Im Jahr 2004 beginnt ein 19-jähriger New Yorker eine Karriere als Pornodarsteller. Sechs Jahre später ist er tot. Chad Noel starb am 17. März 2010, möglicherweise „nach kurzer Krankheit im Zusammenhang mit Komplikationen, die durch HIV ausgelöst wurden“. So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung eines Freundes auf einer Website für Nachrufe. Er und auch die Familie des Verstorbenen fragen sich: Wie kam es dazu?
Ein junger Pornodarsteller und sein früher Tod
Unter dem Pseudonym Donny Price machte Chad Noel seine ersten Erfahrungen als Hardcore-Darsteller. Seinen ersten Auftrag erhielt er beim Label Cobra Video, bei dem 2004 “Every Poolboy’s Dream” veröffentlicht wurde. Ein Film, der später noch für einen Skandal sorgte: Chad Noel agierte gemeinsam mit dem damals noch minderjährigen Pornostar Brent Corrigan, der sich durch einen gefälschten Ausweis als Volljähriger ausgegeben hatte.
Chad wechselte zu den Helix-Studios und wurde dort als Craven Cox bekannt, später machte er bei diversen Fetischvideos als Kyle Young mit.
Chad Noel wurde unter dem Namen Donny Price bekannt und verstarb mit 25 Jahren.
HIV-Verdacht und Risiken in der Pornobranche
Die Website “Gay Porn Gossip”, die als erstes den Tod des 25-jährigen vermeldete, spekuliert nun über die Möglichkeit, dass sich Chad während seiner Arbeit für die Helix-Studios infiziert haben könnte. Dort werden so genannte „Bareback“-Filme produziert. Freunde von Chad hegen diese Vermutung, eine Bestätigung dafür gäbe es aber nicht. Allerdings hätten bereits öfters junge Helix-Darsteller gegenüber Gay Porn Gossip geäußert, bei ihnen sei eine HIV-Infektion festgestellt worden.
Wer trägt Verantwortung für die Gesundheit der Pornodarstellern?
Sie selbst? Die Produzenten? Die Konsumenten der Filme?
In der US-Hardcore-Branche tobt bereits seit längerem eine heftige Diskussion. Darin steht die Frage nach der Verantwortung der Filmemacher im Vordergrund. Produzent Chi Chi LaRue apellierte in einem Kampagnenvideo an Akteure wie Konsumenten, das Kondom nicht zu vergessen.
In Kalifornien gab es zudem einen Vorstoß, über das Arbeitsrecht die Regeln für mögliche gesundheitliche Gefährdungen auszuweiten und eine Kondompflicht in Pornos einzuführen.
Für den einen ist es selbstverständlich, HIV-positiv zu sein und mitten im Leben zu stehen. Für den anderen ist es das nicht immer. HIV-Medikamente, die Szene, der Freundeskreis, die eigene Psyche und viele weitere Faktoren können positiven wie negativen Einfluss auf das Leben mit HIV haben. Dass dabei insbesondere Ausgrenzung, Ablehnung und Stigmatisierung einen negativen Einfluss auf das Leben von Menschen mit HIV haben, hat die wissenschaftliche Studie positive stimmen 2.0 deutlich gezeigt.
Aktuelle Ergebnisse zum Leben mit HIV heute
„Vorurteile machen mich krank! HIV nicht!“
Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. „Aber gleichzeitig erleben viele alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung“, sagt Projektkoordinator Matthias Kuske. „Vor allem im Gesundheitswesen, aber auch im Privaten, im Sexleben oder in den Medien erleben Menschen mit HIV diskriminierendes Verhalten oder werden mit Vorurteilen konfrontiert“, so Kuske weiter.
Das alles hat erhebliche Auswirkungen: Infolge der Diskriminierung haben viele Menschen mit HIV einen schlechteren Gesundheitszustand, weniger Wohlbefinden und weniger sexuelle Zufriedenheit. Außerdem werden der Umgang mit der eigenen HIV-Infektion sowie das Selbstwertgefühl durch Ausgrenzung und Diskriminierung negativ beeinflusst. Etwa jede vierte befragte Person schämt sich oder fühlt sich schuldig, dass sie HIV-positiv ist, oder hat das Gefühl, nicht so gut wie andere zu sein. Was das mit Menschen macht, hat ein schwuler Mann in der Studie eindrücklich beschrieben:
„Das war bei einem Date im Restaurant. Wir haben uns kennengelernt und irgendwann habe ich von meinem HIV-Status erzählt. Und dann ist er einfach aufgestanden und abgehauen. Und ich sitze da und fühle mich schmutzig und wertlos – wie Müll. Beim nächsten Date habe ich es erst beim fünften Treffen gesagt, und er war wütend und meint ‚Warum sagst du es nicht am Anfang?‘ Ich bin einfach nur verwirrt!“
„Ich habe aber schon schlechte Erfahrungen gemacht, also auch Zurückweisungen. Ein Sexualpartner hatte meine Medikamente gefunden. Dann hat der schnell einen Zettel geschrieben, dass er das gefunden hat und er jetzt deswegen geflohen ist, also eigentlich hat er sich auch noch so ein bisschen entschuldigt. Ich fand das direkt in dem Moment schon schlimm. Ich fand das ein bisschen übertrieben, er hätte ja auch einfach mit mir sprechen können.“ Teilnehmer der Studie positive stimmen 2.0 zum Leben mit HIV in Deutschland
Du brauchst jemanden zum Reden?
Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen. Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:
• Persönliche Live-Beratung im Chat • Hilfe per Mail oder Telefon • Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr
Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug, findet Björn, der sich zu dem Thema „offene Beziehungen“ seine Gedanken gemacht hat.
Die meisten Männer haben gerne Sex, und bei schwulen Männern ist das nach meiner Erfahrung nicht anders. Eine Umfrage aus Großbritannien kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent von etwa 1.000 befragten schwulen Männern eine offene Beziehung führen, oder geführt haben. 75 Prozent davon finden diese Beziehungsform „großartig“. Auch wenn die Ergebnisse nicht komplett auf Deutschland zu übertragen sind, gibt es doch sicherlich sehr viele bei uns, die das ähnlich sehen. Ich lebe zum Beispiel auch in einer offenen Beziehung, außerdem kenne ich wenige wirklich monogame Schwule. Auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU ergab sich letztens unter einem Post zum Thema „Offene Beziehungen“ eine lebhafte Diskussion, an der ich mich dann beteiligte.
Ich war ziemlich überrascht wie sehr die Meinungen auseinandergingen und geschockt, wie hart diejenigen kritisiert und angegangen wurden, die in offenen Beziehungen leben. „Wieso denken Schwule eigentlich immer nur an Sex?“ „Man muss doch die Partner nicht wie Unterwäsche wechseln!“, oder „Dann braucht man keine Beziehung; da wird das Klischee über die Schwulen wieder komplett bestätigt“ konnte ich da lesen.
