Kategorie: Community

  • Sexarbeit unter Druck

    Sexarbeit unter Druck

    Protest für sicheren Raum für Sexarbeit in Berlin

    Es ist Februar 2025. Ein grauer Nachmittag. In der Berliner Goebenstraße versammeln sich Menschen mit einem Transparent, Warnwesten und roten Regenschirmen. Etwa zwanzig Menschen sind gekommen, Sexarbeiter*innen und Unterstützer*innen. Manche von ihnen halten Schilder hoch. „Full decriminalization now“ Steht darauf, „Support your local sexworkers“.

    Hand hält ein Protestschild mit der Aufschrift „Sexwork is Work“ bei einer Demo für die Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in Berlin.
    Protestaktion in Berlin: Schild mit „Sexwork is Work“ für die Rechte von Sexarbeitenden.

    Sie stehen vor dem Büro des Berliner kommunalen Wohnungsunternehmen Gewobag, um gegen den plötzlichen Stopp des Café Julia, einem Nachtcafé für Sexarbeiter*innen zu protestieren. „Seit Jahren haben wir diesen Raum geplant, der nicht nur Beratung und Ressourcen bieten, sondern auch ein sicherer Ort für Menschen sein soll, die immer wieder an den Rand gedrängt werden.“, heißt es in einem Redebeitrag.

    Das Café Julia war ein Traum, der beinahe Realität geworden wäre. Die Finanzierung durch den Senat war ebenso zugesagt. Auch die Kooperation mit der Berliner Stadtmission, welche das Eckhaus nahe der Berliner Frobenstraße tagsüber bespielt hätte, stand bereits fest. Die Sexworker wollten es nachts öffnen, entsprechend der Bedürfnisse der Arbeiter*innen vom Straßenstrich.

    Kurfürstenkiez: Arbeitsalltag von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern

    Die Frobenstraße ist eine Seitenstraße im Rotlichtivertel des Kurfürstenkiez. Der Kurfürstenkiez war nie ein einfacher Ort, aber in den vergangenen Jahren hat sich der Druck spürbar erhöht. Mit den steigenden Mieten und den immer neuen Bauprojekten wächst auch die Feindseligkeit gegenüber jenen, die an diesem Ort arbeiten müssen. Wo früher Nachbar*innen noch grüßten oder zumindest wegsahen, gibt es heute häufiger Anzeigen, Beschwerden, nächtliche Polizeikontrollen. Gleichzeitig fehlt es an den niedrigschwelligen Orten, die Sicherheit schaffen könnten. Stehen auf der belebten Kurfürstenstraße gut sichtbar alle paar Meter die Sexarbeiter*innen, um ihre Kund*innen anzuwerben, ist der Standort in der Frobenstraße deutlich abgeschiedener. Diese Straße ist der Arbeitsplatz der trans Frauen.

    High Heels einer Sexarbeiterin auf dem Straßenpflaster der Berliner Kurfürstenstraße.
    Straßenszene im Kurfürstenkiez: High Heels einer Sexarbeiterin auf der Kurfürstenstraße.

    Ein designierter Ort im öffentlichen Raum kann Vorteile haben. Kund*innen, die eine trans Frau treffen möchten, wissen, dass sie sie dort kennen lernen können. Man kann sich untereinander unterstützen und zusammen die Wartezeit totschlagen. Sichtbarkeit heißt an diesem Ort, einander zu finden.

    Sichtbarkeit in der Sexarbeit: Zwischen Schutz und Gewalt

    Zugleich ist die Sichtbarkeit eine Gefahr. Im Band „Trap Door: Trans Cultural Production and the Politics of Visibility“, herausgegeben 2017 von Tourmaline, Eric A. Stanley und Johanna Burton wird die Sichtbarkeit von trans Personen, die ab den 2010er Jahren weltweit auf völlig neue Weise angestiegen ist, als Falltür beschrieben. Nicht, wie ein Tür, durch die man durchgehen kann, weg von dem einen und hin zu einem anderen, vielleicht schöneren Ort. Sondern eine Falle, die einem jederzeit den festen Boden unter den Füßen rauben kann.

    So sind die Sexarbeiter*innen der Frobenstraße mit Pöbeleien, Drohungen und körperlicher Gewalt konfrontiert. Immer wieder berichten sie davon, dass Männergrüppchen gezielt mit dem Auto an ihnen vorbei fahren, um sie mit Flaschen zu bewerfen und zu beschimpfen. Dies ist nur durch ihre spezifische Sichtbarkeit, eine Hypervisibility, die sie als trans feminine Personen, die Sexarbeit leisten und auf den öffentlichen Raum als Arbeitsplatz angewiesen sind, erfahren. Sichtbarkeit ohne Schutz, ohne Ressourcen, ist gefährlich. Die aktuellen Zahlen vom Trans Murder Monitoring der Organisation TGEU (Trans Europe and Central Asia) zeigen auch dieses Jahr, dass Sexarbeiter*innen 34% der weltweit ermordeten trans Personen ausmachen.

    Eigene Räume für trans* Sexarbeiterinnen: Mehr als nur ein Café

    Aus diesem Grund kämpfte TransSexworks, eine Berliner Gruppe aus transSexarbeitenden, so lange für einen Raum, den sie selbst verwalten und den Bedürfnissen der eigenen Community entsprechend gestalten können. Die Immobilie der Gewobag wäre fußläufig vom trans* Straßenstrich gelegen, hätte nicht nur als Café, sondern auch als Wäsche- und Duschmöglichkeit, als Zufluchtsort vor Gewalt und zum sozialen Beisammensein dienen sollen. Alltäglichkeiten eines würdevollen Lebens, die für trans* Sexarbeitende nicht selbstverständlich sind.

    Nicht nur Armut erschwert ihnen den Zugang zu sicheren Räumen. Auch fehlende Papiere, Rassismus, Lücken im Lebenslauf und Transmisogynie spielen eine Rolle. Selbst wer sich einen Cafébesuch leisten kann, ist nicht überall willkommen oder fühlt sich dort wohl. Das Hurenstigma zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Es macht die Räume für jene, die es besonders hart trifft, klein und selten.

    Die Gewobag wirbt online mit der „Diversität“ der Hauptstadt. Trotzdem hatte sie ihre Räume nach einer Zusage an das Projekt plötzlich an einen anderen Interessenten vermietet. Nun soll dort ein Dentallabor einziehen. Dieses Unternehmen ist nicht auf den Standort in Straßenstrich-Nähe angewiesen. Es bringt aber ein sauberes Image für das Viertel.

    Wer nach Erklärungen sucht, vermutet schnell, dass die Gewobag das Café Julia als Spekulations-Joker genutzt hat, um eine höhere Miete zu erzielen. Was wirklich geschah, bleibt unklar.

    Wenn Sexarbeit aus dem Netz verschwindet: Zensur auf Social Media

    Die Kundgebung, um gegen den geplatzten Traum vom eigenen Space zu protestieren, ist eine der letzten großen Aktionen, die transsexworks sichtbar machen konnte. Der Instagram-Account, der mit über 10.000 Followerinnen international vernetzt war und für Nutzer*innen Bildung, Empowerment, Spendenmöglichkeiten und Community war, wurde im August von der zu Meta gehörigen Plattform ohne Warnung und natürlich ohne Begründung gesperrt. Eine Bitte, die Entscheidung noch einmal zu überprüfen, blieb wirkungslos.

    Sexarbeitende haben seit jeher eine ambivalente Beziehung zu den sozialen Medien. Sie waren auf fast jeder Plattform Pionierinnen, machten sie, wie im Falle von Tumblr oder Twitter, durch ihren Content für eine breite Masse attraktiv und prägten insbesondere die Finanzierungsmodelle (Beispiel: Onlyfans). Die Europäische Allianz für die Rechte von Sexarbeiterinnen (European Sex Workers Rights Alliance, ESWA) zeigte 2022 in einer Studie, dass Plattformen Sexarbeitende systematisch mit Shadowbans belegen und ihre Accounts löschen.

    „Die Zensur beschränkt sich nicht auf Bilder oder sexuelle Inhalte. Selbst Bildungs-, politische oder aktivistische Beiträge werden häufig markiert und entfernt. Begriffe wie „Sexarbeit“, „OnlyFans“ oder „Escort“ werden von Moderationsalgorithmen automatisch geflaggt – unabhängig davon, in welchem Zusammenhang sie verwendet werden. Dadurch wird schon das einfache Erzählen aus dem eigenen Leben, das Bewerben einer legalen Dienstleistung oder das Posten über Menschenrechte zum Grund für eine Löschung. Das schrieb Yigit Aydinalp, Programmdirektor bei ESWA, im Mai 2025 in einem offenen Brief an Meta.

    Diese Zensur trifft auch Personen, Gruppen und Vereine in Ländern, in denen Sexarbeit legalisiert oder entkriminalisiert ist. Der Konzern stellt damit seine eigenen Moralvorstellungen über die örtlichen Gesetze und exportiert die Kriminalisierung der Sexarbeit aus den USA nach Europa.

    Mit einem gelöschten Account verschwinden oft Jahre an geteiltem Wissen. Hinweise auf Gefahren, Materialien zur rechtlichen Beratung, Informationen für Migrant*innen, Kunstprojekte, Trauerbekundungen und Community-Geschichte sind dann weg. Alles wird mit einem einzigen Klick gelöscht.

    Sexarbeitende können sich weder als Individuen online zeigen noch ihre Persönlichkeiten, Träume und Schicksale zum Ausdruck bringen. Sie dürfen auch nicht für sich selbst einstehen oder politische Diskurse mitbestimmen.

    Plattformen, Profite und Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern

    Selbst in Deutschland, wo Sexarbeit unter bestimmten Rahmenbedingungen legal ist, dominieren einige Tech-Unternehmen den virtuellen Raum, den Sexworker nutzen können. Die Plattformen sind von hohen Gebühren, schlechtem Service und der Priorisierung der Kundinnen-Egos vor der Sicherheit der Sexarbeiterinnen geprägt. Hurenstigma in Sprache und Struktur und keine Möglichkeiten der Mitbestimmung für die Nutzerinnen kommen noch hinzu. Mit ihnen ist viel Geld zu machen, solange sich kaum jemand für die Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, interessiert.

    Wer spricht über Sexarbeit – und wer wird zum Schweigen gebracht?

    Die Medien, sozial oder traditionell, sind paradoxerweise voll vom Thema Sexarbeit. Sex sells und Selling Sex verkauft sich gleich doppelt so gut. Über Sexarbeitende zu sprechen ist erlaubt, wird honoriert und hat schon so manche Publizist*innenkarriere befeuert. Auch dieses Jahr blieb die Community nicht von einer Debatte um die Kriminalisierung der Sexarbeit in Deutschland verschont.

    Dabei ist unwichtig, wer die besseren Argumente oder die gelebte Erfahrung hat. Der Raum, in dem die Debatte ausgetragen wird, lässt nur eine der vielen Perspektiven auf das Thema zu: Die Perspektive derer, die mit echten Sexarbeitenden keine Räume teilen. Es ist praktisch, wenn man über eine Gruppe redet, die nicht antworten kann. Da muss man sich nicht um Präzision, Augenhöhe und Respekt dieser Gruppe gegenüber bemühen.

    Trotz allem: Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter schaffen sich Raum

    Auf dem Rückweg von der Kundgebung wirken die roten Regenschirme wie kleine, trotzige Punkte im grauen Stadtbild. Ja, das Café Julia wurde verhindert. Ja, TransSexworks wurde von Meta zum Schweigen gebracht. Und doch sucht die Gruppe weiter nach Möglichkeiten für ihren selbstverwalteten Raum im Kurfürstenkiez. Und doch gibt es bereits einen neuen Instagram-Account und überdies eine neue Website, die in Zukunft die Dokumentation und Vernetzung unabhängig von Meta & Co. ermöglichen soll. Diese Community kann nicht gelöscht werden. Es gibt keine Welt ohne Sexarbeiterinnen.

