählt er. Das ausführliche Beratungsgespräch bestärkte Volker darin, mit der PrEP zu beginnen. Auf den Termin hat er eine Woche gewartet. Es folgten die für PrEP vorgeschriebenen bzw. empfohlenen Tests: HIV, Hepatitis B sowie die sexuell übertragbaren Infektionen, wie Syphilis, Chlamydien und Gonorrhö. Nachdem nach ein paar Tagen alle Ergebnisse vorlagen, bekam er sein erstes Rezept für die Blister-PrEP und ging damit zur Apotheke. Nach weiteren zwei Tagen war es dann soweit. Volker hielt seinen ersten Blister mit 28 PrEP-Tabletten in den Händen. „Alles in allem hat es bei mir 10 Tage gedauert, bis ich mit der PrEP starten konnte“, resümiert er.

    Marc

    Marc ist 47 Jahre alt und kommt aus Göttingen in Niedersachsen. Der größte Unterschied zu Volker, der in Berlin zwischen mehreren Praxen und Apotheken auswählen kann, ist der, das Marc in Göttingen diese Auswahl nicht hat. „Ein einziger Arzt in Göttingen, der sich sonst schwerpunktmäßig um Patient_innen mit HIV kümmert, übernimmt die Betreuung der PrEPster in und um Göttingen“, so Marc. Trotz dieser etwas schwierigeren Ausgangslange hat auch Marc hier nur eine Woche auf seinen ersten Termin gewartet. Und auch die Zeit, bis die Testergebnisse vorlagen und er sein erstes Rezept bekam, lag bei ihm ungefähr bei 10 Tagen. Marc hat in Göttingen keine Apotheke, die ihm die Blister-PrEP besorgen kann. Marc hat daher nur die Möglichkeit, ein teureres Produkt eines anderen Herstellers zu wählen. Der Vorteil bei dieser Variante: Das Produkt ist sofort verfügbar. Insgesamt hat es für Marc also etwa zweieinhalb Wochen gedauert.

    Damit eine Apotheke die Blister-PrEP anbieten kann, muss die Apotheke am Blister-Pilotprojekt teilnehmen. Momentan sind das gut 65 Apotheken in Deutschland, die auch Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der HIV kompetenten Apotheken sind. Außerdem müssen die Mitarbeiter_innen der Apotheke zusätzlich geschult werden.

    Marcel

    Marcel musste den größten Aufwand betreiben. Er ist 35 und kommt aus Karlsruhe in Baden- Württemberg. „Kein Arzt weit und breit betreut hier PrEPster“, berichtet Marcel. Dafür hätte er entweder nach Stuttgart oder Mannheim fahren müssen. Zuviel Aufwand. Marcel hat schließlich seinen Hausarzt angesprochen. „Ich habe ihn mit Infos regelrecht zugespamt“, beschreibt er sein Vorgehen. „Aber mein Doc hat toll reagiert und war bereit, sich in das für ihn ungewohnte Themengebiet einzuarbeiten.“ Sein Arzt hat sich schlau gemacht und Marcel war nach 48 Stunden wieder bei ihm. So kann Marcel seit diesem Frühjahr die PrEP nehmen. Und auch die alle 3 Monate vorgeschriebenen PrEP-Checks übernimmt der Hausarzt. Wenn man die Woche rausrechnet die Marcel gebraucht hat, um einen Arzt zu finden, dauerte es vom ersten Check bis zur Einnahme der ersten Pille auch zwei Wochen.

    Erste Station: Die Ärzte

    Dr. Kümmerle (Köln)

    „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein.“

    Der Ebertplatz im Zentrum von Köln. Hier betreibt Dr. Tim Kümmerle mit sechs Kolleg_innen eine Gemeinschaftspraxis. „Insgesamt kommen pro Quartal 150 Patienten, die die PrEP nehmen, zu uns“, sagt Kümmerle. Wer einen Termin für eine Erstberatung braucht, wartet zwischen zwei und drei Wochen. „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“ Kümmerle erzählt, dass die Männer, die PrEP nehmen wollen, schon recht gut informiert sind, aber im Gespräch doch noch die ein oder andere Frage auftaucht.
    Nachdem Gespräch folgen die üblichen Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen. Von seinem Labor hat Dr. Kümmerle die Ergebnisse meist nach drei Tagen. Erst drei Mal in den vergangenen zwei Jahren konnte einem Patienten die PrEP nicht verschrieben werden. „Beim ersten Check stellte sich heraus, dass zwei schon HIV-positiv sind und ein dritter eine akute Hepatitis hatte“, nennt Kümmerle als Gründe. Seine Patienten sieht der Kölner Arzt regelmäßig, denn alle drei Monate steht der routinemäßige PrEP-Check an. Wenn alles okay ist, gibt es das Rezept für die nächsten drei Monate.

