Kategorie: Gesundheit

  • Aliens im Enddarm:  Warum (passive) Jungs Kontrolltermine brauchen

    Aliens im Enddarm: Warum (passive) Jungs Kontrolltermine brauchen

    Ein ekliges Vieh setzt sich in einem menschlichen Körper fest, wächst unbemerkt und macht alle platt, bis es endlich vernichtet wird. So lässt sich der Horrorklassiker „Alien“ zusammenfassen. Ähnliches spielt sich häufig in den Ärschen schwuler Männer ab. Die Aliens heißen dann aber Feigwarzen, Chlamydien und Tripper. Dabei wäre der Horror schnell vorbei, würden passive – aber auch aktive – Jungs ihren Hintern regelmäßig zum Proktologen, Urologen oder Hautarzt schwingen.

    Malte* ist 24, unverschämt gut gebaut und noch hübscher, wenn er rot wird. So wie in dem Moment, als er vom „Blumenkohl“ erzählt. Ein Typ habe ihn vor ein paar Monaten beim Sex gefragt: „Sag mal, weißt du, dass du ganz komische Gnubbel an der Rosette hast?“ – „Gnubbel???“ – „Ja, sieht aus wie Blumenkohl.“ Er sei eher zu seinem Hausarzt gerannt als gegangen, gesteht Malte. Diagnose: Feigwarzen. Überweisung: Proktologie. „Auf dem Weg dorthin kam ich mir richtig dreckig vor und hätte vor Scham flennen können.“

    Beine breit für die Diagnose

    Proktologen sind Ärzte, die Erkrankungen des Darmausgangs behandeln. Sie untersuchen ihre Patienten auf einem Stuhl, der so ähnlich aussieht wie der beim Frauenarzt. Dr. Andreas Bellmunt kennt die Hemmungen von Patienten, darauf die Beine breit zu machen. In seiner HIV-Schwerpunktpraxis in Dortmund untersucht er schwule Männer oft auch auf Geschlechtskrankheiten im Hintern und muss bei einigen erst Überzeugungsarbeit leisten. „Ich erläutere sachlich, wieso wir eine exakte Diagnose brauchen – genau wie bei anderen Stellen des Körpers auch.“

    Neben Papilloma-Viren, die Feigwarzen verursachen können, haben schwule Männer häufig Chlamydien und Tripper. So kam vor ein paar Jahren bei einer amerikanischen Studie mit vermeintlich gesunden Schwulen und Bi-Typen heraus, dass fast jeder Zehnte Chlamydien im Arsch hatte. Dass diese Männer von der Infektion überrascht waren, ist nicht ungewöhnlich: Die Bakterien machen sich im Hintern lange nicht so deutlich bemerkbar wie in der Harnröhre. Manche Patienten mit Chlamydien oder Tripper klagen lediglich über ein „komisches Gefühl“. Bei anderen klebt Schleim am Kot oder es blutet ein bisschen.

    Die Biester müssen weg

    Doch egal, wie die Symptome ausfallen: Chlamydien und Tripper sind Eindringlinge, gegen die sich der Körper wehrt. „Das führt früher oder später zu Entzündungen, die das Gewebe verletzlicher und anfälliger gegen weitere Infektionen machen“, erläutert Bellmunt. Die Biester müssen also weg. Das gleiche gilt für Papilloma-Viren, von denen es zahlreiche Arten gibt. Zwar werden Feigwarzen von eher harmlosen Viren hervorgerufen. Doch sie können mit Verwandten auftreten, die Krebs auslösen.

    In der Regel lassen sich Feigwarzen gut mit einer Salbe behandeln. Bei Malte hatten sie allerdings Zeit zu wuchern. Sein Proktologe musste sie deshalb per Laser wegbrennen –in mehreren Sitzungen jeweils mit lokaler Betäubung. „Je mehr Warzen entfernt werden müssen, desto gravierender der Eingriff“, bestätigt Dr. Bellmunt. Bei manchen Patienten sei sogar eine Vollnarkose nötig, um ganze Kolonien wegzuschneiden. Eine mögliche Folge: Die Haut vernarbt und wird weniger sensibel. 

    Vorm Termin normal aufs Klo

    Obwohl die Wundheilung ein paar Wochen gedauert hat, kann Malte über sein erstes Mal beim Popo-Doktor schon schmunzeln. „Als ich auf dem Untersuchungsstuhl lag, hat mich der Proktologe gleich als erstes gefragt, ob ich meinen Darm gespült hätte. Das hatte ich tatsächlich, weil ich mich sonst dreckig gefühlt hätte.“ Der Arzt habe ihn gebeten, vor dem nächsten Besuch ganz normal aufs Klo zu gehen. Das sei wichtig, weil der Darm nach dem Spülen Schleim absondert und man deshalb weniger erkennen könne. „Dann hat er mir zugezwinkert und gesagt, dass er schon weiß, worauf er sich hier einlässt.“

    Arsch in der Hose? Ab zur Kontrolle!

    Leichtes Spiel haben Chlamydien, Tripper und Papilloma-Viren vor allem bei unsafer Sex. Man kann sich aber auch beim Fingern anstecken. Dr. Andreas Bellmunt rät passiven Männern deshalb, sich regelmäßig proktologisch untersuchen zu lassen. Wie oft, das müsse jeder selbst entscheiden. Wer immer Kondome benutzt, dem reicht vielleicht eine jährliche Kontrolle. Wer den Sexpartner dagegen häufig wechselt, lässt sich besser alle sechs Monate einen Termin geben. „Manche meiner Patienten kommen von sich aus sogar alle drei Monate“, berichtet der Dortmunder Arzt. „Die wissen wohl warum …“

    *Name geändert

    Proktologe
    Manchmal muss man Abstriche machen – zum Beispiel wenn man sich auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen lässt. (Foto: iwwit.de)


    Mehr zu Feigwarzen, Chlamydien oder Tripper auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Verkehrte Welt: Analverkehr mit Gleitgel erhöhe das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, stand in letzter Zeit in manchem Online-Medium zu lesen. Die Geschichte einer Falschmeldung. Und die Fakten. 

    Das Ergebnis lautet: Nach Berücksichtigung solcher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung, KANN es sein, dass die Benutzung bestimmter Gleitmittel bei ungeschütztem Analverkehr, die WAHRSCHEINLICHKEIT erhöht, sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, die von Bakterien oder Viren verursacht wird. Es sei MÖGLICH, dass die Inhaltsstoffe der Gleitmittel die Zellen der oberen Darmschutzschicht abtöten und so eine Infektion erleichtern. Jedenfalls hätten ähnliche Substanzen IM LABOR solche Zellen abgetötet. SOLLTE das alles so sein, liege die Infektionsgefahr beim UNGESCHÜTZTEN Analverkehr mit Gleitgel ungefähr dreimal höher als ohne Gleitmittel. 

    Die Wissenschaftler schränkten die Ergebnisse sogar selber noch ein: Um sie zu verallgemeinern, sei die Zahl der Studienteilnehmer zu klein, ihre Herkunft nicht vielfältig genug, die Anzahl der getesteten Gleitmittel zu gering und die Beobachtungen nicht langfristig genug. Es gebe aber eine Tendenz, die weitere Studien mehr als rechtfertigen würde. Mit einem solchen Satz enden viele Auswertungen von Studien. 

    Falschmeldungen

    In manchen Internetmedien war trotzdem bald zu lesen, dass die Verwendung von Gleitmittel die Infektionsgefahr bei Analverkehr deutlich erhöhe. Durch einen Verständnis- und Übersetzungsfehler war in deutschen Medien auch von einem 20-mal höheren Risiko die Rede. Dabei besagte der erste Satz der Pressemitteilung nur, das Infektionsrisiko sei bei ungeschütztem Analverkehr 20-mal höher als bei ungeschütztem Vaginalverkehr. 

