Kategorie: Community

  • Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward Mutebi, B. A. Organisations- und Kommunikationsmanagement, Aktivist aus Uganda, der zur Zeit in Berlin lebt. Er ist 28 Jahre alt und ich habe ihn zu einem Telefoninterview an die Strippe bekommen. Da das Interview auf Englisch geführt wurde, habe ich es ins Deutsche übersetzt.

    Edward lacht
    Edward hat die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA mitbegründet.

    Hallo Edward! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Erzähl doch mal, wie warst du in Uganda aktiv?

    Ich möchte gar nicht so viel von mir, sondern mehr von uns erzählen, uns, der Gruppe der queeren Geflüchteten. – In Uganda war ich Aktivist für LGBTIQ-Rechte. Wir haben die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA gegründet. 2016 kam das Wohnprojekt für LGBTIQ und HIV+ Personen dazu, das LET‘S WALK UGANDA SHELTER. Dort können Menschen unterkommen, die aufgrund ihrer Queerness oder ihres HIV-Status‘ ihre Bleibe verlassen mussten. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Menschen durch Kooperation mit medizinischen Versorgungszentren Zugang zu medizinischer Behandlung und Versorgung bekommen. Safer Sex Aufklärung, Empowerment und Verteilung von bspw. Kondomen sind weitere Aktivitäten, die das SHELTER abdeckt, wobei der Fokus auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt. Ich unterstütze es noch immer von Berlin aus und verfolge natürlich die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen.

    Edward (oben Mitte) ist derzeit mit 5 anderen queeren Personen in unserer bundesweiten Printanzeige in schwulen und queeren Magazinen zu sehen.

    Wie hast du in diesem Jahr die Corona-Zeit erlebt?

    Anfangs war ich in München. Ein zentrales Problem in München ist die Verfügbarkeit von Wohnraum für Refugees, also haben wir eine Kampagne gestartet. Durch Corona hat sich die Situation enorm verschlechtert, viele Refugees leben in Obdachlosigkeit: bei Freund_innen, auf der Straße oder in Camps.

    Außerdem ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schwieriger geworden. Ärzt_innen wurden durch die anfängliche Ungewissheit der Lage noch ungeduldiger, als sie es ohnehin waren. Terminanfragen wurden entweder komplett abgelehnt oder du hast einen in fünf Monaten angeboten bekommen für etwas, was eigentlich nicht so lange warten kann. Auch die PrEP war schwerer zu bekommen. Ich habe da auch viel Mitgefühl für die Ärzt_innen dieser Tage, klar. Viele von uns kämpfen ja mit Sprachbarrieren; wenn sie dann auf erschöpftes und überreiztes medizinisches Personal treffen, strapaziert das alle Beteiligten noch mehr.

    In Bayern hat sich während Corona der Umgang mit Geflüchteten schon auch verändert: Es werden jetzt Strafen für Menschen verhängt, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreisen und dann hier Asyl beantragen. Das ist ein neues Verfahren, eine neue Policy, die unter Corona-Bedingungen den Druck auf die Geflüchteten noch erhöht.

    Hast Du dafür vielleicht ein Beispiel aus Deiner aktivistischen Arbeit?

    „Unter Corona-Bedingungen haben juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen.“

    Ich möchte dir dazu gerne die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der leider vergeblich für eine gerechte Behandlung innerhalb seines Asylverfahrens gekämpft hat. Er ist genau mit einem solchen Touristenvisum eingereist und hat dann in Bayern Asyl beantragt. Da er in einem Camp untergebracht war, wo viele Corona-Fälle aufgetreten sind, musste er für zehn Tage in Quarantäne. In dieser Zeit bekam er Post vom Gericht und als er aus der Quarantäne raus kam, hatte er nur noch zwei Tage Zeit, sich auf die Anhörung vorzubereiten! Er wollte dem Gericht erklären, dass er ganz frisch aus dem Lockdown käme und um mehr Zeit bitten, um sich anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Aber er hat eine komplette Abfuhr bekommen und musste auch die Strafe bezahlen. Das ist nur ein Beispiel, wie unter Corona-Bedingungen juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen haben.

    queere solidarität: Edward schaut ernst
    Edward beklagt, dass sich unter Corona-Bedingungen der Druck auf Geflüchtete erhöht hat.

    Viele Geflüchtete bekommen z.B. verspätete Asylbescheide, zu wenige Gesprächstermine mit Anwält_innen und bleiben zu lange in den Camps. Und das teilweise mit hohen Covid19-Raten. Das und die vielen schnellen Veränderungen während der letzten Monate können mental enorm belastend sein. Wer eine Wohnung hat, leidet oft schwer unter der Isolation, der Einsamkeit und auch die Armut, in der viele von uns leben, wiegt schwerer, unsere Probleme nehmen zu, weil Hilfestrukturen in der Krise und im Lockdown weggefallen sind.

    Mir hat es geholfen, schnell raus aus meiner Bude zu kommen, meinen Nachbarn Hilfe anzubieten, wieder in Kontakt zu gehen, damit ich nicht verrückt werde. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich anderen geholfen habe.

    Was bedeutet für dich queere Solidarität?

    Zusammenhalten, füreinander einstehen, zusammenarbeiten, füreinander sorgen, einander unterstützen, niemanden vergessen, niemanden zurücklassen!

    Was wünschst du dir für die Zukunft?

    Ich wünsche mir mehr Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und ein Bewusstsein für die zusätzlichen Risiken, denen queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Ich habe den Eindruck, dass queere Menschen in der Politik betrachtet werden, als wären wir alle gleich. Die Unterschiede in unseren Lebensrealitäten werden nicht besonders gut reflektiert. Wir brauchen Unterstützungsangebote und -strukturen wie beispielsweise eine Telefonhotline zur Orientierung, wie was läuft in diesem Land, wo ich wann was beantragen muss und wie das geht.

    Allgemein wünsche ich mir mehr queere Solidarität, Liebe und dass eins allen klar ist: Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!

    Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht besonders Unterstützung benötigt?

    In dieser Corona-Zeit wird die Menschlichkeit schnell vernachlässigt, jeder kümmert sich um sich. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dieser Egoismus hat auch dazu geführt, dass Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen haben. In Uganda wurden zwanzig queere Refugees in einem vermeintlich sicheren Haus angegriffen und landeten für fünfzig Tage im Gefängnis, ohne ein Verfahren und ohne überhaupt einen Anwalt zu sehen!

    Unsere Organisation hat viele in Uganda gerettet und es wird deutlich, dass unser sicheres Wohnprojekt größer werden muss und wir dringend Ressourcen brauchen für ein Informationszentrum, das Zugang zum Internet und damit zu Vernetzung ermöglicht. Auch eine Bibliothek soll aufgebaut werden.

    In München gründen wir grade „Plus“, die erste Organisation in Bayern von und für Refugees. Denn die Maßnahmen der bestehenden Strukturen gehen oft an unseren Bedürfnissen vorbei. Die Leute sitzen hinter ihren Schreibtischen und planen etwas, mit dem wir gar nichts anfangen können. Deswegen machen wir als erstes eine Problem- und Bedarfserhebung möglichst vieler queerer Geflüchteter in Bayern, um daraus dann Projekte zu entwickeln. Auf jeden Fall brauchen wir jetzt schon einen Treffpunkt, also Räume, Infrastruktur usw. Es soll Beratung geben, die Website ist in Arbeit, aber leider noch nicht online, weil wir auf die Kapazitäten von Ehrenamtlichen angewiesen sind und na ja, du weißt ja, da kann man schlecht sagen, wann etwas fertig wird! (lacht) Wir sind im offiziellen Registrierungsprozess und wenn ihr etwas tun wollt, dann unterstützt diese Organisation!