    „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“

    Dr. Kümmerle (Köln)

    Eine Wartezeit von zwei bis drei Wochen für einen Termin zur PrEP-Erstberatung ist auch in der Praxis von Dr. Roger Vogelmann in Mannheim der Standard. In der Stadt gibt es zwei weitere Praxen, die PrEPster begleiten. Dr. Vogelmann teilt die Beobachtung von seinem Kölner Kollegen, was den Informationsstand und den Beratungsbedarf seiner Patienten angeht.

    Dr. Vogelmann (Mannheim)

    Dr. Vogelmann kooperiert bei der PrEP mit einem Checkpoint.

    Der größte Unterschied zu seinen Kollegen in Köln ist der, dass Dr. Vogelmann mit einem Checkpoint kooperiert. „Aus Kapazitätsgründen und weil es für die PrEPster günstiger ist, empfehlen wir unseren Patienten, die vorgeschriebenen Checks dort zu erledigen. Lediglich den Kreatininwert, der Auskunft über den Zustand der Niere gibt, bestimmen wir hier in der Praxis. Das kann der Checkpoint im Moment noch nicht leisten“, erläuterte er. Das ist deshalb so wichtig, weil die Wirkstoffe, die in der PrEP enthalten sind, in einigen wenigen Fällen die Nieren zu stark belasten können. Fälle, in denen er die PrEP nicht verschreiben konnte, gab es bisher in seiner Praxis nicht.

    Tipp: Auf iwwit.de findest Du zwei verlinkte Listen von Ärzten in Deutschland, die Dich zur PrEP beraten und diese verschreiben können.
    Damit Ärzte die PrEP verschreiben können, müssen Ihnen die behördlichen Schulungsmaterialien zum PrEP-Wirkstoff vorliegen.

    Zweite Station: Der Checkpoint

    Die Max-Josef-Straße in der Mannheimer Neckarstadt zählt zu den schönsten Straßen Mannheims. Alte herrschaftliche Häuser und viele Bäume. Hier hat KOSI.MA seinen Sitz, das Kompetenzzentrum zu sexuell übertragbaren Infektionen in Mannheim. Jeden zweiten Donnerstag und neuerdings jeden vierten Mittwoch im Monat können sich hier Menschen auf HIV und STI testen lassen und werden umfänglich zu allen Fragen rund um Safer Sex und sexueller Gesundheit beraten.

    Wie bei allen Beratungen, die im Checkpoint von KOSI.MA angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym.

    „Seit Anfang des Jahres bieten wir zusätzlich den PrEP-Check an. Wir arbeiten mit dem, von der Hamburger Beratungsstelle Hein und Fiete entwickelten PrEP-Checkheft. Das blaue Heft wurde nach Absprachen mit Hamburg, in Baden-Württemberg im Arbeitskreis Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), für unser Bundesland neu aufgelegt“, berichtet Marc Fischer, Leiter des Checkpoints von KOSI.MA. Wie bei allen Beratungen, die hier angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym. „Wir arbeiten deshalb mit dem RKI-Code, einer Kombination aus Zahlen und Buchstaben des Vor- und Nachnamen“, erklärt Marc das Verfahren. Die Ergebnisse aus dem Labor werden dann von ihm und seinem Team direkt an die behandelnden Ärzte weitergeleitet. Dieses Verfahren hat sich bewährt.

    Dritte Station: Der Apotheker

    Ralf Busch ist Apotheker in Mannheim. Er darf, neben einer zweiten Apotheke in der Stadt, die PrEP auch in Blistern abgeben. Das liegt, wie oben beschrieben, daran, dass er als Mitglied der DAHKA am Blister-Programm teilnimmt. Insgesamt 60 PrEPster kommen regelmäßig zu ihm. Davon kaufen die allermeisten die Blister-PrEP.
    Bei der Blister-PrEP sind die Tabletten in kleine Einmaltüten (sogenannte Blister) eingeschweißt. Die Blister-PrEP ist mit rund 40 Euro günstiger als Produkte anderer Hersteller. Diese sind jedoch im Gegensatz zur Blister-PrEP sofort verfügbar. Wenn keine Wochenenden oder Feiertage die Bestellung hinauszögern, haben seine Kunden ihre Blister-PrEP innerhalb von zwei Tagen. Ein großer Beratungsaufwand entsteht für ihn und sein Team meist nicht. „Die Jungs sind alle gut informiert“, beschreibt Busch seinen Eindruck. „Wenn es Fragen gibt, beziehen die sich meist auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die zusätzlich eingenommen werden.“

    Die Blister-PrEP

    PrEP: Ein Ausblick zum Schluss

    Im Herbst 2017 konnte dank des Engagements eines Kölner Apothekers, die PrEP erstmals relativ bezahlbar und gleichzeitig legal vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Ein Jahr danach ist vieles sicher noch nicht optimal. In manchen Städten ist die günstigere Blister-PrEP noch nicht in den Apotheken verfügbar. Oder es gibt keine Ärzte, die die Versorgung übernehmen können. Auch die Kosten, die jeder bei einem Arztbesuch für den PrEP-Check selbst tragen muss, variieren: Je nach Praxis können sie zwischen 30 bis 75 € liegen. Und sicherlich warten manche auch länger als drei Wochen auf einen Termin für die PrEP-Erstberatung. Aber insbesondere in größeren Städten sind PrEPster in Deutschland recht gut versorgt.