    Wie das so ist in Zeiten des Internets: Die Falschmeldungen multiplizierten sich und bald wurde auch in der Szene heftig darüber diskutiert, ob Spucke und ein Gebet zur Abendstunde nicht doch der bessere Schutz sei als Gleitgel. 

    Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Kurz gesagt: Nein, definitiv nicht. Der allergrößte Anteil von Analverkehr unter Männern findet nämlich mit Kondom statt. Dabei ist Gleitgel unerlässlich, weil das Gummi ohne viel leichter kaputt geht. Gummifetzen am Schwanz sehen erstens nie gut aus, und beschädigen zweitens den Darm des Partners deutlich mehr als jedes Gleitgel – und erhöhen so das Infektionsrisiko. Mal abgesehen davon, dass das Kondom dann natürlich keine Schutzwirkung mehr hat. Deswegen gilt weiterhin: Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Beim Analverkehr ohne Kondom besteht ohnehin ein hohes Risiko, wenn man den HIV-Status des Partners nicht kennt. Da ist die Frage nach dem Gleitgel zweitrangig. 

    Als Entwarnung lässt sich auch eine Studie der Stiftung Warentest lesen, die im Jahr 2007 die meisten der in Deutschland erhältlichen Gleitmittel auf Haut- und Schleimhautverträglichkeit testete. Fast alle schnitten mit „Sehr gut“ oder „gut“ ab. 

    Ficki Ficki, Aua Aua

    Den meisten ungeschützten Analverkehr haben übrigens heterosexuelle Frauen: In den Industrienationen lassen immerhin 15 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 55 ihre Besucher auch gern mal hinten rein. Zwar kennen auch sie offensichtlich den Sommerhit von Berlins Dragsuperstar Nina Queer mit dem schönen Titel „Ficki Ficki, Aua Aua“ und benutzen deshalb dabei ein Gleitmittel. Allerdings in weniger als zehn Prozent der Fälle in Kombination mit einem Kondom.               

    Und noch eine interessante Info am Rande: Das meiste Gleitgel kaufen in deutschen Apotheken, Drogerien und Sexshops Frauen über 50. Das hat aber mit Analverkehr wenig zu tun, selbst wenn sie interessierte Partner oder schwule Söhne haben. Die Damen möchten einfach, dass es auch nach den Wechseljahren noch flutscht. 

    (Paul Schulz) 

    Die Pressemitteilung der „International Microbicides Conference“ 

    Bildquelle Männerhintern: www.pixelio.de

  • Safer Sex 3.0: „Die PrEP befreit davon, immer an HIV denken zu müssen“

    Seit mehr als einem halben Jahr ist Milan einer von mehr als 5000 schwulen Männern, die an der internationalen PrEP-Studie DISCOVER teilnehmen. Mit ihr soll überprüft werden, ob sich das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe („Pillen zum Schutz vor HIV“) eignet wie der Vorgänger Truvada und die Truvada-Generika. Wir begleiten den 26-Jährigen während der drei Jahre, auf die die Studie angelegt ist, mit Interviews.

    Im Rahmen von „Safer Sex 3.0“ erzählen im IWWIT-Blog verschiedene schwule Männer, wie sie sich vor HIV schützen, ob mit Kondom, PrEP oder Schutz durch Therapie. Wir bestärken jeden, der sich vor HIV schützen möchte, sich die für ihn beste Safer Sex-Methode zu wählen.

    ___________________________

    Frage: Als wir uns zum ersten Mal über deine Erfahrungen als Teilnehmer der DISCOVER-Studie unterhalten haben, hatte man bei den begleitenden Untersuchungen eine Unregelmäßigkeit in deinem Blutbild festgestellt. War die Aufregung berechtigt?

    Milan: Nein, das war letztlich ein falscher Alarm, die betreuende Ärztin glaubte einen ungewöhnlichen Wert festgestellt zu haben, doch der stellte sich als völlig harmlos heraus.

    Ich hatte so lange auf die PrEP gewartet, dass ich tatsächlich etwas paranoid war und Angst hatte, ich müsste die PrEP nun beenden. Diese Sorge war aber völlig unberechtigt.

    Wie hast du denn die PrEP-Medikamente bislang vertragen? Ob du Truvada oder das Nachfolgepräparat Descovy erhältst, weißt du ja nicht.

    Ich vertrage die Pillen sehr gut und habe bislang keinerlei Nebenwirkungen.

    Inzwischen nimmst du die Pillen seit mehreren Monaten täglich. Musst du dich noch jeden Morgen an die Einnahme erinnern?

    Die ersten fünf, sechs Monate habe ich jeden Tag ganz automatisch daran gedacht. Zwischenzeitlich hatte ich aber viel um die Ohren und deshalb zweimal vergessen, die Tabletten zu nehmen. Das hat mich ein bisschen geärgert – auch wenn es den HIV-Schutz nicht beeinträchtigt, sollte man das Medikament einmal vergessen haben. So hatte es mir der Arzt erklärt.

    Ich habe jetzt so eine Tablettenbox mit einem Fach für jeden Wochentag. Die steht direkt vor mir an meinem Arbeitsplatz, sodass ich sie auf keinem Fall übersehen kann.

    „Die PrEP ist für mich inzwischen etwas ganz Normales geworden“

    Denkst du noch darüber nach, dass du die PrEP nimmst? Ist es noch etwas Besonderes?

    Nein, es ist für mich inzwischen etwas ganz Normales und ein Teil meines Lebens geworden. Die anfängliche Aufgeregtheit hat sich gelegt. Es wäre auch unrealistisch, dass dieses Gefühl der Begeisterung nun die ganzen drei Jahre hinweg anhält, in denen ich voraussichtlich an der Studie teilnehme.

    Als du mit der PrEP angefangen hast, hattest du guten Grund, dich als Teil einer Gruppe mit ganz besonderen Freiheiten zu fühlen.

    Das hat sich ja spätestens geändert, seitdem die PrEP ab 50 Euro für jeden in der Apotheke zu bekommen ist! Damit steht die PrEP nun theoretisch jedem zur Verfügung. Das ist großartig.

    Es geht allerdings nicht allein um sexuelle Freiheit, es bedeutet auch viel, vor HIV geschützt zu sein. Die PrEP befreit einen auch davon, nicht immer an HIV denken zu müssen und dass dieses Virus deinen Körper für den Rest deines Lebens mit diesem „Positiv“-Label markieren könnte – auch wenn die medizinischen Möglichkeiten Menschen mit HIV inzwischen ein ziemlich normales Leben zu ermöglichen.

    Natürlich gibt es als Studienteilnehmer einige Vorteile, etwa die regelmäßigen umfassenden Gesundheitschecks und die kostenfreien Medikamente. Dafür bin ich dankbar. Aber das ist es dann auch schon. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die PrEP es nun ganz regulär in die Apotheken geschafft hat und viel mehr Menschen davon profitieren können. Es ist richtig und wichtig, dass sie für jeden verfügbar ist.

    Hast du dich mittlerweile auch an die sexuellen Freiheiten gewöhnt, die die PrEP ermöglicht?

    „Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes.“

    Die Tatsache, dass ich mich nicht immer im Zaum halten konnte, war ja der Grund, warum ich die PrEP wollte. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Sex mit Kondom habe, aber das passiert im Vergleich doch recht selten.

    Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes. Ich möchte mir daher nicht vorstellen, wie es wieder ohne die PrEP sein würde.