    Alles klar! Das war wirklich spannend, danke! Bitte halte uns auf dem Laufenden, wie es mit „Plus“ weitergeht – wann wir euch hier verlinken können, damit euch möglichst viele Menschen finden, die Unterstützung brauchen oder geben wollen!

    Leave no one behind!


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Triggerwarnung: In diesem Artikel wird an einer Stelle über Gewalt gegen queere Menschen berichtet.

    Im Shutdown auf Spurensuche

    Auch in einer Pandemie kommt’s auf die Perspektive an. Robi hat einige Jahre in Mexiko-Stadt gearbeitet, auch bei einem Projekt für Straßenkinder. „Als der Shutdown kam, musste ich oft an meine Freund_innen dort denken“, erzählt er. „Corona trifft sie noch viel härter als uns in Deutschland. Ohne genügend Geld bekommt man dort nur die nötigste medizinische Hilfe, wenn überhaupt.“. Aber auch in Städten wie Berlin hätten die Anti-Corona-Maßnahmen „ganz schön reingehauen“, sagt der 33-Jährige. „Die Clubs haben zu, und viele meiner Leute machen sich große Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren.“

    „Die Corona-Zeit war eine Zäsur.“

    „Dagegen hab ich’s gerade gut“, gesteht Robi. Er arbeitet im sozialen Bereich bei einer LSBTIQ-Organisation. „Ich habe das Privileg, dass ich gerade nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern durchs Homeoffice sogar etwas mehr Zeit für mich habe. Ich konnte auch Sachen angehen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben hatte.“

    Für Robi war die verordnete Corona-Ruhe eine Zäsur. Gut ein Jahr nach seinem Coming-out als intergeschlechtlich, setzte er die begonnene Spurensuche intensiv fort, forderte bei seiner Geburtsklinik medizinische Unterlagen ein und kontaktierte das Standesamt, das seine Geburt erfasst hat.

    Als intergeschlechtlich geborenes Kind wurde Robi ohne seine Einwilligung mehrfach operiert. Sein Körper sollte dem entsprechen, was sich Gesellschaft und Medizin unter „männlich“ vorstellen. „Früher hab ich da viel verdrängt“, erzählt Robi, „es war eine große Sache, mir das bewusst zu machen und Intergeschlechtlichkeit bei mir zu entdecken.“

    Robi lacht
    In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi Verbündete gefunden.

    Queer bedeutet: das Recht anders zu sein!

    Sehr geholfen haben ihm bei seinem Coming-out Freund_innen und Bekannte, die sich genauso wenig ins starre Mann-Frau-Schema pressen lassen möchten. In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi viel Solidarität bekommen und Verbündete gefunden. Obwohl die Erfahrungen von inter* und trans* Menschen sehr unterschiedlich seien, gebe es viele Überschneidungen, erläutert er: die vielfältigen Körperlichkeiten, die geschlechtsverändernden Operationen. „Für mich waren die OPs jedoch erzwungene Eingriffe während meiner Kindheit, die eine Verletzung meiner körperlichen Unversehrtheit und meiner geschlechtlichen Selbstbestimmung bedeuten. Diese medizinischen Eingriffe habe ich ja nicht für mich selbst entschieden“.

    Trans* und Inter* haben „viel mehr Gemeinsamkeiten“ als Unterschiede.

    Trotz dieser Unterschiede zu trans*: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten! Davon ist Robi überzeugt. Darum unterstützt der gebürtige Potsdamer auch die Kampagne #WirFürQueer von ICH WEISS WAS ICH TU. „Ich bin der queeren Community sehr dankbar, weil sie die heteronormative Gesellschaft kritisiert. Queer bedeutet für mich das Recht, körperlich nicht Mann oder Frau zu sein, sondern intergeschlechtlich.“

    „Für mich bedeutet Solidarität, zu verstehen, was andere Menschen bewegt, nach Gemeinsamkeiten zu schauen – und dann in unserer Differenz gemeinsam zu kämpfen!“ Und deshalb zeigt Robi derzeit auch besonders oft Regenbogenflagge, natürlich mit Schutzmaske und Abstand. So protestierte er z.B. im März und August vor dem Polnischen Institut gegen die „LGBT-freien Zonen“ in unserem Nachbarland. Ende Juni war er auf der Berliner Demo von „Black Lives Matter“.

    Robi (rechts, 2. von oben) geht auch in Coronazeiten auf die Straße und kämpft mit Regenbogenflagge für die Rechte von queeren Menschen.

    Stresstest für unsere Demokratie

    „Zum Slubice-Frankfurt-Pride hab ich es leider nicht geschafft“, bedauert Robi. [Slubice ist die polnische Nachbarstadt von Frankfurt/Oder. Im September 2020 fand erstmals eine gemeinsame CSD-Demo in beiden Städten statt. Anm. d. Red.] Aber Robi stellt klar: „Trans*-, inter*- und homofeindliche Angriffe gibt es leider auch in Berlin.“ Das mussten er und sein Freund am eigenen Leib erfahren. Im Mai attackierte sie ein Mann am S-Bahnhof, brüllte: „Du schwule Sau! Raus aus Deutschland!“. Der Mensch sprang sogar ins Gleisbett, um die beiden mit Schottersteinen zu bewerfen. „Wir blieben physisch unverletzt; aber es war ein großer Schock.“ Ein Mitarbeiter der Bahn half ihnen vor dem Täter zu fliehen. „Dumme Sprüche habe ich schon öfter gehört, aber so ein Angriff ist krasser“, betont Robi. „Ich habe das Gefühl, dass unser gesellschaftliches Klima gerade sehr gereizt ist. In der Öffentlichkeit wird ein Hass sichtbarer, den ich – zumindest persönlich – so noch nie erlebt hatte.“ Seitdem macht sich Robi vermehrt Sorgen um unsere demokratischen Institutionen: „Corona ist auch ein Stresstest für Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz.“

    Robi schaut ernst
    Robi macht sich zunehmend Sorgen um das gesellschaftliche Klima.

    Kritisch sein, nicht empathielos!

    Dabei sieht Robi unseren Staat keineswegs durch die rosarote Brille. Kritik an gesellschaftlichen Normen findet er wichtig: „Queer zu sein, bedeutet ja, die normativen Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen.“ Natürlich gehöre dazu auch, staatliche Maßnahmen mit einem kritischen Auge zu sehen – auch die Pandemie-Verordnungen. „Auf der anderen Seite finde ich es erschreckend, dass Corona offen geleugnet wird. Auch ein paar Leute in der queeren Szene tun das. Das find ich empathielos!“

    Robi versucht eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden, so gut es eben geht. Sein Freund gehört zur Risikogruppe. „Wenn er oder ich Corona bekämen, wäre das doof.“ Manchmal sind seine Freund_innen erstaunt, wenn sich Robi lieber im Freien treffen möchte, statt ins Café zu gehen. Dann erklärt er geduldig, warum er vorsichtig ist. „Diese Diskussionen müssen wir führen. Auch das gehört zum Queersein: Für die eigenen Haltungen und Werte einzustehen. Natürlich macht das Mühe.“

    Mit Masken und Abstandsregeln demonstrieren: Z.B. am 26. Oktober 2020 zum Intersex Awareness Day!