    Unsere Tipps, damit es auch für EUCH reibungslos verläuft:

    • Denkt daran, zwischen dem ersten Anruf beim Arzt, um einen PrEP-Termin auszumachen und dem Tag, bis ihr die PrEP-Tabletten in Händen haltet dauert es im Schnitt zwei bis drei Wochen.
    • Informiert Euch, welche Ärzte Euch betreuen können und welche Kosten damit verbunden sind! Mehr dazu auf iwwit.de
    • Wichtig ist dabei natürlich, dass Ihr vor dem HIV-Test beim Arzt 6 Wochen lang keine Risikosituation gehabt haben dürft. Stichwort „diagnostisches Fenster“ von HIV-Tests.
      Alle Infos zu allen Checks vor und während der PrEP gibt’s ebenfalls auf iwwit.de.
    • Wenn Ihr Euren ersten Termin beim Arzt hinter Euch habt, macht gleich beim Gehen den Termin für den nächsten PrEP-Check aus, dann verhindert Ihr längere Wartezeiten!
    • Kalkuliert ungefähr zwei Tage für die Bestellung Eurer Tabletten ein – wenn Ihr Euch für die Blister-PrEP entscheidet.
    • Behaltet Euren Vorrat im Blick – rechtzeitig Folgerezept besorgen und zur Apotheke bringen!
    • Habt Spaß beim Sex! 😉

    Anmerkung der Redaktion: Die Überschrift dieses Artikels behauptet ausdrücklich nicht, dass es bei der Safer Sex-Methode PrEP einen 100prozentigen Schutz vor HIV gibt. Gleiches gilt natürlich auch für die anderen beiden Safer Sex-Methoden Kondom und Schutz durch Therapie. Deshalb gehören regelmäßige Checks auf HIV und auch andere STI für alle dazu. Mehr zum Test auf iwwit.de

  • Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Pornografie ist eine uralte Kulturtechnik. Aber noch nie war sie so leicht zu haben wie heute. Dank W-LAN und Smartphone muss kein Schwuler mehr ins schmuddelige Bahnhofskino, wenn er Sexfilme sehen will. Das ist geil. Nun stellt sich die Frage: Wie viel Porno tut uns gut? Ist das schon Pornosucht?

    Checkliste: Wie viel Porno ist zu viel?

    „Das ist die falsche Frage“, sagte Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Hamburger Uniklinik. Entscheidend ist nicht, wie häufig ein Mann masturbiert, sondern wie sehr es ihn stört. „Wenn der Patient nicht unter seinem Verlangen leidet, sollte man als Arzt auch keine Diagnose stellen“, betont Briken in der Süddeutschen Zeitung. Porno- oder Sexgewohnheiten werden erst dann zum Problem, wenn sie deinen Alltag und dein soziales Umfeld stark beeinträchtigen: den Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen. Aber wo genau verläuft die Grenze? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Die folgenden Fragen können dir helfen, deinen Pornokonsum auf den Prüfstand stellen:

    • Ohne Porno bekomme ich nur noch selten einen hoch.
    • Ich gucke auch am Büro-Rechner öfter mal einen Porno.
    • Ich komme öfter zu spät zur Arbeit, weil ich davor die ganze Nacht am Rechner war.
    • Wenn ich Stress oder Langeweile habe, lenke ich mich mit einem Porno ab.
    • Ich kümmere mich nicht mehr um mein Hobby. Alles dreht sich nur noch um Sexualität.
    • Mein Smartphone liegt immer neben meinem Bett. Ich will nicht verpassen, falls mich bei Gayromeo ein netter Kerl anschreibt.
    • Vor dem Ficken muss ich mir erst einmal ordentlich einen antütern – um dann Sex zu haben, den ich hinterher furchtbar finde.

    Zu viel Porno: So kontrollierst du deinen Konsum

    Ehrlich machen. Das Schwierige an Sucht ist: Sie verletzt das Ego. Denn sie bedeutet: Ich habe die Kontrolle verloren. Und das gestehen sich gerade Männer nur ungerne ein. Das Leugnen der Probleme ist Teil der Krankheit.

    Logbuch führen. Überprüfe einmal, wann du wie lange Pornos guckst. Notiere es am besten über einen längeren Zeitraum in einem Logbuch. Diese Aufmerksamkeit führt häufig schon zu ersten Verbesserungen. Denn dann fragst du dich automatisch: Muss ich jetzt unbedingt gucken, oder halte ich noch länger ohne aus?