    Ich sehe die PrEP allerdings auch nicht als lebenslange Lösung, schon alleine wegen der möglichen Auswirkungen der Medikamente auf den Körper [Anm. der Redaktion: Die meisten Menschen vertragen die PrEP gut]. Diese Nebenwirkungen zu erforschen ist ja schließlich auch der Anlass für diese Studie. Wenn sie zu Ende gegangen sein wird, werde ich mir das Ergebnis anschauen und mich dann womöglich auch dazu entscheiden, mit der PrEP weiterzumachen.

    Bist du über mögliche unerwartete Langzeitwirkungen besorgt?

    Die Entwicklungen in der Medizin, und gerade auch in der Pharmazie, gehen rasend schnell. Deshalb bin ich mir sicher, dass es mit den Jahren auch PrEP-Medikamente geben wird, die noch weniger oder gar keine Belastung mehr für den Körper darstellen.

    Wir werden heute womöglich auf mögliche Risiken durch die jahrelange Einnahme bestimmter Medikamente hingewiesen, die es in absehbarer Zeit gar nicht mehr gibt. Deshalb bin ich, was langfristige Nebenwirkungen angeht, auch nicht wirklich beunruhigt, und genieße die Möglichkeiten, die ich habe. Denn ich bin jetzt jung und nicht später.

    Hast du mit der PrEP mehr Sex mit mehr Partnern als zuvor?

    „Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, …“

    Sehr viel mehr! Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, dann habe ich manchmal tatsächlich auch die ganze Nacht hindurch Sex, immer wieder und mit unterschiedlichen Leuten. Vorher, ohne die PrEP, bin ich zwar auch dorthin gegangen, aber ich hatte meist nur einmal mit jemandem Sex.

    Das war eine nicht ganz rationale Sperre, mich vor möglichen Infektionsrisiken zu schützen. Zugleich aber hat mich das total verrückt gemacht. Man sieht alle die anderen – die unter der Nachweisgrenze [Anm. der Redaktion: Bei erfoglreicher HIV-Therapie wird HIV selbst beim Sex ohne Kondom nicht übertragen – nicht nachweisbar = nicht übertragbar] oder auf PrEP sind –, wie sie sich dort hemmungslos austoben. Nur man selbst hat sehr einschränkten Spaß.

    Wenn du heute in solche Clubs gehst, teilst du den anderen Männern dann mit, dass du ohne Kondom Sex haben möchtest?

    Ich mache den Kerlen immer gleich klar, dass ich lieber bareback vögle, meist dann auch, dass ich auf PrEP bin. Normalerweise aber wird darüber gar nicht geredet. Wenn Einheimische zu solchen Orten gehen, um Sex zu haben, dann gehört das Kondom in der Regel gar nicht mehr dazu. So erlebe ich das zumindest, so ist die Szene hier. Ich kenne keinen anderen Ort in der Welt, der sexuell so frei ist wie Berlin.

    Mit „frei“ meinst du auch die Freiheiten, die der Schutz durch Therapie und PrEP bietet?

    „Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.“

    Genau, man muss als Vorspiel nicht mehr über diese Dinge reden: ob mit oder ohne Kondom, beziehungsweise, warum es auch ohne geht. Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.

    Das passiert beispielsweise dann, wenn man einen Touristen gerät (lacht). Man ist an solchen Orten so sehr an Sex ohne Kondom gewöhnt, dass ich dann völlig überrascht bin, wenn jemand beim Rummachen plötzlich ein Gummi hervorzieht.

    Wie reagierst du dann?

    Soll ich ehrlich sein? Für mich ist die Sache dann meist beendet. Wenn die Chemie richtig gut ist, kann ich natürlich auch Sex mit Kondom haben, aber es macht mich einfach nicht richtig geil und ich genieße es auch nicht so sehr.

    Ich bin dann aber auch nicht in der Stimmung, um ein Aufklärungsgespräch über die PrEP zu führen. Das ist nicht der Ort, nicht der Zeitpunkt und auch nicht mein Job.

    Ich habe das ein paar Mal versucht, aber es geht in einer solchen Situation einfach nicht, und ich habe dann, offen gesagt, auch keine Lust dazu. Denn ich bin ja dorthin gekommen, um Sex zu haben, und nicht, um meine Art, Sex zu haben, erklären zu müssen. Ich bin da übrigens nicht allein mit dieser Erfahrung.

    Das klingt jetzt etwas überheblich.

    „Ich habe schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.“

    Dessen bin ich mir bewusst. Ich weiß selbstverständlich, dass wir hier in diesen Dingen viel weiter sind und deshalb auch privilegiert. Jemand, für den Sex automatisch Sex mit Kondom bedeutet, ist von der Situation natürlich überfordert.

    Der hat von der PrEP vielleicht noch nie oder nur wenig gehört und hegt verständlicherweise Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Aber ich habe Zweifel, dass ich an diesem Ort, in diesem Kontext dann die richtige Person bin, um diese medizinischen Fakten vertrauenswürdig zu vermitteln (lacht).

    „Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war. „

    Ich kann ihn also weder von der Wirksamkeit der PrEP überzeugen noch will ich ihn zum Sex ohne Kondom überreden. Das führt zu nichts und versaut nur uns beiden den Abend.

    Einmal war jemand zwar unsicher, aber er hatte dann doch mit mir Sex. Am nächsten Tag hat er mich bei Facebook angeschrieben: „Bist du auch wirklich auf PrEP?“ Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war.

    Wenn man von der PrEP einfach nicht viel Ahnung hat, wühlt einen eine solche Situation natürlich auf. Ich muss dann daran denken, wie ich in den Zeiten vor der PrEP ausgerastet bin, wenn ich dann doch mal Sex ohne Gummi hatte. Ich habe deshalb schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.

    Mehr Sex mit einer höheren Zahl an Partnern erhöht rein rechnerisch das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) zu infizieren. Wie sieht deine Bilanz inzwischen aus?

    Sehr überschaubar, wie ich finde – in Relation dazu, wie viel Sex ich hatte, seit ich auf PrEP bin.

    Und was heißt das in Zahlen?

    „Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt.“

    Gleich im ersten Monat wurden bei mir Chlamydien festgestellt, und vor drei Monaten hatte ich einen Tripper in meinem Hals. Beide Male wurden die Infektionen im Rahmen der vierteljährlichen STI-Untersuchungen festgestellt, die Teil der Studie sind.

    Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt. Aber es ist hier im Zusammenhang mit der PrEP eigentlich irrelevant, über STIs zu reden, denn Tripper und Chlamydien können ja beispielsweise auch beim Lecken und Blasen übertragen werden, ganz gleich, ob man auf PrEP ist oder ein Kondom verwendet. Ich hätte die Infektionen auch beim Sex mit Kondom bekommen können.

    Doch wenn wir von der PrEP sprechen, sprechen wir über HIV-Schutz. Und was den HIV-Schutz anbelangt, ist PrEP mindestens genauso sicher wie ein Kondom, wenn nicht sogar mehr. Es macht daher keinen Sinn, für die Ablehnung der PrEP ausgerechnet die Ansteckungsgefahr durch andere Geschlechtskrankheiten als Argument zu benutzen.

    Wie häufig sind die Arztbesuche im Rahmen der Studie?

    Alle drei Monate.

    Was passiert da genau?

    Im Wartezimmer muss ich zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Die Fragen sind immer gleich: Mit vielen Leuten man seit der letzten Untersuchung Sex ohne Kondome hatte. Wie viele Male dabei man beim Analverkehr aktiv oder passiv war. Ob man die Tabletten jeden Tag genommen hat oder wie oft man die Einnahme ausgelassen hat und warum.