Es ärgert mich, dass manche Schwule ebenso homophob argumentieren, wie manche Heteros. Aufgefallen ist mir dabei, dass es eine Angst gibt, die Klischees zu erfüllen. Scheinbar gibt es eine ganze Reihe schwuler Männer, die sich eher anpassen als die eigene Bedürfnisse zu erkunden und authentisch zu leben. Studien zeigen etwa 57 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen gehen fremd. Bei schwulen Männern kann man sich die Wahrscheinlichkeit von „echter Treue“ (also auch in den so genannten monogamen Beziehungen, wo dann hinter dem Rücken des anderen fremdgegangen wird) also ausrechnen. Was ich mir allerdings sehr gerne anschauen würde, wäre die Zahl der Kommentatoren, die mich und andere kritisieren, selbst aber nicht anders handeln als ich … Kein Mensch hat das Recht über die Beziehung anderer zu urteilen!
Ich habe meinen Mann vor knapp fünf Jahren kennengelernt und es ging alles sehr schnell: nach einem Jahr waren wir verlobt, ein Jahr später verheiratet. Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war. Wir gehen in allen Dingen offen und ehrlich miteinander um. Genau das finde ich entscheidend: dem Partner nichts verheimlichen zu müssen. Wir schätzen diese Ehrlichkeit beide sehr, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht ist.
Das Wort „offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation. Aus meiner Sicht decken sich auch nicht unbedingt die sexuellen Bedürfnisse beider Partner, das müssen sie auch nicht. Es stört mich nicht, wenn mein Mann Dinge, die ich nicht mag, mit anderen macht – im Gegenteil. In offenen Beziehungen wird das jedenfalls thematisiert und das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn man sich nicht traut etwas anzusprechen, ist das ein Problem. „Offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
Allerdings hat mich die Schärfe der Kritik wirklich überrascht. Ich hatte das Gefühl für das „schlechte Bild“ der Schwulen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden. Scheinbar habe ich einen wunden Punkt getroffen. Mein Mann und ich verstecken uns und unsere Bedürfnisse nicht, sondern leben sie aus und sind damit glücklich!
Etwas nicht zu tun, weil andere das bewerten, ist nach meiner Überzeugung der falsche Weg. Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug. Wichtig ist mir dabei nochmal klarzumachen, dass ich nicht über andere urteile. Wer für sich entschieden hat, monogam zu leben, soll das tun. Jeder sollte den Weg gehen, der den eigenen Bedürfnissen entspricht. Kompromisse einzugehen, nur um nicht Single zu sein, oder Moralvorstellungen anderer zu erfüllen: Nein Danke!
Das weiß doch (fast) jeder: In den Datingportalen kann man auch seinen Beziehungsstatus einstellen. (Symbolbild)
Ein Beitrag von Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. (Redaktion: Tim Schomann)
Durchtrainiert, breites Kreuz, ausgeprägte Bauchmuskeln, starke Schultern: So wird uns in der Regel „der Mann“ in schwulen Magazinen gezeigt. Ganz gleich, ob es sich dabei um redaktionelle Beiträge oder Werbeanzeigen handelt. Diese Männer – meist in ihren Zwanzigern – sind erst mal schön anzusehen, sie vermitteln ein idealisierendes Bild von Männlichkeit, Kraft und Stärke. Warum ist dieses Bild von Männlichkeit so dominant? Was steckt dahinter und was können diese Bilder auslösen?
Das hat auf den ersten Blick scheinbar nichts mit einer Präventionskampagne wie ICH WEISS WAS ICH TU zu tun. Doch wenn man genau hinsieht, dann stellen sich einige Fragen zu unseren Haltungen und den Respekt untereinander in der so genannten schwulen oder queeren Community. Welche Auswirkungen können gegenseitige Ausgrenzung und Stigmatisierung auf unser gesundheitliches Wohlbefinden und unser sexuelles Schutzverhalten haben? Darüber wollen wir mit Euch ins Gespräch kommen!
„Tunten zwecklos“
Obwohl das Männerbild in schwulen Magazinen, aber auch auf so manchem CSD-Truck recht einheitlich daherkommt, geht es in der „queeren“ Szene bei Körperlichkeiten wesentlich vielfältiger zu: Dick und dünn, lang und kurz, alt und jung, behaarte Bären, proppere Kerle und schmale Hemdchen, mal mit eher weichlichen, mal mit markanten Zügen. Trotzdem scheinen die einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit entsprechenden Männerkörper viele zu faszinieren, sie sind Objekte des Begehrens. Männer, die eher effeminiert sind, also vermeintlich „weiblich“ daher kommen, werden auch schon mal gnadenlos als „zu schwul“ verspottet, oder mit dem Hinweis „Tunten zwecklos“ als Sexpartner auf Dating-Portalen im Internet abgelehnt. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im letzten Jahr in einer Präventionskampagne eingeführtes „weibliches“ Männermodell führte zu einem Entrüstungssturm in den schwulen sozialen Medien, das Modell wurde als „zu klischeehaft“ abgelehnt und letztlich aufgrund des vehementen „öffentlichen Drucks“ aus der Szene von der Gesundheitsagentur zurückgezogen.
„body image stress“: Der Stress mit dem eigenen Körper
Die Sehnsucht nach Männlichkeit ist anscheinend groß, und es wundert deshalb nicht, dass man unterschiedlichste Männertypen findet, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind und die viel dafür zu tun bereit sind, dem in den Magazinen dominierenden Bild des schwulen Archetypen zu entsprechen. Und es ist ja auch erst mal nichts Schlechtes dabei, auf seinen Körper zu achten, etwas Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, um sich fit und attraktiv zu fühlen. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahren stellen allerdings fest, dass Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen stärker unter einer Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper leiden. In einer britischen Studie zur Gesundheit von schwulen und bisexuellen Männern aus dem Jahr 2011 wurde hervorgehoben, dass fast die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer sich Sorgen um ihr Aussehen machen und sich darüber hinaus wünscht, sich weniger damit beschäftigen zu müssen. Zwanzig Prozent der Befragten störten sich an ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten. In einer weiteren aktuellen Studie stellt Christopher J. Hunt von der Universität Sydney fest, dass schwule Männer teilweise geradezu „aufgerieben“ werden zwischen den widersprüchlichen Vorstellungen von einem auf der einen Seite muskulösen und auf der anderen Seite schlanken Erscheinungsbild. Psychologen sprechen bei diesem Phänomen von „body image stress“ (Körperbildstress): Es bestehe ein Unterschied zwischen „normalem“ Körperbewusstsein und stresshaft erlebter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Es lohne sich jedenfalls darüber nachzudenken, wie viel Sport und Ernährungskontrolle noch „gesund“ sei, und wann die Anstrengungen zur Erreichung eines fitten und attraktiven Körpers zu einer stresshaften und damit eher abträglichen Belastung wird.