    Ziele festlegen. Entwickle einen persönlichen Ausstiegsplan, um Pornos und Sex so zu genießen, dass sie nicht mehr deine ganze Zeit und Energie fressen. Wichtig ist dabei:

    • Wann fange ich mit dem Verzicht an?
    • Wie schnell reduziere ich meinen Konsum?
    • Was ist erlaubt? Was nicht? Klare Grenzen sind sehr wichtig.
    • Will ich völlig abstinent sein, oder sind Ausnahmen drin („Samstags ein Porno ist okay“)? Bei Suchtverhalten sind Ausnahmen heikel. Denn sie erfordern extreme Disziplin.

    Mit Rückfällen rechnen. Zu jeder Suchttherapie gehören Rückfälle. Du musst lernen, mit diesen Enttäuschungen umzugehen und danach neu anzusetzen.

    Hypersexualität – eine echte Krankheit?

    Die Sucht nach Pornos ist es aber oft nicht alleine. Meist mischen sich verschiedene Arten von Suchtverhalten: Häufiges Pornogucken. Zwanghaftes Masturbieren. Viele Sexdates, die nach dem Sex ein schales Gefühl hinterlassen, oft in Verbindung mit anderen Suchtstoffen wie Alkohol, Poppers oder Methamphetaminen. Die große Gemeinsamkeit: Die betroffenen Männer empfinden ihr Sexleben als Belastung. Die medizinische Diagnose lautet Hypersexualität. Studien schätzen, dass bis zu sechs Prozent der Bevölkerung phasenweise an ihr leiden. Drei Viertel der Betroffenen sind Männer. Aber das Phänomen ist umstritten. Bisher hat die Weltgesundheitsorganisation die Hypersexualität noch nicht in ihren Katalog der Impulskontrollstörungen (ICD) aufgenommen. Deshalb übernehmen Krankenkassen nicht immer die Behandlungskosten.

    Selbsthilfe: die anonymen Sexsüchtigen

    Selbsthilfegruppen sind eine gute Unterstützung bei allen Suchtproblemen. Die Besucher teilen ihre Erfahrungen und unterstützen sich gegenseitig dabei „sexuell nüchtern“ zu werden. Das Gute daran: Die ehrenamtlich organisierten Meetings kosten nichts, und es gibt sie in allen Metropolen. Eher schwierig: Die Gruppen sind autonom. Mit welchen Methoden sie arbeiten und ob sie Schwule herzlich aufnehmen, weiß man vorher nicht. Einfach hingehen und ausprobieren, ob es passt.

    Die meisten Angebote basieren auf den zwölf Grundsätzen der Anonymen Alkoholiker. Der wichtigste lautet: Nichts dringt nach draußen! Die Teilnehmer können ganz offen über ihre Pronosucht sprechen. Ein weiteres Prinzip ist das Vertrauen auf „eine höhere Macht“. Mit diesem transzendenten, oft religiös verstandenen Ansatz solltest du etwas anfangen können. Hier findest du weitere Selbsthilfe-Informationen:

    Vorsicht vor Scharlatanen

    Pornografie ist ein moralisch explosives Thema. Einige Hilfsangebote in Sachen Pornosucht führen geradewegs zu Organisationen wie dem DIJG. Das hält Homosexualität per se für eine psychische Krankheit und verspricht, nicht nur deine Pornosucht, sondern auch deine Homosexualität zu kurieren. Das ist pseudo-wissenschaftlicher Humbug, der psychische Probleme sogar noch verstärken kann.

    Therapiemöglichkeiten bei Pornosucht
    Pornos und Sex sind so geil, dass sie – ähnlich wie Drogen – einen Kick verleihen. In seltenen Fällen führen sie zu Abhängigkeit. Dann sollte man sie so behandeln wie andere Abhängigkeiten auch. Medikamente werden selten eingesetzt. Besonders erfolgsversprechend sind Psychotherapien. Dabei gibt es mehrere Behandlungsphasen.

    Kontrolle zurückgewinnen. Am Anfang steht meist eine praxisorientiere Verhaltenstherapie. Patient und Therapeut besprechen, wie dieser seinen Sex- oder Pornokonsum besser steuern kann. Die Maßnahmen sind oft simpel, zum Beispiel indem der User eine Filter-Software installiert, die seine Lieblingsseiten im Netz stoppt.

    Alternativen finden. Der Patient lernt zudem, anders auf negative Gefühle wie Angst oder Einsamkeit zu reagieren. Sport ist ein bewährter „Ersatzstoff“. Entlastend sind auch Atem- und Achtsamkeitsübungen.

    Ursachen ergründen. Eine Psychotherapie zieht sich oft über Jahre hin, dafür sind die Erfolgsaussichten gut. Die Patienten finden dabei heraus, wie sich problematische Verhaltensmuster aus der eigenen Lebensgeschichte erklären lassen – und wie man gut mit ihnen leben kann.