    Und Demos funktionieren auch mit Masken und Abstandsregeln. Die nächste steht bei Robi schon im Kalender: Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day, der Welttag der intergeschlechtlichen Menschen. „Letztes Jahr gab’s eine Demo vor dem Gesundheitsministerium“, berichtet Robi und lacht. „Ich habe für dieses Jahr eine Kundgebung vorm Bundestag ab 15 Uhr angemeldet und organisiere gerade die Veranstaltung in Kooperation mit TrIQ e.V. (zum Facebook-Event). Es wäre toll, wenn dann alle unsere Verbündeten auch dort sind!“

    Mehr Infos zum Intersex Awareness Day am 26. Oktober:

    www.intersexday.org


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Kaey for Solidarity: „Wonder Woman“ will wieder singen

    Kaey for Solidarity: „Wonder Woman“ will wieder singen

    Seit September fühlt sich Kaey wie Wonder Woman: unbesiegbar! Zumindest das Coronavirus kann der Berlinerin wohl so schnell nichts mehr anhaben. Sie hat die Infektion gerade überstanden. „Für mich ist der Spuk erstmal vorbei“, sagt die 40-Jährige und lacht. Noch ist unklar, wie lange man nach einer Covid-19-Infektion immun ist. Fachleute vermuten, dass der körpereigene Schutz bis zu drei Jahre anhalten könnte. So ist das zumindest bei anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS. Aber genau weiß das noch niemand. Deshalb bleibt Kaey weiterhin vorsichtig und hält sich an alle Schutzregeln.

    #WirFürQueer Printanzeige: 6 Queers unter einem Regenbogenschirm. Text: Gegenseitig helfen unter iwwit.de
Kaey for Solidarity
    Kaey (oben rechts) ist eine von sechs queeren Personen, die wir auf unserer Anzeige #WirFürQueer im Oktober 2020 zeigen. Alle sechs porträtieren wir hier im Blog.

    „Als mir mein Arzt das Testergebnis gesagt hat, war ich schon nervös“, erinnert sich Kaey. „Übergewichtige Menschen zählen zur Risikogruppe. Aber zum Glück hab ich ein gutes Immunsystem. Ich hatte nur leichtes Fieber und eine Woche Husten. Wie bei einer leichten Erkältung.“ Noch besser: Auch die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion, unter denen einige leiden, bleiben ihr erspart. Die leidenschaftliche Sängerin kann wieder frei atmen. Normal riechen und schmecken konnte sie immer.

    Die Leere nach dem Lockdown

    „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“

    Nicht nur das neue Virus hat Kaey am eigenen Leib erfahren, auch die Maßnahmen dagegen haben sie persönlich getroffen: „Als Sängerin und Performerin will ich vor Menschen auftreten. Aber seit einem halben Jahr darf ich das nicht mehr.“ Sonst steht die gebürtige Hallenserin jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne, in einer Dragshow oder bei einem Konzert. Obwohl sie durch ihren Hauptjob als Redakteurin abgesichert ist, fehlen ihr diese regelmäßigen Nebenverdienste – vor allem aber die Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“ Die Sache ist ernst, aber die Entertainerin setzt trotzdem eine Schlusspointe. Lachen hilft ihr durch die Krise.

    Kaey for Solidarity
    Normalerweise steht Kaey jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne.

    Immerhin gab es im Sommer wieder ein paar Outdoor-Veranstaltungen, mit viel Abstand und an der frischen Luft. Doch gerade sie ließen Kaey die Krise in der Showbranche besonders spüren. „Die wenigen Möglichkeiten aufzutreten waren entsprechend begehrt“, erzählt Kaey. „Das hat den Konkurrenzkampf verschärft und die Unterschiede zwischen den Leuten noch verstärkt.“

    Entertainment schafft Community

    Nun kommt der kalte Herbst und treibt die Leute in geschlossene Räume, aber viele Veranstaltungsorte sind noch immer geschlossen. „Ich habe echt Angst um meine Clubs“, gesteht Kaey. Für Institutionen des Berliner Nachtlebens wie Schwuz oder SO36 sei die Corona-Krise fatal. „Wenn die verschwinden, würde uns was fehlen“, betont Kaey und erklärt warum: „Die queere Community entsteht zu einem großen Teil durch Entertainment: beim Tanzen, in der Dragshow… Diese Kulturlandschaft ist in Gefahr.“

    „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden.“

    Zwar unterstützt das Land Berlin seine Diskos und Konzerthallen mit Finanzspritzen – so wie andere Großstädte auch. „Bisher gab es nur Nothilfen, aber keine wirklich tragende Idee, wie das Kulturleben trotz Corona weitergehen könnte“, kritisiert Kaey. „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden, wie man die wirtschaftlichen Folgen abfedern kann. Sonst verschwinden viele dieser wichtigen Orte.“

    Am meisten vermisst Kaey klare Regeln, wie Partys und Shows weitergehen könnten – möglichst einheitliche fürs ganze Land. „Bisher wird noch mit zweierlei Maß gemessen: Im Zug und im Flugzeug durften die Leute mit Masken schon wieder nebeneinander sitzen, aber im Theater noch nicht. Wieso das denn?“

    Zumindest Theater dürfen in Berlin bald wieder öffnen, wenn auch mit hohen Auflagen und deutlich weniger Publikum als vor der Pandemie. Mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen sollen zumindest wieder bis zu 60 Prozent der Sitze belegt werden können, mit Sicherheitsabstand und Maske tragen während der Vorstellung. Kaey ist dennoch skeptisch: „Es ist ein schlechtes Zeichen, dass sogar die Hochkultur monatelang als verzichtbar galt. Wenn schon die so nachrangig behandelt wird – was bleibt dann noch für unsere Subkultur übrig?“

    Kaey for Solidarity
    Beim SIEGESSÄULE Magazin ist Kaey die Fachfrau für Mode und Beauty!
    (© Foto: Alexander Heigl)

    Gemeinsam Druck machen

    „Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers.“

    Umso wichtiger findet Kaey, dass sich die queere Community ihre – zumeist nächtlichen – Treffpunkte nicht wegnehmen lässt: „Clubs wie das Schwuz sind Safe Spaces, wo sich Schwule, Lesben, Trans* und andere Queers treffen können, wo sie gemeinsam Spaß haben können.“ Am besten fände sie es, wenn nun alle gemeinsam Druck machten: „Ich kenne viele, die enttäuscht sagen: ,Welche Community?! Es kämpft doch jeder nur für sich!‘ Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers. Zumindest in Berlin sind viele verschiedene Subkulturen präsent, sie haben ihre Sprachrohre, um sich Gehör zu verschaffen – und sie sind gut vernetzt.“

    Kaey engagiert sich besonders in der Trans*community. Die sei sehr aktiv und melde sich oft zu Wort, versichert sie. Über ihren Hauptjob beim queeren Stadtmagazin Siegessäule kennt sie zudem viele lesbische Aktivistinnen. „Viele queere Gruppen arbeiten regelmäßig zusammen – trotz der Grabenkämpfe, die es manchmal gibt.“ Diesen Zusammenhalt findet Kaey wichtig, gerade in Zeiten einer Pandemie. „Wir in der Community nutzen ja oft dieselben Räume. Da wäre es fatal, wenn wir nicht gemeinsam für sie kämpfen würden.“


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • „Nicht viel überlegt, sondern einfach gemacht“

    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )
    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )

    Nico Woche (33) arbeitet freiberuflich als Drehbuchautor. Seit Ende 2010 engagiert er sich beim „Mobilen Salon“, einem Angebot der Schwulenberatung Berlin.