    Rote Regenschirme bei einer Protestaktion von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in Berlin.
    Symbol der Sexarbeit-Bewegung: Rote Schirme nach einer Kundgebung im Kurfürstenkiez.

    FAQ: Häufige Fragen zu Sexarbeit, Rechten und sicheren Räumen

    Hier beantworten wir zentrale Fragen zu Sexarbeit, den Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern sowie den Herausforderungen, die besonders trans Personen in diesem Beruf erleben. Die FAQ bieten Orientierung und Hintergrundwissen zu Rechten, Sicherheit und gesellschaftlichen Debatten.

    Was ist Sexarbeit? (Sexarbeit Definition)

    Sexarbeit bezeichnet freiwillige sexuelle Dienstleistungen, die gegen Bezahlung erbracht werden. Der Begriff betont, dass es sich um Erwerbsarbeit handelt und nicht um Ausbeutung oder Zwang.

    Warum gilt Sexarbeit als Arbeit?

    Sexarbeit ist Arbeit, weil sie Leistung, Zeit, körperliche Präsenz und Professionalität erfordert. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter verdienen damit ihren Lebensunterhalt und brauchen — wie andere Berufe — Schutz, Rechte und sichere Arbeitsbedingungen.

    Warum sind trans Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter besonders gefährdet?

    Trans Sexarbeitende erleben häufig Mehrfachdiskriminierung. Transfeindlichkeit, Stigma und soziale Ausgrenzung erhöhen das Risiko von Gewalt und fehlendem Zugang zu sicheren Räumen.

    Welche Bedeutung haben rote Regenschirme in der Sexarbeit?

    Der rote Regenschirm ist das internationale Symbol der Sexarbeit-Bewegung. Er steht für Schutz, Solidarität und die Forderung nach Rechten und Entkriminalisierung.

    Warum arbeiten viele trans Personen in der Sexarbeit?

    Viele trans Personen landen in der Sexarbeit, weil sie auf dem regulären Arbeitsmarkt stark diskriminiert werden. Fehlende Papiere, Transmisogynie, Brüche im Lebenslauf oder ein erschwerter Wohnungszugang führen dazu, dass reguläre Jobs schwer erreichbar sind.
    Sexarbeit bleibt dann oft einer der wenigen Wege, um Einkommen und Autonomie zu sichern.

    Was ist der Unterschied zwischen Entkriminalisierung und Legalisierung von Sexarbeit?

    Legalisierung bedeutet: Sexarbeit ist erlaubt, aber nur innerhalb enger gesetzlicher Rahmenbedingungen. Wer diese nicht einhält, wird kriminalisiert.
    Entkriminalisierung bedeutet: Sexarbeiter*innen werden nicht strafrechtlich verfolgt und können ihre Arbeit sicherer, selbstbestimmter und ohne Angst vor Polizei oder Stigma ausüben.

    Wie können Nachbar*innen und Anwohner*innen Sexarbeiter*innen unterstützen?

    Du kannst unterstützen, indem du:
    – respektvoll grüßt
    – nicht fotografierst
    – nicht anonym bei Behörden beschwerst
    – ihnen ihren Arbeitsraum lässt
    – Gewalt oder Übergriffe meldest
    – Vorurteile hinterfragst
    Viele Konflikte entstehen, weil Menschen Sexarbeiter*innen als „Problem“ statt als Menschen wahrnehmen.

    Hilfe & Beratung für Sexarbeiter*innen

    Hier findest du Unterstützungsstellen zu Rechten, Sicherheit, Gesundheit, Beratung und Community-Angeboten – bundesweit und in Berlin.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen. Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

    • Persönliche Live-Beratung im Chat
    • Hilfe per Mail oder Telefon
    • Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr

    Beratungsstelle für Sexarbeitende – Hydra e.V.

    Beratung, rechtliche Unterstützung, Gesundheits-Infos & Empowerment speziell für Sexarbeiter*innen.

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    Deutsche Aidshilfe – Infos zu Sexarbeit

    Rechte, Sicherheit, Gesundheit und Unterstützung für Menschen in der Sexarbeit.

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    Trans*Sexworks Berlin

    Community-basierte Unterstützung für trans Sexarbeitende. Empowerment, Beratung & Ressourcen.

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    Deutscher Berufsverband erotischer und sexueller Dienstleistungen (BesD)

    Beratung, rechtliche Infos & politische Interessenvertretung von Sexarbeiter*innen.

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    Lambda Berlin-Brandenburg

    Unterstützung für queere Jugendliche, auch bei Themen wie Diskriminierung, Gewalt & Outing.

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    Berliner Krisendienst

    24/7 psychosoziale Hilfe bei Krisen, Gewalt, Wohnungsproblemen & Belastungssituationen.

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    Frauen- und Trans* Schutzräume Berlin

    Notunterkünfte, Schutzräume und Beratung für von Gewalt bedrohte FLINTA-Personen.

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    Queer Refugees Deutschland

    Support für queere Migrant*innen – auch relevant für Sexarbeiter*innen ohne Papiere.

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    Amnesty International – Sexarbeiter*innenrechte

    Materialien, Schutzkonzepte & politische Arbeit für Entkriminalisierung und Rechte.

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  • Chemsex – Intimität im Rausch

    Chemsex – Intimität im Rausch

    Chemsex & Verführung: Der Reiz des Rauschs

    Neulich im Chat schickte mir ein attraktiver junger Mann ein Bild von sich: lässig an einem Tisch sitzend, auf dem weiße und andere Pülverchen ausgebreitet sind, grinst er in die Kamera. Eine Glaspfeife und andere Utensilien. Er lädt mich zu sich nach Hause ein. Ich sage, dass ich keine Drogen nehme, spiele aber trotzdem mit dem Gedanken, zu ihm zu gehen, denn ich bin horny, oder vielmehr: unruhig.

    Ich denke an all die Nächte und Tage, an die Wochenenden, die bis Mittwoch dauerten, in denen ich selber high war. Seit acht Jahren lebe ich clean. Warum ich Drogen genommen habe? Die einfache Antwort: Weil ich süchtig bin. Die komplexere Antwort hat etwas damit zu tun, dass ich schwul bin, dass Drogen Teil der schwulen Geschichte sind, dass die Kontaktaufnahme zu anderen Männern – scheinbar – einfacher ist, wenn ein “soziales Gleitmittel” zur Verfügung steht.

    „Illustration eines Mannes in chaotischer Wohnung mit Drogenutensilien und einer Packung ‚Liebe‘ – Symbolbild für Chemsex.“
    „Chemsex: Zwischen Rausch, Liebe und Kontrollverlust“

    Chemsex als Phänomen: Substanzen, Begriffe, Motive

    Als ich noch konsumiert habe, nannten wir es PnP (“party and play”), auch heute noch wird, vor allem im Chat, h&h (“high und horny”) verwendet. Drogenkonsum scheint – zumindest in einem Teil der Szene – so normalisiert, wie es das Glas Wein zum Essen ist. Aber ist dieses Phänomen wirklich etwas Neues? Schließlich war “Sex and Drugs” schon die Devise in den 1970ern, als die schwule Clubkultur ihre Anfänge nahm. Doch wie unterscheidet sich Chemsex vom Substanzkonsum beim Feiern im Club?

    Chemsex bezeichnet den Konsum von Substanzen (“Chems”) wie GHB/GBL, Ketamin, Mephedron, Crystal Meth und Monkey Dust vor oder während des Geschlechtsverkehrs. Der Begriff wird vor allem für schwule Kontexte bzw. für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) verwendet. Die Substanzen werden in der Regel oral, nasal oder durch Inhalation eingenommen. Gerade bei Crystal Meth ist auch intravenöser Konsum zu beobachten.

    Die Motive für Chemsex sind vielfältig: Wunsch nach Entgrenzung, Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit oder ein intensiveres sexuelles Erleben. Es sollen Scham und Tabus abgebaut, (scheinbare) Nähe, Intimität oder Beziehungen erzeugt, oder mit Stress und Unsicherheiten bezüglich des eigenen Körpers umgegangen werden. Somit wird das Phänomen auch als individueller und kollektiver psychologischer Abwehrmechanismus verstanden, um sich gesellschaftlichen und subkulturellen Erwartungen zu entziehen.

    Zwischen Selbstoptimierung und Ekstase

    An seinem Vortrag “Rausch und Sexualität” an der Chemkon Berlin im März 2025 sprach der Psychotherapeut und Philologe Dr. Dr. Stefan Nagel über die Relevanz von ekstatischen Zuständen: Je höher der Grad an Selbst- und Fremdkontrolle, umso stärker der Wunsch nach Kontrollverlust.

    Als schwule Männer stehen wir unter einem hohen Druck von außen, den wir oft auch verinnerlichen. Damit wir von der Gesamtgesellschaft akzeptiert werden, müssen wir “echte Männer”, “normal” und stark sein, unsere Gefühle unter Kontrolle haben, produktiv und erfolgreich sein. Damit wir von anderen Schwulen akzeptiert werden, müssen wir jung und gutaussehend sein, unseren Körper trainieren, sexuell leistungsfähig und promiskuitiv sein.

    Diese Anforderungen führen zu “Minderheitenstress” – wir tun alles, um perfekt zu sein: wir arbeiten länger, gehen öfters ins Gym, nehmen Viagra, um länger ficken zu können. Dass bei so viel Selbstkontrolle der Wunsch nach Kontrollverlust aufkommt, erscheint logisch. Und dass wir dafür zu Hilfsmitteln aller Art greifen, ebenfalls – gerade wenn sie einfach zugänglich und weitgehend akzeptiert sind. Sowohl Sex als auch Drogen sind “leiblich erlebbare, also reale Aufhebungen dessen, woran gelitten wird”, so Stefan Nagel in seinem Vortrag.

    Chemsex & Intimität: Nähe, Körper, Sehnsüchte

    Chemsex ist nicht nur Flucht vor etwas, sondern auch die Suche nach einer Intimität, die wir anderweitig vielleicht vermissen. Eine Intimität, die durch Drogen intensiviert wird. Vielleicht wollte der Junge neulich im Chat auch “nur” gehalten und geliebt werden. Stattdessen war alles, was ihm über die Lippen (oder über die Tastatur) kam: “Besam mich.”

    Was bei Heterosex die Fortpflanzung unserer Spezies bedeutet, war für uns Schwule bis vor Kurzem noch ein Todesurteil. Seit HIV durch Medikamente in Schach gehalten werden kann, ging “Bareback” durch eine Phase der Fetischisierung und ist heute eher die Regel als die Ausnahme. Was ja auch komplett natürlich ist – ich möchte meinem Objekt der Begierde (oder der Liebe) so nah wie möglich sein.

    Und genau hier setzen die Chems ein: Sie täuschen ein Verschmelzen vor, eine absolute Entgrenzung zwischen zwei (oder mehr) Männern. Eine quasi absolute Intimität mit jemandem, den ich in der Regel noch gar nicht kenne, dem gegenüber ich mich aber unter dem Einfluss des perfekten Drogencocktails komplett öffne.

    Aber bedeutet Intimität wirklich Verschmelzen? Oder nicht vielmehr zu wissen, wo ich aufhöre und der andere beginnt? Großzügig zu sein, mit den eigenen und des anderen Fehlern? Mich verletzlich zu zeigen, machmal sogar unattraktiv, und missglückte Momente zuzulassen? Intimität wäre dann, wenn du trotzdem lachst, wenn du mich trotzdem liebst, wenn du trotzdem bleibst.

    Die Chemsex-Community: Zwischen Safer Space und Abgrund

    Die “German Chemsex Survey” – eine groß angelegte Befragung von 2024 – zeigte auf, dass MSM häufig von Minderheitenstress betroffen sind und Chemsex-User häufig psychisch belastet. Auffällig war jedoch, dass Männer, die Chemsex machen, weniger von internalisierter Homonegativität betroffen sind als Männer, die andere Substanzen (etwa Alkohol oder Poppers) beim Sex nehmen oder Drogen ohne Sex konsumieren.