    Psychotherapeutische Unterstützung bei Pornosucht oder Sexsucht:

    • Bundesweit: Einen auf Sexualität spezialisierten Therapeuten in deiner Nähe findest du über die Website der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW): www.dgsmtw.de
    • Hannover: Sexualmedizinisches Kompetenzzentrum: www.smk-hannover.de
    • Hamburg: Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: www.uke.de
    • Berlin: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité: sexualmedizin.charite.de

    Mehr zum Thema:

    Wieviel Porno ist ungesund?

    MeinSchwulerSex: Sieben Merksätze fürs Pornogucken

  • „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    Milan (26) nimmt an der PrEP-Studie DISCOVER teil. Sie soll herausfinden, ob das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe eingesetzt werden kann wie der Vorgänger Truvada. Im IWWIT-Blog berichtet Milan von seiner Motivation und seinen Erfahrungen.

    Foto: Symbolbild

    Für den Pharmahersteller Gilead geht es um viel Geld. Sein HIV-Medikament Truvada war lange Zeit als einziges auch für die PrEP zugelassen – in den USA seit 2012, in Europa seit dem Sommer 2016. Mittlerweile sind auch in Deutschland gleichwertige Nachahmerprodukte auf dem Markt , auch wenn Gilead das für nicht rechtmäßig hält . Wenn sich aber Descovy als auch oder sogar besser (weil nebenwirkungsärmer) zur PrEP geeignet herausstellt und dafür zugelassen wird, hätte Gilead wieder einen Marktvorteil.

    Um die PrEP-Eignung von Descovy zu belegen, wurde Anfang dieses Jahres die groß angelegte Vergleichsstudie DISCOVER gestartet, an der in den USA und Europa zusammen rund 5.000 HIV-negative Männer und Trans*-Frauen mit erhöhtem Infektionsrisiko teilnehmen. Für die Teilnehmer_innen sind die Medikamente kostenfrei, ebenso die studienbezogenen Untersuchungen und Labortests.

    Damit besteht zum ersten Mal in Deutschland für einige wenige Interessent_innen kostenloser Zugang zu Truvada. Die Teilnehmer_innen wissen allerdings nicht, ob sie das erwiesenermaßen vor HIV schützende Präparat oder seinen Nachfolger Descovy bekommen.

    Einer von 5.000 Teilnehmer_innen der PrEP-Studie DISCOVER

    Milan hat auf einem eher ungewöhnlichen Weg von der Studie erfahren: Ein Bekannter von ihm arbeitet zufällig in einer der fünf HIV-Schwerpunktpraxen, die in Deutschland bei der Studie mitmachen und die Teilnehmer_innen mindestens 48 Wochen lang mit Medikamenten versorgen und medizinisch begleiten.

    Von der Möglichkeit, sich durch die PrEP vor HIV zu schützen, hat Milan vor rund zwei Jahren zum ersten Mal gehört: bei einem Arztbesuch.

    „Allein die Medikamente hätten mich 800 Euro pro Monat gekostet“

    „Ich hatte damals Sex, bei dem das Risiko bestand, dass ich mich infiziert haben könnte“, erzählt Milan. Der behandelnde Arzt verordnete ihm eine vorsorgliche HIV-Behandlung, die sogenannte PEP (Post-Expositions-Prophylaxe), und informierte ihn in diesem Zusammenhang auch gleich über die PrEP.

    So ideal diese Variante der HIV-Prävention für Milan auch schien: „Allein die Medikamente hätten mich etwa 800 Euro pro Monat gekostet, das wollte und konnte ich nicht zahlen.“ Die Teilnahme an der DISCOVER-Studie bot dagegen die Aussicht, PrEP-Medikamente für ein, vielleicht sogar zwei Jahre kostenfrei zu erhalten. Kurz entschlossen bewarb er sich.

    Ein Jahr Warten auf den Studienstart

    Seine Freunde, denen er von seiner Bewerbung erzählte hatte, drückten ihm die Daumen  und mussten nun bisweilen seine Ungeduld ertragen. Denn Geduld war im Vorfeld der Studie in besonderem Maße gefordert.

    Der Start und damit auch die Auswahl der Teilnehmer_innen wurde mehrere Male verschoben, die Bewerber_innen wurden immer wieder vertröstet. Fast ein Jahr hörte Milan nichts mehr von der Praxis, bei der er sich als Interessent gemeldet hatte. Dann fragte er endlich telefonisch nach.

    Wie sich herausstellte, war das gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Tage danach wurde die Liste bereits geschlossen. Milan ergatterte einen der letzten Plätze.

    Heimliche Hoffnung auf Sex ohne Kondom

    Und wenn es nicht geklappt hätte? „Keine Ahnung, was ich dann gemacht hätte“, sagt Milan.

