Kategorie: Community

  • Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Die „Generation Schwulenbewegung“ kommt in die Jahre. Selbstbewusst nutzen die über 60-Jährigen die Angebote der Homo-Szene – solange die Gesundheit mitspielt. Ein Stimmungsbericht aus Hamburg.

    Altersunterschied Beziehung: Älterwerden in der Schwulenszene

    „Die Szene tue ich mir mit 70 nicht mehr an“, stellt Karl-Heinz klar. Er will nicht mehr in einer Bar auf seinen Traumprinzen warten. „Man muss sich einfach klarmachen: Für die Szene ist man alt, auch wenn man selbst einen ganz anderen Eindruck hat“, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer. „Wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man nicht, wie man altert.“

    Der Verzicht auf Bars fällt dem Single leicht. Sex sucht er eher im Freien, zum Beispiel im Stadtpark. „Mir macht das Jagen Spaß“, sagt Karl-Heinz und lacht. „Die Typen, die ich da abbekomme, würden mich in einer Bar mit dem Arsch nicht anschauen.“

    Neue Wege der Begegnung im Alter

    Cruising kann auch sehr gesellig sein. Bei einem Streifzug durch die Dünen von Ibiza hat Karl-Heinz vor bald 20 Jahren einen fast 20 Jahre jüngeren Mann kennengelernt. Sex hatten sie nicht, aber beim Wiedersehen im Strand-Supermarkt haben sie sich zum Essen verabredet. So lernte Karl-Heinz eine schwule Trekking-Gruppe kennen. Mit ihnen wandert er seitdem jedes Jahr mindestens einmal durch die Mittelgebirge, den Harz kennt er fast auswendig.

    In Homo-Bars geht Karl-Heinz nicht mehr – und ist trotzdem gut vernetzt mit anderen Schwulen. Derzeit organisiert er mit einem Ehrenamtskollegen vom schwulen Infoladen Hein & Fiete eine „Gay History Tour“ durch St. Pauli. So wie Karl-Heinz sind viele ältere Männer in der Community präsent – sie sind es so gewohnt. „Es gibt ein hohes Interesse an spezifischen Beratungs- und Freizeitangeboten für schwule und bisexuelle Männer über 50“, sagt Heiko Gerlach. Der Diplom-Pflegewirt hat gemeinsam mit Christian Szillat schwule Hamburger befragt und die Antworten im Auftrag der AIDS-Hilfe Hamburg ausgewertet. „Männerliebende Männer 50 plus in Hamburg“ heißt ihre Studie, die sie unter anderem auf Radio Pink Channel vorgestellt haben. Eine besondere Generation, finden die beiden Fachleute: Sie seien die Ersten, die ihre Homosexualität relativ offen gelebt hätten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese nun offensiv die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen im Alter einforderten.

    Wenn Gesundheit den Alltag bestimmt

    Solange der Körper mitmacht, geht das schwule Leben jenseits der Fünfzig also fröhlich weiter. Auch Eckhard ist vor ein paar Jahren noch regelmäßig in die Sauna gegangen. Er weiß noch, welche Angebote es gibt: Partner-Rabatt am Freitag, Wellness am Sonntag und mittwochs „40up“ mit Preisnachlass für über 40-Jährige. „Für mich könnte sie schon einen ,70up‘-Tag machen“, sagt Eckhard und lächelt. Die letzten Jahre hat der gelernte Elektriker mehr Zeit im Krankenhaus als in der Sauna verbracht. Nach einer Herz-Operation ist Eckhard 2013 in ein Altenheim in St. Georg gezogen, Abteilung „Regenbogen“. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt Eckhard, „ich bin hier der einzige Schwule weit und breit.“

    Dass er mal Hilfe bräuchte, konnte sich Eckhard lange nicht vorstellen. Sogar seine HIV-Infektion hat er weggesteckt. 1990 bekam Eckhard die Diagnose und hat durchgehalten, bis die ersten Kombinationstherapien verfügbar waren. „Jetzt bin ich seit über zwölf Jahren unter der Nachweisgrenze“, erzählt er stolz. „HIV macht mir keine Probleme – die kamen erst durchs Älterwerden.“ Inzwischen sind einige zusammengekommen. Auf Eckhards Tisch in dem 20 Quadratmeter großen Zimmer liegen akkurat aufgereiht: ein Armband zum Blutdruckmessen, ein Gerät zur Blutzuckerbestimmung, eine Insulinspritze. Des Weiteren ein Asthmaspray und eine Pappschachtel mit Hustenbonbons. „Diese Vielfalt der Beschwerden macht mich kaputt“, sagt Karl-Heinz. „Da habe ich immer im Hinterkopf: Was kommt als nächstes?“

    Schwules Paar mit Altersunterschied: Jibben (68) und Philipp (41) in Hamburg
    Seit 15 Jahren ist Jibben (68) mit Philipp (41) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. „Philipp ist natürlich auch ein Grund, dass ich fit bleibe“, sagt Jibben.

    Altersunterschied Beziehung: Zwei Generationen, ein Alltag

    Auch Jibben macht sich manchmal Sorgen, „dass die Knochen nicht mehr so mitmachen“. Aber davon lässt er sich nicht runterziehen. Sein Gegenmittel: viel machen. Der 68-Jährige betreut drei Websites, darunter das schwul-lesbische Portal hamburg.gay-web.info. „Ich hoffe, dass das ein Grund ist, warum ich oben noch fit bin“, sagt der breitschultrige Mann mit dem weißen Kinnbart und tippt sich dabei an den Kopf. „Philipp ist natürlich auch ein Grund“, fügt Jibben sanft hinzu, „als junger Ehemann, der einen manchmal schon auf Trab hält.“

    Partnerschaft über Altersgrenzen hinweg

    Seit 15 Jahren ist Jibben mit Philipp (41; gemeinsam auf dem Foto zu sehen) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. Beim Straßenfest zum Hamburg Pride sitzen die beiden jedes Jahr im Orga-Container, nehmen Fundsachen an und sorgen per Funkgerät dafür, dass jeder Stand Strom und Wasser bekommt. Von der Szene hat Jibben noch nicht genug. „Das liegt auch daran, dass ich mit 50 zum ersten Mal in eine schwule Bar gegangen bin“, vermutet Jibben. „Im Nachhinein hätte ich gerne früher damit angefangen“, sagt Jibben, „weil ich bestimmt einiges verpasst habe.“

    FAQ: Altersunterschied Beziehung in der schwulen Community

    Beziehungen mit Altersunterschied werfen viele Fragen auf – besonders in der schwulen Community. In dieser FAQ beantworten wir zentrale Fragen zu Partnerschaft, Akzeptanz, Herausforderungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung.

    Was bedeutet ein großer Altersunterschied in einer Beziehung?

    Ein großer Altersunterschied in der Beziehung beschreibt Partnerschaften, in denen mehrere Jahrzehnte zwischen den Partnern liegen. In der schwulen Community ist diese Konstellation vergleichsweise häufig und gesellschaftlich oft sichtbarer als in heterosexuellen Beziehungen.

    Sind Beziehungen mit Altersunterschied langfristig stabil?

    Ja, viele Beziehungen mit Altersunterschied sind stabil und langfristig. Entscheidend sind nicht die Lebensjahre, sondern gemeinsame Werte, gegenseitiger Respekt und ähnliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Der Artikel zeigt, dass solche Partnerschaften über viele Jahre funktionieren können.

    Warum sind Altersunterschiede in der schwulen Szene häufiger sichtbar?

    Historisch bedingt konnten viele schwule Männer ihre Sexualität erst später offen leben. Dadurch entstehen Begegnungen zwischen Generationen häufiger – etwa in der Szene, im Ehrenamt oder über gemeinsame Interessen. Der Altersunterschied in der Beziehung wird dabei oft bewusst akzeptiert.

    Welche Herausforderungen bringt eine Beziehung mit Altersunterschied mit sich?

    Unterschiedliche Lebensphasen, gesundheitliche Themen oder gesellschaftliche Erwartungen können Herausforderungen darstellen. Gleichzeitig berichten viele Paare, dass Offenheit und Kommunikation helfen, diese Unterschiede konstruktiv zu überbrücken.

    Spielt das Alter in der schwulen Community heute noch eine große Rolle?

    Das Alter spielt weiterhin eine Rolle, etwa bei Zugang zur Szene oder bei körperlichen Erwartungen. Dennoch zeigt sich zunehmend, dass starre Altersgrenzen an Bedeutung verlieren – insbesondere in Beziehungen, in denen Nähe und Vertrauen wichtiger sind als Zahlen.

    Wie wird der Altersunterschied in der Beziehung von außen wahrgenommen?

    Die Wahrnehmung ist unterschiedlich. Während manche Paare mit Vorurteilen konfrontiert werden, erleben andere viel Akzeptanz. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich geöffnet, und Beziehungen mit Altersunterschied werden heute differenzierter betrachtet als früher.

    Stimmen aus der Community

    Berichte, Erfahrungen und Perspektiven rund um Liebe, Älterwerden, Gesundheit und Zusammenhalt in der Community.