    “Internalisierte Homonegativität” bezeichnet bezeichnet die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Vorurteilen – wodurch sich queere Menschen als andersartig, minderwertig oder sogar defekt erleben. Dass nun gerade von Chemsex-Usern weniger internalisierte Homonegativität berichtet wurde, erstaunt auf den ersten Blick, denn es wäre ja anzunehmen, dass Chemsex eine Coping-Strategie darstellt, um mit negativen Gefühlen umzugehen.

    Als Mann, der ich mich selber in der Chemsex-Szene bewegt habe, bin ich nicht ganz so erstaunt über dieses Ergebnis. Gerade beim “Slammen” (also dem intravenösen Konsum) von Crystal Meth habe ich ein ungeheures Zugehörigkeitsgefühl erlebt zu einer überaus spezifischen Gruppe: schwul, HIV-positiv, Junkie, Slammer. Oder, wie es Prof. Dr. Daniel Deimel, einer der Autoren der Chemsex Survey, etwas positiver formuliert: “Chemsex-Community als Safe Space?”

    Chemsex als eine Art Kommunion von Außenseitern also, so weit an die äußersten Ränder der Gesellschaft gerückt, dass ein Gefühl von Ankommen erlebt wird, wenn wir an jenen Rändern andere Männer finden, die auf das Gleiche stehen wie wir. Und gerade Crystal Meth führt dabei zu einem Gefühl der Überlegenheit. Wir fühlen uns einzigartig, weil wir es sind. Wir finden Stolz in unserem Kaputtsein.

    Wenn Chemsex zur Falle wird: Vom Rausch zum Problem

    “Ohne was zu nehmen auf einen Chill? Ich könnte das nicht.” Ein anderer attraktiver Mann, bevor wir zu knutschen beginnen. Ich bin wieder einmal auf einem “Chill” gelandet, einer der privaten Drogen-und-Sex-Veranstaltungen, die so einfach im Chat zu finden sind. Auch in meiner Abstinenz bin ich immer noch von der Gemeinschaft außerhalb der Gesellschaft angezogen.

    Gerade weil Chemsex-User dieses Gemeinschaftsgefühl erleben, ist es für Männer, die ihren Konsum als problematisch empfinden, schwierig, aus diesem Kontext hinauszufinden. Erschwerend kommt hinzu, dass schon schwierig ist zu erkennen, dass ein Problem besteht, wenn man nur von anderen Konsumenten umgeben ist. Tatsächlich findet in der Szene – analog zum “Sero-Sorting”, also nur Sex mit Männern mit dem gleichen HIV-Status zu haben – sozusagen ein “Chems-Sorting” statt.

    Von der Einsicht, dass ein Problem bestehen könnte, ist es oft ein großer Schritt, bis Hilfe in Anspruch genommen wird. Ich persönlich musste unzählige Male nach einem tagelangen “Binge” zu Hause “crashen”, allein und ohne meine “verschworene Gemeinschaft”, bis mir bewusst wurde, dass ich das, was ich beim Chemsex suchte, gar nicht fand. Die Suche war zur Sucht geworden.

    Wege aus dem Chemsex: Hilfe, Gruppen & neue Intimität

    Für MSM, die Chemsex betreiben, gibt es je nach Bedürfnis verschiedenste Angebote. Wer seinen Konsum risikoärmer gestalten will, kann seine Drogen testen lassen – in Berlin etwa an drei verschiedenen Standorten, darunter die Schwulenberatung. Drug-Checking Berlin gibt auf seiner Webseite auch aktuelle Warnungen über bestimmte Substanzen heraus. Auf verschiedensten Webseiten, unter anderem der Deutschen Aids-Hilfe, finden sich Informationen zu “Safer Use”, also Maßnahmen, um den eigenen Konsum möglichst risikoarm zu gestalten.

    Wird der Substanzgebrauch problematischer, unterstützt in Berlin der Drogennotdienst. Auf der Webseite der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ist ein Suchthilfeverzeichnis für alle Bundesländer zu finden. Wer als schwuler Mann Beratung sucht, kann sich niederschwellig an die Schwulenberatung, den Checkpoint Berlin oder die Aids-Hilfe wenden. Der “Chemsex-Check” des Checkpoints bietet Orientierung, ob ein Problem bestehen könnte. Die Aids-Hilfe organisiert in verschiedenen Städten Gesprächsgruppen, in Berlin bei Mann-O-Meter. Bei der Schwulenberatung Berlin gibt es eine wöchentliche offene queere Suchtgruppe. Hier werden in ungezwungener und vorurteilsfreier Umgebung Erfahrungen ausgetauscht.

    Und für diejenigen von uns, für die Chemsex tatsächlich zum Problem geworden ist, gibt es die Möglichkeit von Entgiftungen sowie ambulanter und stationärer Reha an medizinischen Kliniken oder spezialisierten Institutionen. Die bisher einzigen Kliniken mit Programmen für Chemsex-User sind die Salus-Klinik in Köln-Hürth und das Haus Lenné in Berlin.

    Wer sich längerfristig für den Weg der Abstinenz entscheidet, findet Gleichgesinnte in 12-Schritte-Gruppen wie Crystal Meth Anonymous oder Narcotics Anonymous. Dort werden Erfahrungen über die eigene Abstinenz – in den Gruppen wird dies “Genesung” genannt – ausgetauscht und Gemeinschaft gelebt – nicht selten entstehen hier enge Freundschaften. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie wir nüchtern zu einer erfüllten Sexualität (zurück-)finden können, sondern auch, wie wir überhaupt eine nachhaltige Intimität und damit ein erfülltes Leben aufbauen können.

    FAQ zu Chemsex – Definition, Erfahrungen und Therapie

    Chemsex wirft viele Fragen auf: Was ist Chemsex genau, wie sieht eine klare Chemsex Definition aus, welche Chemsex Therapie gibt es und wie gehen andere mit ihrer Chemsex Erfahrung um? Die wichtigsten Punkte habe ich dir hier zusammengefasst.

    Was ist Chemsex?

    Chemsex bezeichnet Sex unter dem Einfluss bestimmter Drogen, zum Beispiel Crystal Meth, GHB/GBL, Mephedron oder Ketamin. Diese Substanzen werden gezielt konsumiert, um Lust, Ausdauer, Enthemmung oder Nähe zu verstärken. Meist wird der Begriff in schwulen Kontexten oder bei MSM (Männern, die Sex mit Männern haben) verwendet.

    Chemsex Definition – wie lässt sich das knapp zusammenfassen?

    Eine häufig genutzte Chemsex Definition lautet:
    Chemsex ist der geplante Gebrauch psychoaktiver Substanzen im Zusammenhang mit sexuellen Begegnungen, um bestimmte körperliche oder emotionale Effekte zu erzielen – etwa mehr Lust, weniger Scham oder ein intensiveres Gemeinschaftsgefühl.

    Warum machen Menschen Chemsex? (Chemsex Erfahrung)

    Viele berichten in ihrer Chemsex Erfahrung von Gefühlen wie:
    – weniger Hemmungen und Scham
    – gesteigerter sexueller Leistungsfähigkeit
    – intensiver Nähe oder „Verschmelzung“ mit anderen
    Gleichzeitig beschreiben manche auch sehr belastende Chemsex Erfahrungen: Kontrollverlust, Abstürze nach tagelangen Sessions, Einsamkeit danach oder Schwierigkeiten, ohne Drogen noch Sexualität zu erleben.

    Welche Möglichkeiten der Chemsex Therapie gibt es?

    Unter Chemsex Therapie versteht man keine einzelne Methode, sondern verschiedene Hilfsangebote, zum Beispiel:
    Beratungsgespräche bei queeren Beratungsstellen oder Aidshilfen
    Suchtberatung und ambulante Therapie, wenn der Konsum außer Kontrolle gerät
    Stationäre Programme (Reha, Entgiftung) in Kliniken mit Chemsex-Schwerpunkt
    Selbsthilfegruppen wie Crystal Meth Anonymous oder Narcotics Anonymous
    Ziel einer Chemsex Therapie kann sein, den Konsum zu reduzieren, sicherer zu gestalten oder ganz auszusteigen – und gleichzeitig eine Sexualität zu entwickeln, die auch ohne Drogen stimmig ist.

    An wen kann ich mich wenden, wenn ich über meine Chemsex Erfahrung sprechen möchte?

    Wenn du das Gefühl hast, deine Chemsex Erfahrung beschäftigt dich, kannst du dich an queere Beratungsstellen, Aidshilfen, spezialisierte Suchtberatungen oder Online-Chats (siehe unten) wenden. Dort kannst du vertraulich und anonym über deine Situation sprechen und gemeinsam klären, ob und welche Form von Unterstützung (z.B. Chemsex Therapie oder Selbsthilfegruppe) für dich passen könnte.

    Hilfe & Beratung rund um Chemsex

    Hier findest du Anlaufstellen zu Drug-Checking, Safer Use, Beratung und Selbsthilfegruppen.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen. Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

    • Persönliche Live-Beratung im Chat
    • Hilfe per Mail oder Telefon
    • Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr

    Drug-Checking Berlin

    Informationen und Standorte zum Testen von Substanzen in Berlin.

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    Safer Use – Deutsche Aidshilfe

    Tipps für risikoärmeren Konsum von Drogen.

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    Drogennotdienst Berlin

    Akute Hilfe und Beratung bei Drogenproblemen.

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    Suchthilfeverzeichnis (DHS)

    Bundesweites Verzeichnis von Suchthilfeangeboten.

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    Schwulenberatung Berlin

    Beratung für queere Menschen zu Alkohol, Drogen und Chemsex.

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    Chemsex-Check – Checkpoint Berlin

    Selbsttest, um den eigenen Chemsex-Konsum einzuschätzen.

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    Drogen & Substanzgebrauch – Aidshilfe

    Allgemeine Infos zu Drogen, Risiken und Unterstützung.

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    Chemsex-Support – QuApSSS

    Unterstützungsangebote für Menschen mit Chemsex-Erfahrungen.

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    Chex – Mann-O-Meter Berlin

    Beratung und Gruppenangebote speziell zu Chemsex.

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    Salus-Klinik Hürth

    Stationäres Programm für MSM mit Chemsex-Konsum.

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    Haus Lenné Berlin

    Therapieangebote und Reha auch für Chemsex-User.

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    Crystal Meth Anonymous

    12-Schritte-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Crystal-Meth-Problemen.

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    Narcotics Anonymous

    Selbsthilfegruppe für Menschen mit Drogenabhängigkeit.

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  • Gay Sauna: Liebe und Identität im Film „Sauna“

    Gay Sauna: Liebe und Identität im Film „Sauna“

    Bei einem Film mit dem Titel „Sauna“ darf man zu Recht schnellen, unverbindlichen Sex erwarten. Doch den norwegischen Regisseur Mathias Broe interessiert auch, welche Bedürfnisse dabei unbefriedigt bleiben – und wie man mit einer Männerbeziehung selbst in der queeren Community anecken kann.

    Mehr als Sex in der gay sauna

    Diffuses Licht, das die Körper lediglich erahnen lässt, schafft eine schummrige Atmosphäre. In Johans Leben scheint es niemals hell zu sein. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die ersten Szenen. Wo wir uns befinden, das wird – zumindest der kundigen Zuschauerschaft – durch den Sound klar. Stöhnen, keuchen, lautes Atmen. Geräusche, wie sie in jedem x-beliebigen Darkroom zu hören sind. Schweiß, Poppers und Gleitgel kann man förmlich riechen. Ob ein Quickie im Keller der Schwulenbar, in der Kabine der Sauna oder der Fick mit einem Grindr-Date – Johan (Magnus Juhl Andersen) lebt seine Sexualität in vollen Zügen aus. Und sogar sein Arbeitsplatz ist ganz und gar davon bestimmt, denn der junge selbstbewusste Mann aus der norwegischen Provinz jobbt in Kopenhagens einziger schwuler Sauna „Adonis“. Dort gibt er am Empfang Handtücher aus, stopft gebrauchte in die Waschmaschine und putzt am Morgen die Spermaspuren der vergangenen Nacht von der Gloryhole-Wand.