In der Literatur lässt sich eine Reihe von theoretischen Überlegungen finden, warum gerade bei schwulen Männern die Sehnsucht nach einem männlich gestählten Körper so übermächtig werden kann. Zum einen seien es bestimmte Ängste von anderen als (zu) schwul ausgegrenzt zu werden, deshalb versuche man gerade besonders „männlich“ im herkömmlichen Sinn zu wirken; hier könnten auch gemachte negative Erfahrungen als Verstärker wirken. Auch die „Scham“ über die eigene Sexualität, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, könne hier eine Rolle spielen. Vermutet wird auch, dass bei einigen die Vorstellung leitend sein könnte, mit einem besonders kraftvollen männlichen Körper gegen antischwule Gewaltattacken besser vorbereitet und geschützt zu sein; hier könnten auch gemachte Gewalterfahrungen verstärkend auf den Wunsch nach „Männlichkeit“ wirken. Solche Gewalterfahrungen sind im Übrigen ja nicht selten. Aus einer gerade veröffentlichten bundesdeutschen Erhebung von Michael Bochow und Kollegen geht hervor, dass ca. die Hälfte der Befragten schwulen und bisexuellen Männer Erfahrungen von verbaler und physischer Gewalt gemacht haben. Ein statistischer Wert, der sich übrigens in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat!
Kaum emotionale Unterstützung und Geborgenheit in schwulen Szenen?
Eine weitere Vermutung für die Entstehung von „Körperbildstress“ ist, dass schwule Männer aufgrund von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in der Gesellschaft zu einem geringeren Selbstwertgefühl tendieren könnten, der Wunsch nach Formung eines „männlichen“ Körpers diene der Selbstwertstärkung. Weitere Überlegungen gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch, vielleicht als Wechselwirkung, aus den Erwartungen an bestimmte Körperideale aus den schwulen Szenen selber herrühren könnte. Phil Langer, Sozialpsychologe an der Universität Frankfurt, stellte in seiner Interviewstudie von 2009 fest, dass eine nennenswerte Unterstützung, die emotionale und physische Sicherheit bieten könnte, in den schwulen Szenen kaum zu finden sei. Er schreibt, dass im Gegenteil Erwartungen in Bezug auf Ideale jugendlichen Alters, maskuliner Männlichkeit und sexuell-körperlicher Schönheit innerhalb der schwulen Szenen(n) deutlich formuliert würden, diese könnten individuell zu Stressoren werden.
Einige Autoren fordern deshalb, dass in den schwulen und queeren Szenen über diese Hintergründe mehr diskutiert werden müsste, z.B. über Gewalterfahrungen und den Umgang damit, über Idealvorstellungen und Erwartungen an bestimmte Formen der „Männlichkeit“, aber auch über die Bedeutung eines szeneinternen Respekts und Zusammenhalt. Nicht zuletzt scheint diese Diskussion bedeutsam auf dem Hintergrund, dass einige Autoren es für wahrscheinlich halten, dass Risikoverhalten beim Sex durch den Konflikt zwischen dem mangelnden Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach besonders männlichem Auftreten begünstigt werden könnte.
Das Geschäft mit der Unzufriedenheit
Eine Reflektion über solche Zusammenhänge ist aber nur in wenigen schwulen und queeren Zirkeln zu finden. Währenddessen hat die Industrie, die angetreten ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, schon längst unser Dilemma erkannt und ein Riesengeschäft daraus entwickelt. Nicht nur die in den USA entstandene und auch bei uns mittlerweile weit verbreitete schwule „Gym Culture“ ist hier zu nennen. In schwulen Lifestyle-Magazinen, die (teils aus Unwissenheit, teils aus reinem Zynismus) verkaufsfördernd gerade dieses genannte normative Männerbild transportieren und zementieren, wird allerlei feil gehalten für diejenigen, die mit ihrem Körperbild unzufrieden sind. Und das geht weit über Fitnessangebote hinaus: Angeboten werden neben Botox und anderen Faltenkillern, Tinkturen für besseren Haarwuchs; sogar „Pflegelinien“ für Männer, die „effektive Lösungen“ zur Festigung des Bindegewebes und zur „langfristigen“ Verbesserung der „Körperkonturen“ versprechen, scheinen ihren Absatz zu finden. Selbst chirurgische Eingriffe werden neuerdings empfohlen. Solche radikalen Methoden der Körperformung sind allerdings, zum Glück, nur für einige von uns erschwinglich.
Wie gesagt, es spricht gar nichts dagegen, etwas für die Fitness und das Äußere zu tun, sich Gedanken um eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu machen, es liegt aber auch an uns, die Mechanismen und Hintergründe für darüber hinaus gehende und belastende Anstrengungen zu reflektieren, mehr Zusammenhalt in den „queeren“ Szenen zu etablieren und Gelassenheit bei vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ zu entwickeln.
Darum wollen wir uns diesem Thema stellen und mit euch darüber diskutieren? Welche Ideale und Ziele sind euch wirklich wichtig? Wo spürt ihr selber Druck, einem bestimmten (Männlichkeits-) Bild in der Szene entsprechen zu müssen? Wie geht ihr damit um? Was erwartet ihr von einer schwulen Szene, die sich oft selbst als Community bezeichnet? Gibt es die Community und den Zusammenhalt (noch)? Oder ist das alles eine Illusion?
Diskutiert mit uns auf facebook! Wir freuen uns auf eure Anregungen, Kritik und Denkanstöße.
Literatur
Bochow, M., Lenuweit, St., Sekuler, T., Schmidt, A. J. (2012): Schwule Männer und HIV/AIDS: Lebensstile, Sex, Schutz- und Risikoverhalten 2010. Forumsband Deutsche Aidshilfe e.V., Berlin
Hunt, Ch. J. et al. (2012): “Links between psychosocial variables and body dissatisfaction in homosexual men: Different relations with the drive for muscularity and the drive for thinness.” In: International journal of Men´s health, vol. 11, no. 2, pp. 127 – 136
Pretzel, A./Weiß, V. (Hrsg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012
Langer, Ph. C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden
Halperin, D. M./ Traub, V. (Hrsg.): Gay Shame. Chicago/London: university press 2009
Zuher Jazmati ist 30 Jahre alt, Sternzeichen Skorpion und lebt in Berlin. Zusätzlich zu seinem Dayjob arbeitet er als Podcaster, DJ und Campaigner und macht politische Bildungsarbeit, wobei er aus einer antirassistischen, intersektionalen Perspektive für verschiedene Auswirkungen von Diskriminierung sensibilisieren will.
Zuher, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?