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  • Max (21): „lch bin nicht anders als andere schwule Jungs“

    Max (21) über sein Leben mit der HIV-Infektion
    Foto: Privat

    Max ist 21 Jahre alt, studiert in Jena und hat sich vor mehr als einem Jahr als HIV-positiv geoutet. Er ist froh über diese Entscheidung und würde sich wünschen, dass noch mehr positive Jungs sagen, dass sie HIV haben. Ein Gespräch über unbegründete Sorgen, den Punkt an dem Internet-Dating unsexy wird und was ein Bericht über die „Testhelden“-Kampagne von ICH WEISS WAS ICH TU bei ihm auslöste

    Wie offen lebst du in der schwulen Szene mit HIV?
    Ziemlich offen. Das hier ist nicht das erste Interview, das ich darüber gebe und die allermeisten Menschen in meinem direkten Umfeld wissen Bescheid. Wenn Datingportale die Möglichkeit anbieten, den HIV-Status anzugeben, dann mache ich das auch. Oder ich spreche es an, wenn es nötig wird. Aber, es ist auch nicht das Erste, was ich Menschen über mich erzähle. Obwohl es inzwischen schon merkwürdig ist, wenn es Leute nicht wissen.

    Was meinst Du damit?
    Ein offener Umgang damit, dass ich positiv bin, macht Sachen, Gespräche und den generellen Umgang mit Anderen einfach unkomplizierter. Die Hürde ist weg, alle wissen Bescheid und damit ist es auch gut. Wenn dann einer dazu kommt, der es nicht weiß, entsteht oft Erklärungsbedarf. Das verkompliziert dann die Situation wieder und das Thema rückt in den Vordergrund. Und das löst dann Unbehagen aus, was eigentlich gar nicht notwendig ist.

    „Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.“

    Ist es dir leichtgefallen, dich auch öffentlich zu outen?
    Mein öffentliches Outing kam so zustande: Ich habe einen Bericht auf einer Website über diese Kampagne „Testhelden“ gelesen, der mich beeindruckt hat. Daraufhin hab ich den Autor kontaktiert, um ihm das zu sagen. Der hat dann gemeint: „Könntest Du dir vorstellen, selbst öffentlich über deine Infektion zu sprechen?“ Und das konnte ich. Ich hatte gar nicht so viel Angst davor. Es gibt viel zu wenig Menschen, die das tun. Und deswegen wissen viele andere Menschen nicht, dass das Leben der meisten Positiven auch nicht großartig anders ist, als das von Negativen. Und ich bin immer noch froh, es getan zu haben. Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.

    „Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin.“

    Wie reagieren andere Menschen darauf, wenn Du ihnen sagst, dass du positiv bist?
    Gerade heute, wo mein HIV-Status für mich selbst schon ganz normal geworden ist, bin ich immer wieder überrascht davon, wieviel Sorgen sich manche machen. Nicht davor, sich bei mir zu infizieren. Darüber wissen die Allermeisten ganz gut Bescheid. Aber viele denken immer noch, ich würde jetzt ja wohl irgendwann krank werden und dann viel zu früh sterben, oder sowas. Und denen dann klar zu machen, dass es mir echt gut geht und ich durch HIV eigentlich überhaupt nicht beeinträchtigt bin, ist nicht immer einfach. Das nervt ab und zu dann doch. Beim Dating im Internet kommt die Sache auch irgendwann zur Sprache, und viele reagieren mit großer Selbstverständlichkeit. Aber einige auch nicht. Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin. Das macht die Sache dann aber schnell unsexy, leider.

    Angst vor Stigmatisierung unter jungen Positiven

    Kennst du andere junge Positive? Wie gehen die mit ihrer Infektion um?
    Ich studiere in einer kleineren Stadt, die Szene hier ist nicht riesig. Nach meinem öffentlichen Outing haben sich einige Bekannte dann bei mir geoutet. Und was ich generell so mitbekomme, ist, dass es inzwischen einige junge Positive gibt, die ganz offen sind. Aber viele andere wollen nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird und sprechen nur mit wenigen anderen Menschen darüber.

    „Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema.“

    Woran liegt das deiner Meinung nach?
    Naja, die haben Angst vor Stigmatisierung. Und die ist ja auch nicht ganz unberechtigt. Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema. Der allgemeine Informationsstand zum Leben von HIV-Positiven ist nicht berauschend und da entstehen leicht Vorurteile und Gerüchte, die einem das Leben schwerer machen. Viele haben auch Angst, sich ihre berufliche Zukunft zu verbauen, wenn bekannt wird, dass sie positiv sind.

     

    Max (21), Student in Jena, Thüringen
    Foto: Privat

    „Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen.“

    Und was können wir alle gemeinsam dagegen tun?
    Gute Frage. Wenn Positive offen mit ihrer Infektion umgehen, haben Negative eine Chance, aus erster Hand zu erfahren, dass ein Leben mit HIV 2017 nicht mehr bedeutet, dass man krank ist. Wir leben völlig normal und es gibt keine sichtbaren Unterschiede zwischen Positiven und Negativen mehr. Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen. (lacht) Und sich besser informieren, damit Stigma vorgebeugt wird, bevor es passiert.

    Wie wirkt sich HIV heute auf dein Leben aus?
    Ich nehme jeden Tag zwei Tabletten, das war’s. Das ist inzwischen aber auch automatisiert, wie Zähneputzen, und nichts, worüber ich noch nachdenke. Abgesehen davon bin ich wahrscheinlich auch nicht anders als viele 21-Jährige schwule Jungs überall auf der Welt.

     

     

    Mehr zum Leben mit HIV findet Ihr übrigens auf iwwit.de!

  • Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Die Deutschen werden immer älter, und das betrifft in besonderer Weise schwule Männer, die im Alter meist ohne Familie dastehen – und ohne Kinder, die sich um sie kümmern. Noch immer gibt es in Deutschland zu wenig Wohnprojekte für homosexuelle Senioren. Ein Lichtblick ist das erste Mehrgenerationenhaus, das in Berlin im Frühsommer eröffnet hat.

    Seit Peters HIV-Diagnose sind bald 30 Jahre vergangen. 70 ist der Waliser inzwischen, hat viele Freunde und Bekannte an AIDS sterben sehen. Bis zu seinem Schlaganfall vor gut einem Jahr lebte er im Hamburger Stadtteil St. Georg. Aber für den Rollstuhl war der Fahrstuhl zu klein, Peter musste nach Alternativen suchen. Er recherchierte gezielt nach schwulen Wohnprojekten, weil er nicht in eins der üblichen Altenheime wollte. Doch in Hamburg hat er nichts gefunden, nicht mal in London. Erst in Berlin wurde er fündig. Im „Lebensort Vielfalt“ hat er jetzt ein Zimmer in der Pflege-WG.

    Mehrgenerationenhaus Berlin – ein Wohnprojekt mit Vielfalt und Gemeinschaft

    Das Charlottenburger Mehrgenerationenhaus ist erst vor wenigen Monaten eröffnet worden. Auf insgesamt fünf Stockwerken gibt es 24 Wohnungen in verschiedenen Größen – meist rollstuhlgerecht und mit barrierefreien Bädern ausgestattet – sowie Eröffnung Lebensort eine WG für Pflegebedürftige. Männer zwischen 31 und 85 leben hier. Neben Garten, Gemeinschaftsraum und einem Café verfügt der Lebensort Vielfalt auch über die deutschlandweit größte Verleih-Bibliothek mit Büchern, Broschüren etc. zum Thema LGBTIQ; auch die Schwulenberatung – Träger des Projektes – ist mit im Haus.

    Gemeinsam alt werden: Erfahrungen von Bewohnern im Lebensort Vielfalt

    Erste Überlegungen für ein solches Wohnprojekt gab es schon vor fast zehn Jahren – doch mal scheiterte es am Geld, mal bot eine Wohnungsbaugesellschaft Objekte in wenig attraktiven Gegenden an.

    „Da wollte doch niemand hinziehen!“, sagt der 67-jährige Bernd Gaiser, der nun wie mehr als 30 Bewohner des Lebensorts Vielfalt in zentraler Lage in Charlottenburg eine Heimat gefunden hat. Der Mietersprecher erklärt, dass das Mehrgenerationenhaus allen offen steht: Homos und Heteros, egal welchen Geschlechts. Wobei die fünf Frauen hier eindeutig in der Minderzahl sind, und es ist lediglich eine Lesbe darunter. Es gab auch mal Pläne, in einer der größeren Wohnungen eine WG für transidente Menschen unterzubringen, doch die potentiellen Bewohner haben sich vor dem Einzug zerstritten. Sogar eine Heterofamilie hatte sich mal für eine der Wohnungen interessiert – woran es letztlich scheiterte, weiß man nicht. Vielleicht wollte man den 17-jährigen Sohn nicht einer Horde schwuler Männer überlassen, mutmaßen Bernd und seine Nachbarn Klaus und Jürgen süffisant.

    Etwa die Hälfte der Bewohner hat HIV. Zu ihnen gehören auch der 48-jährige Klaus und sein Partner. Am Lebensort Vielfalt schätzt Klaus, dass er bei Gesprächs- oder Informationsbedarf sehr kurze Wege hat – die psychosoziale Beratung befindet sich ja im selben Haus. Mit seinem Partner ist er erst vor kurzem aus Hessen nach Berlin gezogen. Zwar gab es auch in Frankfurt mal Pläne für ein ähnliches Projekt, doch das „PfleGAYheim“ wurde nie Realität.