    Johan in einer intensiven Sexszene in der gay sauna im Film „Sauna“.
    Johan in einer überfordernden Sexszene in der gay sauna.

    Johan zwischen Darkroom und gay sauna

    Doch so paradiesisch und verheißungsvoll sich diese hypersexualisierte Welt für viele auch anhören mag: Johan spürt, dass diese endlos aneinandergereihten, austauschbaren Sexdates letztlich bedeutungslos sind und deshalb eine unbestimmte Leere hinterlassen. Immer wieder scrollt er durch das Angebot der Dating-Apps auf der Suche nach dem nächsten Kerl, dem nächsten Kick. „Auf Grindr wirst du keine Freunde finden“, sagt sein Arbeitskollege in der Sauna.

    Wie die gay sauna zur Bühne wird

    Regisseur Mathias Broe, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat (eine Adaption eines Romans von Mads Ananda Lodahl), skizziert dieses Dilemma in wenigen, aber umso prägnanteren Momentaufnahmen. Weder bewertet noch überdramatisiert er diesen von Sex bestimmten Lebensstil, noch setzt er ihn provokant in Szene. Stattdessen schildert er in diesem ersten Kapitel seines Spielfilmdebüts ein Lebensgefühl und eine Lebenswelt, wie sie sehr vielen schwulen Männern bekannt vorkommen dürfte. Und wahrscheinlich kann auch nur ein queerer Regisseur so beiläufig und selbstverständlich eine Analdusche in eine Handlung einbauen oder das Schmatzgeräusch von Gleitgel einfangen.

    Liebe statt anonymer Treffen in der gay sauna

    Mit dem nächsten Online-Date aber ändert sich fast alles in Johans Leben. Der junge Mann mit Namen William, der vor seiner Wohnungstür steht, ist etwas unsicher und schüchtern, aber ganz süß dabei. Als sich die beiden dann doch körperlich näherkommen, bittet William ihn, ihm nicht an die Brust zu fassen. Ein Moment der Irritation, dann wird Johan klar: sein Date ist ein Trans-Mann. Hätte er eigentlich wissen können, wenn er sich für seine Sexpartner wirklich interessierte und das Datingprofil tatsächlich auch gelesen hätte. Johan überwindet seine anfängliche Unsicherheit und bittet William (gespielt von der trans Schauspieler*in Nina Terese Rask) zu bleiben. Etwas fasziniert ihn an William, er spürt eine Nähe und wachsende Vertrautheit, wie er sie bei seinen bisherigen Sexdates nicht erlebt – oder vielleicht auch gar nicht zugelassen hat.

    Johan und William in einer intimen Bettszene im queeren Film „Sauna“.
    Johan und William teilen einen zärtlichen Moment im Bett.

    Wie sich aus dieser eigentlich als One-Night-Stand geplanten Begegnung eine innige Romanze entwickelt, erzählt Mathias Broe ganz aus der Warte Johans. Der ist gleichermaßen berauscht und überfordert von seinen Gefühlen. Die Sexszenen sind voller Leidenschaft, explizit und zugleich zurückhaltend.  Für Johan eröffnet sich aber auch in anderer Hinsicht eine neue Welt. Da sind Willams frustrierender und demütigender Kampf mit den Behörden um Zugang zu angleichenden Operationen und Hormonen. Und da sind Williams queerer Freundeskreis und ihr unterstützendes Miteinander, wie auch deren Locations und Partys, die sich doch sehr deutlich von den schwulen Cruisingorten unterscheiden, die Johan bislang vor allem frequentiert hat.

    Grenzen der Toleranz in der gay sauna

    Doch dieser Clash der Kulturen und sexuellen Identitäten verläuft nicht so reibungslos, wie sich Johan das in seiner Verliebtheit gedacht hat. In der Sauna ist William als Gast nicht gewünscht und fliegt hochkant raus. Mit „Man only“ sind hier eben nur Cis-Männer gemeint. Doch nicht nur an seinem Arbeitsplatz und in seinem Bekanntenkreis stößt Johans Liaison auf Unverständnis bis hin zu direkter Ablehnung. Auch er selbst gerät im Austarieren dieser Beziehung an seine Grenzen. Eine klassische Love-Story mit kitschigem Happy End darf man hier nicht erwarten. Das würde auch der realistischen Herangehensweise von Regisseur Mathias Broe widersprechen, der mit „Sauna“ auf unaufgeregte Weise auch die fragile Toleranz innerhalb der queeren Szene und deren Debatten spiegelt.

    Die Community, sagt Broe, sei ständigen und vielfältigen politischen Angriffen von rechts ausgesetzt. „Umso wichtiger ist es für ihn “eine nachvollziehbare Geschichte über Liebe zu erzählen und gleichzeitig die spezifischen Facetten queerer Erfahrungen aufzuzeigen, um hoffentlich zu einem besseren Verständnis beizutragen.“

    Dass dies selbst zwei Menschen schwierig fallen kann, die scheinbar füreinander geschaffen sind, die sich begehren und lieben können, gelingt den beiden Hauptdarsteller:innen sehr authentisch und eindrücklich zu vermitteln. Aber vielleicht müssen William und Johan erst für sich selbst klären, wer sie eigentlich sind, und was sie für sich und ihr Leben wünschen. Ob es für die beiden dennoch ein Happy End geben kann? Mathias Broe lässt das zum Glück offen. Die Wirklichkeit ist eben doch meist komplexer und komplizierter, als uns das schlichter gestrickte Wohlfühlfilme vermitteln wollen.

    Porträt des Regisseurs des queeren Films „Sauna“ über Liebe in der gay sauna.
    Pressefoto des Regisseurs des queeren Liebesfilms „Sauna“.

    „Sauna“. Regie Mathias Broe. Mit Magnus Juhl Andersen, Nina Terese Rask, Dilan Amin. DK 2025, dänisch-schwedische OF mit deutschen UT.

    Ab Anfang November in der Queerfilmnacht. Regulärer Kinostart: 20. November.
    Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=skc7j4iG1rI

  • PrEP gibt Sicherheit: HiV-Prävention, Selbstbestimmung  und Fürsorge unter trans Frauen

    PrEP gibt Sicherheit: HiV-Prävention, Selbstbestimmung  und Fürsorge unter trans Frauen

    Ein Erfahrungsbericht einer trans Frau über Selbstbestimmung, Vertrauen und Solidarität

    Bevor ich überhaupt mit PrEP angefangen habe, wollte ich verstehen, was diese Tablette eigentlich macht. PrEP schützt den Körper vor einer möglichen HIV Infektion. Das Medikament blockiert das Virus, bevor es sich im Körper einnisten kann. Es ist keine Garantie, aber eine wirksame Vorsorge.

    Medizinischer Start mit PrEP: HIV-Tests, Werte und Verantwortung

    Bevor ich angefangen habe, wurden meine Blutwerte kontrolliert, HIV Test, Nieren und Leberwerte, Hormone. Ich erinnere mich an das Warten auf die Ergebnisse. Dieses stille Zittern zwischen Hoffnung und Angst. Die Werte waren unauffällig. Kreatinin 0.81, GFR über 60, also stabile Nierenfunktion. Leber unauffällig. Hormone im Zielbereich, Estradiol 141, Testosteron 1.80. Kein Hinweis auf Infektionen. Alles im grünen Bereich. Ich war bereit. Bereit, Verantwortung zu übernehmen, für mich selbst, für meinen Körper, für die Menschen, mit denen ich Nähe teile.

    Alltag mit PrEP: Routine, Emotionen und Selbstbestimmung

    Ich habe PrEP einen Monat lang jeden Tag genommen. Ohne Ausnahme. Keine Tablette vergessen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, nicht nur medizinisch, sondern emotional. Als trans Frau, die ohnehin täglich Hormone nimmt, war das nichts Neues. Medikamente gehören zu meinem Alltag. Aber PrEP war anders. Kein Teil meiner Transition, kein Schritt nach außen. Sondern etwas nach innen. Etwas, das mit Vertrauen zu tun hat. Die Tabletten sind groß. Ehrlich, das war anfangs eine kleine Überwindung. Ich hab tief durchgeatmet, geschluckt und irgendwann wurde es Routine.

    Hand mit blauer PrEP-Tablette – tägliche Einnahme als Schutz, Routine und Vertrauen einer trans Frau.
    Jeden Tag eine PrEP Tablette – Sicherheit, Selbstbestimmung und Vertrauen werden zur Routine.

    Etwas ganz Eigenes. Ich habe so oft erlebt, dass andere über meinen Körper entscheiden wollten. Ärzt*innen, Gutachter*innen, Behörden. Mit PrEP war das zum ersten Mal wieder meine Entscheidung. Mein Körper, mein Schutz, mein Vertrauen. Mein Körper war so lange ein politisches Terrain. Mit PrEP wurde er ein sicherer Ort. Für mich. Und für andere. Körperlich hat sich kaum etwas verändert. Nur Kopfschmerzen, ab und zu. Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht am Medikament. Ich weiß es nicht. Aber das Entscheidende war nicht körperlich. Es war etwas anderes. Etwas Emotionales.

    Nähe und Fürsorge: Wie PrEP Sicherheit in Beziehungen schafft

    Ich habe keine Berührungsängste mit Menschen, die HIV positiv sind. Früher vielleicht, ja. Ich bin in einer Welt groß geworden, in der HIV mit Angst verknüpft war. Mit Schuld, mit Stigma. Aber das ist lange her. Ich habe Menschen kennengelernt, zugehört und gelernt.. Besonders im Sexwork Bereich, wo Vertrauen, Schutz und Verantwortung so eng miteinander verwoben sind. PrEP hat dieses Gefühl verändert. Es hat mir Sicherheit gegeben. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für die Menschen, mit denen ich intim war. Wenn man Menschen wirklich mitdenkt, wenn man ihre Sicherheit genauso ernst nimmt wie die eigene, dann verändert sich Nähe. PrEP verringert nicht nur das Risiko einer Infektion. Es nimmt etwas von dieser Schwere, die auf Intimität liegt. Und das ist vielleicht die eigentliche Prävention.

    Arbeit und Risiko: Warum viele trans Frauen PrEP brauchen

    Viele trans Frauen Weltweit sind im Sexwork, und das ist kein Zufall. Diskriminierung, Armut, Ablehnung auf dem Arbeitsmarkt, fehlende Dokumente, fehlende Sicherheit, Unsichtbarkeit, Anti-Trans Gesetze. All das drängt viele in Bereiche, die andere meiden. Und gleichzeitig sind genau diese Räume oft die einzigen, in denen trans Frauen gesehen werden, begehrt, aber nicht immer respektiert. PrEP hat in dieser Realität eine andere Bedeutung. Sie ist nicht bloß Schutz vor einem Virus. Sie ist Schutz vor einem System, das uns ständig als Risiko definiert. Wenn die Gesellschaft einem sagt, du bist gefährlich, dann wird Selbstschutz zu einer Form von Würde. Zu einer Form von Widerstand.

    Zugang und Versorgung: Hürden im Gesundheitssystem für trans Frauen

    Ich habe Kolleg*innen gesehen, die in dieser Unsicherheit leben. Viele wollen sich schützen, wissen aber nicht, wo sie PrEP bekommen, oder trauen Ärzt*innen nicht, weil sie zu oft spüren, dass sie dort nicht gemeint sind. Dabei sind sie es, die PrEP am meisten brauchen. Und am wenigsten bekommen. Ich musste mir nicht nur mein Geschlecht erkämpfen, sondern auch meinen Zugang zu Schutz. Mein erster Arztbesuch für PrEP war freundlich, aber unbeholfen. Er wusste nicht, was er mit mir anfangen sollte. Fragte, ob ich trotz Hormonen Sex mit Männern habe. „Männern“. Ob das überhaupt nötig sei. Ich musste erklären, dass Schutz nichts mit Identität zu tun hat. Es geht um Leben, um Fürsorge.