    Der kostenlose Besuchsdienst soll verhindern, dass schwule Senioren vereinsamen. Ein Interview über schwule Gemeinsamkeiten in allen Generationen und die Motive für ein Ehrenamt.

    Nico, du engagierst dich bei einem „Besuchsdienst für ältere schwule Männer“ – was macht man da so?

    Die Vereinbarung ist: Ich treffe mich einmal in der Woche mit Rainer*. Manchmal gehen wir was Essen, aber oft laufen wir einfach nur so durch Berlin und unterhalten uns.

    Über was sprecht ihr dann?

    Rainer geht gern ins Theater. Also geht es oft mit Kultur los, und dann kommen wir ins Reden. Manchmal besprechen wir auch sehr Persönliches, was eben gerade so anliegt.

    Klingt nach Smalltalk. Die Kultur ist ja oft auch nur ein Spiel. Erst mal unterhalten wir uns über ein Theaterstück, das Rainer gesehen hat. Man kann nicht sofort darüber sprechen, was einen innerlich bewegt. Das hielte man ja gar nicht aus! Oft sind die persönlichen Sachen auch nur Beiwerk, Inspirationen, die man gar nicht bewusst wahrnimmt. Allein schon mit einem älteren Menschen zusammen zu sein, gibt mir eine andere Zeitperspektive auf mein Leben. Das ist schwer in Worte zu fassen. Aber ich denke mir dann: So alt wirst du auch mal, und zwar bald. Das hilft mir beim Nachdenken, wie ich später mal leben will.

    Ihr seht euch mittlerweile seit fast drei Jahren. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben? Seid ihr Bekannte? Salon-kollegen?

    Inzwischen sind wir längst Freunde geworden. Wir treffen uns circa einmal pro Woche. Manchmal öfter, manchmal seltener, aber immer freiwillig. (lacht)

    Zwischen dir und Rainer liegen fast vier Jahrzehnte. Wo fallen euch Unterschiede auf?

    So groß sind die Unterschiede gar nicht. Wir kommen immer wieder drauf, dass vieles in unseren Leben sogar sehr ähnlich läuft. Rainer hat vielleicht andere Hosen an als ich, aber beim Einkaufen kann er mir mehr Tipps geben als ich ihm. (lacht) Und ob man sich wie heute im Internet verabredet oder wie früher in der Bar – am Ende macht man doch das Gleiche.

    Aber als schwuler Mann lebt es sich heute leichter, oder? Als Rainer so alt war wie du, war Homosexualität gerade erst legalisiert.

    Das schon. Aber im Alltag hat sich so viel nicht verändert. Heute ist es leichter, sich zu outen und trotzdem erfolgreich zu sein. Aber für die Schule gilt das schon nicht mehr. Und die neue Freiheit macht ja auch Druck: Warum outest du dich nicht? Warum sitzt du noch so alleine rum? Es ist doch so einfach, jemanden zu finden! Ich kann mir vorstellen, dass ein Coming-out früher ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Heute interessiert das keine Sau mehr. Du musst alleine damit klarkommen.

    Warum besuchst du einen älteren schwulen Herrn? Du könntest ja zum Beispiel auch Lesepate einer Grundschülerin sein?

    Ich habe eine Anzeige vom Mobilen Salon in der Siegessäule gesehen. Manchmal hat man ja so ein Gefühl: Da musst du dich jetzt melden! Ich habe nicht viel überlegt, sondern es einfach gemacht. Bei uns ging das dann recht schnell. Rainer war mein erster Salonpartner und ist es bis heute geblieben. Ich finde es schöner, es bei dieser Erklärung zu belassen. Wenn ich jetzt meine Motive durchleuchten wollte, würde ich nur Gründe erfinden. Es funktioniert ja oft so mit Sachen: Man macht sie einfach. Da sollte man hinterher nicht so tun, als hätte es genaue Gründe dafür gegeben.

    www.siegessaeule.de

    Du hast offenbar keine Berührungsängste gegenüber älteren Menschen.

    Ich habe schon neben dem Studium soziale Sachen gemacht, aber damals für Geld. Ich habe als Nachtwache in einer Demenz-WG in Berlin gearbeitet und in Norwegen als ambulanter Altenpfleger. Auch dort war das nicht so sehr Pflege, sondern schon an der Grenze zum Besuchsdienst: Ich habe regelmäßig vorbeigeschaut, Kaffee gekocht und Medikamente kontrolliert. Auch meinen Zivildienst habe ich in Norwegen gemacht, in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für geistig behinderte Menschen.

    Woher kommt dein Interesse fürs Soziale?

    Beim Zivildienst ist das einfach so passiert. Später war das auch eine praktische Sache: Man hat ja dann Berufserfahrung und bekommt die entsprechenden Jobs. Mir hat das nichts ausgemacht. Es war sogar ein schöner Ausgleich zu meiner Drehbucharbeit, wo ich viele Stunden alleine hinter dem Computer verbringe. Auf der anderen Seite ist so ein Ehrenamt ja nicht nur ein großes Opfer, sondern man tut sich auch selbst etwas Gutes. Dinge zu tun, weil man sie für sinnvoll hält und nicht, weil man dafür bezahlt wird, ist nicht nur sinnstiftend, sondern gibt einem auf merkwürdige Art auch ein Gefühl der Freiheit.

    Beim Mobilen Salon geht es auch darum, die schwule Community zu fördern. Seid ihr beide, Rainer und du, Pioniere der alternden schwulen Gesellschaft?

    Das sind ja nicht nur wir beide. Auch viele andere engagieren sich. Das ist das Gute an der Schwulenberatung Berlin: Sie bietet einen Treffpunkt für die vielen Leute, die hier in Berlin in ihren Wohnungen nebeneinander her leben. Der Mobile Salon ist ja nur ein Anfang, eine Art Kennenlern-Portal. Von da ab sollte man das dann wieder selber organisieren. Ich bin ja nicht angestellt bei der Schwulenberatung. Wenn mir das keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit raus. Das find ich gut.

    *Name geändert

    Besuchsdienste für schwule Senioren in Deutschland:

    Berlin: Mobiler Salon

    Schwulenberatung Berlin, Ansprechpartner: Oliver Sechting (o.sechting@schwulenberatungberlin.de) und Marco Pulver (m.pulver@schwulenberatungberlin.de), Telefon: (030) 23 36 90 70

    http://www.schwulenberatungberlin.de/

    Frankfurt am Main: Rosa Paten

    Aidshilfe Frankfurt, Ansprechpartner: Norbert Dräger (norbert.draeger@frankfurt.aidshilfe.de), Telefon: (069) 13 38 79 30

    http://www.frankfurt-aidshilfe.de/content/rosa-paten

    München: Das Patenprojekt

    SUB München, Ansprechpartner: Ulrich Fuchshuber, Telefon: (089) 856 34 64 24

    https://www.subonline.org/

  • Marsha wer?! – Na Marsha P. Johnson!

    Marsha wer?! – Na Marsha P. Johnson!

    Eine der wichtigsten Pionier_innen der queeren Bewegung Marsha P. Johnson wäre im August 2020 75 Jahre alt geworden. Wir feiern sie und erklären, warum das wichtig ist. Und nötig.

    (mehr …)
  • „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    Ben Scholz besucht Schulklassen, um ehrenamtlich über Sex zu sprechen. Als der Kölner in seinem Aufklärungsunterricht irgendwann feststellte, dass er von den Schülern immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, startete er 2014 mit seinem Portal jungsfragen.de. In eigens produzierten Videos beantwortet Ben dort sowie über einen eigenen Youtube-Channel alles, was seine Kernzielgruppe, Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, interessieren könnte.