    Der Lebensort Vielfalt ist einmalig – etwas vergleichbar Großes muss man sehr lange suchen. Ein „europaweit einzigartiges Modellprojekt“, nannte es darum der Regierende Bürgermeister Wowereit bei der Eröffnung. Sechs Jahre dauerten die Vorbereitungen, anderthalb Jahre wurde gebaut. Insgesamt wurden rund sechs Millionen Euro investiert, über die Hälfte der Mittel kam von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

    Wohnen im Alter: Kosten, Barrieren und queere Alternativen in Deutschland

    Die Mieten liegen hier im kiez-üblichen Durchschnitt. Bernd zahlt für seine 47 Quadratmeter 611 Euro warm. Allerdings wohnt er auch ganz oben in einem hübschen Maisonette-Apartment – die Wohnungen in der 3. und 4. Etage sind etwas günstiger. Sein Nachbar, der 67-jährige Jürgen, hat sich vor seinem Einzug bei verschiedenen Berliner Einrichtungen erkundigt. Aber Monatsbeiträge bis zu 1.700 Euro haben ihn abgeschreckt – etwaige Pflegeleistungen noch nicht eingerechnet. Aber es gibt auch die andere Seite – nicht jeder kann sich den „Lebensort Vielfalt“ leisten. Viele Interessenten sind wegen der Mietpreise abgesprungen. So kam Jürgen recht schnell an seine Wohnung – denn ursprünglich belegte er auf der langen Warteliste den 76. Platz.

    Man findet bundesweit wenig geglückte Projekte, die vergleichbar sind. In Dresden hat man versucht, ein schwul-lesbisches Wohnprojekt zu etablieren. Laut Mitinitiator Horst Rasche musste man sich aber von der Idee verabschieden, weil man nicht genügend Mieter fand. „Jüngere Leute sind kaum für ein Wohnprojekt zu interessieren, während die älteren sich schwer tun. Sie sind oft nicht geoutet oder sogar noch verheiratet.“ Heute sind nur drei der insgesamt 14 Bewohner des Hauses homosexuell.

    Älterer Mann in Werbeanzeige für das Mehrgenerationenhaus Berlin
    Lebensort Vielfalt in Berlin bei seiner Eröffnung am 8.06.2012

    In Köln gibt es die Villa Anders. Das gemeinnützige Wohnprojekt richtet sich an Lesben, Schwule und Transgender. Willkommen sind Singles und Paare ebenso wie Regenbogen-Familien. In München wurde 2010 in zentraler Lage die rosaAlternative eröffnet kurz: „rosaAlter“. Die Wohngemeinschaft verfügt über fünf Einzelzimmer von ca. 17 qm sowie zwei Paarzimmer, die etwa 32 qm groß sind. Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt. Das Projekt wird von der AIDS-Hilfe betrieben, sie sich im selben Haus befindet. Für die Bewohner – gegenwärtig wohnen hier ausschließlich Männer mit HIV – hat das einen großen Vorteil. Grundsätzlich steht das Projekt aber allen offen, die hier wohnen möchten, sagt Manuel Otten, der als Sozial-Pädagoge bei der AIDS-Hilfe arbeitet und als Moderator für die Belange der Bewohner zuständig ist.

    Mehrgenerationenhaus Berlin als Modellprojekt für würdevolles Altern

    Neben der WG gibt es im Obergeschoss das Angebot für Betreutes Wohnen. „Bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium kann einfach innerhalb des Hauses gewechselt werden“, sagt Otten. „Das funktioniert aber auch umgekehrt. Wir hatten mal einen Bewohner, der in der Krankenwohnung mit Dauerbetreuung so gute Fortschritte gemacht hat, dass er schließlich in die WG umziehen konnte.“

    Das Betreuungs- und Pflegeangebot ist aber nicht der einzige Vorteil, den Otten sieht. Homosexuelle haben es in „normalen“ Altersheimen oft nicht leicht, wie er aus Erzählungen von Bewohnern weiß. „Manchmal landen ältere schwule Männer in einem Doppelzimmer mit einem wenig toleranten Zimmergenossen, der sich mit einem Vorhang abschirmt, um mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Ein schwuler Senior bekam mit seinem Zimmergenossen Probleme, als er das Bild seines verstorbenen Partners neben seinem Bett aufstellte. Manchmal ist es aber auch nur die Situation, wenn ein älterer Schwuler mit drei alten Damen beim Essen am Tisch sitzt – kommt das Gespräch auf die Enkelkinder, kann er nur sehr eingeschränkt teilnehmen.“

    Um solche Situationen zu vermeiden, gibt es Wohnprojekte wie „rosaAlter“, die ein würdevolles Altern ermöglichen; niemand soll sich ausgegrenzt fühlen. Auch das Berliner Mehrgenerationenhaus will Menschen unabhängig von Geschlecht, Orientierung und Alter eine Heimat bieten, und der Lebensort Vielfalt ist eine besondere Erfolgsgeschichte: Auf der Warteliste stehen momentan 230 Namen, und die Liste wird ständig länger. Vielleicht wird man irgendwann ein zweites Haus hinzukaufen.


    Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Alt werden und Mehrgenerationenhaus Berlin

    In diesem FAQ-Bereich findest du Antworten auf wichtige Fragen rund um das Thema alt werden in Gemeinschaft, Mehrgenerationenhaus Berlin, sowie unterstützende Angebote, Anlaufstellen, Tipps und Tricks für queere Senior*innen und alle, die eine alternative Wohnform im Alter suchen.

    Was ist ein Mehrgenerationenhaus und wie hilft es beim Alt werden?

    Ein Mehrgenerationenhaus ist ein Wohnprojekt, in dem Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam leben. Es fördert soziale Netzwerke, gegenseitige Unterstützung und Gemeinschaft, wodurch das Alt werden ohne Einsamkeit erleichtert wird – gerade wenn familiäre Strukturen fehlen.

    Wer kann im Mehrgenerationenhaus Berlin wohnen?

    Das Mehrgenerationenhaus Berlin (Lebensort Vielfalt) ist ein Wohnprojekt mit Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, Café und Beratungsangeboten. Es richtet sich an Menschen, die nicht allein alt werden möchten, und ist offen für verschiedene Altersgruppen und Orientierungen, mit besonderem Fokus auf queere Lebensentwürfe.

    Wie finde ich freie Plätze im Mehrgenerationenhaus Berlin?

    Aktuell gibt es Wartelisten:
    👉 Interessierte können sich direkt bei Lebensort Vielfalt Berlin melden und sich auf die Warteliste setzen lassen. Die Nachfrage ist hoch, daher lohnt sich eine frühzeitige Anfrage.

    Gibt es weitere Wohnprojekte für schwule oder queere Senior*innen in Deutschland?

    Ja – neben Berlin gibt es/gab Ansätze in Städten wie:
    Villa Anders (Köln) – Wohnprojekt für Lesben, Schwule, Trans & Regenbogenfamilien
    rosaAlter (München) – Wohnform mit betreutem Wohnen

    Tipp: Regionale LSBTIQ-Beratungsstellen kennen oft lokale Initiativen und Wohnangebote.

    Welche staatlichen oder sozialen Anlaufstellen helfen beim Wohnen im Alter?

    Pflegestützpunkte Berlin – Beratung zu Pflege & Wohnformen
    Queere Beratungsstellen (z. B. Schwulenberatung Berlin) – Unterstützung für LSBTIQ-Personen
    Seniorenvertretungen – Informationen zu Wohnprojekten
    Pflegeberatung der Krankenkassen – Infos zu Wohn- & Pflegeformen
    AWO – Beratungsstellen zur Seniorenhilfe
    LSBTIQ-Beratungsnetzwerke – Unterstützung, Vernetzung, Projektinfo

    Wie beantrage ich Pflege oder Unterstützung im Mehrgenerationenhaus?

    Die Pflegeleistungen werden meist über die Pflegekasse beantragt:
    1 Antrag bei der Krankenkasse stellen
    2 Pflegegrad feststellen lassen
    3 Beratungsgespräch bei einem Pflegestützpunkt wahrnehmen
    4 Leistungen (z. B. Betreuung, Haushaltshilfe) kombinieren
    Tipp: Viele Wohnprojekte arbeiten mit externer ambulante Pflege zusammen.

    Gibt es finanzielle Unterstützung für Menschen mit geringer Rente?

    Ja, mögliche Hilfen sind z. B.:
    Wohngeld
    Grundsicherung im Alter
    Pflegegeld / Betreuungsleistungen
    Leistungen nach SGB XII
    Beratung dazu bieten Pflegestützpunkte, Sozialämter und Wohlfahrtsverbände.

    Wie kann ich mich über queere Angebote im Alter informieren?

    Empfohlene Ressourcen:
    Schwulenberatung / Lesbenberatung vor Ort
    LSBTIQ-Netzwerke online
    Pflegestützpunkte
    LGBT Senior*innen-Foren
    Wohnprojekt‑Netzwerke

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  • Bezugsperson und Vertrauter

    Bezugsperson und Vertrauter

    Ehrenamt: Bezugsperson und Vertrauter
    © SP-PIC – Fotolia.com

    Theo (Name geändert) ist 42 Jahre alt. Seit neun Jahren engagiert er sich ehrenamtlich bei der Berliner Aids-Hilfe als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV. Ein Porträt von Moritz Krehl

    1998 bekommt Theo die Diagnose „HIV-positiv“ – ein Schock.