Unterschiedlich! Ich habe da eine komplexe Perspektive drauf: es war nicht alles super, es war nicht alles mega schlimm… Da ich sehr aktiv bin und viel Energie in meine Projekte investiere, bin ich eben auch oft ziemlich erschöpft und müde. Da kam mir der Lockdown als Zwangspause eher gelegen. Gleichzeitig war die Situation für mich auch belastend, weil da ja Menschen dran sterben. Trotzdem habe ich es als positiv und notwendig erlebt, dass ich mir Zeit für mich, Zeit zum Runterkommen nehmen konnte. Das gilt glaube ich für viele Freiberufliche und Leute aus dem Veranstaltungssektor. – Gigs als DJ und Workshops wurden abgesagt, das war auch schmerzhaft. Das fehlt mir auch am Meisten: Feiern, auflegen, Menschen durch Musik glücklich machen. Ich glaube, auf die Frage gibt es keine einfache Antwort, das war und ist ein Einschnitt in das Leben von jedem Menschen.
Und wie war es für Dich, als es im Sommer wieder zu Lockerungen gekommen war?
Da hab ich auch an die Menschen aus Risikogruppen gedacht, die das nicht genießen können. Das betrifft auch Menschen mit denen ich Kontakt habe, wie meine Großmutter und meinen Vater. Oder Menschen mit Behinderung, für die Corona echt nochmal viel gefährlicher ist. Menschen, die eben nicht so jung, nicht so sportlich oder nicht so gesund sind wie ich. Ich bin immer wieder mit der Angst vor dem Virus und den Gedanken daran konfrontiert, was eine Ansteckung zum Beispiel für meine Familie bedeuten würde.
Jetzt wird es ja auch kälter, da fährt man vielleicht weniger mit dem Fahrrad und benutzt mehr öffentliche Verkehrsmittel. Da sehe ich auch immer mehr rücksichtslose Leute, die ihre Maske nicht tragen und sich nicht an die Regeln halten. Dann habe ich auch mehr Angst vor dem Virus. Denn was heißt diese Gefährdung dann z.B. für meine Großmutter oder für meinen Vater? Dass ich sie noch weniger sehen kann? Die Kontakteinschränkungen, die es gab, waren ja schon echt schmerzhaft. Wenn ich dann fahrlässiges Verhalten beobachte, verstärken sich meine Befürchtungen weiter.
Zuher (unten, Mitte) ist Teil unserer Printanzeige zum Thema queere Solidarität und #WirFürQueer.
Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?
Ich sehe die queere Szene differenzierter: also dass auch und vor allem in der sogenannten ‚queeren Szene‘ viele unterschiedliche Menschen zusammengefasst werden, die alle mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Formen von Diskriminierung konfrontiert sind. Zum Beispiel haben viele Menschen große Probleme an Geld zu kommen. Beispielsweise wenn sie als Künstler_innen oder Sexarbeiter_innen tätig sind. Oder weil Auftritte erschwert oder verboten werden oder sie allgemein illegalisiert sind. Queere Orte, die vor Corona geschaffen wurden, haben Probleme weiter zu existieren. Als Beispiel kann ich die Queer Arab Party nennen, die alle zwei Monate stattgefunden hat. Dort haben sich Menschen mit arabischem Hintergrund zum Feiern getroffen. Aber feiern geht nicht mehr. Wenn solche und auch andere Safer Spaces wegfallen, fehlen auch die Möglichkeiten zur gegenseitigen Unterstützung und Vernetzung. Das kann vor allem für Jüngere bedeuten, dass sie in einem queerfeindlichen Lebensumfeld wie möglicherweise intoleranten Familien bleiben müssen und sich nicht entfalten können.
Und auf der individuellen Ebene?
Da sehe ich vor allem die psychische Belastung durch Isolation und Einsamkeit. Die tritt bei queeren Menschen neben den Problemen eines Lebens unter erschwerten Bedingungen noch verstärkt auf. Wer jetzt allein ist, das stelle ich mir schrecklich vor! Besonders dann braucht man ja eigentlich die Nähe, die man in einer Gemeinschaft haben kann. Grade Menschen in marginalisierten Communities brauchen die Nähe, das Zusammenfinden, Vernetzen, den Austausch. Es ist ein großes Problem, dass da viel nicht mehr stattfinden kann.
Was bedeutet für dich (queere) Solidarität?
Dass Menschen füreinander einstehen, füreinander da sind bei Problemen. Solidarität fängt für mich vor allem mit der Arbeit an sich selbst an. Dabei meine ich Empathie mit und Sensibilisierung für Marginalisierungsformen, von denen ich nicht betroffen bin. Dass ich mich, wenn ich hetero bin, solidarisch mit Menschen verhalte, die nicht hetero sind. Dass ich mich, wenn ich weiß bin mit Menschen solidarisch verhalte, die nicht weiß sind. Oder dass ich als nicht beeinträchtigte Person solidarisch mit Menschen bin, die nicht abled sind. Es geht mir darum, sich empathisch mit den Lebenswelten anderer auseinander zu setzen, um solidarisch sein zu können. Sein Wissen und seine Vorstellungen von Menschen zu überprüfen und auch mal zu erweitern. Da wünsche ich mir, dass jede_r sich selbstreflektiert und wir unsere Privilegien checken, uns für solidarisches Verhalten einsetzen.
Was wünschst du dir zukünftig für die queere Coomunity?
Für mich gibt es nicht DIE queere Community, Einzahl. Sondern es gibt queere Communities in der Mehrzahl, denn wir sind nicht alle gleich. Mir ist es wichtig, die Unterschiedlichkeit der Gruppen anzuerkennen, die in dem Begriff ‚queere Community‘ zusammengefasst werden und vor allem die unterschiedlichen Machtverhältnisse anzuerkennen, die es ja real gibt. Wir sitzen eben nicht alle im selben Boot mit einer queeren Person aus Moria oder einer, die von Abschiebung bedroht ist. Das möchte ich aus dem Oberbegriff „queer“ raus differenziert haben, so können wir den existierenden Unterschieden gerechter werden.
Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht zur Zeit besondere Unterstützung braucht – und wenn ja, warum?
Ja, die queeren Projekte in Nigeria, die sich gegen Polizeigewalt stark machen. Als ich in London gelebt habe, hatte ich Kontakt zu der dort existierenden großen nigerianischen Community. Und hier in der Schwarzen Community gehen viele Tweets zu dem Thema viral, in der Tagesschau siehst du aber gar nichts davon! Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents und es gibt grade richtig viele Proteste dort – die Medien hier schenken dem null Aufmerksamkeit! Ich mache hier deshalb mit meinem Kollegen Dominik den Black Brown Queeren Podcast (BBQ). Black lives matter gilt auch für afrikanische Länder!
Möchtest du hier noch etwas loswerden?
(Lacht) Ja: Wear your mask, check your privileges!
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Junge Hetero-Männer küssen ihre Freunde auf den Mund – sogar mit Zunge. Und finden das gar nicht schwul. Ein gutes Zeichen, meinen englische Forscher: Die Homophobie lasse nach
Männerfreundschaft und der Kuss auf den Mund
Ein Kuss auf den Mund unter Männern? Für viele Heteros längst kein Problem mehr. Diesen Schluss legt zumindest eine sexualwissenschaftliche Studie der englischen University of Bath nahe. In einer Umfrage gaben 89 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen an, dass sie ihre Freunde gelegentlich auf den Mund küssen. 36 Prozent haben sogar schon intensiv mit Zunge geküsst. Sind die alle schwul? Eben nicht! Die Küsse sind einfach Ausdruck der Freundschaft.