    „Als ich sexuell noch nicht so erfahren war, habe ich immer ein Gummi benutzt, aber es dann immer häufiger weggelassen. In meinem Dating-Profil hatte ich zwar ‚Safer Sex immer‘ angeklickt, aber mich immer mit der heimlichen Hoffnung verabredet, dass der Sex vielleicht doch ohne Kondom sein würde. Es war irgendwie aufregend, dass man bis zum letzten Moment nicht wusste, ob sich dieser Wunsch erfüllten würde.“

    Immer ein schlechtes Gewissen

    Milan versuchte, Infektionsrisiken so weit wie möglich auszuschließen. „Am sichersten war es, Sex ohne Kondom mit HIV-positiven Männern unter der Nachweisgrenze zu haben. Aber es gab eben auch immer wieder Situationen, nach denen man später ein schlechte Gewissen hat.“

    Ein Beispiel? Milan lacht verlegen. „Man ist ein bisschen high, geht mit jemandem nach Hause, und sobald man wieder nüchtern ist, fragt man sich: ‚Was ist eigentlich passiert?‘ Und dann hat man guten Grund, sich Sorgen zu machen.“

    „Wie lange sollte ich noch so weitermachen?“

    Dreimal innerhalb von zwei Jahren hat Milan solche Situationen erlebt und sich danach sicherheitshalber eine PEP verschreiben lassen. „Das ist verrückt, oder? Wie lange sollte ich noch so weitermachen? Deshalb musste ich die PrEP auch unbedingt bekommen.“

    Bevor es mit der PrEP dann tatsächlich losgehen konnte, wurde Milan medizinisch umfangreich untersucht, auf sexuell übertragbare Infektionen samt HIV gecheckt und über die Studie aufgeklärt. Eine Woche danach folgte noch einmal ein HIV-Schnelltest, und bei diesem Termin bekam er dann auch schon die erste Monatsration Tabletten ausgehändigt.

    Zwei Pillen am Tag, eine davon ist ein Placebo

    Zwei Pillen muss Milan nun täglich nehmen. Die eine sieht aus wie Truvada, die andere wie Descovy. Doch eine der beiden Tabletten ist ein Placebo. Welches Medikament Milan also tatsächlich einnimmt, wird er erst am Ende der Studie erfahren. Macht ihm dies etwas aus?

    „Überhaupt nicht. Man hat uns gesagt, dass beide Medikamente effektiven Schutz bieten. Solange ich geschützt bin, muss ich auch nicht beunruhigt sein.“

    „Ich war mir bewusst: Das ist ein Einschnitt in meinem Leben.“

    Und dann war es also soweit. Seine Entscheidung für die PrEP hat Milan nicht mehr in Frage gestellt. Kein Zurückzucken, kein Zögern, keine Unsicherheit.

    „Natürlich war klar, dass ich sie nehmen würde, schließlich habe ich über ein Jahr darauf gewartet. Aber es war durchaus ein besonderer Moment. Ich war mir bewusst: Dies ist ein Einschnitt in meinem Leben. Ich werde jetzt für vielleicht mehrere Jahre jeden Tag zwei Tabletten nehmen und das Medikament in meinem Körper haben.“

    Wichtig ist, dass die Medikamente möglichst zur gleichen Zeit eingenommen werden. Bei Milan ist täglich um 18 Uhr Pillenzeit, und bis auf einmal im Urlaub hat es bislang auch immer geklappt.

    Körperliche Nebenwirkungen: keine

    Und wie sieht’s mit den Nebenwirkungen aus? Schließlich stehen diese im Zentrum des Interesses der PrEP-Studie DISCOVER.

    Milan weiß nicht so recht, wie er diese Frage beantworten soll. Körperliche Probleme wie sie bei Truvada beispielsweise im Beipackzettel gelistet sind – Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Hautausschlag und Juckreiz – hatte er keine. Auch früher nicht, als er Truvada in Rahmen der PEP eingenommen hat.

    „Die ersten beiden Wochen aber fühlte ich mich etwas depressiv. Ob es wegen der Tabletten war, kann ich nicht sagen. Vielleicht war ich auch einfach nur schlecht drauf?“.

    Nach zwei Wochen, sagt Milan, war diese Phase dann auch schon vorbei Und nach 14 Tagen regelmäßiger Tabletteneinnahme galt er auch ganz offiziell als geschützt.

    Sex ohne Psychostress und die Reue danach

    Bis dahin galt: kein Sex ohne Kondom. „Das hatte ich meinem Arzt versprechen müssen. Aber ich hatte zu der Zeit ohnehin keine Lust auf Sex, weder mit noch ohne. Das Timing war also perfekt“, sagt Milan. „Direkt danach ging’s in den Urlaub: nach Tel Aviv zum Gay Pride.“

    Ab jetzt war also Sex ohne Kondom möglich, ohne die Angst, sich vielleicht einem HIV-Risiko ausgesetzt zu haben. Ohne den Psychostress und die Reue danach.