    Fünf Jahre später tritt er freiwillig aus dem kirchlichen Dienst aus und geht nach Berlin, um dort sein Glück zu finden. Die Trennung von seinem damaligen Freund, berufliche Turbulenzen und nur wenige soziale Kontakte  führen ihn allerdings zunächst in die Einsamkeit. So schwer hatte Theo sich den Start nicht vorgestellt. Aber anstatt zu resignieren und zu Hause zu sitzen, bis er depressiv wird, geht er zur Berliner Aids-Hilfe, kurz BAH, um sich ehrenamtlich zu engagieren – für ihn ein Weg aus der Isolation.

    Die BAH hat zehn bis fünfzehn Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement möglich ist.

    Theo entscheidet sich für die „Begleitung“. Dort gibt es drei Gruppen: Die Ehrenamtler von „Freunde im Krankenhaus“, kurz die FRIKS, begleiten Aids-Patienten, die langfristig im Krankenhaus liegen müssen. Die in der „emotionalen Begleitung in Haft“ Engagierten treffen sich regelmäßig mit HIV-infizierten oder aidskranken Häftlingen. Theo arbeitet in der dritten Gruppe, der „emotionalen Begleitung“. Auch hier geht es darum, Menschen mit HIV auf ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, Bezugsperson und Vertrauter zu sein.

    Die „Begleitung“ wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen, in den schlimmsten Zeiten der Aidskrise.

    Schon damals haben die Ehrenamtlichen HIV-Positive, aber vor allem Aidspatienten begleitet –bis zu deren Tod. Damals war das also oft Sterbebegleitung, das Ende des begleiteten Wegs war von Anfang an vorbestimmt.

    Auch heute nehmen Begleiter wie Theo HIV-Positive und Aidskranke an die Hand und schenken ihnen ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit. Anders als früher ist das Ende aber nicht mehr vordefiniert, dank der modernen Medikamente. Heute entscheidet sich in intensiven Gesprächen zwischen Begleiter, Begleitetem und Aidshilfe-Mitarbeiter sowie in der Supervision, wann die Begleitung sinnvoll beendet wird. Meistens ist das ein Zeitpunkt, an dem die Krise des Begleiteten überwunden ist oder an dem deutlich wird, dass die Begleitung die angestrebten Ziele nicht erreichen kann. So kann der gemeinsame Weg kurz sein, sich aber auch über viele Jahre erstrecken.

    Nicht geändert hat sich hingegen, dass Aids oft ins soziale Abseits führt.

    Die Krankheit isoliert die Patienten, sie vereinsamen. Resignation, Depressionen und Lethargie sind häufige Folgen, wobei Theo davon überzeugt ist, dass eine HIV-Diagnose selten neue Probleme schafft, sondern eher psychische Veranlagungen verstärkt – so wie es bei kritischen Lebenssituationen vorkommen kann.

    Um der Isolation entgegenzuwirken, haben die Begleiter mindestens einmal pro Woche mit ihren Klienten Kontakt; bevorzugt persönlich, manchmal aber auch nur am Telefon. Und obwohl Theo wie die meisten Begleiter berufstätig ist und wenig Zeit hat, verbringt er alle zwei Wochen sogar den ganzen Samstag mit seinem aktuellen Klienten Benjamin (Name geändert), um mit ihm einen Ausflug zu machen, einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach nur mit ihm zu reden und ihm zuzuhören.

    Der aidskranke Mann ist ungefähr so alt wie Theo selbst – und erst sein zweiter Klient in neun Jahren. Theo begleitet Benjamin seit mittlerweile vier Jahren. Man merkt, dass Theo Benjamins Schicksal nahegeht, aber auch, dass es ihm egal ist, woher er kommt und wie er in diese Lage gekommen ist. Theo urteilt nicht, ihm geht es um den Menschen und den Weg, der vor ihm liegt. „Ich will ihm helfen, sein Leben zu erleben.“

    Was hat Theo das Engagement in der Berliner Aids-Hilfe gebracht, und warum engagiert er sich nach wie vor?

    Er hat Anschluss gesucht und gefunden, sagt er. Die Supervisionsgruppe gab ihm Halt. Und er hat in der BAH Freunde gefunden, ein gutes Netzwerk, auf das er nicht mehr verzichten will. Außerdem bietet ihm die Arbeit „eine soziale Alternative zum verkopften Schreibtischleben“ und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und nicht zuletzt lernt er viel über sich selbst. In gemeinsamen Supervisions-Sitzungen spricht Theo mit den anderen über seine persönlichen Probleme und über schwierige Momente in der Begleitung. „Oft kommt dann ein Feedback, das mich nachdenklich macht und wodurch ich mich persönlich weiterentwickeln kann.“

  • positive stimmen 2.0

    positive stimmen 2.0

    „Vorurteile gegenüber Menschen mit #HIV beeinträchtigen mein Leben“

    Auf die Hälfte der Menschen mit HIV, die bei der Studie „positive stimmen 2.0“ befragt wurden, trifft diese Aussage zu. Heute haben wir die Ergebnisse des partizipativen Forschungsprojekts vorgestellt. Deutlich wird, dass Leben und Alltag von Menschen mit HIV viel mehr von Diskriminierungserfahrungen eingeschränkt werden als von den gesundheitlichen Aspekten der Infektion. Fazit: Ein gutes Leben mit HIV ist medizinisch möglich – der gesellschaftliche Umgang hinkt hinterher.

    💡 Weitere Infos, die Ergebnisse und darauf aufbauende Handlungsempfehlungen findet ihr auf

    www.positive-stimmen.de

    ➡ Die Pressemitteilung findet ihr unter https://www.aidshilfe.de/…/leben-hiv-heute-vorurteile…

    Menschen mit HIV sind häufig von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen.

    Bei ihnen kann die wahrgenommene und verinnerlichte Stigmatisierung sowie die erlebte Diskriminierung zu erheblichen Auswirkungen in Bezug auf die Lebensqualität und Gesundheit führen – die Ergebnisse von „positive stimmen 2.0“ untermauern dies.

    Stigmatisierung und Diskriminierung

    Gleichzeitig stellt Stigmatisierung das größte Hindernis für die HIV- Prävention dar. Denn (befürchtete) Ausgrenzung und stigmabedingte Krankheitstheorien (bspw. Annahmen über sogenannte Risikogruppen
    und Übertragungswege) wirken sich zum einen auf die Bereitschaft aus, sich auf HIV testen zu lassen und zum anderen wird der HIV-Test Personen, denen kein Risiko zugeschrieben wird – insbesondere Frauen
    über 40 Jahre – nicht aktiv angeboten. Somit tragen Stigmatisierung und Diskriminierung dazu bei, dass auch heute noch in Deutschland ca. 1/ 3 der HIV-Infektionen erst in einem späten Stadium festgestellt werden und die Menschen hierdurch deutliche gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, da sie nicht von einer rechtzeitigen HIV -Therapie profitieren können.

    Intersektionale Aspekte

    Intersektionale Aspekte spielen auch in Bezug auf HIV eine große Rolle. Von Beginn an wurde HIV zu einer Infektion der „Anderen“ gemacht. So wird HIV – unabhängig von statistischen Tatsachen – vor allem Gruppen zugeschrieben, die auch schon vor Beginn der HIV-Pandemie stigmatisierte Gruppen waren wie „promiskuitive“ schwule Männer, Sexarbeiter*innen, Drogengebrauchende oder Schwarze Menschen. Zudem erleben viele Menschen mit HIV Stigmatisie-
    rung nicht nur aufgrund ihrer HIV-Infektion, sondern auch aufgrund anderer Stigmatisierungsmerkmale, z. B. als schwuler Mann, als trans*-Person, als Black or Person of Color, als Frau, drogengebrauchende
    Person oder Sexarbeiter*in.

    Diese Stigmata überlagern sich nicht nur, indem sie zu „mehr“ Stigma-
    tisierung und Diskriminierung führen, sondern sie sind miteinander verwoben und führen zu spezifischen Stigmatisierungserfahrungen und Benachteiligungen. So unterscheidet sich das Leben eines HIV-positiven schwulen jungen cis-Mannes, der aus der Mittelschicht kommt und einen Hochschulabschluss hat, möglicherweise weniger von dem eines
    HIV- negativen Mannes, während eine HIV-positive Schwarze Frau ohne Aufenthaltsgenehmigung und Krankenversicherung wahrscheinlich Schwierigkeiten haben wird, an die lebenswichtigen Medikamente zu kommen und für ihre Gesundheit zu sorgen.

    www.positive-stimmen.de

  • „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    Im September gibt es in Hamburg erstmals einen eigenen Pride für bi+sexuelle Menschen. Miterfinder Frank Thies erzählt uns im Interview, warum die Demo wichtig ist – und warum er sich als Bisexueller oft unsichtbar fühlt.

    Frank, beim Bi+Pride sollen mal Bisexuelle wie du im Mittelpunkt stehen. Warum?

    Weil Bisexualität oft unsichtbar ist. Wenn man zwei Männer auf der Straße Händchen halten sieht, denkt man: „Ach, die sind schwul.“ Wenn sich zwei Frauen küssen, denkt man: „Ah, die sind lesbisch.“ Wenn man einen Mann und eine Frau so sieht, denkt man erstmal gar nix. Vielleicht aber: „Die sind hetero, logisch!“ Aber alle sechs beobachteten Menschen könnten bisexuell sein. Das hat man oft nicht im Kopf.

    Warum ist das so?

    So funktioniert unsere Gesellschaft: Wir stecken Leute gern in Schubladen. Und wenn jemand einen gleichgeschlechtlichen Menschen liebt, packen wir das in die Schublade „schwul“ oder „lesbisch“. Das ist dann wie hetero – nur ein bisschen anders. Dann passt das wieder. Aber wenn jemand die Schubladen wechselt, haut es einem diese schöne Ordnung um die Ohren, und das will man nicht. Bisexuelle stellen Schubladen in Frage!