    Während der Blutabnahme wird man dann auch noch im persönlichen Gespräch gefragt, ob es irgendwelche Nebenwirkungen gab. Und wir bekommen auch immer Kondome angeboten, die wir kostenlos mitnehmen können, wenn wir das wollen.

    Gibt bei diesen vierteljährlichen Kontrollterminen etwas, das nicht ganz so optimal läuft?

    „Du wirst jetzt lachen…“

    Das gibt es wirklich, und du wirst jetzt lachen: das sind die Urinproben. Aber wenn ich am Vormittag zu meinem Termin gehe, war ich natürlich auch schon mal pinkeln, und in der Praxis kann ich dann nicht mehr. Am meisten tun mir die Leute leid, die erst am Nachmittag ihren Termin haben. Die müssen ja völlig hungrig sein! Wir sollen nämlich fünf-sechs Stunden vorher nichts gegessen haben.

    Ein anderer Studienteilnehmer hat mir berichtet, dass es ihm unangenehm sei, bei den Kontrollen manchmal auch von Ärztinnen detailliert zu seinem Sexleben befragt zu werden.

    Damit habe ich kein Problem. Diese Ärztinnen sind ja erfahren, und es wird nichts geben, was sie noch überraschen könnte (lacht). Ich finde, jemand, der viel Sex hat, sollte nicht so verklemmt sein, wenn er zweimal im Jahr der Gesundheit zuliebe sich von einem Arzt den Hintern anschauen lassen muss.

    Es gab lediglich eine Situation, die mir etwas seltsam vorkam, nämlich als eine Ärztin bei mir einen Analabstrich machte. Sie hat mich dann gefragt, ob ich das künftig selbst mache möchte. Sie haben mir gezeigt wie es funktioniert, und das ist nun auch wirklich keine Kunst.

    „Mit solch heftigen Kommentaren hatte ich nicht gerechnet“

    Nach der Veröffentlichung unseres ersten Gesprächs hat es auf Facebook doch einige recht erhitzte Kommentare dazu gegeben. Wie hast du das selbst wahrgenommen?

    Ich war darauf gefasst, dass es negative Kommentare von Leuten geben würde, die der PrEP grundsätzlich kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Dass sie aber zum Teil so heftig ausfallen würden, damit hatte ich nicht gerechnet.

    Ich war deshalb froh, dass sich auch Leute in die Diskussion eingemischt und meine Position unterstützt haben. Ich habe dann aber auch versucht, das Interview mal mit Abstand zu betrachten, und war mir unsicher, ob der eine oder andere Satz als niedergeschriebenes Interview vielleicht naiv oder unverantwortlich wirken könnte, obwohl das so nicht gemeint war. Mir war aber bei unserem Gespräch wichtig, so ehrlich und klar wie möglich zu antworten.

    Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.

    „Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.“

    Und ich habe den Eindruck, dass einige Männer deshalb so emotional und wütend reagieren, weil sie – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – insgeheim neidisch und verärgert sind, dass es die Möglichkeiten der PrEP noch nicht gab, als sie selbst jung waren. Da kommt man deshalb in der Diskussion mit sachlichen Argumenten und Informationen auch nicht viel weiter.

    Ärgert dich das?

    Ich kann dieses Verhalten sogar ein Stück weit nachvollziehen. Es fällt einem nun mal mit zunehmendem Alter schwerer, neue Entwicklungen mitzumachen oder zu akzeptieren, vor allem, wenn sie Dinge in Frage stellen oder verändern, die bislang ein fester, grundsätzlicher Bestandteil des eigenen Lebens waren.

    Das gilt nicht nur den für medizinischen Fortschritt wie jetzt bei der PrEP, sondern beispielsweise auch für technische Innovationen, die man nicht beherrscht und man deshalb belächelt oder als unnötig ablehnt. Das stelle ich bei mir selbst ja auch schon fest. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie die Jugendlichen heute so viel Zeit mit Instagram verbringen können. Für mich ist das völliger Blödsinn. Für die ist das ein wichtiges soziale Medium.

    Es ist also auf gewisse Weise völlig normal, dass wir die festen Koordinaten des eigenen Lebens verteidigen. Dazu gehört für viele schwule Männer eben auch das eingeübte Verständnis von Safer Sex als Sex mit Kondom.

    Das ändert aber nichts daran, dass die jüngere Generation, so wie ich, neue Entwicklungen wie die PrEP für sich als ganz selbstverständliche Form von Safer Sex annehmen werden.

    Und nur weil ich oder andere den Vorteil des Fortschritts in der pharmazeutischen Industrie in Anspruch nehmen wollen, der es uns ermöglicht, den Sex intensiver – also ohne Kondom und ohne HIV-Risiko – zu erleben, macht uns deshalb nicht zu unverantwortlichen Menschen. Die Einnahme der PrEP beweist genau das Gegenteil.

    Das erste Interview mit Milan zu seinen Erfahrungen mit der PrEP und als Teilnehmer der DISCOVER-Studie erschien im August 2017: „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    PrEP - Post-Expositions-Prophylaxe
    PrEP

    Mehr Infos gibt’s auf www.iwwit.de!

    Direkt mehr zu Safer Sex 3.0

    Mehr zu Kondomen, PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe) oder Schutz durch Therapie

  • Kondome sind heute out? Unsinn! (Enrico)

    Kondome sind heute out? Unsinn! (Enrico)

    Safer Sex 3.0: Kondome sind wohl die bekannteste Safer Sex-Methode, um sich vor HIV zu schützen. Viele schwule Männer setzen auch heute erfolgreich auf das Gummi. Einer von ihnen ist Enrico, 36, aus Leipzig. Hier erzählt er, wie er mit dem Thema Safer Sex umgeht und weshalb er nach wie vor am liebsten auf das Kondom zurückgreift.

    Im Rahmen von „Safer Sex 3.0“ erzählen im IWWIT-Blog verschiedene schwule Männer, wie sie sich vor HIV schützen, ob mit Kondom, PrEP oder Schutz durch Therapie. Wir bestärken jeden, der sich vor HIV schützen möchte, sich die für ihn beste Safer Sex-Methode zu wählen.

    „Meinen ersten schwulen Sex hatte ich mit 17. Meinen Freund hatte ich damals über eine Chiffreanzeige kennengelernt und wir haben uns überhaupt keine Gedanken über Safer Sex gemacht. Von HIV und den Infektionsrisiken hatte ich erst etwas mitbekommen, als ich ein paar Monate später aus der Provinz nach Erfurt gezogen bin. Mit meinem damaligen Freund habe ich dann auch einen HIV-Test gemacht. Wir waren beide negativ und beschlossen, in der Beziehung auf Kondome zu verzichten. Wir waren jung, blind vor Liebe und glaubten an die absolute Treue. Abgesehen davon kannten wir auch niemanden, der HIV-positiv war.

    Treue als Schutz? Enrico sieht das heute anders

    Das Virus war damals eine völlig abstrakte Gefahr. Die Beziehung ging ein knappes Jahr und ich musste am Ende dann feststellen, dass mein Partner mich betrogen und er sich diverse Geschlechtskrankheiten eingefangen hatte. Das hat mich ziemlich durcheinandergerüttelt, denn das naive Vertrauen, das einem in einer Partnerschaft nichts passieren kann, war erschüttert.