    Ben, beobachtest du bei den Jungs in den Schulen ein Schamgefühl, wenn es darum geht, über HIV, andere STIs und entsprechende Tests beim Arzt zu sprechen?
    So richtig kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Wenn ich in den Klassen über diese Themen spreche, merke ich eher, dass die Schüler hellhörig werden und dann alles ganz genau wissen wollen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken beim Sex durchaus vorhanden ist bzw. dann zum Vorschein kommt, wenn man es erst einmal wachgerüttelt hat und ihnen sagt: HIV und Aids gibt es leider immer noch. Oft werde ich direkt gefragt, wo man denn noch heute einen HIV-Schnelltest in der Stadt machen kann, sobald ich davon berichtet habe.

    Sind in den Klassen auch schwule Jungs, die dazu ganz normal stehen oder tun sich Schüler auch heute noch schwer, ihren Kumpels in der Klasse zu sagen: „Ich bin anders als ihr, ich bin schwul“?
    So schade es ist, aber wir befinden uns auch im Jahr 2016 noch lange nicht in einer Lage, in der man sich in der Schule einfach mal eben outen kann. Schwule Jungs beschäftigen sich deshalb auch meistens weniger mit klassischen Sex-Themen, sondern in erster Linie mit sich selbst und ihrer Identität, der viele eben doch auch skeptisch gegenüber stehen. Die Scham ist da noch ziemlich groß.

    Merkst du das auch direkt im Aufklärungsunterricht?
    Ja, mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Jungs beim Thema Homosexualität mega in sich gekehrt sind und alles tun, damit kein Blickkontakt zu mir entsteht. All das geschieht aus Angst, dass es jetzt doch jemand „herauskriegen“ könnte. Dasselbe passiert übrigens auch dann, wenn ich über das Thema Vorhautverengung spreche. Wenn einer von den Jungs feststellt „Ohje, das ist bei mir genau so“, dann merkt man schnell, wie sie den Unterricht mental verlassen. Es gibt also doch ein paar Themen, bei dem die Scham richtig groß ist. Wobei das natürlich auch immer etwas mit der Klassengemeinschaft zu tun hat.

    Du bist nicht nur in Klassen unterwegs, sondern auch Betreiber des Portals jungsfragen.de. Suchen dort auch viele schwule Jungs Rat?
    Ja, sehr viele sogar. Gerade bei den schwulen Kids geht es dabei sehr oft um eine große Frage: „Wie kann ich mich outen?“. Bis es dann zum ersten Sex kommt, ist es oft noch ein längerer Weg. Trotzdem ist es natürlich wichtig, schon davor über Safer Sex und konkret über sexuelle Praktiken zu sprechen. So wie das bei Heteros oft viel selbstverständlicher passiert – und zwar auch mal auf dem Schulhof.

    Besteht dadurch auch das Risiko, dass schwule Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen viel „heimlicher“ machen, eben, weil sie sich nicht trauen, mit Freunden darüber zu sprechen?
    Auf jeden Fall. Sie können in der Regel leider nicht, wie die Hetero-Kumpels, damit prahlen, dass man die Nacht zuvor entjungfert wurde. All das läuft ganz anders ab. Auch wenn es um die Frage nach einem Arztbesuch geht, etwa nach einem Risikokontakt, spielt das eine große Rolle. Wie sag ich es dem Arzt? Wie wird er auf den schwulen Kontakt reagieren? Bis zur Erkenntnis, dass sie das Normalste der Welt machen, vergeht oft mehr Zeit als bei Heteros.

    Hast du allgemeine Tipps und Tricks für Jungs parat, die noch am Anfang ihres Sexlebens stehen?
    Zunächst sage ich klipp und klar: Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich beim Sex mit irgendetwas anstecken kann. Aber natürlich beschwichtige ich auch. Denn zum Glück ist ja das meiste gut behandelbar. Selbst bei HIV gibt es bekanntlich sehr gute Therapiemöglichkeiten. Grobe Faustregel meinerseits ist: „Wer ein lustvolles Sexleben mit unterschiedlichen Leuten hat, sollte regelmäßig, zirka einmal jährlich, alle gängigen Tests und Untersuchungen machen.“

    Bei der Gelegenheit ist dann auch immer noch ein Tipp, am besten sofort einen Arzt aufzusuchen, sobald man einen Risikokontakt hatte, oder eine Veränderung am eigenen Körper beobachtet. Denn je schneller die Diagnose, desto besser und einfacher die Behandlung. Wenn mir zum Beispiel ein Junge schreibt, dass er einen Pickel am Penis hat, aber nicht zum Arzt will, dann werde ich manchmal auch ziemlich direkt und sag: Ja gut, dann musst du jetzt eben damit leben, dass dir der Pimmel abfällt. So verstehen sie es direkt, denn in Watte packen bringt bei denen nichts.

    Letzte Frage: Wie kam es, dass du selbst heute so locker mit all diesen Sex-Themen umgehst und eben keine Scham verspürst?
    Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass Sex das Normalste der Welt ist. Einfach jeder tut es, jeder masturbiert und warum sollte man nicht über etwas reden, das uns doch alle so sehr eint?

    Wie die Testhelden zum Thema „Scham“ stehen, erfährt ihr im Testhelden-Clip.

    Alle Jungfragen findet ihr hier: www.jungsfragen.de

    Benjamin Scholz-Blog
    „Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt“, findet Ben. Er weiß aber auch, wie wichtig Schutz ist. Nicht zuletzt deswegen geht er in Schulklassen und gibt Aufklärungsunterricht.
  • Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

    Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

     

    „Chemsex“ taucht tief in die schwule Drogen- und Sexparty-Szene Londons ein. Die Bilder und Geschichten lassen niemanden kalt – und stehen beispielhaft für ein internationales Phänomen.

    Es gibt hier keine langen erklärenden Vorreden, sondern es geht gleich zur Sache. Die Filmemacher William Fairman und Max Gogarty beginnen ihre Dokumentation mit einer authentischen Szene aus dem schwulen Alltag in London. Ein junger Typ sitzt auf seinem heimischen Sofa, plaudert und setzt sich währenddessen einen Schuss. So würde man dass bei einem Heroinjunkie formulieren. Schwule aber, die sich Crystal Meth spritzen, haben dafür den schickeren Begriff „Slamming“ gefunden. Klingt einfach cooler und nicht so abgerockt , wie ein Protagonist später erklären wird. Zunächst aber ist erst einmal die Wirkung der Droge zu beobachten. Während der Typ sich weiter mit den Filmemachern unterhält, die Augen dabei immer weiter aufreißt, beginnt er unruhig auf Grindr nach einem Sexpartner zu suchen.

    „Chemsex“, eine Produktion des Onlinemagazins VICE, ist nichts für Zartbesaitete. Ein gutes Dutzend schwuler Männer erzählt in diesem 80-Minuten Film ihre Geschichten. Geschichten von tagelange Sexsession unter Crystal Meth, GHB, Ketamin und andere chemischen Drogen, von grenzenloser Geilheit und völliger Entgrenzung beim Sex. Dank der Drogen, sagt einer der Interviewten, konnte er sich „wie ein Pornostar fühlen“. Doch auch die Schattenseiten bleiben nicht unerwähnt, und so berichten die Männer gleichermaßen von den Folgen ihrer Abhängigkeit: zum Beispiel vom Verlust des Jobs, der Wohnung dem damit verbundenen sozialen Absturz und immer wieder auch von den gesundheitlichen Folgen. Fast alle der Interviewpartner haben sich im Laufe ihrer Chemsex-Karriere mit HIV, Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert, vielen ist der Drogenkonsum deutlich ins Gesicht geschrieben.