    Was fordert ihr beim Bi+Pride?

    Viele unserer Forderungen decken sich mit denen der CSDs. Wir demonstrieren zum Beispiel für eine Reform des Transsexuellengesetzes und für eine Aufhebung des Blutspendenverbots für Männer, die Sex mit Männern haben. Spezifisch ist die Forderung nach mehr Sichtbarkeit und die, dass in der Schule auch über Bi- und Pansexualität aufgeklärt wird. Weitere wichtige Punkte: Bisexualität soll wissenschaftlich besser erforscht, und Projekte für Bisexuelle sollen gefördert werden.

    Was wünscht ihr euch von euren Verbündeten in der queeren Community?

    Es wäre toll, wenn das „B“ in LGBTIQ immer mitgedacht würde. Oft kommt es unter die Räder. Zum Beispiel am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*, Inter*- und Asexuellen-Feindlichkeit, der hieß anfangs IDAHO, dann IDAHOT, später IDAHOBIT. Aber dann taucht plötzlich ein Begriff auf wie IDAHIT – und das B ist wieder rausgefallen. Viele Organisationen reagieren sehr konstruktiv, wenn man sie darauf hinweist. Aber in diesem Jahr habe ich auch schon gehört: „Das ändern wir jetzt nicht mehr!“

    Vielleicht halten euch Homos für Fast-Heteros, die weniger diskriminiert werden…

    Ja, tatsächlich höre ich öfter: „Ihr gehört ja nicht richtig zur Community. Wenn’s schwierig wird, flüchtet ihr euch wieder auf die Hetero-Insel.“ Es gibt immer solche und solche. Es geht zwar nicht um einen Wettbewerb, wer am meisten diskriminiert wird, aber Bisexuelle und Pansexuelle bekommen es gleich von zwei Seiten ab: Ablehnung von Heterosexuellen, aber auch aus der eigenen queeren Community. Nicht ohne Grund sagen Statistiken, dass Bisexuelle noch mehr gesundheitliche Belastungen haben. Viele haben Angst, sich zu outen.

    Frank Thies hisst Flagge der bisexuellen Menschen an Fahnenmast auf grüner Wiese.
    Frank Thies beim Hissen der Fahne der bisexuellen Menschen. (Foto: Privat).

    Du selbst bist nicht nur privat out, sondern auch als Lehrer an deiner Schule. Wie kam es dazu?

    Vor einigen Jahren hat mich eine Schülerin der 6. Klasse auf einer Klassenfahrt direkt gefragt: „Sind Sie schwul?“ Als ich sie fragte, wo sie die Info her habe, antwortete sie: „Das sagen alle hinter Ihrem Rücken.“ In der Situation hab ich erstmal nein gesagt. Das stimmte zwar, war aber nur die halbe Wahrheit. Nach Beratung mit einigen Menschen habe ich mich ein paar Wochen später offiziell vor dieser Klasse als bisexuell geoutet.

    Wie hast du das in Worte gefasst?

    „Ich habe gehört, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird. Das ist nicht in Ordnung. Ich kann mich zwar in verschiedene Geschlechter verlieben – aber mit euch hat das nichts zu tun. Damit ist das Thema für mich beendet.“

    Wie ist deine Klasse mit der Info umgegangen?

    Eine Schülerin hat sehr hart reagiert. Sie rief: „Das ist ja eklig!“ und wollte die Klasse verlassen. Das war gut, denn so konnte ich direkt darauf reagieren und allen eine Grenze aufzeigen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sowas nicht noch einmal erleben möchte. Das Gute an diesem Eklat: Seit der deutlichen Aussprache hatte ich mit der Schülerin ein besseres Verhältnis als je zuvor.

    Woran machst du das fest?

    Nur ein Beispiel: Ein halbes Jahr nach meinem Coming-out lagen wüste Beleidigungen gegen mich im Kummerkasten. Als ich das öffentlich gemacht hatte, kam diese Schülerin mit einigen Freundinnen zu mir, um sich zu distanzieren. Sie wollten mir von sich aus sagen, dass sie auf meiner Seite stehen.

    Halten auch deine Kolleg*innen an der Schule zu dir?

    Lange Zeit war es mir nicht ganz klar, da ich mich ja nicht auf einer Konferenz vor allen geoutet habe. Ich weiß nicht, ob sich die Nachricht damals aus meiner Klasse wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Da ich dann irgendwann mit meiner Frau verheiratet war und mit ihr zwei Kinder habe, wurde ich lange nicht als queer wahrgenommen. Aber nachdem ich mich in einem Beitrag für Die Zeit als bisexuell geoutet habe, haben mir diverse Kolleg*innen gesagt, wie toll sie es finden, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Auch die Schulleitung steht hinter mir und hat mich zum Diversitätsbeauftragten befördert.

    Die Kampagne #teachout will Lehrer*innen Mut machen, sich ebenfalls zu outen. Auch da engagierst du dich. Wieso?

    Je mehr Lehrkräfte selbstbewusst out sind, desto einfacher wird das Coming-out für all jene, die noch große Angst davor haben. Jede Person muss es für sich selbst entscheiden – das ist ganz klar. Aber Lehrkräfte haben auch eine Vorbildfunktion und einen Bildungsauftrag. Deshalb ist es wichtig, dass sie out sind. Zudem ist nachgewiesen, dass Leute, die – in einem sicheren Umfeld – geoutet sind, gesünder und zufriedener sind, weil sie sich nicht mehr verstecken müssen.

    Wie kam #teachout zustande?

    Alles begann mit der Aktion #actout, mit der sich viele Schauspieler*innen geoutet haben. Ein Grundschullehrer hat darauf reagiert und sich auf Instagram mit dem Hashtag #teachout als schwul geoutet. Zwei Lehrerinnen haben das Wort aufgegriffen. Als ich davon las, hab ich sie angeschrieben, ob wir daraus nicht was Größeres machen sollten. Mit dabei waren die lesbischen Lehrerinnen Gun und Annika sowie die asexuelle, non-binäre, bisexuelle Lehrkraft Julia. So wurden wir vier zum Gründungsteam. Der Erfinder des Hashtags ist einverstanden, will aber nicht mehr in der ersten Reihe mitmischen. Mittlerweile ist eine Gruppe von über 20 Leuten aktiv.

    Wie ist die Resonanz bisher? 

    Nach #actout war die Medienresonanz natürlich groß. Bekannte Schauspieler*innen reizen die Medien. NDR, ZDF und Zeit haben über uns berichtet. Es wäre natürlich schön, wenn das in den nächsten Schuljahren noch weitergedeiht. Wir sind ja erst am Anfang.

    Zurück zu dir: War es gut, dass du dich geoutet hast?

    Ja, auf jeden Fall. Seitdem hat sich an unserer Schule einiges entwickelt. Wir haben eine Arbeitsgruppe „Vielfalt“ gegründet und halten „Respektwochen“ ab. Da geht es nicht nur um die Rechte von LGBTIQ, sondern auch gegen Rassismus und die Feindlichkeit gegenüber Frauen und Menschen mit Behinderung. Am 17. Mai war ich mit Schüler*innen der Vielfalts-AG beim Rainbowflash vorm Hamburger Rathaus. Die queeren Aufklärungsprojekte soorum und Team Plietsch haben in mehreren Jahrgängen Workshops angeboten. Inzwischen ist die Nachfrage größer als das Angebot. Und ich selbst mache Workshops und Fortbildungen zum Thema LGBTIQ für andere Lehrkräfte.

    Beeindruckend. Hast du Schule früher als queerfeindlichen Ort erlebt?

    Ja, natürlich. Schule ist für LGBTIQ ein Krisenort, weil dort viele Vorurteile zum ersten Mal auftauchen. In der Oberstufe finden sich die Leute zum Glück selbst und werden toleranter. Aber in den unteren Klassen nehmen die Kinder oft Vorurteile unreflektiert mit in die Klasse, zum Beispiel die ihrer Eltern.

    Halten die Lehrer*innen nicht dagegen? Zum Beispiel im Aufklärungsunterricht?

    Ja, schon. Aber im klassischen Aufklärungsunterricht geht es vor allem um Hormone, Fortpflanzung und heteronormative Lebensweisen. Und selbst das geht manchen gut organisierten Aufklärungsgegner*innen zu weit. Sie machen Stimmung gegen Aufklärung an der Schule und behaupten, Kinder würden dadurch sexualisiert. So ein Quatsch! Es geht nicht darum, Kinder und Jugendliche zu etwas zu drängen, im Gegenteil! Es geht darum, sie zu informieren, sie selbstbestimmt und stark zu machen, damit sie auch nein sagen können! Manche gucken ab der 6. Klasse ungefiltert Hardcore-Pornos auf ihren Handys an. Und dazu soll die Schule schweigen? Das sehe ich anders! Wir müssen die jungen Menschen altersgerecht aufklären. Dazu gehört auch, wie sie Grenzen einhalten – die eigenen, aber auch die von anderen! Es gibt aber auch schon gute, inklusive Aufklärung, teilweise fächerübergreifend.