    „Beim Autofahren lege ich den Sicherheitsgurt an, ohne groß nachzudenken. Genauso ist es bei mir mit dem Kondom.“

    Für mich war damit klar, dass ich nunmehr immer Kondome benutze. Für mich gehören Kondome deshalb seitdem zum Sex einfach dazu. Ich bin, wenn man so will, damit groß geworden und habe das so verinnerlicht. Das ist wie beim Autofahren. Man legt den Sicherheitsgurt an, ohne noch groß darüber nachzudenken. Man macht es einfach.

    ln der Beziehung: Ohne Kondom ein schöneres Gefühl

    Die Ausnahme ist meine Beziehung. Ich bin seit fünf Jahren wieder in einer Partnerschaft und da lassen wir das Kondom tatsächlich weg. Man hört ja immer wieder, dass Sex ohne Kondom wie ein Befreiungsschlag sei und man ohne ganz anders empfindet. Innerhalb der Partnerschaft beschert der Sex ohne Kondom tatsächlich ein intensiveres Gefühl von Nähe – allerdings weniger auf der körperlichen denn auf der seelischen Ebene.

    Wenn wir uns jemanden dazu holen oder wir außerhalb der Beziehung mit anderen Sex haben, sind Kondome aber für uns selbstverständlich. Ich habe immer Kondome zuhause und griffbereit, und wenn sie benötigt werden, sind das ein, zwei geübte Handbewegungen. Dadurch gibt es auch keine unangenehme Unterbrechung und die sexuelle Spannung und Atmosphäre wird deshalb in diesem Moment auch nicht gestört. Im Zweifelsfalle muss mein passiver Partner, der dann vielleicht schon ganz entspannt vor mir liegt, gar nicht mitbekommen, wie ich mir das Gummi überziehe. Dass wir eines benutzen, kläre ich ohnehin immer schon im Vorfeld. Man muss also gar nicht mehr groß darüber reden.

    Die beste Form des Safer Sex für mich

    „Für mich spricht viel für das Kondom. Z.B. senke ich so auch mein Risiko mich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken.“

    Für mich persönlich sind Kondome die beste Form des Safer Sex: Sie sind einfach zu handhaben, sie sind immer und überall verfügbar und sie haben keine Nebenwirkungen – außer man hat eine Latexallergie. Und selbst da gibt es inzwischen latexfreie Alternativen. Für mich sind aber auch noch zwei andere Dinge von Bedeutung: Ich kann genau sehen, wie ich mich schütze. Wenn ich mit jemanden Sex habe, der HIV-positiv, aber nicht mehr infektiös ist, muss ich ihm vertrauen, um das Gummi weglassen zu können. Zum anderen senkt das Kondom auch das Risiko sich andere sexuell übertragbare Krankheiten einzufangen.

    „Und trotzdem: Ein regelmäßige Checks gehören für mich dazu.“

    Und gleichzeitig weiß ich, dass ich mir natürlich auch durch Oralverkehr beispielsweise einen Tripper einfangen kann. Deshalb lasse ich mich auch regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen. Auf HIV sowieso. Das gehört für mich einfach dazu.

    Für Enrico, 36, ist das Kondom nicht out. Ganz im Gegenteil.

    Und die PrEP? Für Enrico eher nichts

    „Die PrEP wäre mir zu aufwendig!“

    Eine PrEP zum Beispiel senkt das Risiko, andere Geschlechtskrankheiten zu bekommen, nicht. Aber sie kommt für mich auch aus anderen Gründen nicht in Frage: Die Medikamente zu beschaffen, die Arzttermine und Blutkontrollen, die notwendig sind, ganz abgesehen vom Kostenfaktor – das ist mir alles zu aufwendig.

    Klar gibt es in der Szene inzwischen immer mehr PrEP-User. Mir ist aber noch nie passiert, dass ein Sexdate geplatzt wäre, weil ich so „konservativ“ bin und auf Kondome bestehe – und nicht selbst auch die PrEP nehme. Im Gegenteil, ich bekomme häufig ein eher positives Feedback und die Leute finden es gut, dass ich mir Gedanken zu Safer Sex gemacht habe und mich bewusst schützen möchte.“

    Mehr Infos gibt’s auf www.iwwit.de!

    Direkt mehr zu Safer Sex 3.0

    Mehr zu Kondomen

    Mehr zur PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe)

    Mehr zu Schutz durch Therapie

  • Safer Sex 3.0: Safer Sex geht auch anders

    Safer Sex 3.0: Safer Sex geht auch anders

    Früher lautete die Faustregel: Sex nur mit Gummi! Mittlerweile gibt es weitere Optionen zum Schutz vor HIV. Wir haben uns umgehört, wie Safer Sex heute praktiziert wird

    Kondome: bewährt und weit verbreitet

    Sex gilt bekanntermaßen als die schönste Nebensache der Welt. Und dass dabei HIV übertragen werden kann, muss niemandem den Spaß verderben. Schließlich gibt es heute eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich zu wappnen. Das gute alte Kondom ist dabei immer noch die bewährteste und am weitesten verbreitete Methode.

    „Ohne Gummi – darauf hab ich keinen Bock“

    Kathrin hat ihren persönlichen Vorrat immer griffbereit: „Die kleine Box unter meinem Bett finde ich auch im Dunkeln und in fast jeder Körperposition“, verrät die 28-Jährige und lacht verschämt. Und auch in ihrem Rucksack sowie in der Handtasche hat sie jeweils zwei gut verpackte Kondome verstaut. „Für alle Fälle. Man kann ja nie wissen, wer einem begegnet“, sagt sie und grinst verwegen. „Ich will mich einfach nicht darauf verlassen müssen, dass mein One-Night-Stand, dem ich vielleicht im Club begegne, mit Gummis ausgerüstet ist. Und ganz ohne – darauf hab’ ich keinen Bock.“

    Die Angst vor einer HIV-Übertragung spielt für Kathrin dabei nur eine untergeordnete Rolle. „Auch auf einen Tripper kann ich gut und gerne verzichten.“

    Entspannteres Sexleben dank PrEP

    Auch für Matthias* war Sex mit Kondom eigentlich immer eine Selbstverständlichkeit. Und doch ist es ihm schon passiert, dass das Gummi ungeplant weggelassen wurde – zum Beispiel in der schwulen Sauna. „Mit einem Mal ist beim Sex der Kopf ausgeschaltet und nur noch der Schwanz bestimmt, was passiert. Hinterher bereue ich es, und ich werde leicht panisch: Was, wenn jetzt tatsächlich etwas schiefgegangen ist?“

    Um solche Situationen zu vermeiden, nimmt Matthias seit einiger Zeit Pillen zum Schutz vor HIV, die sogenannte PrEP. Die regelmäßige Einnahme des HIV-Medikaments verhindert bei HIV-Negativen, dass sich das Virus in den Körperzellen vermehren kann – und schützt so vor einer Infektion.

    Sein Sexleben ist mit PrEP deutlich entspannter. Und trotzdem hat das Kondom für ihn nicht ausgedient.

    Für Matthias hat sich durch diese Schutzmethode das Sexleben deutlich entspannt. Das klassische Präservativ hat für ihn deshalb aber noch lange nicht ausgedient. „Das Kondom ist für mich ein Must-have, die PrEP hingegen ein Nice-to-have: ein guter Weg, um sich zu schützen, wenn keine Kondome benutzt werden.“ Er findet es deshalb wichtig, sich gut über diese Schutzmethode zu informieren – und sich bei einer PrEP unbedingt ärztlich begleiten zu lassen.

    Doppelt abgesichert, dank PrEP und „Schutz durch Therapie“

    Für Jutta* bot die PrEP eine Möglichkeit, um mit ihrem HIV-positiven Partner Gerd kondomlosen Sex zu haben – und gleich doppelt abgesichert zu sein. Denn ihr Lebensgefährte nimmt seit längerer Zeit Medikamente gegen HIV. Dadurch ist die Menge der Viren in seinem Blut so gering, dass HIV bei ihm nicht mehr nachweisbar ist: HIV kann deshalb sexuell nicht übertragen werden.