    In „Chemsex“ erzählen sie nicht nur offen über ihre Erfahrungen, sie lassen das Filmteam auch an ihrem Leben teilhaben –und damit sind Besuche in Sexclubs ebenso gemeint wie Chemsessions zuhause, auf privat organisierten Partys, aber auch der Gang zur Beratung in die 56 Dean Street. Die dort ansässige Klinik für Sexualkrankheiten des staatlichen Gesundheitssystems NHS ist die größte in Großbritannien und die einzige, die sich speziell auch an Chemsex-Konsumenten richtet. Rund 7000 schwule Männer nutzen das Angebot jährlich, die Hälfte von ihnen hat Erfahrungen mit harten Drogen und Chemsex-Partys.

    Dass der Dokumentarfilm „Chemsex“ viele Zuschauer emotional nicht kalt lassen dürfte, liegt an zweierlei: Zum einen, weil die Protagonisten – allesamt auf ihre Art attraktive, sympathische und zumeist noch recht junge Männer – ungemein offen, direkt und ehrlich über ihr Sucht bzw. ihr Sex- und Drogenleben Auskunft geben. Zum anderen, weil die Filmemacher diese Form des schwulen Lebensstils weder verurteilen noch als reißerische Sensationsgeschichte aufbauen. Im Gegenteil, ihre Doku bleibt angesichts der vielen Drogen, die im Laufe dieser 80 Minuten konsumiert werden, auffallend nüchtern und wertfrei.

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    Szene aus „Chemsex“

    Diese Haltung war sicherlich auch ausschlaggebend, um eine Vertrauensgrundlage für die Interviewpartner und damit die Voraussetzung für diese im besten Sinne intimen Einblicke zu schaffen. Deutlich wird aber auch, dass diese endlosen Orgien bleiben für die meisten letztlich unbefriedigend bleiben. 5 bis 15 Sexpartner, so David Stewart von Sexualgesundheitsklinik, haben schwule Männer laut einer Erhebung während eines Chemsex-Wochenendes. Wirklich erfüllend aber sind diese Erlebnisse offenbar nicht. Zurück bleibt eine Leere, die man dann mit noch mehr Sex und noch mehr Drogen auszufüllen versucht. „Chemsex gab mir das Selbstvertrauen, das ich sonst nicht hatte“, sagt einer der Interviewpartner.

    Verinnerlichte Scham über die eigene Sexualität, das Gefühl sich nicht begehrt und nicht geliebt, zurückgewiesen sowie in der Familie und der Gesellschaft als schwuler Mann nicht selbstverständlich angenommen zu fühlen – dies sind nur einige Aspekte dieser komplexen Zusammenhänge, die zu dieser in vielen internationalen schwulen Metropolen wachsenden Chemsex-Subkultur führten, erklärt David Stewart. Er unterstützt in seinen Beratungen schwule Männer dabei, aus diesem “teuflischen Kreislauf aus Sex, Sucht und Abhängigkeit“ herauszufinden.

    „Chemsex“ kann das Phänomen nicht abschließend erklären, diese Dokumentation hilft aber definitiv dabei, es besser zu verstehen – nicht mehr und nicht weniger. Chemsex, sagt Ko-Regisseur William Fairman, sei ein kontroverses Thema und zugleich ein großes Tabu innerhalb der schwulen Szene. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird.“

    „Chemsex“. Regie William Fairman, Max Gogarty. Großbritannien 2015, 83 min., OmU. (Pro-fun; erhältlich als DVD, Video on Demand und Download)

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    „Chemsex“ lässt sicherlich niemanden kalt. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird,“ so die Macher des Filmes.
  • Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Stell dir vor, du gehst in Baden-Württemberg zur Schule. Würdest du erwarten, eines Tages in die Klasse zu kommen und von einer Drag Queen über Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans*-Menschen aufgeklärt zu werden? Betty BBQ hat genau das gemacht. Wir haben mit ihr und dem Lehrer Daniel Hey gesprochen.

    Betty BBQ  an einer Realschule in Baden-W (Foto: Betty BBQ)
    Betty BBQ klärte an einer Realschule in Baden-Württemberg über Schwule und Lesben auf. (Foto: Betty BBQ)

    Betty, du hast an einer Realschule in Baden-Württemberg Aufklärungsunterricht im Fummel gegeben. Wie kam es dazu?

    (Betty BBQ) Ganz einfach, ich wurde darum gebeten. Der Lehrer Daniel Hey kam auf mich zu und hat mich gefragt. Und letzten Endes hat er mich auch überzeugt.

    Du wolltest also eigentlich nicht. Warum nicht? Welche Erwartungen hattest du?

    (Betty) Wir wissen ja alle, in der Schule wird nicht viel über „Anderssein“ gesprochen. Und manche Vorbilder junger Menschen verteufeln das „Anderssein“ oder sind direkt homophob, wie es im Hip Hop oft der Fall ist. Deshalb hatte ich ehrlich gesagt nicht viele Erwartungen und hatte auch ein bisschen Schiss.

    Daniel, warum wolltest du, dass Betty im Fummel in die Schule kommt?

    (Daniel Hey) Zwei Aspekte waren für mich wichtig: Zum einen wollte ich den Schülern eine Blick in eine Lebenswelt ermöglichen, die sie bisher noch nicht kannten. Zum anderen fungiert Betty als „Queer“-Spezialistin, die den Jugendlichen all das erklären kann, was ihnen rund um die Themen LGBT und Queer noch unbekannt war.

    Wie ist es gelaufen?

    (Betty) Sehr gut, ich habe eine sehr interessierte Klasse vorgefunden und meine Bedenken waren schnell verflogen.

    Was hast du konkret gemacht?

    (Betty) Ich hab über meine Aktivitäten als Drag Queen und über meine ehrenamtliche Arbeit bei GenTLe Man, dem Präventionsprojekt der Aids-Hilfe Baden-Württemberg gesprochen. Danach habe ich die Fragen der Jugendlichen beantwortet.

    Drag-Queen Betty BBQ  war froh, dass ihr schlaue und interessierte Fragen gestellt wurden. (Foto: Betty BBQ)
    Betty war überrascht über die schlauen und interessierten Fragen. (Foto: Betty BBQ)

    Welche Fragen haben sie dir gestellt?

    (Betty) Wie schon erwähnt, hab ich mit kaum was Gutem gerechnet. Ich wurde allerdings von schlauen und ehrlich interessierten Fragen überrascht. Es gab Fragen zu Queer-Themen, direkt zu Homophobie oder die Standardfrage wie lange ich zum Schminken brauche (lacht). Und das Tollste: Es gab keine einzige Frage unterhalb der Gürtellinie.  

    Wie hast du die Stunde empfunden, Daniel?

    (Daniel) Ich fand’s auch toll. Ich bin davon überzeugt, dass mangelnde Toleranz auf Angst vor dem Unbekannten beruht. Mit dem Besuch von Betty wollte ich erreichen, dass die Jugendlichen in einem für sie sicheren Rahmen Berührungspunkte zu jemandem bekommen, die sie sonst nicht erfahren würden. Als „Botschafterin für Toleranz“ hat Betty dazu beigetragen, andere Lebensformen aus der „Freak-Ecke“ zu holen.

    Was hat eigentlich das Kollegium oder der Direktor zu Betty Besuch gesagt?