    Leerer Behandlungsraum – symbolisiert Hürden und Unsicherheit beim Zugang zu PrEP für trans Frauen.
    Wenn queersensible Versorgung fehlt, bleiben Lücken.

    Viele trans Frauen haben keine Ärzt*innen, die sie ernst nehmen. Sie müssen sich ihre Gesundheitsversorgung selbst zusammenbauen, mit Wissen aus der Community, mit gegenseitiger Unterstützung. PrEP wird so auch ein Symbol. Ein Ausdruck kollektiver Fürsorge in einer Gesellschaft, die uns oft sich selbst überlässt. Mein jetziger Arzt ist da ganz anders. Er ist sehr aufgeklärt, sehr sensibel, fragend und nicht übergriffig. Abgesehen davon, dass ich dort auch meine Hormonbehandlung bekomme. Die Praxis selbst ist queer und trans, und das merkt man. Man spürt, dass man da nicht Patientin zweiter oder gar keiner Klasse ist. Kleine ungesponserte Schleichwerbung. ViRo Schillerkiez. Danke fürs einfach normal sein.

    Mehr als Medizin: PrEP als Selbstbestimmung, Solidarität und Fürsorge

    Trans Frauen werden in der Medizin oft als Risiko betrachtet. Als Statistik. Als Kategorie. Aber selten als Menschen, die Verantwortung übernehmen, die Fürsorge leben, die sich schützen und gleichzeitig andere mitdenken. Wenn eine trans Frau PrEP nimmt, ist das nicht nur medizinisch. Es ist auch politisch. Es ist ein Ich bestimme über meinen Körper. Ich nehme mir, was mir zusteht. Ich schütze mich, weil ich leben will. Nicht, weil ich ein Risiko bin. Ich weiß, dass viele trans Frauen mit HIV leben. Und dass dieses Thema in unserer Community oft verschwiegen wird. Es gibt so viele, die doppelt stigmatisiert werden.

    Für ihr Geschlecht. Für ihren HIV Status. HIV positiv und trans zu sein schließt sich nicht aus. Es heißt nur, dass man doppelt gegen Vorurteile ankämpfen muss. Ich bin HIV negativ, aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper als Risiko gesehen wird. Vielleicht verstehe ich deshalb, wie viel Liebe in dieser kleinen Pille steckt. Für mich ist PrEP auch ein Zeichen von Solidarität. Ein Ich sehe dich. Ein Ich will, dass du dich sicher fühlst. Ich hatte nie Angst vor HIV positiven Menschen. Aber ich kenne die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit. Und PrEP hat mir geholfen, diese Angst in Vertrauen zu verwandeln.

    Symbol für Selbstbestimmung, Schutz und Solidarität durch PrEP
    Zwischen Stigma, Verletzlichkeit und Selbstschutz – PrEP als mehr als nur Medizin für trans Frauen.

    PrEP politisch gedacht: Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Präventionskultur

    Ich denke oft darüber nach, wie PrEP politisch gelesen wird. Für cis schwule Männer war sie ein Befreiungsschritt, ein Symbol sexueller Selbstbestimmung. Für trans Frauen ist sie das auch, aber auf einer anderen Ebene. Sie ist nicht nur Schutz, sondern Sichtbarkeit. Wir sind Teil dieser Präventionskultur, auch wenn wir in Studien oft fehlen. Ich wünsche mir, dass man uns nicht nur als Risikogruppe sieht, sondern als Menschen, die Verantwortung tragen. Dass unsere Geschichten über Fürsorge, Liebe und Vertrauen genauso erzählt werden wie unsere Statistiken.

    Ich sehe PrEP als Teil einer größeren Bewegung. Einer, die sagt, dass Fürsorge radikal sein kann. Dass Sicherheit kein Privileg sein sollte. Und dass Solidarität manchmal in einer kleinen blauen Tablette beginnt. Ich denke heute oft daran, wie viel ich meinem Körper abverlangt habe. Wie viel er ausgehalten hat. Und dass ich ihm dafür endlich etwas zurückgeben wollte. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich PrEP genommen habe. Nicht nur, um mich zu schützen, sondern um mich zu halten. Mir selbst näher zu kommen.

    FAQ zu PrEP

    Dieser FAQ-Bereich bündelt Antworten zu PrEP für trans Frau: Wirkung gegen HIV, Einnahme, Verträglichkeit, Zugang und wie Prävention Selbstbestimmung und Fürsorge stärkt.

    Was ist PrEP und wie schützt sie vor HIV?

    PrEP ist eine vorbeugende Medikamenteneinnahme, die das Risiko einer HIV-Infektion stark senkt, wenn sie korrekt eingenommen wird. Sie ersetzt keine Kondome und schützt nicht vor anderen STI.

    Wie beginnt man mit PrEP?

    Vor dem Start gehören ein aktueller HIV-Test, Nierenwerte und weitere Basischecks in eine ärztliche Abklärung. Danach erfolgen regelmäßige Kontrollen und Testungen auf STI in vereinbarten Abständen.

    Verträglichkeit: Mit welchen Nebenwirkungen muss ich rechnen?

    Viele Menschen vertragen PrEP gut. Zu Beginn können vorübergehend Kopfschmerzen, Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden sollte die behandelnde Praxis kontaktiert werden.

    Verträgt sich PrEP mit einer Hormonbehandlung?

    PrEP gilt in der Regel als kombinierbar mit einer feminisierenden Hormontherapie. Dennoch sind individuelle Unterschiede möglich; regelmäßige medizinische Kontrollen sind wichtig.

    Wo bekomme ich PrEP und Beratung?

    Anlaufstellen sind HIV-Schwerpunktpraxen, Checkpoints, Aidshilfen und queer-freundliche Haus- oder Fachärztinnen und -ärzte. Dort erhältst du Beratung, Tests und die laufende Begleitung.

    Über die Autorin Joelina Yavaş

    Porträt einer trans Frau, Autorin und queer-muslimischen Aktivistin, die über PrEP, HIV-Prävention und Selbstbestimmung schreibt
    Trans Autorin und queer-muslimische Aktivistin, die über Körper, Verletzlichkeit, PrEP, HIV-Prävention und sichere Räume für marginalisierte Menschen schreibt.

    Joelina Yavaş ist trans Frau, Autorin und queer muslimische Aktivistin. In ihren Texten schreibt sie über Körper, Verletzlichkeit und Selbstbestimmung und über die Wege, auf denen trans und mehrfach marginalisierte Menschen sich Räume von Sicherheit und Nähe zurückholen.

    Bluesky: https://bsky.app/profile/drjoelina.bsky.social

    Instaprofil: @drjoelina und das öffentliche: @joelina_j 

    Mein Block – Trans & trotzig: https://ko-fi.com/joelina

  • Was ist Transfeindlichkeit und warum steigt sie an?

    Was ist Transfeindlichkeit und warum steigt sie an?

    Neueste empirische Erhebungen zeigen einen Abwärtstrend in der Akzeptanz von queerer Vielfalt. Davon besonders betroffen sind trans Menschen. Das von der Robert Bosch Stiftung in Auftrag gegebene „Vielfaltsbarometer 2025“ bestätigt den Trend. Zwar liege die Akzeptanz weiterhin im positiven Bereich, nehme allerdings ab. Da die Studie trans als sexuelle Orientierung einordnet, bleiben spezifische Erkenntnisse weitgehend ausgeklammert.

    Zwei Aussagen jedoch haben einen trans Fokus und hier fallen die Werte besonders ins Auge: „Transsexuelle sollten unter sich bleiben“ und „Das Geschlecht zu ändern ist wider die Natur“. Die erste Aussage lehnten immerhin 56 % der Befragten ab, bei der zweiten waren es nur noch 34 %, während 23 % dem uneingeschränkt zustimmten (dazwischen noch die Abstufungen „stimmt wenig“ mit 18 % und „stimmt ziemlich“ mit 12 %).

    Was den Abwärtstrend bei der Akzeptanz angeht, so kennen wir entsprechende Befunde bereits aus den USA. Allerdings ist diesen empirischen Momentaufnahmen nicht zu entnehmen, warum das so ist. Genau das aber ist die eigentlich spannende Frage. Die Rede ist dann oft von Überforderung der Mehrheitsgesellschaft durch bestimmte Themen, auch von einer zunehmenden politischen Polarisierung mit der Folge einer Spaltung der Gesellschaft.

    Die Dauerbeschallung durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten – flankiert von angeblich feministischen sowie religiös-fundamentalistischen Gruppen – spielt eine wichtige Rolle. Das gilt umso mehr, wenn transfeindliche Positionen zum Regierungsprogramm erhoben werden, wie bei der erneuten Trump-Präsidentschaft in den USA seit Anfang des Jahres. Woran zum einen die Manipulierbarkeit von Einstellungen wie auch die Neigung, sich allgemeinen Stimmungen anzuschließen, leicht abzulesen ist.

    Drei Menschen halten sich an den Händen und trotzen Gegenwind – Symbolbild zu Transfeindlichkeit und Selbstbestimmung.
    Symbolbild: Trans Communities im Gegenwind – Selbstbestimmung gibt Halt.

    Was bedeutet Transfeindlichkeit – und wen trifft sie?

    So oder so, an der Tatsache, dass die Transfeindlichkeit in der Gesellschaft aktuell ansteigt, kommen wir nicht vorbei. Weil dem so ist, will ich mich hier näher mit der Frage befassen, was wir uns unter Transfeindlichkeit vorstellen müssen. Denn ihre Formen sind breit gefächert und auf den ersten Blick nicht unbedingt immer erkennbar. Leicht erkennbar jedoch sind ihre offenen Formen. Hass und Gewalt sind die sichtbarsten. Deren Anstieg dokumentiert wiederum die Polizeistatistik, wobei von einem nicht bezifferbaren Dunkelfeld auszugehen ist, also von Diskriminierungen, die gar nicht erst gemeldet und angezeigt werden, und auf der anderen Seite dürfte bei den steigenden Zahlen registrierter transfeindlicher Straftaten der letzten Zeit eine wachsende Sensibilisierung bei der Erfassung eine Rolle spielen.

    Um noch einmal auf das „Vielfaltsbarometer“ zurückzukommen. Auch darin wird Transfeindlichkeit zahlenmäßig ausgedrückt. Wenn nämlich 13 % der Befragten der Ansicht zustimmen, trans Personen sollten unter sich bleiben und 8 % diese Ansicht weitgehend teilen, dann heißt das nichts anderes, als dass sich ungefähr jeder Fünfte gegen die soziale Sichtbarkeit von trans ausspricht. Auch ohne die konkreten Motive zu kennen, so entspringen soziale Ausschlüsse am ehesten einer wie auch immer geprägten feindlichen Haltung. Auf jeden Fall stellt eine solche Haltung sowohl die Gleichberechtigung wie auch die gesellschaftliche Teilhabe von trans Personen in Frage.

    Auch für das zweite Statement sprechen die Zahlen im negativen Bereich für eine tendenzielle transfeindliche Haltung. Denn wer trans für widernatürlich hält, verortet sie am Ende im Spektrum von Krankheit und Perversion. Hier bliebe anzumerken, dass Biologie grundsätzlich als Einspruch gegen trans instrumentalisiert wird. Doch liegt dem ein Denkfehler zugrunde, indem man sich nämlich auf einen eingeengten, kulturell geprägten Begriff von Natürlichkeit beruft. Ich werde darauf später näher eingehen. Nur so viel vorab: Das Biologie-Argument im Kontext von trans erweist sich als einer der Favoriten im Sortiment transfeindlicher Narrative.