„Meine erste Erfahrung mit einem Männerkuss hatte ich an der Uni“, berichtet etwa Adi Adams. Der Soziologiestudent hat die Untersuchung mitorganisiert. „Ich war etwas verblüfft, aber inzwischen fühlt es sich an wie eine ganz normale freundschaftliche Geste.“ Als schwul empfindet der 26-jährige Stürmer des Team Bath FC sein Verhalten nicht. „Ich glaube nicht, dass das meine Männlichkeit oder meine Heterosexualität bedroht.“
Zärtlichkeit als Zeichen von Nähe
Die Forscher um Studienleiter Eric Anderson scheinen einer erstaunlichen Liberalisierung auf der Spur zu sein. „Uns war aufgefallen, dass immer mehr Männer Fotos bei Facebook hochladen, auf denen sie ihre Freunde küssen“, berichtet Adams. „Wir haben dann festgestellt, dass sich die Männer auf diese Weise zeigen, dass man es in den engsten Freundeskreis geschafft hat.“ Die Männer glichen sich in dieser Hinsicht den Frauen an, die ihre Freundschaften bekanntlich häufiger mit Zärtlichkeiten zum Ausdruck bringen.
Zärtlichkeit zwischen Männern kann Nähe, Vertrauen und Freundschaft sichtbar machen. | Foto: canva.com
Männerfreundschaft im Wandel
Eric Anderson, selbst schwul, wertet die Ergebnisse als gutes Zeichen: „Freundschaftliche Küsse unter heterosexuellen Männern sind eine Folge der abnehmenden Homophobie“, meint der 42-jährige Soziologe. An den untersuchten Colleges und Universitäten sei offener Schwulenhass fast völlig verschwunden. Für schwul gehalten zu werden sei dort längst keine Katastrophe mehr.
„Der Kuss ist ein Zeichen der Zuneigung in studentischen sozialen Räumen, ein Zeichen des Triumphs auf dem Fußballplatz oder eines der Freude im Nachtclub. Aber nie hat er dabei eine sexuelle Bedeutung. Es scheint, dass junge Menschen generell mit jeder Generation immer aufgeschlossener werden.“
Weniger Homophobie — oder nur eine kleine Stichprobe?
Allerdings darf man euphorischen Wissenschaftlers nicht alles glauben. Die größte Schwäche der Untersuchung: die wenig repräsentativen Teilnehmer. Befragt wurden 145 englische Schüler und Studenten zwischen 16 und 25, die an zwei Universitäten und einem College (entspricht der deutschen Oberstufe) studieren. Das heißt: Es wurden nur relativ wenige und vorrangig wohlhabende und gut gebildete junge Männer befragt.
Warum Männerküsse trotzdem provozieren
Ein Indiz dafür, dass die küssenden Engländer noch eine Ausnahme sind, ist eine heftige Online-Diskussion über die Studie auf der Website der australischen Zeitung Sydney Morning Herald. „LOL!“ und „BAH!“ waren noch die freundlicheren Kommentare. Tenor: Richtige Männer küssen keine anderen Männer.
So heftig brodelte die Diskussion, dass sich Studienleiter Eric Anderson persönlich einmischte: „Obwohl die Studenten in unserer Studie wissen, dass diese Art des Küssens für ein tabuisiertes Sexualverhalten steht, haben sie es so umstrukturiert, dass es zu ihrer Heteromaskulinität passt.“
Kommentator Gilberto dürfte er damit nicht überzeugt haben. „Versuch’s mal, mich auf den Mund zu küssen“, notierte der, bevor die Kommentarfunktion abgeschaltet wurde. „Danach müsstest du deine Zähne vom Boden aufsammeln.“
Keith Zenga King ist Theaterproduzentin und Kuratorin an den Münchner Kammerspielen. They lebt seit fünf Jahren in Deutschland, hat ihren Lebensmittelpunkt zwar in München, ist aber beruflich im ganzen Land unterwegs. Ich sprach mit they am Telefon nach der Arbeit. Da wir das Gespräch auf Englisch führten, übersetze ich es im Folgenden:
Keith plädiert dafür, dass Darstellungen von Race, Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität bieten.
Keith, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?
Schwierig war das. Ich habe als Künstlerin sofort die Arbeit von sechs Monaten verloren. – Wobei mir die Zwangspause auch gut getan hat: Seit dem Moment, als ich vor fünf Jahren in Deutschland eintraf, war mein Leben bestimmt von der ununterbrochenen Hetze von einem Auftrag zum nächsten, es war verrückt, ich war so getrieben, ja immer das nächste Projekt schon in Aussicht zu haben! Corona schlug zwei Wochen vor einem geplanten Theaterfestival ein, ich habe dann sofort alles auf online umgestellt.
Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?
Im vorherrschenden politischen Klima sind mir die Repräsentation marginalisierter Aktivist_innen und Künstler_innen sehr wichtig. Gerade diese seltsame Zeit erfordert Möglichkeiten der Teilhabe. Dabei muss darauf geachtet werden, dass Darstellungen von Race, dauerhafter Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität vermitteln. Als Künstlerin bringe ich das Aktivistische in mein Werk ein: Themen wie Migration, Queerness usw. formen meine künstlerischen Darstellungen und bilden so den Rahmen für mein Schaffen.
Keith (links, unten) ist Teil unserer #WirFürQueer Kampagne.
Was bedeutet für dich queere Solidarität?
Ich glaube, man muss verstehen, dass es dabei mehr um Politik als um Begehren geht und man gar nicht unbedingt queer sein muss, um dazuzugehören. Ich verstehe unter Solidarität vor allem Fürsorge für die Gemeinschaft und für einander, auch allgemeine Fürsorge und Carework zählen für mich dazu. Im Moment sollten wir uns auf das Ausruhen und Innehalten konzentrieren und uns dabei auch auf Schlimmes gefasst machen. Ich denke da an die ökonomischen, sozialen und politischen Spannungen, die im Kielwasser dieser globalen Pandemie schwimmen werden.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass Art und Weise, wie wir arbeiten, neu kalibriert werden.
Hast du grade ein Projekt, dass dir am Herzen liegt?
Ja, ich schreibe ein Buch, eine Gedichtsammlung, sie soll „I am other in exile“ heißen und ich bin mit meiner Arbeit daran schon recht weit fortgeschritten. Ansonsten bereite ich mich auf die nächste Spielzeit vor…
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Der Lederkerl prägte über viele Jahre das Bild vom schwulen Mann. Bis heute zeugen die Werke des Künstlers Tom of Finland davon. Doch die Lederszene ist in die Jahre gekommen, und in der Community rümpft man die Nase. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, sprach mit Dirk Killing, der sich seit Jahren im „MSC Rote Erde Dortmund e.V.“ engagiert und dort im Verein seinen Fetisch pflegt. Das gelingt nicht immer ohne Vorbehalte.