    (Daniel) Das Kollegium war größtenteils von der Idee angetan und zeigte sich interessiert an dem Unterrichtsvorhaben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige Lehrer ebenfalls an Besuchen von Betty interessiert sind und kann diese auch nur wärmstens empfehlen. Meine Schule hat das Glück, einen sehr offenen Rektor zu haben, der mir die für den Besuch nötigen Freiheiten überließ. Kritische Stimmen hingegen gibt es immer, was auch berechtigt ist, da nur im gemeinsamen Dialog Entwicklungen stattfinden können, die für alle Seiten tragbar sind.

    Die Debatte über den Bildungsplan in Baden-Württemberg schlug bundesweit hohe Wellen. War der Bildungsplan Thema bei deiner Unterrichtsstunde?

    (Betty) Die Stunde war ja quasi Bildungsplan, wie er idealerweise sein sollte (lacht). Als solcher war er aber kein Thema.

    Deine Sicht Daniel: Ist die Bildungsplanreform an eurer Schule ein großes Thema?

    (Daniel) Das war es, ja. Kollegen zeigten sich schockiert von der Petition, die sexuelle Vielfalt aus dem neuen Bildungsplan verbannen wollte. Sie verwiesen per Mail und Aushang auf die Gegenpetition und zeigten also ihre Unterstützung für das Vorhaben der Landesregierung. Dies führte in den darauffolgenden Tagen zu kontroversen Diskussionen im Lehrerzimmer, die ich als gewinnbringend betrachte.

    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)
    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)

    Grundsätzlich: Hast du das Gefühl, dass ihr in Baden-Württemberg homophober seid als anderswo?

    (Betty) Das möchte so nicht sagen, aber ich glaube durchaus, dass eher ländliche Regionen größere Probleme haben. Auch meine Heimatstadt, die Schwarzwald-Metropole Freiburg, hat noch großen Nachholbedarf. Deshalb ist es ja wichtig an Schulen zu gehen. Wenn abends dann am Esstisch mal nicht über Schwule oder andere Minderheiten geschimpft wird, sondern ernsthaft über Toleranz diskutiert wird, habe ich schon was erreicht.

    Am Samstag, 17. Mai ist Internationaler Tag gegen Homophobie. Wie sieht es bei dir aus: Wurdest du schon diskriminiert?

    (Betty) Natürlich! Als Drag Queen stehe ich ja quasi an der Front. Wenn ich direkt angesprochen oder angepöbelt werde, kann ich das mit der Schlagfertigkeit einer Drag Queen regeln. Von körperlichen Angriffen wurde ich bis jetzt zum Glück verschont.
    Aber solche Vorfälle geben mir Kraft, weiterzumachen. Ich habe den Vorteil, dass all das mit der Kunstfigur Betty BBQ nach einem langen Tag in der Dusche im Abfluss weggespült wird. Das kann nicht jeder und diese Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Trans*-Menschen brauchen unsere Solidarität und Unterstützung im Kampf für Gleichstellung und Akzeptanz.

    Hier findet ihr eine Übersicht, in welchen Städten es am 17. Mai Aktionen gegen Homophobie gibt: http://de.rainbowflash.info/

  • Stricher und das Überleben auf dem Strich – die andere Seite des Geschäfts mit dem Sex

    Stricher und das Überleben auf dem Strich – die andere Seite des Geschäfts mit dem Sex

    Am Anfang steht  die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch für etliche Migranten und Flüchtlinge bleibt am Ende nur der Strich, um Geld zu verdienen.

    Warum viele Stricher in Deutschland auf dem Strich landen

    Im Grunde ist es nur ein alter, schnulziger Schlager. Doch in dieser Bar mit ihrem etwas in die Jahre gekommenen kitschigen Dekor klingt Conny Froboes’ Lied über die Sehnsucht der „Zwei kleinen Italiener“ mit einem Male erstaunlich aktuell. Radu* und Petre* fällt das allerdings nicht auf. Für sie ist das Lied nur eine fremdklingende Kneipen-beschallung; um den Text zu verstehen sind ihre Deutschkenntnisse viel zu dürftig.

    Wenn Petre etwas nicht versteht, überspielt er die Situation mit einem jovialen „Mein Freund!“ und schlägt kumpelhaft auf die Schulter seines Gegenübers. Manchmal kann Radu auch etwas dolmetschen. Er radebrecht dann in einem abenteuerlichen Mix aus rumänisch, deutsch und englisch sowie ausholender Gesten. Tiefschürfende Gespräche sind damit nicht zuführen, aber es reicht aus, um mit den Freiern das Notwendige zu verhandeln. An diesem Abend aber sehen die Geschäfte eher schlecht aus. In der „Blue Boy Bar“, einem traditionsreichen Berliner Stricherlokal im Schöneberger Schwulenkiez, übersteigt das Angebot deutlich die Nachfrage. Petre ist in die Offensive gegangen, hat einem Gast erst lange angeflirtet und mittlerweile lässig den Arm um dessen Hals gelegt.

    In jeder deutschen Metropole gibt es Jungs, die anschaffen gehen. Bundesweit dürften es mehrere tausend sein.
    In jeder deutschen Metropole gibt es Jungs, die anschaffen gehen. Bundesweit dürften es mehrere tausend sein.

    Zwischen Hoffnung und Armut: Der Weg auf den Strich

    Petre und Radu, beide Anfang Zwanzig, sind vor knapp einem Jahr aus einer rumänischen Kleinstadt nach Deutschland gekommen. Was sie an Geld besaßen, hätten sie ins Bahnticket investiert, erzählt Radu. Aber irgendwie sei dann doch alles ganz anders gekommen, als sie es sich ausgemalt hatten. Dass er mit seinem besten Jugendfreund hier nun anschaffen gehen würde, stand jedenfalls nicht auf dem Plan. Petres neuer Bekannter ist derweil auf Tuchfühlung gegangen und erkundet mit seiner Hand  den Körper des jungen Mannes unter dem enganliegenden T-Shirt  Ob es zu einem Handel kommt, ist noch offen. Radu beobachtet seinen Freund amüsiert dabei und lässt zugleich unruhig seinen Blick durchs Lokal schweifen. Die Chancen, die Nacht im Bett eines Freiers zu verbringen, sinken zunehmend. Radu wird womöglich bald weiterziehen, in der Hoffnung in den Stricherkneipen um die Ecke mehr Erfolg zu haben.

    „Freierfreie Zone“ in den Stricherprojekten

    Jungs wie Radu und Petre gibt es in jeder deutschen Metropole. In München und Hamburg schätzt man ihrer Zahl auf jeweils über 500, bundesweit dürften es mehrere Tausend sein. Und was die modische Kleidung und das gepflegte Erscheinungsbild der Jungs, wie sie in der Blue Boy Bar anzutreffen sind, nicht vermuten ließe: Der Großteil von ihnen ist obdachlos. Wenn sie nicht bei Kumpels oder Freiern schlafen können, bleibt nur die Parkbank – oder Stricherprojekte wie KISS in Frankfurt, Subway in Berlin oder das BASIS-Projekt in Hamburg.

    Derzeit sind es mehrheitlich Rumänen und Bulgaren, die auf dem Strich gehen, um Geld zum Leben zu verdienen.
    Derzeit sind es mehrheitlich Rumänen und Bulgaren, die auf dem Strich gehen, um Geld zum Leben zu verdienen.