    Frank Thies lächelt in die Kamera – Porträt eines bisexuellen Lehrers und Aktivisten.
    Frank outet sich als bisexuell – und stärkt andere damit

    Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hast du sexuelle Erfahrungen mit Männern? Oder ist das nur Theorie? Was sagt deine Frau dazu?

    Meine Frau akzeptiert mich voll und ganz, wie ich bin – von Anfang an, denn ich hatte es ihr sofort erzählt. Vertrauen und Ehrlichkeit sind mir sehr wichtig. Grundsätzlich finde ich persönlich, dass man etwas verpasst, wenn man in seinem ganzen Leben nur mit einem Geschlecht Erfahrungen sammelt. Aber das muss jede Person selbst wissen. Ich selbst finde auch beim Sex Vielfalt schön.


    Frank Thies ist Bi-Aktivist, Mit-Initiator der Aktion #teachout und Sprecher des ersten Bi+Pride, der vom 23.-25. September 2021 stattfindet – mit Workshops und einer Demonstration in Hamburg und Bi-Flaggenhissungen in ganz Deutschland. Der 46-Jährige unterrichtet an einer Hamburger Stadtteilschule Mathematik, Physik und Theater. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Umland der Hansestadt. Mehr zu Frank gibt es auf seiner Website.

  • Drei Männer, drei Methoden – Safer Sex 3.0

    Drei Männer, drei Methoden – Safer Sex 3.0

    Flo, 40 Jahre, ist HIV-positiv und nimmt seit mehr als 15 Jahren Medikamente. Die Therapie schützt auch seine Sexpartner: HIV ist beim Sex nicht übertragbar.
    Kaum war in Deutschland die PrEP erhältlich, ließ sich Alex diese Schutzmethode vor HIV verschreiben. Auch nach anderthalb Jahren schwört der 32-Jährige noch auf diese Lösung, sich vor einer Infektion zu schützen.
    Florian mag den Schutz, den ihm das Kondom bietet – vor HIV und vor anderen Geschlechtskrankheiten. Der 45-Jährige empfindet das Gummi beim Sex sogar als Bereicherung.

    Was bedeutet deine Safer-Sex-Methode für dich?

    Alex (PrEP): Viele Männer nutzen die PrEP, weil sie grundsätzlich auf Kondome verzichten möchten. Bei mir steht das nicht im Vordergrund. Vielmehr verschafft mir die PrEP Sicherheit in Situationen, die ohne sie riskant wären. Bevor ich mir die Tabletten verschreiben ließ, war ich mehr als einmal kurz davor, ungeschützt zu ficken. Ein Bier zu viel und ich musste mich wirklich zusammenreißen. Jetzt liegt der Schutz in meiner Hand: Mit der PrEP ist eine HIV-Infektion auch dann ausgeschlossen, wenn mein Sexpartner kein Gummi überzieht. Dank der PrEP kann ich Sex viel entspannter genießen.

    Flo (Schutz durch Therapie): Vor zehn Jahren bin ich noch meistens auf Partys für HIV-Positive gegangen, wenn ich Sex wollte. Nur im geschützten Raum schien es mir möglich, das Kondom wegzulassen, ohne unter Rechtfertigungsdruck zu geraten. Die Schwulenszene war insgesamt ziemlich gespalten: wir Positiven hier, die Negativen dort. Mittlerweile hat sich das geändert. Mehr und mehr schwule Männer sind über die neueren Safer-Sex-Methoden informiert. Sie wissen: Positive können andere Menschen nicht anstecken, wenn sie regelmäßig ihre Tabletten nehmen. Ich kann in Berlin ins Lab oder ins Kitty gehen und Spaß mit Männern haben, die ihre Sexualität jetzt natürlich und angstfrei ausleben. Für mich fühlt sich das an wie eine Befreiung.

    Florian (Kondom): Ich verwende weiterhin das Kondom, auch wenn andere darin eine Art „Ikone der Beschwertheit“ sehen mögen. Diese Safer-Sex-Methode ist für mich so sicher wie einfach: Ich nutze sie genau dann, wenn ich Sex habe. Tabletten hingegen müsste ich jeden Tag nehmen, selbst wenn es wochenlang nicht zu Sex kommt. Für Kondome brauche ich kein Rezept und ich muss mir auch nicht regelmäßig bestätigen lassen, dass meine Niere die PrEP noch verträgt.
    Ich gehöre auch nicht nicht zu den Männern, die das Kondom beim Sex stört. Im Gegenteil. Ich empfinde es als anregenden Teil des Vorspiels, das Kondom überzustreifen. Dann ist beiden klar, dass der Spaß gleich losgeht.

    Florian nutzt das Kondom. Was das für ihn bedeutet, erzählt er hier.

    Wie geht ihr mit Nutzern anderer Methoden um?

    Florian (Kondom): Jeder und jede hat das Recht, die Methode zu wählen, die zu ihm oder ihr passt. Außerdem verstehe ich, dass viele PrEP-Nutzer und HIV-Positive unter Therapie Sex ohne Gummi haben möchten. Zum Beispiel haben mir etliche HIV-Positive erzählt, dass sie sich von alten Fesseln befreit fühlen, seit die Schutzwirkung der Therapie nachgewiesen ist. Flo sieht das ja auch so. Ich wiederum empfinde es als Freiheit, auf Tabletten verzichten zu können. Deswegen ist nach wie vor für mich das Kondom die erste Wahl. Wenn mir jemand sagt „Ich nehme Tabletten. Wir können auch ohne Gummi ficken“, dann lehne ich freundlich ab. Das persönliche Schutzbedürfnis eines Menschen steht generell über dem Wunsch des Gegenübers, sexuelle Lust zu erleben.

    Alex (PrEP): Mich stört das Kondom nicht. Ich überlasse es in der Regel dem anderen, ob er sich eins überzieht.

    Flo (Schutz durch Therapie): Kondome benutze ich nur, wenn der andere darauf besteht und zu heiß aussieht, um ihn wegzuschicken. Ansonsten wünscht man einander freundlich einen angenehmen Abend und flirtet einen anderen Typen an.

    Alex nutzt die PrEP. Was diese Methode für ihn bedeutet, erfahrt ihr hier.

    Welche Fragen kommen im Zusammenhang mit eurer Schutzmethode auf?

    Alex (PrEP): Da ich viel reise, bemerke ich im Umgang mit der PrEP regionale Unterschiede. In Berlin, Hamburg oder Köln ist sie etabliert. Viele Schwule gehen genauso offen damit um wie ich. In kleineren Städten dagegen trauen sich bisher wenige, über die PrEP zu reden oder sie in einer App anzugeben. Dort ist die Schutzmethode außerdem erklärungsbedürftiger. Als wir letztens mit „ICH WEISS WAS ICH TU“ in Kassel waren, haben mich jüngere Schwule geradezu gelöchert mit ihren Fragen. Leider gibt es noch nicht überall ausreichend Schwerpunktärzte.

    Flo (Schutz durch Therapie): Es ist schon lange nachgewiesen, dass die HIV-Therapie eine Übertragung von HIV verhindert. Die neue Gelassenheit uns Positiven gegenüber kommt aus meiner Sicht aber vor allem durch die PrEP. Erst diese neue Methode hat die Alternativen zum Kondom in den Fokus des Interesses gerückt. Die vielen Negativen, die Kondome als Quälerei empfinden, informieren sich jetzt. Sie nehmen die Botschaft gerne auf, dass Kondome nicht mehr das einzige Mittel der Wahl sind, und erzählen das weiter. Auch die Medien interessieren sich mehr für die PrEP als für Schutz durch Therapie. Das finde ich auch in Ordnung so. Die Zielgruppe ist einfach größer: HIV-negative Menschen, die täglich eine Tablette nehmen und dem Virus so den Zugang versperren.

    Florian (Kondom): Ein paar Mal bin ich auf Unverständnis gestoßen. In anderen Situationen erhalte ich wiederum explizit Zuspruch dafür, dass ich Kondome nutze. Das hält sich die Waage.

    Flo: Safer Sex 3.0
    Flo nutzt Schutz durch Therapie. Wie er das macht, das berichtet er hier.

    Löst eure Schutzmethode gelegentlich Konflikte aus?

    Alex (PrEP): Auf Facebook und Co. toben manchmal schon heftige Auseinandersetzungen zwischen einigen Kondomanhängern und PrEP-Aktivisten. Ich finde aggressives Missionieren unreif und intolerant. Am Ende bleibt doch jedem erwachsenen Menschen selbst überlassen, wie er seine Sexualität auslebt.

    Florian (Kondom): Mehr als enttäuschte Blicke erlebe ich in der realen Welt selten, wenn ich ein Kondom überziehe. Was Alex zu den Facebook-Diskussionen sagt, kann ich aber bestätigen. Unwürdig, was da teilweise abgeht.

    Flo (Schutz durch Therapie): Zu Konflikten kommt es wegen meiner Einstellung allenfalls in kleineren Städten. Dort fühle ich mich manchmal schief angeschaut, wenn ich Sex ohne Gummi möchte. Aber beleidigt hat mich im realen Leben noch niemand.

    Wie sieht das konkret aus beim Online-Dating?