    „Mir war es sehr wichtig, meinen Mann so intensiv spüren zu können, wie man sich das idealerweise wünscht. Das Gummi erinnert einen eben auch daran, dass da eine Gefahr besteht – und sei dieser Gedanke noch so irrational. Ich wusste ja, dass Gerd gar nicht mehr infektiös ist, aber in Gefühlsdingen ist der Verstand manchmal einfach unterlegen.“

    Schutz durch Therapie funktioniert

    Dieses „Bauchgefühl“, das Jutta trotz besseren Wissens daran hinderte, sich ganz fallen lassen zu können, hatte Jeff in seiner Beziehung mit einem HIV-positiven Mann anfangs auch. Doch er informierte sich intensiv über die Nichtinfektiosität bei Menschen mit HIV, die erfolgreich behandelt werden, und war schnell von der Schutzwirkung der HIV-Therapie überzeugt.

    „Skeptisch waren vielmehr Freunde, denen wir davon erzählt haben. Denen mussten wir das erst erklären.“

    „‚Schutz durch Therapie‘ setzt tiefes Vertrauen voraus“

    Als Stefan vor sieben Jahren von seiner HIV-Infektion erfuhr, musste er diese Nachricht zwar erst einmal verarbeiten, er ist aber deshalb keineswegs in eine Schockstarre verfallen. „Mir war klar, dass ich recht zügig mit der HIV-Therapie beginnen will. Auch, damit ich mit meinem Freund Sex ohne Kondom haben kann, nachdem die Viruslast unter die Nachweisgrenze gefallen ist“, erzählt der 45-Jährige. „In allen drei Beziehungen, die ich seitdem hatte, habe ich mit meinen Partnern ohne Kondom geschlafen. Und alle drei sind auch heute noch negativ.“ Für ihn der beste Beweis dafür, dass „Schutz durch Therapie“ funktioniert.

    Safer Sex je nach Situation

    Jeff ist inzwischen wieder Single. Safer Sex handhabt er nun ganz unterschiedlich, je nach Situation. Sex ohne Gummi ist für ihn nur mit HIV-positiven Männern denkbar, die wie sein Ex-Partner unter der Nachweisgrenze sind. „Das setzt voraus, dass man sich sehr gut kennt und ein tiefes Vertrauen besteht“, erklärt Jeff. „Bei One-Night-Stands könnte ich mir nie sicher sein, und deshalb passiert es da auch weiterhin nur mit Kondom.“

    Für ihn ist das aber kein großes Problem, eine PrEP ist daher für ihn derzeit kein dringlicher Wunsch. „Aber wer weiß, wie ich in ein paar Monaten darüber denke.“ Allein die Option zu haben, ist für ihn eine Bereicherung. Denn letztlich, sagt Jeff, müsse die HIV-negative Person entscheiden, wie sie sich diesen Status erhalten möchte –ob durch eine PrEP, durch „Schutz durch Therapie“, das Kondom oder eine Kombination: „Safer Sex sind alle diese Wege“, sagt er.

    Safer Sex 3.0: Kondom, PrEP und Schutz durch Therapie schützen vor HIV
    Safer Sex 3.0: Die drei wirksamen Methoden zum Schutz vor HIV

    Mehr Infos gibt’s auf der Website www.iwwit.de

    Mehr zu Safer Sex 3.0

    Mehr zu Kondomen

    Mehr zur PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe)

    Mehr zu Schutz durch Therapie

  • Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Die Corona-Krise bestimmt seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Hygiene-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Safe Spaces können für schwule Männer besonders belastend sein. Das spürt auch Stefan Meier, der als Berater beim schwulen Checkpoints Mann-O-Meter in Berlin-Schöneberg arbeitet. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

    IWWIT: Stefan, du führst im Jahr durchschnittlich 150 Beratungsgespräche. Welche Anliegen haben die Männer, die zu dir kommen?

    Stefan Meier: Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die sich explizit an schwule Männer richtet. Die Gründe für einen Besuch bei uns sind dabei so vielfältig wie das schwule Leben selbst. Manche Männer kommen mit Fragen, die sich um das Coming Out drehen, über den Umgang mit Ängsten und Depressionen bis hin zu allem, was sich rund um die sexuelle Gesundheit dreht. Wir verstehen uns als eine Art Erste Hilfe für die Ratsuchenden. Oft kommen sie zwei-, dreimal zu uns. Wenn sich ihr Anliegen in dieser Zeit nicht klären lässt, vermitteln wir sie gezielt an Beratungsstellen oder Therapeut*innen. Es kommen aber auch ab und zu Mütter zu uns, deren Kinder sich im Coming-out befinden.

    Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    Was verstehst du unter sexueller Gesundheit?

    Das wird ja jetzt fast philosophisch. Sexuelle Gesundheit bedeutet für mich auf jeden Fall mehr als die Abwesenheit von Krankheit im Sinne von viralen oder bakteriellen Infekten. Sexuell gesund zu sein, heißt auch, dass ich Freude an meiner Sexualität habe und mich und meinen Körper kenne und weiß, was mir Lust bereitet oder was eben nicht. Das bedeutet auch, dass man die Möglichkeit wahrnehmen kann, seine Fetische selbstbestimmt auszuleben.

    Was meinst Du mit „selbstbestimmt ausleben“?

    Damit meine ich genau das: deutlich machen, was ich mag und was ich nicht mag, aber eben auch zu wissen, was meinen Sexpartner geil macht und was ich ihm davon geben kann oder will. Wenn sich jemand auf eine Sexpraktik wie Fisting einlässt, sollte diese Person wissen, ob sie das auch wirklich will und geil findet. Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde. Wenn jemand keinen Analverkehr mag, ist das vollkommen OK. Gleiches gilt auch für den Konsum von Substanzen beim Sex.

    Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde.

    Nimmst Du seit dem ersten Corona-Lockdown eine Veränderung innerhalb der Community wahr?

    Es herrscht große Verunsicherung, die sich ganz unterschiedlich zeigt. Menschen, die depressiv sind und immer gesagt bekommen, sie sollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, und auch gelernt haben, dass ihnen das hilft, nehmen die Einschränkungen als sehr bedrückend wahr. Ihnen fehlt die Nähe und der Austausch mit anderen. Ängstliche Menschen sind durch die Flut an Nachrichten über Corona verunsichert. Viele schwule Männer werden aktuell auf sich selbst zurückgeworfen, da ihnen die Anbindung an ein familiäres Umfeld fehlt – durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für ihre seelische Gesundheit sind.

    Durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für die seelische Gesundheit schwuler Männer sind.

    Wieso sind diese Orte besonders für schwule Männer so wichtig?

    Ein junger schwuler Mann, der noch zu Hause bei einer Familie lebt, in der sein Schwulsein nicht akzeptiert wird, muss jetzt mehr Zeit mit seiner homofeindlichen Familie verbringen. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, denn ihm fehlt Unterstützung und ein Safe Space, wo er so sein kann, wie er ist. Die sogenannte „Szene“ wird ja oft kritisiert, weil sie kommerzialisiert sei. Im Moment spüren wir aber, wie wichtig ihre soziale Funktion ist.

    Was rätst Du deinen Klienten, die sich aufgrund der Krise einsam fühlen, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

    Es ist erst einmal wichtig anzuerkennen, dass es schwierige Zeiten sind. Es hilft auch, sich zu verinnerlichen, dass es vielen Menschen gerade schlecht geht und dass sich viele einsam fühlen. Ich rate meinen Klienten auch, dass sie sich bewusst machen sollen, dass sie wenig an der Situation ändern können. Sie können nicht viel mehr tun, als Abstand halten, eine Maske tragen und ihre Hände waschen. Hilfreicher ist es aktuell, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die man kontrollieren und verändern kann.  