    Verdeckte Transfeindlichkeit: interne Dynamiken in trans und queeren Communities

    Ich will mich hier auf die versteckte, nicht immer offensichtliche Transfeindlichkeit konzentrieren, die gewissermaßen durch die Hintertür auftritt. Dass wir sie auch in der queeren Community und selbst in der trans Community finden, mag vielleicht überraschen und befremden, gehört aber leider zum Alltag. Die Beweggründe dafür sind schwer auszumachen, denn wenn eine trans Frau sich selbst als krank und anormal bezeichnet, sich vehement gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung ausspricht, die sie letzten Endes durch ihre Transition ja in Anspruch genommen hat, mögen wir das zwar als eine regressive Haltung wahrnehmen, aber der eigentliche Beweggrund ist nicht zu erkennen. Ob es beispielsweise aus Selbsthass geschieht oder es sich um eine Internalisierung negativer Fremdzuschreibungen handelt, kann nur gemutmaßt werden.

    SBGG im Fokus: Schutz der Selbstbestimmung vs. Missbrauchsdebatte bei trans

    Ein breites Einfallstor für Transfeindlichkeit ist die Missbrauchs-Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) und die Tatsache, dass diejenigen, die es für eine Namens- und Personenstandsänderung (Änderung des Geschlechtseintrags) nutzen, weil sie trans, inter oder nichtbinär sind und deshalb einen nachvollziehbaren Grund haben, dies zu tun, durch einen niederschwelligen Antrag beim zuständigen Standesamt und durch Selbstauskunft erreichen. Genau das entspricht dem Kern geschlechtlicher Selbstbestimmung.

    Seit knapp einem Jahr ist nun das SBGG in Kraft und scheint im Großen und Ganzen zu funktionieren. Aktuell sollen es 22.000 Menschen bundesweit sein, die das Gesetz bisher in Anspruch genommen haben, wobei anzunehmen ist, dass die Zahl künftig niedriger liegen wird, denn mittlerweile dürfte der Anfangsstau abgebaut sein. Allerdings gab es darunter einen offenkundigen Missbrauchsfall durch eine rechtsextreme Person, einen Missbrauch mit Ansage und aus politischen Gründen, vor allem um das SBGG in Misskredit zu bringen.

    Waage und Richterhammer – Symbolbild zu SBGG, Selbstbestimmung und Debatte um transfeindlichen Missbrauch.
    Symbolbild: SBGG schützt Selbstbestimmung – die Missbrauchsdebatte nährt transfeindliche Narrative.

    Missbrauchsfall einordnen: SBGG schützen, Selbstbestimmung stärken – gegen transfeindliche Rückschritte

    Dass dadurch jedoch der Rechtsstaat ins Wanken kam oder das SBGG und damit die geschlechtliche Selbstbestimmung in Frage gestellt ist, lässt sich trotz einer aufgeheizten medialen Debatte wirklich nicht behaupten. Dass ein solcher Missbrauch letztlich einem transfeindlichen Impuls folgt, liegt auf der Hand. Die Lösung kann aber nicht sein, das Prinzip der Selbstbestimmung zu canceln, um etwa zur Begutachtung zurückzukehren, wie wir sie vom sogenannten Transsexuellengesetz kannten. Die Lösung kann nur sein, so meine Ansicht, dass ein offenkundiger Missbrauch eine Strafe nach sich zieht. Das heißt, das SBGG bedarf der Strafbewehrung.

    Schon die Entstehung des SBGG war von einer anhaltenden Missbrauchs-Debatte begleitet, die ein hochgradig transfeindliches Potential enthielt. Diskutiert wurde beispielsweise, dass Männer das Gesetz nutzen könnten, um sich Zugang zu geschlechtsspezifischen Räumen zu verschaffen, also Zugang zur Frauensauna, zum Frauengefängnis und allen Orten, die für weibliche Personen reserviert sind, wie Toiletten, Umkleideräume usw. Aber auch, um für sich etwa die Frauenquote zu kapern oder Frauenparkplätze in Anspruch zu nehmen.

    Selbst wenn dabei stets von Männern die Rede war, gerieten so auch trans Frauen unter den Radar des Missbrauchsverdachts, verbunden mit der Schlussfolgerung, dass der geänderte Geschlechtseintrag zwar auf dem Papier stehe, aber nicht in der Realität gelte. Vorbehalte und Ressentiments gegen trans Frauen schlugen hier voll zu Buche und hinterließen schließlich deutliche Spuren im Gesetzestext.

    Rechtliche Lücken: Militär-Paragraf, Gleichheitsgrundsatz und faktisch transfeindliche Effekte

    Das war ebenso der Fall beim sogenannten Militär-Paragrafen, der die Änderung des Geschlechtseintrags im Verteidigungsfall aussetzt, als ob trans weibliche Personen dann aufhören würden, trans zu sein. Trans Männer sind davon nicht betroffen, was mit Blick auf trans weibliche Personen den Gleichheitsgrundsatz verletzt, wonach alle Menschen gleich vor dem Gesetz seien.

    Auch dies ein Beispiel für eine nur schlecht versteckte und im Grunde eklatante trans Feindlichkeit, die unsere Integrität frontal angreift. Nebenbei bemerkt, scheint der Gesetzgeber das im Grundgesetz verankerte Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht zu kennen. Um das in Anspruch zu nehmen, braucht es keine Personenstandsänderung. Solche Szenarien zeigen, wie tief Vorbehalte gegenüber trans Menschen in der juristischen Praxis verankert sind. Das Paradebeispiel ist das sogenannte Transsexuellengesetz. Sein restriktiver Charakter führte zu mehreren Menschenrechtsverletzungen, die das Bundesverfassungsgericht Schritt für Schritt beseitigte.

    Lehrperson vorne erklärt einer Gruppe Wege aus Transfeindlichkeit – Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung.
    Skizze: Queere Lehrperson führt durch einen Workshop – Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung als Antworten auf Transfeindlichkeit.

    Geschlechtsidentität anerkennen: Sprache, Recht und Selbstbestimmung für trans Personen

    Wenden wir uns einem anderen Diskriminierungsfeld zu, das hier bereits kurz erwähnt wurde: Das ist die Rede vom sogenannten biologischen Geschlecht, mit der sich vor allem zweierlei Aussagen verbinden. Zum einen soll damit unterstrichen werden, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Wobei niemand bei Verstand die Tatsache leugnen wird, dass es Frauen und Männer gibt mit einer unterscheidbaren Körperbeschaffenheit.

    Wo sich trans Menschen in einer durch die Fortpflanzung definierten geschlechtlichen Binarität wiederfinden, bleibt freilich offen. Denn über Keimdrüsen und Gene lässt sich trans nun mal nicht erklären. Andererseits ist die Existenz von trans ebenso eine Tatsache, die durch die Erkenntnisse der Ethnologie und Kulturgeschichtsforschung dahingehend ergänzt wird, dass es Menschen wie mich schon immer und überall auf der Welt gegeben hat, also Menschen, die einen Geschlechtsrollenwechsel vollzogen haben.

    Der als Verteidigung geschlechtlicher Vielfalt gemeinte Hinweis, die Natur kennzeichne ein Variantenreichtum, ist zwar zutreffend, wenn es um Geschlechtsmerkmale oder um hormonale und chromosomale Fragen geht, und als Einspruch gegen eine strikte Zweigeschlechtlichkeit nachvollziehbar, ist aber leider nicht wirklich hilfreich bei der Beantwortung der Frage, warum es trans gibt. Wir finden darin keine schlüssige Antwort. Dass dieses Warum (noch) nicht beantwortbar ist, macht uns – wenig überraschend – leicht angreifbar. Die breite trans feindliche Front bestätigt das.

    Wege aus der Transfeindlichkeit: Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung

    Ich hatte ja von zweierlei Aussagen im Zusammenhang mit der Rede vom biologischen Geschlecht gesprochen. Die erste Aussage behauptet, es gebe nur zwei Geschlechter und lässt trans Menschen außen vor. Die zweite leugnet die Geschlechtsidentität, also das, was die Lebenswirklichkeit von trans Personen prägt. Sie unterstellt, trans Menschen blieben ungeachtet körperverändernder Maßnahmen immer ihr Geburtsgeschlecht. Die Aussage lautet dann: eine trans Frau bleibe ein biologischer Mann und ein trans Mann eine biologische Frau. Solches Denken hat weitreichende Folgen. Seine Spuren lassen sich, ohne das hier vertiefen zu können, bis in die aktuelle Gesetzgebung verfolgen, indem dort ein Begriff wie Geschlechtsidentität konsequent vermieden wird. Die Konsequenz: trans bleibt ausgeklammert, zählt nicht mit, wo immer es um Fragen von Geschlecht geht.

    Ich glaube es ist offenkundig, was daran transfeindlich ist. Es ist ein Frontalangriff auf unsere Integrität, der den Zweifel an unserer menschlichen ‚Echtheit‘ in sich trägt. Das Selbstbestimmungsgesetz ermöglicht uns einerseits die geschlechtliche Selbstbestimmung, aber behandelt die bestätigte Geschlechtsidentität als etwas Zweitklassiges, nicht Vollwertiges.

    Wege aus der Transfeindlichkeit: Aufklärung und Selbstbestimmung

    Es besteht wohl kein Zweifel daran, dass wir immer noch – trotz allem Erreichten – am Anfang stehen. Das SBGG wurde gemacht für trans , inter und nichtbinäre Menschen, doch wie es aussieht, muss wohl die Gesellschaft als Ganzes erst noch geschlechtsmündig werden.

    FAQ zu Transfeindlichkeit

    Dieser FAQ-Bereich erklärt Transfeindlichkeit und zeigt Wege heraus – mit Fokus auf trans Perspektiven, SBGG und Selbstbestimmung. Nutze diesen FAQ-Bereich, um Definitionen, Zahlen, Rechtsschutz und praktische Tipps schnell zu finden.

    Was ist Transfeindlichkeit?

    Transfeindlichkeit sind abwertende Haltungen, Sprache oder Handlungen gegenüber trans Personen – von Spott und Misgendern bis zu Diskriminierung und Gewalt. Sie wirkt individuell, institutionell und strukturell und mindert Sichtbarkeit sowie Selbstbestimmung.

    Warum steigt Transfeindlichkeit an?

    Polarisierte Debatten, Desinformation und politischer Rückenwind für transfeindliche Narrative verstärken Vorurteile. Wo Emotionen dominieren und Fakten fehlen, sinkt Akzeptanz; einflussreiche Akteurinnen und Akteure beschleunigen diesen Effekt.

    Welche Formen von Transfeindlichkeit gibt es?

    Offen: Beschimpfungen, Drohungen, Übergriffe. Verdeckt: Gatekeeping, bürokratische Hürden, Ignorieren von Geschlechtsidentität und das „Biologie“-Totschlagargument. Beides schränkt Teilhabe und Selbstbestimmung ein.

    Was ist das SBGG?

    Das SBGG ist das Selbstbestimmungsgesetz. Es vereinfacht für trans, inter und nichtbinäre Menschen die Änderung von Namen und Geschlechtseintrag und stärkt damit rechtliche Selbstbestimmung.

    Welche Rolle spielt das SBGG im Kontext von Transfeindlichkeit?

    Es baut Hürden ab und schützt Würde. Zugleich wird es in Missbrauchsdebatten teils transfeindlich instrumentalisiert. Ziel sollte sein, klar gegen Missbrauch vorzugehen, ohne das Prinzip der Selbstbestimmung zu schwächen.

    Was ist das Selbstbestimmungsgesetz?

    Das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) regelt, wie Menschen ihren Vornamen und den Geschlechtseintrag eigenverantwortlich ändern können. Es ersetzt entwürdigende Begutachtungen, erleichtert Verfahren und stärkt Rechtsschutz und Selbstbestimmung.

  • Cruising: Eine queere Utopie

    Cruising: Eine queere Utopie

    Einmal, als Orlando und ich uns auf einem Pflaumenstrauch fläzten, fiel sein Sombrero herunter. Ich schnappte mir den Hut, rannte davon und versteckte mich hinter einer Pflanze, an einem abgeschiedenen Ort. Er verstand genau, was ich wollte; wir zogen unsere Hosen herunter und begannen zu masturbieren.

    (Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird)

    Mehrere farbig verfremdete nackte Männerkörper in Pop-Art-Ästhetik – symbolisch für queeres Cruising, Begehren und Körperfreiheit im öffentlichen Raum.
    Cruising als queerer Sehnsuchtsort – zwischen Natur, Lust und Blicken entsteht eine Utopie jenseits der Norm.