Dirk Killing: ‘Als Fetischkerl fällst du aus dem Rahmen.’ (Foto: privat)
Dirk, du bist als Leder- und Fetischmann weit über unsere Region hinaus bekannt. Vor ein paar Jahren warst du „Mr. Fetish NRW“. Das findet in der Community nicht ungeteilte Zustimmung, oder?
Nein, viele Mitglieder der Community sind einfach davon überzeugt, dass wir nur durch Anpassung gleiche Rechte erhalten werden. Als Fetischkerl fällst du da aus dem Rahmen.
Wie meinst du das?
Ein CSD-Veranstalter hat mir mal gesagt, dass ich mich am besten zurückhalten solle, damit würde ich dem Kampf um Gleichberechtigung mehr helfen. Der hat es auf den Punkt gebracht. An unserer Sichtbarkeit nehmen viele in der Community Anstoß, weil sie die Reaktionen der Heteros fürchten und nicht mit uns in einen Topf geworfen werden wollen. Dabei reden immer alle von Vielfalt.
Bei schwulen Events gibt es immer wieder Sex in der Öffentlichkeit. Das steht vielfach in der Kritik.
Ist das Führen eines Sklaven an der Leine schon eine sexuelle Handlung? Wie sollen wir für unsere Welt demonstrieren, wenn wir sie nicht zeigen dürfen? Nein, es reicht unsere bloße Teilnahme in Fetischklamotten, um bei einigen Leuten Schnappatmung auszulösen. In einer Stadt kam es deshalb mal vor einem CSD zu einem Eklat. Eine andere Gruppe hatte Probleme mit unserer Anwesenheit. Da wurden wir öffentlich im Web als Trittbrettfahrer beschimpft, der CSD sei schließlich ein Familienfest. Zugleich wurden wir vom Organisator eindringlich ermahnt, wir mögen uns bitte am Riemen reißen, man stünde kurz vor der Eheöffnung. Da sei ein guter Eindruck wichtig.
Das ist ein wenig verrückt, denn es waren ja hauptsächlich Lederkerle und Transen, die in der Christopher Street auf die Straße gingen,.
Ja, aber solche Reaktionen sind leider kein Einzelfall. Bei einem anderen CSD wurden wir auf der Bühne interviewt und sollten über unseren Verein erzählen. Im Vorgespräch erklärte uns der Moderator ernsthaft, dass man uns aber keinen Sling auf die Bühne stellen würde. Keine Ahnung, was der für Vorstellungen hatte. Und bei der Konzeption eines Jugendtreffs, wo viele unterschiedliche Gruppen mitgewirkt haben, war unser Engagement nicht gefragt, obwohl wir einen Sozialpädagogen in unseren Reihen haben, der fachlich etwas hätte beisteuern können. Beim Thema Jugendarbeit sollten wir aber in keinster Weise in Erscheinung treten, auch nicht professionell.
Wie geht Ihr denn innerhalb eurer Szene mit solchen Ausgrenzungserfahrungen um?
Um ehrlich zu sein: Es geht uns mittlerweile am Arsch vorbei. Von uns will gar keiner eine „Hetero-Hochzeit“ oder Kinder adoptieren. Aber wir haben uns immer solidarisch erklärt mit den Forderungen der Community. Und beim CSD laufen wir nur noch bei der Parade in Köln mit. In Dortmund haben wir parallel zum CSD unseren „Lederpott“ veranstaltet, aber viel zu tun hatten wir mit dem Straßenfest nicht. Wir sind auch Anfang des Jahres aus dem Dachverband SLADO ausgestiegen.
Und wieso?
Weil wir uns einfach nicht mehr vertreten gefühlt haben. Für die „anständigen Schwulen“ gehören wir in den Darkroom. Aber den gibt es in Dortmund seit der Sexsteuer auch nicht mehr wirklich. Die hat binnen weniger Jahre einen Laden nach dem anderen ruiniert, obwohl nur die Prostitution damit eingedämmt werden sollte. Tatsächlich wurden alle Betriebe, die die Möglichkeit zum Sex boten, damit getroffen, auch schwule Bars oder Saunabetriebe. Ich nehme an, das war ordnungspolitisch auch so gewollt, um die Stadt schmuddelfrei zu machen. Jetzt ist es hier öde. Für drei Gay-Kneipen kommt kein schwuler Mann aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Selbst beim CSD herrscht tote Hose. Dabei waren wir mal das Oberzentrum für die ganze Region.
Für Dirk gehört der Fetisch zu seiner Identität. (Foto: privat)Wie ist es denn um Ausgrenzung innerhalb der Fetisch-Szene bestellt?
Ausgrenzung gibt es bei uns eigentlich nicht. Im Gegenteil, der Umgang ist sehr herzlich, egal ob du alt oder jung, dick oder dünn bist. Wir machen uns keinen Stress mit solchen Dingen, bei uns steht der Fetisch im Vordergrund. Allerdings ist die organisierte Lederszene in die Jahre gekommen.
Haben denn jüngere Leute keinen Fetisch?
Doch, aber die stehen eher auf Sportswear oder so. Und im Internet kannst du deinen Fetisch diskreter ausleben, da suchst du dir einen passenden Sexpartner für deine Sauereien und keiner kriegt es mit. Du musst das nicht mehr organisiert im Verein tun. Das Sexuelle vollzieht sich in den eigenen vier Wänden. Das kommt vielen entgegen, die Sexualität zur Privatsache erklären wollen.
Dann ist es auch egal, ob du hetero oder homo bist. Die Fetischvereine gründeten sich in ganz anderen Zeiten. Damals ging es um die Sichtbarkeit schwuler Sexualität. Man wollte die Homophobie in der Gesellschaft provozieren. Darin sehen wir auch heute noch unseren Beitrag zur Bewegung, aber das ist nicht mehr gefragt. Die Ziele sind eher konservativ geworden.
Du selbst gehst sehr offen damit um. Warum ist dir das so wichtig?
Ja, ich mache das ganz offen. Mit der Offenheit mache ich mich unangreifbar. Sollen es doch alle wissen! Für mich ist das meine Identität, und die Klamotten brauche ich, um mich selbst zu spüren. In normaler Kleidung fühle ich mich unwohl und verkleidet. Für mich ist das eine Art der Selbstbestätigung. Ich habe lange Jahre heterosexuell gelebt und bin Vater eines Sohnes. Ganz spießig! Mein Coming out als schwuler Mann und als BDSM’ler waren für mich eine unglaubliche Befreiung.
Immerhin lebst du jetzt auch seit 13 Jahren in einer festen Beziehung.