    „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch etwas weg.“

    Und wie war’s nun, endlich am Ziel zu sein? Milan schweigt, sucht nach den passenden Worten und wird dann wider Erwarten sehr ernst. „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch was weg“.

    Er versucht es zu erklären: „Ich kann nun so viel Sex haben, wie ich möchte, ohne darüber nachdenken zu müssen, und das mache ich jetzt auch. Ohne schlechtes Gewissen. Mein Sexleben ist seither wilder, aber andererseits habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr so einfach befriedigt bin. Ich erlebe mich als ziemlich wählerisch und verwöhnt, um nicht zu sagen: arrogant.“

    Mit der PrEP-Freiheit umgehen lernen

    So richtig kann er sich diese Entwicklung nicht erklären, nur vermuten „Ich glaube, dass mich die Freiheit, die mir die PrEP gibt, dahin gebracht hat. Das ist jedoch nicht die Schuld der PrEP, sondern meine eigene Unfähigkeit, mit dieser Freiheit umzugehen. Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen. Und das umfasst mehr, als regelmäßig die Tabletten einzunehmen.“

    Dass die PrEP und die damit verbundenen Möglichkeiten des sexuellen Erlebens nachhaltige Wirkung haben würden, hat Milan nicht überrascht. Genau genommen war dies sogar einer der Gründe, warum er an der Studie teilnehmen wollte.

    „Ich bin neugierig darauf, was das mit mir macht.“

    „Ich wollte Sex ohne Gummi haben, ohne die Angst vor lebenslangen Konsequenzen einer HIV-Infektion. Und ich wollte am eigenen Leib erfahren, wie es für HIV-Positive ist, jeden Tag Tabletten einnehmen zu müssen. Ich bin neugierig darauf, was diese sexuellen Erfahrungen mit mir machen. Ob diese Zeit auf PrEP mich in meiner persönlichen Entwicklung weiterbringt, ob sich meine Lebenseinstellung und meine Haltung zur Sexualität verändern.“

    Hoffnung auf Veränderungen

    Milan ist nicht nur neugierig darauf, sondern er erhofft sich diese Veränderungen. Momentan nehme die Sexualität sehr großen Raum in seinem Leben ein, sagt er offen. Mehr sogar, als ihm eigentlich lieb ist.

    „Eigentlich möchte ich mich nicht immer nur mit Sex beschäftigen, sondern mich auf ernstere Dinge konzentrieren. Manche werden darüber sicherlich lachen, und vielleicht bin ich auch nur naiv. Mal sehen, wie ich in vielleicht einem Jahr darüber denke.“

    Vorerst aber nutzt Milan die neuen sexuellen Freiheiten in vollen Zügen. Online ist er kaum mehr unterwegs. „In einen Sexclub zu gehen ist wesentlich effektiver“, scherzt Milan. „Ich will nicht so viel Zeit mit Chatten verschwenden, um flachgelegt zu werden.“

    Regelmäßige Check-ups

    In regelmäßigen Abständen muss Milan im Rahmen der Studie zu einem Check-up. Dabei wird er zum einen wieder auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten getestet. Zum anderen wird überprüft, ob es auffällige Veränderungen der Nierenwerte und der Knochendichte gibt – beides sind mögliche Nebenwirkungen der PrEP. Dass jemand die Behandlung die Behandlung abbrechen muss, weil er die Medikamente nicht vertrug, hat Milan mittlerweile sogar im engen Freundeskreis schon erlebt.

    „Ich hoffe, dass ich nicht mit der Studie aufhören muss.“

    Eigentlich ist Milans nächster Praxisbesuch auch erst in knapp vier Wochen, nun soll er aber schon früher vorbeikommen. Die Ergebnisse des letzten Check-ups liegen vor, da gebe es was zu klären. Was das nun bedeutet, weiß Milan nicht.

    Ob er sich was eingefangen hat und behandelt werden muss? Oder wurden etwa nachhaltige Nebenwirkungen der Medikamente diagnostiziert? „Ich hoffe nur, dass ich deshalb nicht mit der Studie aufhören muss“, sagt Milan. „Aber ich will mich jetzt nicht unnötig verrückt machen. Wird schon nichts Schlimmes sein.“

    Weiterführende Beiträge zum Thema:

    „Pillen zum Schutz vor HIV“: DISCOVER-Studie jetzt auch in Deutschland“ (magazin.hiv, 10.4.2017)

    Interview: „Seit ich die PrEP nehme, ist mein Sex viel entspannter“ (IWWIT-Blog, 3.7.2017)

    „PrEP? So was machen wir hier nicht!“ (magazin.hiv, 1.8.2017)

  • Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Sexdrogen, sprich Chems [‚K:ems‘], ist nicht klein. Chems verstärken die Geilheit und steigern Glückgefühle. Sie können aber auch zu Folgeschäden führen.