    Nackt im Wald – und nicht allein

    Der Pfad im Grunewald ist ein verschlungenes Labyrinth, wie von Menschenhand angelegt. Oder wohl eher: von Menschenfuß. Lediglich meine Schritte sind zu hören, ab und zu ein Vogelruf. Die Temperatur ist angenehm an diesem Nachmittag im späten Mai. Außer meinen Sneakers bin ich nackt. Ich erhasche den Blick von einem Mann, der ebenfalls nackt ist, an einen Baum gelehnt. Vor ihm kniet ein anderer Mann und bläst seinen Schwanz. Der Mann schaut mich ungerührt an, doch ich senke meinen Blick. Jede Faser in meinem Körper zieht mich zum Ort des Geschehens, doch ein weiterer Impuls in mir ist stärker und ich gehe weiter.

    Vom Schreiben zum Selbstversuch

    Als ich angefragt werde, einen Text über Cruising-Orte zu schreiben, ist mein erster Gedanke: Ich habe gar nicht viel Erfahrung mit Cruising. Also mache ich mich auf eine Spurensuche, lese Texte, befrage Freunde, krame in meiner Erinnerung und mache einen Selbstversuch im Grunewald.

    Ich erinnere mich an den letzten Sommer, als ich am Schwulen-Strand in Sitges zusammen mit meinem Partner zu den etwas abgelegenen Höhlen ging. Ich erinnere mich, wie aufregend es war, mit ihm zusammen diesen Ort zu entdecken. Wie wir zuerst zu zweit rumgemacht haben, und später mit einer ganzen Gruppe von Jungs. Wie ich ganz in mir zu ruhen schien, meine Knie aufgerieben vom Sand, umspült von den regelmäßigen Wellen des Mittelmeers.

    Cruising, schreibt Henry Hagemann in seiner historischen Spurensuche Cruising-Orte, ist eine historisch gewachsene Praktik, bei der schwule Männer und queere Menschen im semi-öffentlichen Raum mithilfe von Codes und nonverbaler Kommunikation nach schneller Intimität suchen.

    Die Anonymität beim Cruising bietet einerseits Schutz vor strafrechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung, andererseits ist die potentielle Gefahr, erwischt zu werden, mit Nervenkitzel und Spannung verbunden, was die sexuelle Begierde noch befeuert.

    Cruising: Zwischen Kunst und Blickkontakt

    Ich trete zurück auf die Lichtung im Grunewald, wo ein Freund von mir auf unsere Sachen aufpasst. “Und?” Ich schüttle den Kopf. Wir sprechen weiter über die “unvollkommene Kunst” des Cruisings, wie es der mexikanische Aktivist und Autor Leo Herrera nennt. “Tu so, als wärst du in einem Museum. Du bist entweder die Kunst oder der Betrachter”, schreibt Herrera in seinem (analog) Cruising Manual. Mein Freund beschreibt dies so:

    “Wenn du jemanden siehst, den du attraktiv findest, schaust du ihm in die Augen, wenn nicht, vermeidest du den Blickkontakt.” Ich erinnere mich an so viele Momente in meinem Leben, in denen ich meinen Blick abgewandt habe obwohl oder gerade weil ich jemanden attraktiv fand. Naiv frage ich, ob beim Cruising Lächeln erlaubt ist. “Das kannst du, wenn du niedlich sein willst – meistens greifst du dir aber einfach in den Schritt. Wenn dies beide machen, kommt ihr zur Sache.” Herrera schreibt von einem “smirk”, was sich vielleicht mit “vielsagendes Grinsen” übersetzen lässt. Den Blick halten, ein vielsagendes Grinsen, sich an den Schwanz fassen… Ich fühle mich komplett ungeübt in dieser kodierten Sprache, die vielmehr ein kodiertes Schweigen ist, das laut Herrera “sowohl der Sicherheit als auch der Fantasie” dienen soll.

    Gerade diese Fantasien sind es, die die von mir befragten Cruiser in den Vordergrund stellen: “Ich habe eine bestimmte Fantasie und begebe mich auf die Jagd nach jemandem, der diese Rolle spielen kann.” Ein weiterer Freund, den ich auf der FKK-Wiese in der Hasenheide treffe, erzählt:

    Cruising – breiter als gedacht

    Ich lese, dass Charles Baudelaire und Oscar Wilde als prominente erste Cruiser gelten könnten. Das Flanieren wohlsituierter Männer war kein ungewöhnliches Bild im viktorianischen England. Ich erinnere mich, wie ich mit 19 Jahren beim Flanieren auf Manhattans Straßen von einem Mann angesprochen wurde und dann mit ihm nach Hause ging. Das Gleiche passierte mir mit 34 nochmals, als ich das erste Mal in Madrid war. Vielleicht waren das Cruising-Erfahrungen ohne dass ich sie als solche benannt hätte. Vielleicht war meine bisherige Definition von Cruising als anonymer Sex in Parks und “Klappen” etwas zu eng gefasst.

    Schild mit der Aufschrift „WC“ vor grünem Hintergrund – Hinweis auf eine öffentliche Toilette als Cruising-Ort.
    Öffentliche Toiletten, sogenannte Klappen, gelten als klassische Orte des anonymen Cruisings.

    Klappen, also öffentliche Toiletten, sind prädestiniert für Cruising: Am Urinal wird der Schwanz eines potentiellen Sexpartners in Augenschein genommen. Die meisten Freunde, mit denen ich über Cruising spreche, sind keine Fans von Klappen-Sex – es sei eine weniger persönliche Begegnung als in der freien Natur. Doch Klappen und Autobahnraststätten bieten eine höhere Anonymität für ungeoutete oder nicht schwul lebende Cruiser – im Gegensatz etwa zu schwulen Bars, Kneipen und Saunas, deren oft labyrinthische Ausgestaltung wohlgemerkt an die verschlungenen Wege in Parkanlagen und Wäldern erinnert.

    Cruising – Instinkt oder Zufall?

    Mir wird bewusst, dass ich mich mein Leben lang immer wieder an Cruising-Orten wiedergefunden habe. Geschah dies eher zufällig? Oder aufgrund eines angeborenen “schwulen Instinkts”? Ich mochte es schon immer, nackt auf der Werdinsel in Zürich oder in der Hasenheide in Berlin zu liegen, meistens in ein Buch vertieft. Denke ich an Hundert Jahre Einsamkeit, denke ich gleichzeitig an den FKK-Strand am Müggelsee. Wie viele interessierte und interessante Männer sind da wohl an meinem nackten Hintern vorbeigegangen, während ich – scheinbar oder tatsächlich – nur Augen für Aureliano Buendía, den introvertierten Protagonisten des Romans, hatte?

    Die Verbundenheit zwischen Natur und schwulem Sex hat eine lange Tradition: Reinaldo Arenas – kubanischer Schriftsteller und Dissident – wusste bei seiner ersten sexuellen Erfahrung Anfang der 1950er Jahre instinktiv, dass das, was er mit seinem Cousin Orlando tun wollte, an einem abgeschiedenen Ort stattfinden musste. Cruising-Orte in der Natur sind meistens ein wenig schwerer zu erreichen – während die Familien mit Kindern, Autos und tausend Sachen sich am Strand neben dem Parkplatz tummeln, wandert der Cruiser weiter den Strand entlang, klettert womöglich über Felsen und kämpft sich durch Gebüsch, bis er zu einer Lagune gelangt mit Höhlen und glasklarem Wasser.

    Cruising-Orte als Schutzräume queerer Freiheit

    Durch die Praktik des Cruisings eignen sich die Cruiser weniger zugängliche Orte “in spiritueller Weise” an, wie es ein Freund nennt. So werden Cruising-Räume zu einer queeren Utopie: von der urteilenden Außenwelt abgeschiedene Orte, an dem wir unsere eigenen und fremde Körper – unsere Sexualität – ohne Scham genießen können. Oder, um den kubanoamerikanischen Theoretiker José Esteban Muñoz zu paraphrasieren: Cruising als die vorsichtige Suche nach neuen Formen des Begehrens und Lebens, nach einem besseren „Dort“ im Gegensatz zu einem genormten „Hier“.

    Dass diese utopischen Räume auch in der Realität Bestand haben können, ist von einem delikaten Gleichgewicht zwischen politischen Entscheidungsträgern und den Cruisenden selbst abhängig. In der Hasenheide zum Beispiel sind gerade große Areale abgesperrt, weil neue Bäume und neues Gras gepflanzt werden. Ausgerechnet die FKK-Wiese ist jedoch nicht abgesperrt. Scheinbar ist die politische Obrigkeit hier darum besorgt, diesen Raum zu erhalten.

    Vom Schutzraum zum Ziel von Repression

    Doch das ist nicht immer der Fall: Oft werden Cruising-Gebiete bewusst zerstört, indem etwa Büsche beschnitten werden, untermalt von sexfeindlichen und homophoben öffentlichen Diskursen. Auch wurden – und werden in vielen Teilen der Welt immer noch – Cruising-Räume gezielt von Undercover-Polizisten genutzt, um homosexuelle Handlungen zu kriminalisieren. Ein schönes Gegenbeispiel ist das offiziell ausgeschilderte Cruising-Gebiet in Amsterdam. Hier sorgen die Cruisenden im Gegenzug dafür, dass sich das Cruising auf diesen spezifischen Raum beschränkt und nicht außer Kontrolle gerät.

    Ich erinnere mich, wie ich vor zwei Jahren im spanischen Tarragona an einem einsamen Strand einen Mann traf – mit dem ich zuvor auf Grindr getextet habe. Schon immer fiel es mir leichter, mit Männern online in Kontakt zu treten, obwohl ich als Xennial sehr wohl noch eine Welt ohne Internet kannte. Meine ersten sexuellen Kontakte lernte ich meist beim Tanzen in Schwulenclubs kennen. Zwar sind auch das schwule Tanzlokal und die Dating-App Cruising-Räume. Der Freund in der Hasenheide hält jedoch nicht viel vom Online-Cruising: “Du kannst zwei Stunden auf Grindr verbringen, um – vielleicht – den perfekten Typen zu finden. Beim Cruising draußen habe ich aber oft eine höhere Erfolgsquote, und es macht definitiv mehr Spaß als endloses Chatten.”

    Ein Spaziergang in die eigene Sehnsucht

    Bei meinem Selbstversuch gehe ich ein zweites Mal durch die labyrinthischen Büsche im Grunewald. Inzwischen ist die Dämmerung angebrochen, die Luft ist kühler – und ich treffe auf niemanden mehr. Während ich meinen Schritten und den Vögeln zuhöre, frage ich mich, was mich davon abhält, mehr rauszugehen zum Cruisen, warum ich Sex fast ausschließlich auf Apps suche. Wahrscheinlich hat das auch mit einer gewissen Performance-Angst zu tun, verschärft durch die ganzen internalisierten Bilder von schwulen Pornos.

    Vieles, was ich bei meiner Recherche über Cruising erfahren habe, fasziniert mich: der Sex im Freien, die Offenheit gegenüber verschiedenen Körpern, das Verfolgen von Fantasien, das Überrascht-Werden im Moment, das Utopische dieser Orte, die historische und spirituelle Verbindung zu meinen queeren Vorfahren, Cruising als rebellischer Gegenentwurf zu homosexuellen Lebensentwürfen, die sich immer mehr der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft angleichen. Und vielleicht könnte diese Art von Cruising sogar gewisse Aspekte meiner – auch nach 30 Jahren noch schambehafteten – Sexualität heilen.

    Ich trete aus dem Wald hinaus auf die Lichtung und fasse den Entschluss, in Zukunft öfter herzukommen.

  • Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Was gilt überhaupt als Nacktheit?