Das ist richtig, wir sind zwei SM-Männer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, führen aber eine offene Beziehung. Auch das wird heute eher verurteilt. Eheliche Monogamie ist angesagt, am besten im Eigenheim und mit Adoptivkind. Wer das möchte, soll das auch tun können. Aber ich habe auf so eine „Knorr-Familie“ keinen Bock.
Knorr-Familie….?
Ja, die heile Familienwelt in der Werbung, wo die Mutti zu Hause mit dem Essen schon auf ihre Lieben wartet. Gibt es dazu ein schwules Pendant? Kommt sicher noch!
Dirk, vielen Dank für das Gespräch und für deine Offenheit.
Ist ein erstes Date also nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung und promisker, schwuler Sex wegen Corona vorerst gar nicht mehr denkbar? Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt. Die Corona-Abstandsregeln haben unsere Möglichkeiten der körperlichen Nähe stark eingeschränkt. Wir haben mit drei schwulen Männern über Ihre Erfahrungen gesprochen und den Experten Marco Kammholz gefragt, welche Auswirkungen der Corona Pandemie er auf schwulen Sex sieht. Um die eigenen Bedürfnisse mit den Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, haben schwule Männer bereits kreative Lösungen entwickelt.
Stefans Selbstdiagnose ist klar und unmissverständlich: „Chronisch untervögelt“ knallt es den Besuchern seines Datingprofils auf Planetromeo entgegen. Normalerweise würden sie dort „Auf der Suche nach Sex“ lesen. Denn Sex, sagt Stefan, „ist für mich keine Freizeitbeschäftigung am Wochenende, sondern mein täglicher Spaß. Der gehört dazu wie morgens meine Tasse Kaffee.“
Von der „kleinen Schlampe“ zur „keuschen Nonne“
Dass ihn seine engsten Freunde liebevoll „kleine Schlampe“ nennen, ist für den Mittzwanziger kein Problem. Stefan steht dazu, dass ihm Sex wichtig ist, und am liebsten mit immer wieder neuen Männern.
Seit Ende März hat Stefan von seinen Freunden nun einen neuen Kosenamen bekommen: „keusche Nonne“. Stefan seufzt betont melodramatisch und sagt dann ganz ernst: „Ich mag zwar eine promiske Schlampe sein, aber ich bin auch nicht blöd. Man muss einfach realistisch sein: Rumvögeln geht derzeit einfach nicht.“
Die Corona-Pandemie hat das Sexleben mancher schwuler Männer zum Stillstand gebracht. Symbolfoto – Foto: Lichtsucht photocase.de
Die Corona-Pandemie hat nicht nur Stefans Sexleben zum Stillstand gebracht. Während der angespannten Wochen ab März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Geschäften war auch das Szeneleben über Nacht auf Eis gelegt. Cafés, Bars und Clubs waren dicht, und damit nicht nur Orte, wo man sich mit anderen LSBTIQ treffen kann. Geschlossen waren auch solche Orte, wo Männer, Sex mit Männern haben können, etwa Saunen oder Darkrooms.
Bisweilen hat Corona das ganze schwule (Sex-)Leben auf den Kopf gestellt.
Tom war gerade in Argentinien, als rund um den Globus die Infektionszahlen zu steigen begannen. Das Praktikum weswegen er nach Südamerika gereist war, musste er abbrechen. Als es kurzfristig die Möglichkeit für einen Rückflug gab, ergriff er die Chance. Es war keine leichte Entscheidung, hatte er sich doch kurz zuvor in einen Argentinier verliebt. Die noch junge Liebe hat über die Entfernung hinweg nicht gehalten. Deshalb war Tom auch nicht der Sinn danach, sich gleich nach anderen Sexpartnern umzuschauen.
Er hat seitdem sehr viel Zeit mit sich allein und ohne Dating-Apps verbracht – und mit sich selbst auseinandergesetzt.
„Mir ist dadurch klar geworden, dass ein Großteil meines Drangs nach Sexualität aus der Notwendigkeit gekommen ist, mir zu beweisen ‚Ich kann es!‘. Man versucht verzweifelt das eigene Ego aufzubauen und Selbstbestätigung zu bekommen, indem man viele Sexpartner hat. Doch anstatt das Selbstbewusstsein aufzubauen, wird es nur noch mehr untergegraben.“
Tom war, wie er sagt, „spät dran mit allem“. Sein erstes Mal hatte er mit 20, „und ich habe mir selbst Druck gemacht, als müsste ich etwas aufholen und damit kompensieren.“ Im Rückblick sieht Tom da einige Entscheidungen, die nicht gut für ihn waren.
Wie Tom geht es gerade vielen schwulen Männern.
Sexualpädagoge Marco Kammholz (Foto: Danny Frede)
Tom ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, weiß Sexualpädagoge Marco Kammholz. Er hat im Rahmen von Workshops in den Sommermonaten mit vielen schwulen, bisexuellen und queeren Männer über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Sexualität gesprochen. „Corona fordert nicht wenigen Schwulen viel ab, gerade auch was die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse angeht“, sagt Marco Kammholz. „Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die in jeder Krise auch gleich eine Chance sehen.“ Gleichwohl beobachtet er immer wieder, dass Teilnehmer seiner Workshops die jetzige Situation nutzen, um mit etwas Abstand zu betrachten, wie sie ihr sexuelles Leben bisher gestaltet haben. „Es zeigt sich dann vielleicht deutlicher, welche Funktion und Bedeutung die eigene Sexualität besitzt. Und wie wichtig oder unwichtig einem Häufigkeit, Partnerwechsel oder eine feste Beziehung sind.“
Weniger ist also unter Umständen mehr; vor allem aber bedeuten weniger Sexpartner – zumindest theoretisch – weniger Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Corona hat die Menschen auf die Zweierbeziehung zurückgeworfen. Und Sex am besten mit dem festen Partner, der festen Partner_in – wenn es diesen Menschen im eigenen Leben denn gibt. Singles haben daher nun eine besonders schwere Zeit. Und Menschen, die ihre Sexualität promisk leben, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „unverantwortlich“ zu sein.
Und Singles, die nach einem festen Partner suchen, stecken derzeit genauso in der Bredouille. Wie viel Nähe im wahrsten Sinne des Wortes lässt man zu? Wie romantisch oder geil kann ein Date mit Mund-Nasen-Schutz oder mit mindestens 1,50 Meter Abstand denn sein?
Totale lsolation ist für Armin auch keine Lösung
„Bei mir gibt’s keine Abstandsregel“, sagt Armin grinsend. „Mir kann jeder so nahekommen, wie er das möchte.“ So arglos allerdings, wie das vielleicht klingen mag, ist Armin keineswegs. Die ersten Wochen hat der Schüler komplett auf Dates verzichtet. In seiner Familie gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Zeitweilig musste er mit seinen Eltern auch in Quarantäne.