    Gibt es noch andere Tipps, als positiv zu denken?

    Wenn mir meine Freunde wichtig sind und ich sie nicht sehen kann, lade ich eben zu einem Cocktail via Zoom ein. Wenn ich gerne Wellness mache, dann kann es vielleicht schön sein, öfter zu Baden und ich kann vielleicht mein Badezimmer etwas pimpen und mir so meine eigene Wellnessoase schaffen. Es hilft auch oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren. 

    Es hilft oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren.

    Geht es Paaren im Moment besser als Singles?

    Jein. Paare haben im Moment die Herausforderung, dass sie vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen als vorher. Wenn beide im Home-Office sind und die Wohnung zu einem Büro verschmilzt, kann das auch schwierig sein und zu Konflikten führen.

    Wie können Paare diese Situation meistern?

    Eine Möglichkeit ist es, zu schauen, wie ich meinen Partner unterstützen kann – beruflich oder bei anderen belastenden Situationen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich als Paar neu zu entdecken und zu schauen, was man zusammen machen kann. Es ist aber auch wichtig, dem anderen Raum zu lassen und sich gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen. Es kann auch hilfreich sein, zu versuchen, etwas großzügiger mit dem eigenen Partner umzugehen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man sollte manchmal auch versuchen, sich immer wieder klarzumachen, dass hinter Vorwürfen oftmals das Kommunizieren von Bedürfnissen steckt.

    Was ist dein Tipp an Menschen, die den nächsten Lockdown als Singles verbringen?

    Singles sollten sich überlegen, was ihnen guttut und das verstärkt tun. Es ist ja auch jetzt immer noch möglich, sich mit einem Freund oder einer Freundin zu treffen, spazieren zu gehen oder sich zuhause zum Kochen zu verabreden. Oder Mann findet, wenn Mann möchte eben einen Fuckbuddy, mit dem man Sex haben kann und so sein Bedürfnis nach Sex und Nähe befriedigen kann. Das Corona-Testangebot is in deutschen Städten ja mittlerweile auch ausgeweitet, das dazu genutzt werden kann.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    IWWIT ist für euch da! Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Etwas salopp meint es: nach außen sichtbar machen, was nach innen schon lange klar ist. Die Transition ist in der Regel ein jahrelanger Prozess – der für die trans* Person sehr herausfordernd sein kann. Im Folgenden werden die drei typische Ebenen kurz skizziert.

    Soziale Transition: Vom trans* Coming-out bis zum Erscheinen in der Öffentlichkeit
    Coming-out als trans* Person – wie geht das? Ob als Kind, als Jugendliche_r oder Erwachsene_r, der Mensch stellt irgendwann für sich fest: „Irgendwas stimmt nicht mit mir, alle halten mich für ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘, aber ich weiß es besser.“ Dieses innere Coming-Out ist oft nicht leicht, weil Vorbilder fehlen, kaum ein Kinder- oder Schulbuch davon erzählt, und nur wenige Rollenmodelle da sind. Kommt ein Mensch dann dahinter („ich bin trans*“), steht meist das äußere Coming-Out an, nämlich anderen Menschen davon zu berichten, was los ist: in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Schule… Das Feedback daraufhin ist in der Regel unterschiedlich. Auf eine positive Erfahrung kann immer auch ein negatives Erleben durch Abwertung, nicht ernst genommen werden oder auch leider durch Diskriminierung folgen …

    Mit dem äußeren Coming-Out wird nach außen sichtbar gemacht, was nach innen meist schon klar ist, unterstützt zum Beispiel durch andere („geschlechtstypische“) Kleidung, anderes Auftreten, Accessoires wie Basecaps, Binder (Stoff am Oberkörper, der den Brustbereich flacher erscheinen lässt) oder Packer (von der Socke bis zum Dildo, alles was nach „etwas in der Hose“ aussieht). Im öffentlichen Raum ändert sich einiges für die trans* Person: von der Anrede mit dem neuen Vornamen (oder auch eben nicht), über Blicke auf der Straße oder im Job bis hin zum Aufsuchen einer öffentlichen Toilette und damit verbundenen möglichen Anfeindungen.

    Medizinische Transition: Von Testo bis zu geschlechtsangleichenden OPs
    Wer krankenversichert ist, bekommt die Kosten für Hormone und geschlechtsangleichende Operationen von den Krankenkassen übernommen. Die Auflagen bis zur Bewilligung sind aber hoch: ein Jahr begleitende Psychotherapie bis zur Gewährung von Hormonen, eineinhalb Jahre bis zur Übernahme  von OPs (z.B. die Mastektomie, d.h. der Aufbau einer männlichen Brust oder die Gebärmutterentfernung oder ein Penoid-Aufbau). Mit der Diagnose F.64.0. der begleitenden Psychotherapie, wird bescheinigt, „transsexuell“ zu sein.

    Mit dem verschreibungspflichtigen Testosteron (z.B. als Gel, dass täglich aufgetragen wird, oder als Spritze, die je nach Testosteron-Präparat etwa alle 14 Tage oder alle drei Monate gegeben wird), verändert sich der Körper: die Stimme wird tiefer inkl. Stimmbruch, Bartwuchs kommt, Muskulatur und Fett verteilen sich um.

    In Beratungsstellen von und für trans* Menschen gibt es mehr Informationen: wie man eine gute Begleittherapie findet, wie die Hormone wirken oder auch wo es kompetente Operateur_innen gibt sowie Antworten auf alle medizinischen Fragen.

    Rechtliche Transition: … auf zum neuen Vornamen
    Den Vornamen zu ändern von Susanne zu Michael, vom Staat bewilligt den Personenstand im  Melderegister zu ändern von „W“ (wie weiblich) zu „M“ (wie männlich) oder umgekehrt– beides ist in Deutschland seit 1981 durch das Transsexuellengesetz (TSG) möglich. Es steht bei Menschenrechts- und Trans*-Organisationen mächtig in der Kritik, denn: der Weg zum neuen Vornamen ist zu lange (bis zu eineinhalb Jahre), zu teuer (bis zu paar tausend Euro), läuft nur über das örtliche Amtsgericht und umfasst nicht ein sondern gleich zwei Begutachtungen meist durch Psychotherapeut_innen, die vom Gericht beauftragt werden.

    In Regionen, wo es keine große Auswahl trans*-freundlicher Begutachter_innen gibt, kommt es immer mal wieder vor, dass der trans* Mann oder die trans* Frau das Portemonnaie, den Gürtel oder die Strümpfe herzeigen muss, um zu überprüfen, ob die Person „männlich“ oder „weiblich“ genug seien. Klingt absurd? Ist es auch. Im Anschluss an das Gerichtsverfahren wird der neue Vorname rechtskräftig, und alle wichtigen Dokumente müssen geändert werden, ob Führerschein, Zeugnisse oder Personalausweis. Erst seit 2011 ist keine Sterilisation mehr erforderlich, um den Personenstand zu ändern, als das Bundesverfassungsgericht diese OP endlich als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von trans* Menschen erachtet hat.

    Du willst mehr wissen? Hier geht’s zu weiterführenden Informationen.

    Transiton
    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Dies ist in der Regel ein jahrelanger Prozess.
  • Warnung für Hepatitis-C-Medikamente: Gefährliche Wechselwirkung von Harvoni und Sovaldi mit Herzmedikament

    Warnung für Hepatitis-C-Medikamente: Gefährliche Wechselwirkung von Harvoni und Sovaldi mit Herzmedikament

    Gilead Sciences hat eine Warnung zum Einsatz seiner Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni ausgesprochen.