    Flo (Schutz durch Therapie): In den einschlägigen Apps gebe ich an, dass meine Sexpartner durch meine Therapie geschützt sind. Das nehmen wildfremde Menschen zum Anlass, an meiner Redlichkeit zu zweifeln. Es könne niemand sicher sein, dass ich wirklich Tabletten nehme. Einer schrieb sogar mal, ich solle aufhören, mein ‚Aids‘ zu verbreiten. Auf Diskussionen auf so niedrigem Niveau lasse ich mich nicht ein. Ich kläre gern über HIV-Risiken auf, wenn ich für die Aidshilfe unterwegs bin. Auf Dating-Plattformen bewege ich mich aber nicht, um anderer Leute Wissenslücken zu schließen. Ich entgegne dann lediglich, dass es jedem freisteht, auf Sex mit mir zu verzichten. Aber mal ehrlich: Es liegt doch in meinem ureigenen Interesse, dass meine Therapie erfolgreich verläuft. Die Idee, die Tabletten abzusetzen, käme mir gar nicht in den Sinn.

    Alex (PrEP): Ich fand es richtig und wichtig, dass die Aidshilfen und andere Organisationen hartnäckig Druck auf die schwulen Dating-Apps ausgeübt haben. Bei diesen Unternehmen galt noch bis vor kurzem allein das Kondom als Safer-Sex-Methode. Jetzt stehen die drei Methoden gleichberechtigt nebeneinander. Das sendet vor allem an jüngere Schwule die klare Botschaft, dass sie sich informieren und dann entscheiden sollten. Ich selbst gebe in Dating-Apps wahrheitsgemäß an, dass ich die PrEP nehme. Potenzielle Sexpartner wissen also von vornherein, woran sie sind. Angepöbelt hat mich dafür noch keiner. Im Gegenteil. Manche Tops melden sich gleich mit der Frage, ob wir ohne Gummi ficken können. Ich finde das ok. Lieber direkt als lange um den heißen Brei.

    Florian (Kondom): In Dating-Apps sind Gespräche generell schnell zu Ende, wenn dem Gegenüber bestimmte Details nicht passen. Vermutlich läuft bei vielen im Chat eine Art Kopfkino ab, und wer sich nicht ans Drehbuch des anderen hält, ist raus. Das kann alles Mögliche betreffen, unter anderem auch meine Safer-Sex-Methode. „Ohne Gummi“ ist ein Wunsch, der mir im Internet öfter begegnet.

    Safer Sex 3.0
    Im August 2019 werben Florian, Flo und Alex für Safer Sex 3.0 in den großen schwulen Zeitschriften in Deutschland.

    Wie steht ihr zu anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Tripper?

    Alex (PrEP): In der Tat ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Risiko des Einzelnen steigt. Ich selbst beispielsweise musste unter PrEP bisher zweimal Antibiotika schlucken. Genauso richtig ist aber, dass sich PrEP-Nutzer zu regelmäßigen Untersuchungen verpflichten. Vier jährliche Routinetests auf Geschlechtskrankheiten – da bleibt nichts unentdeckt.

    Flo (Schutz durch Therapie): Zwar fangen sich Männer, die ohne Gummi ficken, statistisch gesehen öfter eine Syphilis oder Chlamydien ein als Kondomnutzer. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass jeder mit Risiken umgehen muss, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Ich zum Beispiel lasse mich im Rahmen meiner HIV-Therapie alle drei Monate auf alles testen, was man sich beim Sex zuziehen kann. Denn eine rechtzeitige Behandlung bewahrt mich vor den Folgen der Infektion und meine Sexpartner vor Ansteckung.

    Florian (Kondom): Klar gibt es gegen Syphilis oder Chlamydien Medikamente. Aber warum soll ich meinem Körper Chemie zumuten, wenn ich das Risiko durch ein Kondom senken kann? Was die Tests anbelangt: Es ist ein Klischee, dass Kondomnutzer Testmuffel seien. Ich selbst absolviere das volle Programm von vier Routinetests im Jahr, genau wie Alex und Flo. Mir ist aber auch klar, dass sich viele Menschen deutlich seltener untersuchen lassen. Ich finde es deshalb richtig, dass die Aidshilfe einen Schwerpunkt ihrer Präventionsarbeit auf die Tests legt. Und dass sie regelmäßige Tests unabhängig von den Safer-Sex-Methoden empfiehlt.

    Florian (Kondom), Flo (Schutz durch Therapie und Alex (PrEP)
    3 Männer, 3 Methoden (v.l.): Florian (Kondom), Flo (Schutz durch Therapie) und Alex (PrEP)
  • Queerer Stolz

    Queerer Stolz

    Die sechsteilige Dokumentarserie „Pride“ ist mehr als nur eine Reise durch die Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung in den USA. Sie verweist auch auf wenig bekannte Aspekte, und was daraus für den heutigen Kampf um Rechte gelernt werden kann.

    Neue Serie PRIDE
    Serie Pride © Disney+

    Schlicht „Pride“ ist diese Serie betitelt. Doch worauf basiert eigentlich der Stolz von LGBTIQ*? Und welche Wege waren zu gehen, welche Kämpfe waren zu bestehen, bis das Schwenken der Regenbogenfahne zu einem Zeichen des Selbstbewusstseins und der Selbstbehauptung werden konnte?

    Diesen Fragen unter anderem geht die sechsteilige US-Dokumentarserie nach, die jetzt auch in Deutschland beim Streamingdienst Disney+ zu sehen ist. Jede Episode mit einer Länge von rund 45 Minuten widmet sich einem Jahrzehnt, Beginnend mit den 1950er-Jahren, als es in der McCarthy-Ära zu Massenentlassungen von homosexuellen Staatsbediensteten kam, bis in die 2000er-Jahre, in denen LGBTIQ* wachsende Akzeptanz und eine diverse Darstellung in den Medien erfahren.

    Doch „Pride“ ist alles andere als eine chronologische, an Daten und Ereignissen orientierte Geschichtsstunde zur Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung in den USA. Die renommierte und engagierte Filmproduzentin Christine Vachon („Carol“, „Boys Don’t Cry“, „Dem Himmel so fern“), die seit den 1990er-Jahren innovative queere Filme ermöglicht, hat auch hier auf neue und individuelle Formen gesetzt: Die Episoden wurden von verschiedenen Filmemacher*innen verantwortet, die allesamt auch volle künstlerische Freiheit erhielten.

    Mitreißende Hommage an die LGBTIQ*-Emanzipationsbewegung

    Ihr sei es wichtig gewesen, die Geschichte auf eine Art und Weise zu erzählen, die genauso chaotisch und persönlich ist, wie die Geschichte nun einmal war. Wenn es an dokumentarischem Material fehlt, behilft man sich schon mal mit Animationen, Zeichnungen, mit nachgespielten Szenen oder lässt wie Yance Ford in der Episode über die 1990er-Jahre, queere Menschen von heute homosexuellenfeindliche Politikerreden rezitieren.

    Bereits 1965 gab es LGBTIQ*-Proteste

    Weitaus entscheidender aber ist, dass sich die Regisseur*innen ganz individuelle Schwerpunkte setzen und dafür bislang in der allgemeinen queeren Geschichtsschreibung eher weniger beachtete Aspekte in den Vordergrund rücken. Der legendäre Aufstand in der Christopher Street 1969 etwa gerät fast zur Randnotiz, denn „Stonewall“ war nicht der Anfang der LGBTIQ*-Bewegung in den USA.

    So gab es beispielsweise bereits 1965 in Philadelphia und im Jahr darauf in San Francisco vergleichbare Proteste, nur wurden diese nicht dokumentiert und in den Medien nicht vermeldet.

    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+
    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+

    „Stonewall“ war nicht der Anfang der LGBTIQ*-Bewegung in den USA

    Und noch etwas macht „Pride“ deutlich: Diese Frühphase der LGBTIQ*-Bürgerrechtsbewegung war vor allem ein Protest von Schwarzen Aktivist*innen, viele von ihnen trans* Personen, die sich von der Black-Power-Bewegung hatten inspirieren lassen. Aus dem Slogan „Black ist beautiful“ wurde kurzerhand „Gay is good“.

    So unterschiedlich die sechs Episoden auch sind, auf eines haben sich die Macher*innen geeignet: Sie erzählen Geschichte vor allem über persönliche Geschichten. Dabei greifen sie auf zum Teil außergewöhnliches Material aus Privatarchiven zurück und lassen Zeitzeug*innen zu Wort kommen.

    Mit persönlichen Geschichten Geschichte erzählen

    In der vom Filmemacher Tom Kalin („Wilde Unschuld“, „Swoon“) verantworteten Episode zu den 1950er-Jahren etwa stehen die privaten Fotos und Super8-Aufnahmen eines schwulen Paares von ihren ausgelassenen Privatpartys und Strandausflügen einem beispielhaften Fall gegenüber, der zeigt wie in der McCarthy-Ära Homosexuelle massenhaft aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden.  Der Fotograf Arthur Tress erzählt, wie seine lesbische Schwester Madeleine sich dagegen wehrte. (Bild: Disney+)

    Ein schier endloser Schatz eines Amateurfilmers liefert wiederum einen authentischen Blick in die Clubszene im New York der 80er-Jahre, unter anderem mit Aufnahmen von RuPaul – lange bevor er zur weltberühmten Drag-Ikone wurde.

    Die afroamerikanische Schauspielerin und Regisseurin Cheryl Dunye porträtiert in der Folge über die 70er-Jahre ihre beiden persönlichen Heldinnen – die Filmemacherin Barbara Hammer und die Dichterin Audre Lorde. Sie stehen beispielhaft nicht nur für eine wachsende Selbstermächtigung und für die Sichtbarkeit von LGBTIQ*, sondern auch für die Entwicklung eines intersektionalen Feminismus.