Danach hatte er sich aber recht schnell wieder mit Freunden getroffen, um nicht zu vereinsamen oder gar depressiv zu werden, erzählt Armin. „Jeden Tag Krisennachrichten zu lesen, mit so vielen Problemen beschäftigt zu sein und nur allein zuhause zu hocken: Das ist für die Psyche nicht gut.“ Armin hat einen solchen Fall in seinem Freundeskreis erlebt. So schnell wird die Corona-Pandemie nicht vorbei sein, selbst wenn es eine Impfung geben wird, ist sich Armin sicher. „Deshalb ist es wichtig einen Weg zu finden, damit umzugehen. Der Alltag muss ja irgendwie weitergehen“.
Seit die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, lernt Armin andere Jungs nun nicht mehr nur virtuell auf dbna, dem Internetportal für LGBT-Jugendliche, kennen, sondern auch in real life.
Wunsch nach Vorsichtsmaßnahmen offen ansprechen
„Ich vermeide bei Dates aber geschlossene Räume, sondern treffe mich lieber im Freien, weil ich nicht nur mich, sondern auch die anderen Personen schützen will. Mir liegt ja schließlich etwas an ihnen.“
Vor allem hat Armin für sich entschieden, Corona und die damit verbundenen Ängste und Vorsichtsmaßnahmen nicht zu überspielen, sondern einfach offen und ehrlich anzusprechen.
„Wenn ich jemanden gar nicht kenne, frage ich, wie es ihm geht und ob alles ok ist. Ich versuche ihm das Gefühl zu geben, alles aussprechen zu können – egal, ob es eine aktuelle Erkältung oder beispielsweise HIV ist. Dann lässt sich auch ganz unaufgeregt besprechen, wie wie wir uns dazu verhalten wollen.“ Armin ist auch vor Corona schon vorgegangen und hat damit nur gute Erfahrungen gemacht. „Und wenn jetzt jemand hustet, dann gehe ich auf Abstand, aber erkläre das auch, warum ich das mache. Ich habe einfach keinen Bock, wieder in Quarantäne zu kommen.“
Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt.
Nach Dates ist Tom aktuell zwar noch nicht zumute, dafür trauert er noch zu sehr um seine zerbrochene Beziehung. Doch wenn es so weit ist, will es Tom langsam angehen lassen. Also nicht gleich mit dem anderen ins Bett gehen, sondern sich erst ein paarmal zum Kaffeetrinken und Spazierengehen verabreden. Und das auch deshalb, erklärt Tom, um bei diesen Gesprächen ein Gefühl zu bekommen, ob die andere Person sich als so verantwortungsvoll erweist, um dann auch körperliche Nähe wagen zu können.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse.“
Marco Kammholz, Sexualpädagoge
Die Wochen und Monate, in denen Social oder besser Physical Distancing das absolute Gebot der Stunde war, liegen zum Glück hinter uns. Menschliche Begegnungen sind wieder möglich – wenn auch nach wie vor mit mancher Einschränkung. Seien es Spaziergänge oder Café-Besuche. Doch wie stillt man das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit wie das Verlangen nach Sex, wenn es diesen einen – festen – Partner eben (noch) nicht gibt?
Menschen in dieser Situation können da schnell in einen Strudel sich widerstreitender Emotionen und Gedanken geraten, wenn Lust mit Infektionsängste kollidieren und unerfüllte Sehnsucht und Begehren zu Wut, Trauer und vielleicht gar Verzweiflung führen.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse“, sagt Marco Kammholz. Deshalb kann es auch moralisch nicht prinzipiell verwerflich sein, wenn Menschen einen Weg suchen, die Bedürfnisse zu erfüllen – zumal das keineswegs automatisch bedeuten muss, unvernünftig oder gedankenlos zu sein.
lst ein „Corona-Fuckbuddy“ die Lösung?
So mancher hat sich zu einer ganz pragmatischen Lösung entschlossen, mit der sich Schutz und Sex auch ohne feste Beziehung realisieren lassen: durch einen exklusiven „Fuckbuddy“. Ein Kerl also, mit dem man im Zweifelsfalle schon das eine oder andere Mal Sex hatte und dem man vertraut. Der wechselseitige Deal: Wir achten im Alltag auf uns, halten uns an die Corona-Schutzbestimmungen und Sex gibt’s nur mit dem anderen.
Marco Kammholz sieht bei diesem Modell der „Corona-Sexpartner“ zudem noch eine besondere Gelegenheit zur Selbstbeobachtung: „Wer aufgrund der Pandemie die Anzahl seiner Sexpartner reduziert, auf weniger oder nur einen, kann sich die Frage stellen: Wer bleibt eigentlich übrig und was zeichnet diese Männer aus? Also: Was passiert mit dem eigenen sexuellen Leben in der Pandemie?“
Wie schwule, bisexuelle und queere Männer angesichts von Corona ihre sexuellen Bedürfnisse mit den möglichen Infektionsrisiken abwägen, zeigt sich für Kammholz aber auch in anderer Sicht. „So wie der wöchentliche Einkauf stehen für manche ab und an Sexdates oder Cruising im Park an. Beides ist mit Restrisiko verbunden. Warum sollte man sich das eine weniger als das andere erlauben? Ich finde das ist eine gesunde Einstellung“, sagt der Sexualpädagoge.
Fortschrittliche Sexualkultur
Um das Restrisiko noch weiter zu reduzieren, lassen viele bei flüchtigen Kontakten das Küssen und Kuscheln aus und kommen umso schneller zu Sache. Man geht auf die Knie oder bückt sich und gibt dem Coronavirus weniger Chancen. Aber auch Glory Holes erleben gerade eine Renaissance und finden sich neuerdings sogar in manchen Wohnungen – mal als Pappwand oder Loch in einem Vorhang.
„Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft (…) diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Marco Kammholz
„Schwule Männer haben über die Jahrzehnte eine Sexualkultur entwickelt, in der es möglich ist, freier und ungehinderter mit Sex umzugehen.“, stellt Marco Kammholz fest. „Das ist nicht so leicht zu erschüttern. Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft mit den Einschränkungen umzugehen und zugleich diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Auch Online-Sex kann geil sein…
Und ja, die Jungs und Kerle sind durchaus kreativ. „Kleine Schlampe“ Stefan mag in den vergangenen Wochen zwar objektiv betrachtet keusch gewesen sein, aber er war deshalb keineswegs artig. „Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden“, sagt Stefan im Gespräch – ganz zeitgemäß via Zoom-Video-Konferenz – und lacht. Dann hält er eine Pappkiste vor die Kamera und präsentiert seine stattliche Sammlung von Dildos. Die kommen ab und an auch vor der Kamera zum Einsatz. „Warum soll ich mich allein damit vergnügen, wenn mir andere dabei zuschauen können?“.
Wann, wenn nicht jetzt, ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit Cam-Sex zu versuchen oder die eigenen erogenen Zonen auszukundschaften und neue Möglichkeiten probieren, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.
[Anmerkung der Redaktion: Die Interviews wurden im September vor dem Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen im Oktober 2020 geführt.]
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!