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    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Chems ist nicht klein. (Foto: iwwit.de)

    Um mehr über den Drogenkonsum schwuler Männer zu erfahren, haben britische Forscher in drei Londoner Bezirken mit überdurchschnittlich hohem schwulen Bevölkerungsanteil eine Studie durchgeführt. Dazu gehörte auch eine Befragung von 30 Männern, die im Jahr zuvor Chems beim Sex konsumiert hatten. Die vor Kurzem veröffentlichten Ergebnisse der Chemsex-Studie sind also nicht repräsentativ, erlauben aber trotzdem Rückschlüsse auf den Drogengebrauch auch in deutschen Großstädten. Hier das Wichtigste zusammengefasst:

    Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden und die sexuelle Leistungsfähigkeit:

    Ein Großteil der 30 Befragten …

    • steigert mit Chems die Geilheit und hat längeren, vielseitigeren und gewagteren Sex, zum Teil auch mit mehreren Männern.
    • nimmt Chems, um Schwierigkeiten mit dem eigenen Selbstwertgefühl/dem sexuellen Selbstvertrauen zu überwinden.
    • ist trotz der Steigerung des sexuellen Erlebens mit seinem Sexleben nicht zufrieden.

    Einige der Befragten sagten, dass sie …

    • ohne Chems gar keinen Sex mehr haben können.
    • darüber besorgt waren, mit Chems die eigenen sexuellen Grenzen überschritten zu haben, was sie wiederum bereuten.
    Alt-Sucht+Drogenbericht
    Am 2. Juli 2014 ist der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht erschienen. (Foto: DAH)

    Was noch?
    „Slamming“, das heißt das Spritzen von Drogen – insbesondere von Crystal Meth – kommt insgesamt deutlich seltener vor als gedacht, nämlich bei 3,5 Prozent der gut 1.100 schwulen Männer aus den drei untersuchten Londoner Stadtteilen, zu denen es aktuelle Daten gibt. Von den 30 Befragten dagegen hatte ein Drittel kürzlich Crystal Meth oder Mephedron gespritzt. Sie erklärten, dann noch extremeren Sex zu haben als bei anderen Formen der Einnahme.
     

    Drogen und HIV-Risikoverhalten:

    Etwa ein Viertel der Teilnehmer …

    • hatte das Gefühl, sein Handeln kontrollieren zu können, und hatte Sex mit begrenzter Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von HIV oder einer anderen sexuell übertragbaren Infektion.
    • war selbst HIV-positiv und hatte bewusst ungeschützten Analverkehr mit Männern, von denen sie glaubten, sie seien ebenfalls HIV-positiv.

    Aber: Knapp ein Drittel fand es schwierig, sich unter Drogen zu kontrollieren, und ging das Risiko einer Übertragung von HIV oder anderer sexuell übertragbarer Infektionen ein.

    Was noch?
    Nur ein kleiner Teil der Männer suchte nach risikohaftem Sex und fühlte sich durch die Einnahme von Drogen noch risikobereiter, überschritten sexuelle Grenzen und lebten Fantasien aus.
     

    Negative Erfahrungen und Folgeschäden:

    Immer wieder erklärten die Männer, dass …

    • Chems negative Einflüsse auf soziale Bindungen, Karriere und auf Beziehungen haben.  
    • sie nach dem Gebrauch viel Zeit für eine Erholung benötigten.
    • sie Angst vor einer Überdosierung (besonders von GHB/GBL) hatten.
    • sie eigene Erfahrungen hatten bzw. von Dritten wussten, die wegen Überdosierungen unter Panikattacken und Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert wurden.
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    Die Angst vor einer Überdosierung – besonders von GHB/GBL – ist bei einigen Männern vorhanden. (Foto: iwwit.de)

    Was noch?
    Einige Männer berichteten über Verfolgungswahn, Angstzustände oder Aggressionen, akute manische Schübe oder psychotische Episoden, die behandelt werden mussten.
    Trotz des eigenen Konsums zeigten sich die meisten Männer besorgt über mögliche Auswirkungen von Chemsex auf die schwule Szene.

    Eine deutsche Kurzfassung mit mehr Infos gibt’s hier: https://www.hivreport.de/

    Weitere Ergebnisse sowie Details zur Untersuchung findet ihr in Englisch unter: http://www.lambeth.gov.uk/sites/default/files/ssh-chemsex-study-final-main-report.pdf.

    Wer grundsätzlich mehr über das Thema erfahren möchte, findet auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Website unter https://www.iwwit.de/themen/drogen die wichtigsten Infos.

    Am 2. Juli 2014 wurde der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht veröffentlicht, dessen Mitherausgeber die Deutsche AIDS-Hilfe ist. Er soll dazu beitragen, das vorhandene Wissen über Prävention und Drogenhilfe in eine dauerhaft erfolgreiche Drogenpolitik zu übersetzen. Zum vollständigen Bericht: http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/Alternativer%20Sucht%20und%20Drogenbericht%202014.pdf