    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+


    Erst durch Bündnisse werden politische und gesellschaftliche Veränderungen möglich

    Ohnehin zeigt „Pride“, dass erst durch die Bündnisse der verschiedenen Gruppen wie der Black und trans* Community, der Frauenbewegung oder der Aids-Aktivist*innen sowie durch die Solidarität untereinander politische und gesellschaftliche Veränderungen möglich wurden.

    Viele dieser Konflikte, die in „Pride“ Erwähnung finden, mögen zwar sehr US-spezifisch sein, wie etwa der Kulturkampf gegen queere Kunst Mitte der 1990er-Jahre, der von rechten und christlichen Fundamentalist*innen zu einer nationalen Überlebensfrage stilisiert wurde. Doch wenn man heute auf die Entwicklungen etwa in Polen und Ungarn blickt oder sich manche Äußerungen im rechtskonservativen Lager in Deutschland in Erinnerung ruft, wird deutlich, wie diese Form des Kulturkampfes längst auch in Europa bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

    Jahrzehnte des Aufbruchs

    Die beiden letzten Episoden über die 1990er- und 2000er-Jahre schildern schließlich Jahrzehnte des Aufbruchs. Berührend etwa das Porträt des Männerpaares Robert Compton und David Wilson, das sich das Recht auf Ehe erstritt und damit einen wichtigen Meilenstein zur Gleichberechtigung setzte.

    Und natürlich bleibt auch die wachsende mediale Repräsentation von LGBTIQ* im Showbusiness, in Filmen und Fernsehserien nicht unerwähnt. Doch die beiden jungen trans* bzw. nicht-binären Regisseur*innen Yance Ford und Ro Haber nutzen die Gelegenheit, dezidiert der auch in der queeren Szene noch marginalisierten Schwarzen trans* Community eine Stimme zu geben.

    Mit Bildern von „Black Trans Lives Matter“-Demonstrationen thematisiert „Pride“ eine der gegenwärtigen Debatten und mit dem Schwarzen Schauspieler Marquise Vilson ist ein charismatischer und beeindruckender Protagonist kennenzulernen.

    Befreiend und überlebenswichtig

    Er erzählt unter anderem davon, wie befreiend und überlebenswichtig es für ihn war, dass er in der New Yorker Ballroom-Szene nicht nur eine Gemeinschaft, sondern auch eine Heimat gefunden hatte. Erst dadurch war es ihm möglich, seine maskuline Identität zu leben und sich – mittlerweile längst ein erfolgreicher Fernseh-und Kinostar – auch öffentlich als trans* Mann zu outen. Dazu brauchte es nicht nur Mut, sondern eben auch queeren Stolz.

    Alle sechs Folgen der Dokuserie „Pride“ sind bei Disney+ im Stream verfügbar.

    Alles zum schwulen Leben, zum Leben mit HIV und zu vielen weiteren Themen findet ihr auch iwwit.de!

    Neue Serie PRIDE
  • Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    In seinem Roman „Guapa“ erzählt Saleem Haddad vom Leben eines jungen arabischen Schwulen zwischen Revolution und Resignation, Scham und Selbstbehauptung.

    Aus einer anderen, selektiven Perspektive betrachtet, müsste Rasa ein glücklicher Mensch sein.

    Er hat sich mit Studienkollegen beruflich selbstständig gemacht und dolmetscht für amerikanische Auslandsreporter_innen; er hat einen verlässlichen Freundeskreis, mit dem er nicht nur feiern und trinken kann, sondern in dem man auch in Notzeiten füreinander da ist. Und er hat einen Mann in seinem Leben, mit dem er die Nächte, die Liebe und Sehnsüchte teilt.

    Doch aus der Warte des jungen Ich-Erzählers Rasa gerät das Leben zunehmend zur Hölle. Das, was als Arabischer Frühling begann, die Auf- und Umbruchstimmung, die Hoffnung auf ein freieres Leben, hat sich längst wieder ins Gegenteil verkehrt.

    Das – nie namentlich genannte ­– Land im Nahen Osten versinkt in Chaos und Gewalt. Und schlimm genug, dass die Beziehung zu seinem Geliebten Taymour geheim gehalten werden muss, es scheint für sie keine Zukunft mehr zu geben.

    Der Roman „Guapa“ bietet ein komplexes Panorama der arabischen Welt

    „Der Morgen beginnt mit Scham.“ Saleem Haddad hat gleich im ersten Satz das wohl wichtigste Wort seines Debütromans untergebracht. Die deutschen Begriffe Scham, Schmach und Schande umreißen nur dürftig, was das arabische Wort „eib“ an komplexen und deshalb auch so dehnbaren gesellschaftlichen Regeln, Verboten und Erwartungen umfasst.

    Der Roman „Guapa“

    Dass ein Mann bei einem anderen Mann liegt, ist für Rasas traditionell eingestellte Großmutter Teta eindeutig eib. Und an diesem Morgen hat sie ihren Enkel durchs Schlüsselloch in flagranti mit seinem Geliebten erwischt und lauthals schreiend gegen die Tür gehämmert.

    Auf den nachfolgenden knapp 400 Seiten schildert Haddad nun den darauffolgenden Tag in seiner Heimatstadt, die gleichermaßen Amman, Algier oder auch Damaskus sein könnte. 24 Stunden, in denen sich nicht nur die Ereignisse in seinem eigenen Leben, sondern auch im Leben seiner Freunde und nicht zuletzt die Situation in seinem Land zuspitzen.

    Saleem Haddad, 1983 in Kuwait-Stadt geboren und in Jordanien und auf Zypern aufgewachsen, studierte in Kanada und lebt heute mit seinem Lebensgefährten in London. In seinem Erstlingsroman „Guapa“ verarbeitet er nicht nur seine eigenen Coming-out-Erfahrungen und den Umgang der Familie sowie der Gesellschaft mit Homosexualität. Er entwirft vielmehr ein komplexes Panorama der arabischen Welt, die durch die Revolte und Freiheitsbewegungen, aber auch durch den wachsenden religiösen Fanatismus erschüttert wird.

    Selbsthass, Selbstzweifel und der Wunsch nach einem freieren Leben

    In gekonnt einmontierten Rückblenden enthüllt Haddad nicht nur einige, wie sich zeigt, aus Scham verschwiegene Geheimnisse in Rasas Familie, er entfaltet auch die von Selbsthass, Selbstzweifeln und dem Wunsch nach einem anderen, freieren Leben getriebene Suche nach einer eigenen Identität.

    Ein Poster von George Michael, Popmusik und amerikanische TV-Soaps werden so zu Chiffren für ein solches Leben außerhalb dieses inneren Gefängnisses, in dem sich Rasa befindet.

    Doch der Beginn seines Auslandstudiums in den USA fällt zusammen mit den Anschlägen des 11. September. Mit einem Male war es „nicht mein Schwulsein, sondern meine arabische Herkunft, die verächtlich erschien”, und Rasa fühlt sich „einer anonymen Masse zugeordnet: Araber. Muslim“.

    Er war nun wieder einer von „denen“ und per se verdächtig. „Ich wollte mir die Haut abschaben, meinen Namen, meinen Akzent, alles, nur um diese argwöhnischen Blicke abzuwenden.“ Welche Folgen solche Pauschalisierungen wie auch das Festhalten an den eigenen Wurzeln haben können – bis hin zur Radikalisierung –, Saleem Haddad gelingt es, diesen Zwiespalt plausibel und eindrücklich zu schildern.

    Als Sohn einer deutsch-irakischen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters verknüpft Haddad in seinem Roman so viele Perspektiven und Konfliktthemen, dass er manchmal an seine erzählerischen Grenzen zu geraten droht. Die Fülle aber ist auch das große Plus dieses Buchs: Sie ermöglicht einer ebenso breiten Leserschaft den Zugang zu diesen Lebenswelten.

    „Guapa“ ist Coming-out-Story, Liebesgeschichte und Familienroman und hinterfragt zudem mit gleichermaßen kritischem wie feinfühligem Blick die arabischen sowie westlichen (amerikanischen) Gesellschaftsstrukturen. Es sind freilich ernüchternde, desillusionierende Aussichten, die Haddad für seine Hauptfigur und deren Heimatland bieten kann.

    Der Roman „Guapa“

    Bedrohte Freiräume der LGBT-Community

    Und dennoch ist „Guapa“ kein deprimierender oder gar entmutigender Roman. Die Freiräume, die sich die LGBT-Community geschaffen hat – im Roman steht dafür die titelgebende Bar Guapa – mögen zwar bedroht sein, dennoch herrscht das Prinzip Hoffnung. Und der Wille, sich nicht mehr unterkriegen zu lassen. Wenn man ihr die Bar zumacht, sagt die lesbische Besitzern Nora, dann eröffnet sie eben woanders wieder neu.

    Maj, die toughe Hobby-Dragqueen (mit Niqab im Marylin-Monroe-Design), wurde von der Polizei zusammen mit anderen beim Cruisen in einem Kino festgenommen, zusammengeschlagen und erniedrigt.

    Die Prügel haben Maj zwar blaue Flecken beschert, aber nicht brechen können, im Gegenteil. Am Ende ist Maj so selbstbewusst queer – die blauen Veilchen mit Kajal verdeckt, die Lippen rot geschminkt – wie es ein junger schwuler Araber nur sein kann.

    Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, 392 Seiten, 16,99 Euro

    Website des Autors: www.saleemhaddad.com