    Bei der gemeinsamen Einnahme mit Amiodaron könne es zu einer lebensbedrohlichen Verringerung der Herzfrequenz kommen. Wenngleich Amiodaron ist ein Arzneimittel zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Dies teilte der US-Pharmakonzern Ende März mit.

    Hintergrund dieser Warnung sind bislang neun Fälle, bei denen Patienten eines der beiden Hepatitis-C-Medikamente (in beiden ist der Wirkstoff Sofosbuvir enthalten) zusammen mit dem Herzmittel Amiodaron eingenommen und infolgedessen über einen unnormal langsamen Herzschlag geklagt hätten. Einer der Patienten sei an einem Herzstillstand gestorben, drei weitere benötigten einen Herzschrittmacher.

    Laut Gilead nahmen drei der neun Patienten das Kombipräparat Harvoni (Sofosbuvir + Ledipasvir). Fünf nahmen das Medikament Sovaldi (Sofosbuvir) in Kombination mit Daclatasvir ein. Und ein weiterer Patient Sovaldi in Kombination mit Olysio (Simeprevir).

    Nach Angaben des Wall Street Journal seien es in den USA zwischen 1.000 und 1.500 Patienten, die sowohl das Herzmittel als auch den Wirkstoff Sofosbuvir einnehmen. Insgesamt würden in den USA derzeit 250.000 bis 300.000 Patienten mit Amiodaron behandelt. In Deutschland ist dieser Wirkstoff unter anderem als Cordarex®, Amiohexal® und Amiogamma® auf dem Markt.

    Gilead empfiehlt, Patienten in den ersten 48 Stunden nach Therapiebeginn stationär zu beobachten. Dies gilt sowohl für Amiodaron als auch Harvoni beziehungsweise Sovaldi in Kombination mit anderen DAA-Wirkstoffen (DAA steht für direct acting antiviral). Und danach sollte für mindestens 14 weitere Tage die Herzfrequenz ambulant oder vom Patienten selbst kontrolliert werden.

    Aufgrund der langen Halbwertszeit von Amiodaron sollte man Patienten, die dieses Arzneimittel erst kurz vor der Anwendung von Sovaldi oder Harvoni abgesetzt haben, ebenfalls weiterhin beobachten.

    Cardio-Warnung: Hepatitis-C-Medikamente
    Warnung zum Einsatz seiner Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni.

    Mehr zu Hepatitis C auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Franz und Manuel fisten gerne. Ist die Hand im Arsch, haben sie oft Hepatitis C im Kopf. Denn als HIV-Positive können sie sich leichter eine Ko-Infektion holen. Hier erzählen sie, wie sie ihre Sex-Sessions mit Vorsicht genießen.

    Franz mag es nicht, wenn es beim Sex ganz dunkel ist. „Ich möchte noch genug Licht haben, um zu sehen, ob auf meinem Handschuh eine auffällige Blutspur ist.“ Franz ist 56 Jahre alt, HIV-positiv, Leder-Fan, und Franz fistet gerne. „In letzter Zeit bin ich noch ein paar Prozente vorsichtiger geworden“, erzählt der Augsburger. Binnen drei Monaten hat er von vier guten Bekannten erfahren, dass sie sich mit Hepatitis C angesteckt haben. „Danach bin ich vorsichtshalber auch zum Check gegangen – außer der Reihe.“ Zweimal im Jahr lässt sich Franz sowieso auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, auch ein Hepatitis-C-Test ist dabei. „War aber nix“, sagt Franz erleichtert.

    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln. Franz‘ Eindruck: „Das ist so eine Mischung aus Fist- und Fick-Szene. Wenn das die ganze Nacht durchgeht, bleibt es ja oft nicht bei einer Faust. Und kleinere Verletzungen passieren beim Fisten allemal.“

    Sicherheitsgurt bei der Fist-Session

    Auch Manuel (30) aus Berlin fistet gerne. Meist trifft er sich mit drei Fuckbuddys zu einer „Session“. 2011 hat es ihn erwischt: Hepatitis C – eine typische Ko-Infektion, denn auch Manuel ist HIV-positiv. Ein Jahr lang dauerte die Therapie. Sie hatte heftige Nebenwirkungen, aber war wirkungsvoll: Die Viren sind weg, Manuels Arzt bestätigte ihm gerade erst wieder „Leberwerte zum Vorzeigen“. Die heftige Erfahrung aber bleibt im Kopf. „Der Sex nach der Hep ist schon ein anderer als davor“, sagt der Journalist. „Wenn ich jetzt mit neuen Leuten anfange zu spielen, schaue ich erst mal, wie die agieren“, berichtet er.

    „Fisten ist nun mal eine sexuelle Spielart, wo Entspannung im Kopf wichtig ist“, sagt Manuel. „Beim Fisten geht es um das tiefe Vordringen des Partners und das Ausgefüllt-Sein im Inneren“, erklärt Manuel. „Ob die Hand in mir einen Handschuh anhat oder nicht, ist da nicht so wichtig.“ Der Handschuh schaffe sogar einen kleinen zusätzlichen Moment der Sicherheit – und hilft so beim Entspannen.

    „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen“

    Aus seiner Hepatitis-C-Infektion hat Manuel kein Geheimnis gemacht. Die Information stand damals sogar in seinem Gayromeo-Profil. „Die Reaktionen waren neutral“, erinnert er sich. „Im schlimmsten Fall wurden meine Anfragen freundlich abmoderiert.“ Nur einmal gab es einen User, der ihn mit Nachrichten beschoss: Ihr seid unverantwortlich! Ihr schädigt das Solidarsystem! „Da war ich aber nicht das einzige Opfer“, sagt Manuel. „Online hat man immer ein paar Verrückte.“

    Insgesamt reagiert die schwule Fetisch-Community eher gleichgültig auf das gestiegene Hepatitis-C-Risiko, das hat auch Franz beobachtet. „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen. Die Leute sagen sich: Mit Fisten hab ich eh nichts am Hut“, erzählt Franz. Und im Gegensatz zu HIV könne Hepatitis C geheilt werden. „Mit HIV hast du halt dein Lebtag zu tun“, sagt Franz, der seit über 20 Jahren mit HIV lebt. „Als HIV-Träger wirst du deshalb in der Szene nach wie vor mehr diskriminiert.“

    Keine offene Diskriminierung, sondern höfliche Distanzierung – so reagieren die meisten Männer, wenn sie von Hepatitis C erfahren. Doch der Rückzug sei ein entscheidender Fehler, findet Manuel. „So erfährt man nie, wie die Infektion passiert ist und wie man sich schützen kann.“ Und dem Gegenüber entgeht die Chance, mal zu erzählen, was er gerade durchmacht. „So eine Hepatitis-C-Therapie ist halt kein Spaziergang“, betont Manuel. „Jeder hat da Momente, wo er am Hadern ist und wo er eine Umarmung oder einen Zuhörer braucht.“ Deshalb fordert Manuel: „Entspannt euch! Redet miteinander. Macht euch kundig.“ Der Austausch kann beide Seiten bereichern. „Bescheid zu wissen gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Und dieses gute Gefühl hilft dir auch dabei, besseren Sex zu haben.“

    Wenn du sonst noch wissen möchtest, worauf beim Fisten zu achten ist, damit es „safer“ bleibt, dann kanns du dich auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagnenwebsite informieren. Hier findest du auch Infos zu BDSM, Gruppensex und Pissen: www.iwwit.de/fetisch

    Hep C Sexparty: Sling-Blog
    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln.

    Mehr zu Hepatitis C auf ICH WEISS WAS ICH TU.