    Das Subway ist nur wenige Gehminuten von der „Blue Boy Bar“ entfernt. Wenn dort um zehn Uhr morgens die Pforten geöffnet werden, stehen die ersten jungen Männer bereits vor der Tür: übernächtigt, erschöpft und manchmal durchgefroren. Acht Bettstellen bietet das Subway, wo sich die Jungs ausschlafen können. Andere kommen im Laufe des Tages, um hier zu duschen, etwas Warmes zu essen, mit anderen zu reden, Tischtennis zu spielen oder ihre Wäsche zu waschen.

    Stricherprojekte als Schutzraum für junge Männer

    „Freierfreie Zone“ nennt Helmut Wanner das. Für die meisten ist die der einzige Ort, an dem sie sich weder belästigt, ausgegrenzt oder kontrolliert fühlen müssen. Vor ein paar Jahren waren es mehrheitlich Kosovo-Albaner, die auf der Suche nach einem besseren, anderen Leben nach Deutschland gekommen waren und auf dem Strich gelandet sind. Derzeit machen Rumänen und Bulgaren rund 90 Prozent der Männer aus, die das Hilfs- und Beratungsangebot nutzen, berichtet Projektmitarbeiter Stefan Schröder. Saskia Reichenecker vom Stuttgarter Café Strichpunkt, das ein ähnliches Konzept wie Subway verfolgt, begegnet bei ihren Streetwork-Einsätzen in der Szene derzeit hingegen zunehmend Männern aus nordafrikanischen und arabischen Staaten. Viele von ihnen sind Flüchtlinge und stecken in langwierigen Asylverfahren. Anderen wurde der Antrag bereits abgelehnt und sie leben nun illegal hier. Weil sie keiner legalen Arbeit nachgehen können, bleibe vielen von ihnen oft nur der Weg in die Kriminalität und ins Drogenmilieu oder auf den Strich zu gehen.

    Warum viele Stricher im Verborgenen leben

    Da in arabisch-muslimisch geprägten Ländern nicht nur Homosexualität, sondern auch Prostitution verboten ist, ist für die Sozialarbeiter vom Café Strich-Punkt der Zugang zu diesen Männern besonders schwer. Selbst ihren besten Freunden wagen sie nicht zu erzählen, wie sie sich über Wasser halten. Dieses Schicksal teilen sie mit den Jungs und Männern aus Roma-Familien, in deren Kultur jegliche Form von Schwulsein tabuisiert, ja nicht einmal existent ist. Sie alle kommen nach Westeuropa, in der Hoffnung auf ein Leben, das nur besser werden kann, als jenes, das sie hinter sich lassen. Doch dieser Traum zerplatzt meist schnell. Die erhofften Jobs auf dem Bau oder als Reinigungskraft gibt es nicht oder nur für einen Hungerlohn. Der Strich ist dann manchmal die letzte Möglichkeit, sich durchzuschlagen. Dabei sind die Preise für diese Sexdienste in den vergangenen Jahren aufgrund des hohen Angebots immer weiter gefallen. Ein Teufelskreis.

    Weil viele als Flüchtlinge noch in Asylverfahren stecken und nicht legal arbeiten dürfen, verdienen etliche Geld auf dem Strich.
    Weil viele als Flüchtlinge noch in Asylverfahren stecken und nicht legal arbeiten dürfen, verdienen etliche Geld auf dem Strich.

    Das Leben auf dem Strich hinterlässt oft seine Spuren 

    Den Absprung in ein bürgerliches Leben mit einem richtigen Job schaffen nur die wenigsten. Während Escorts in der Regel mit Eigenverantwortung und selbstbewusster schwuler Identität der Sexarbeit nachgehen, bieten diese Männer ihre Dienste aus der puren Not heraus an. Manche verstehen sich als heterosexuell, haben vielleicht sogar Frau und Kind. Andere haben bislang nicht die Chance gehabt, sich frei von Zwang und Not ihren eigentlichen sexuellen Wünschen und Bedürfnissen bewusst zu werden.
    Das Leben auf dem Strich bleibt nicht folgenlos. Bei vielen der Männer, die in diese für sie kaum entrinnbare Sackgasse geraten sind, führt die permanente Verstörung, der Ekel und der daraus resultierende Selbsthass zu Spiel- und Drogensucht, Alkoholismus, autoaggressivem Verhalten und anderen psychischen Störungen. Das Leben auf der Straße – und ohne Krankenversicherung – zeigt auch gesundheitliche Folgen. Projekte wie Subway versuchen, nicht zuletzt auch mit Hilfe von Sprachvermittlern aus den Herkunftsländern der Männer, Vertrauen aufzubauen, Gespräche und Hilfe in Notsituationen anzubieten. Dazu gehört auch die Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten und Safer Sex. Manchmal sei nicht einmal ein Grundwissen dazu vorauszusetzen, erklärt Wanner.


    „Dass seit Jahresanfang nun auch für Rumänen und Bulgaren europaweit die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, bietet zumindest einen Ausweg: Prostitution bleibt nun nicht mehr zwangsläufig die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, wir können sie auch in legale Arbeit vermitteln“, sagt Saskia Reichenecker. Zumindest theoretisch. Denn in der Realität, weiß Helmut Wanner aus Erfahrung, bietet der Arbeitsmarkt für diese Männer, die in der Regel keinerlei Berufsausbildung haben und häufig sogar Analphabeten sind, so gut wie keine niedrigschwelligen Arbeitsgelegenheiten.

    *Namen geändert


    FAQ über Stricher in Deutschland

    Warum landen junge Männer auf dem Strich, welche Risiken gibt es und welche Hilfe bieten Stricherprojekte? Hier findest du Antworten auf zentrale Fragen rund um Armut, Migration, Sexarbeit und Unterstützung in Deutschland.

    Warum landen viele Stricher in Deutschland auf dem Strich?

    Viele Stricher in Deutschland verkaufen Sex nicht aus freier Entscheidung, sondern aus purer Not. Armut, Obdachlosigkeit, fehlende Arbeitserlaubnis und mangelnde Perspektiven führen dazu, dass der Strich für manche zur letzten Möglichkeit wird, Geld zu verdienen.

    Wer ist besonders häufig von dem Leben als Stricher betroffen?

    Besonders häufig betroffen sind Migranten, Geflüchtete und junge obdachlose Männer. Viele von ihnen kommen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland, finden aber keinen Zugang zu legaler Arbeit und geraten dadurch in prekäre Lebenssituationen.

    Welche Folgen hat das Leben auf dem Strich für Stricher?

    Das Leben auf dem Strich kann schwere psychische und körperliche Folgen haben. Viele Stricher erleben Ausgrenzung, Stress, Angst, Selbsthass, Suchtprobleme und gesundheitliche Risiken. Hinzu kommen oft fehlende medizinische Versorgung und unsichere Lebensverhältnisse.

    Welche Hilfe gibt es für Stricher in Deutschland?

    In mehreren deutschen Städten gibt es Hilfsangebote und Stricherprojekte, die Schutz, Beratung und Unterstützung bieten. Dort können Betroffene schlafen, duschen, essen, Kleidung waschen, Gespräche führen und Hilfe in Notsituationen erhalten. Auch Aufklärung über Safer Sex und gesundheitliche Risiken gehört dazu.

    Gibt es Wege raus aus dem Strich?

    Ein Ausstieg ist möglich, aber oft sehr schwer. Fehlende Ausbildung, Sprachbarrieren, Armut und unsichere Aufenthaltsverhältnisse erschweren den Weg in ein stabiles Leben. Umso wichtiger sind Hilfsprojekte, die Stricher bei der Vermittlung in legale Arbeit, bei Behördenkontakten und im Alltag unterstützen.


    Du brauchst jemanden zum Reden?

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