    Unser YouTube-Kanal wurde Anfang Juni gesperrt. Grund? Angebliche „Nacktheit“. Diese Art von Sperren wirft oft die Frage nach queerer Zensur auf. Man könnte hier darüber diskutieren, was die Darstellung von Nacktheit überhaupt bedeutet. Ist es einfach bloße Haut, also zum Beispiel ein Video von fröhlichen Männern ohne Oberteil, die ihre Gesellschaft genießen, sich aber auf keinen Fall sexuell betätigen? Oder wird eine Abbildung erst dann als pornografisch eingestuft, wenn Geschlechtsteile sichtbar sind, unabhängig vom Kontext? Ist Nacktheit immer etwas Schlechtes oder kann sie auch guten Zwecken dienen?

    Dass man sich im Jahr 2025 solche Fragen stellen muss, verdeutlicht am besten, wie weit die Gesellschaft durch den Rechtsruck der letzten Jahre zurückgefallen ist. Wir täuschen uns nicht: Es ist kein Zufall, dass dieser Schritt ausgerechnet in einer Zeit erfolgt, in der rechte und rechtsextreme Diskurse drastisch zunehmen und die U.S.-amerikanischen Großkonzerne – unsere angeblichen „Verbündeten“ – sich unter dem Einfluss von Donald Trumps Anti-„Woke“-Politik selbst demaskieren. Sobald ein anderer politischer Wind weht und sich die Unterstützung nicht mehr lohnt, zeigen die Großen wie Meta und Alphabet ihr wahres Gesicht. Die Rechte von LSBTIQ+-Menschen haben sie nie ernst gemeint, sie wollten damit nur Geld verdienen. Dass das, was als Richtlinienverstoß definiert wird, in erster Linie Diversity-Bestrebungen – darunter queere Aufklärung und Präventionsarbeit – trifft, ist symptomatisch.

    Abgesehen davon, dass Nacktheit einfach ästhetisch ist – das wussten schon die Künstler der Antike –, spielte sie in der modernen Geschichte oftmals sogar eine aktivistische und politische Rolle. Der Kampf gegen Nacktheit (sowohl tatsächliche als auch vermeintliche) in jeder Form ist ebenso alt. Im folgenden Beitrag sollen Parallelen zwischen der heutigen und der ersten deutschen queeren Bewegung (ca. 1897–1933) aufgezeigt werden. Der Kontext ist zwar ein anderer, doch die Herausforderungen sind alles andere als neu.

    Die Anfänge eines Kampfs um Selbstbestimmung

    Titelblatt von Karl Heinrich Ulrichs’ Schrift „Vindex“ von 1864 – eine der ersten juristischen Verteidigungen homosexueller Liebe.
    “Vindex”, die erste Schrift von Karl Heinrich Ulrichs, die unter dem Pseudonym „Numa Numantius“ veröffentlicht wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Der moderne queere Aktivismus hat seinen Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert in Deutschland. Die in erster Linie publizistische Aktivität des frühen Pioniers Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) beeinflusste die späteren Mitstreiter*innen stark. Dennoch veröffentlichte Ulrichs seine Schriften unter dem Pseudonym „Numa Numantius“, da die Konsequenzen einer affirmativen Behandlung von Homosexualität gravierend hätten sein können.

    Von Ulrichs ließ sich ein weiterer queerer Pionier beeinflussen, und zwar Magnus Hirschfeld (1868-1935), Mitgründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) und Herausgeber seines Organs, des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen“. 1919 gründete er das Institut für Sexualwissenschaft, die erste weltweit anerkannte queere Aufklärungseinrichtung, die bald nach der Machtübernahme durch die Nazis geplündert wurde. Was Hirschfeld von anderen Anführern der „Homosexuellen“-Bewegung unterschied, war seine Inklusivität gegenüber verschiedenen Formen des Queer-Seins und unterschiedlichen sozialen Gruppen: „Tanten“, effeminierten Männern, maskulinen Frauen, trans* Menschen sowie Sexarbeiter*innen.

    Männliche Prostitution explizit war ein zentraler Streitpunkt im queeraktivistischen Milieu der Zeit. Unter der Leitung von Friedrich Radszuweit handelte der Bund für Menschenrecht (BfM), die ab 1923 führende und größte queere Dachorganisation in Deutschland, nach dem Leitprinzip der „Respektabilität“, das die Solidarität mit „unanständigen“ Queers opferte. Die 1903 gegründete Gemeinschaft der Eigenen (GdE) hingegen war eine reinmännliche Gruppierung von elitären und konservativen Antifeministen, die Frauen lediglich in einer untergeordneten Rolle als Mütter und Hauspflegerinnen sahen.

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“

    Titelseite der Zeitschrift „Der Eigene“ von 1919 mit zwei nackten Männern im Garten – ein Beispiel früher queerer Selbstrepräsentation und der damit verbundenen Zensurgeschichte.
    Eine Ausgabe von “Der Eigene” aus dem Jahr 1919. Die Zeitschrift enthielt regelmäßig Abbildungen von nackten Männern und sogar Jungs und Jugendlichen. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Der_Eigene_1919_vol_7.jpg) Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Trotz seiner problematischen ideologischen Haltung hat auch Adolf Brand (1874-1945), Mitgründer und langjähriger Leiter der GdE, einige Verdienste um die queere Emanzipation. Die von ihm ab 1896 unregelmäßig herausgegebene Zeitschrift „Der Eigene“ ist nach aktuellem Kenntnisstand die erste homosexuelle Zeitschrift der Welt, auch wenn sie sich an eine eher gehobene (und implizit männliche) Leserschaft richtete. Da „Der Eigene“ öfter Abbildungen von nackten Männern enthielt und damit gegen den Paragraf 184 (Verkauf und Verbreitung „unzüchtiger“ Schriften) verstieß, musste sich Brand mehrmals vor Gericht verantworten und sogar Haftstrafen verbüßen. Dem „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ als einer wissenschaftlichen Publikation ist es übrigens gelungen, von einem ähnlichen Schicksal verschont zu bleiben.

    Es muss hier angemerkt werden, dass viele Fotos in „Der Eigene“ auch aus heutiger Sicht tatsächlich sehr problematisch sind, weil sie oftmals nackte Jungs und Jugendlichen darstellen. Thematisiert wurde dies unter anderem in der Ausstellung „Aufarbeiten: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Zeichen von Emanzipation“ im Schwulen Museum Ende 2023 und Anfang 2024.

    Nach dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 entwickelte sich die queere Emanzipation zu einer Massenbewegung. Ermöglicht wurde dies durch die Herausgabe der Zeitschrift „Die Freundschaft“, die queere Menschen in ganz Deutschland vernetzte und die Gründung von lokalen „Freundschaftsvereinen“ in Gang setzte. Doch von Anfang an musste die Redaktion mit Unannehmlichkeiten rechnen: Bereits in den ersten Wochen erfolgte eine Meldung an die Behörden. Zwar wurde der Herausgeber Karl Schultz im März 1920 von der Anklage der Verletzung der Sittlichkeit gemäß § 184 freigesprochen, ein Jahr später wurde er jedoch zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.

    Diesmal lautete die Straftat Kuppelei. Wie wurde diese Anklage begründet? Ausschlaggebend dafür waren die Inserate, also persönliche Annoncen, die das Kennenlernen und womöglich – so die Argumentation des Gerichts – auch den sexuellen Kontakt von queeren Menschen förderten. Folglich verschwanden sie aus der Zeitschrift und waren nun nur noch im Rahmen eines Abonnements eines separaten Extrablatts erhältlich.

    Bewahrung der Jugend

    Inseratenseite aus der Zeitschrift „Die Freundschaft“ mit Kontaktanzeigen queerer Männer – historisches Beispiel für queere Vernetzung und Sichtbarkeit in der Weimarer Republik.
    Eine Beispiel-Inseratenseite aus „Die Freundin“. Annoncen waren öfter Gegenstand großer Kontroversen und sogar strafrechtlicher Verfahren. Quelle: Forum Queeres Archiv München (https://archiv.forummuenchen.org/zeitschrift/die-freundin/)

    Im Februar 1923 kehrten die rechtlichen Probleme von „Die Freundschaft“ zurück. Im Zuge eines erneuten Zensurverfahrens wurde die Zeitschrift von den Behörden für drei Monate eingestellt. 1926 verabschiedete der Reichstag das Gesetz „zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“, an dessen Entstehung die christlichen „Sittlichkeitsvereine“ maßgeblich beteiligt waren. Es führte eine Liste unzüchtiger Schriften ein, die nicht nur queere Literatur umfasste und auf die individuelle Ausgaben gesetzt werden konnten. Ein entsprechender Eintrag bedeutete, dass die jeweilige Ausgabe nicht öffentlich ausgelegt, sondern nur noch auf Anfrage (also quasi unter dem Ladentisch) verkauft werden durfte. Begründet wurde dies, wie der Name des Gesetzes schon andeutet, mit Jugendschutz.

    Etliche Ausgaben von queeren Zeitschriften, darunter „Frauenliebe“ im Jahr 1927 und „Die Insel“ im Jahr 1928, haben es auf die Liste geschafft. Eine übliche Gegenstrategie war es, die Zeitschrift unter einem anderen Titel zu verkaufen, um die Ausgabenkontinuität nicht zu unterbrechen. So wurde „Die Freundin” in den Jahren 1928–29 als „Ledige Frauen” verkauft, nachdem die Erstere auf die Liste gesetzt worden war. Manchmal gerieten einzelne Zeitungshändler in Schwierigkeiten, ohne dass sie über das Verbot einzelner Ausgaben Bescheid wussten.

    Andere Facetten der Zensur

    Buchcover von Walter Homanns „Tagebuch einer männlichen Braut“ mit einer historischen Fotografie einer Person in einem Hochzeitskleid – inspiriert von der trans Identität von Dina Alma de Paradeda.
    Walter Homanns Roman „Tagebuch einer männlichen Braut“. Auch wenn die zwei Zensurverfahren scheiterten, mussten Kürzungen des kontroversesten Materials vorgenommen werden. Quelle: Männerschwarm Verlag (https://www.maennerschwarm.de/buch/tagebuch-einer-maennlichen-braut/)

    Auch Romane und Filme fielen der Zensur zum Opfer. Ein Beispiel ist Walter Homanns Tagebuch einer männlichen Braut, das von der Geschichte der selbsternannten „Comtesse“ (oder Gräfin) Dina Alma de Paradeda inspiriert wurde. Sogar zweimal (1907 und 1928) wurde der Roman Gegenstand eines Zensurverfahrens. Auch wenn beide Prozesse für das Buch positiv ausgingen, führte das große Aufsehen um die Publikation dazu, dass in den nächsten Ausgaben das kontroverseste Material gekürzt wurde.

    Der erste deutsche Film und einer der ersten weltweit, die Homosexualität thematisierten – Richard Oswalds Anders als die Andern -, wurde im August 1920, über ein Jahr nach seiner Premiere, verboten. Die Produktion handelt zwar von der gleichgeschlechtlichen Liebe eines Musikers zu seinem erwachsenen Schüler, Zärtlichkeiten sind darin jedoch kaum zu sehen, geschweige denn ein Kuss. Trotzdem löste der Film riesige Kontroversen aus und es kam in vielen Städten deutschlandweit zu Protesten gegen die Ausstrahlung.

    Hirschfeld, der maßgeblich an dem Film mitwirkte und aufgrund seiner Tätigkeit schon früher Anfeindungen ausgesetzt gewesen war, wurde infolge der Kontroversen zum Erzfeind der Rechtsextremen. Er wurde mehrmals überfallen, im Oktober 1920 in München sogar so schlimm, dass einige Zeitungen vorschnell seinen Tod verkündeten. Einige seiner Vorträge wurden unter ausdrücklicher Bezugnahme auf seine Mitarbeit beim Film abgesagt, andere arteten in Randale mit dem Einsatz von Stinkbomben und Feuerwerkskörpern aus.

    Filmposter von „Anders als die Andern“ (1920) – erster deutscher Spielfilm mit homosexuellem Thema, mit wissenschaftlicher Beratung durch Magnus Hirschfeld.
    Poster des Films „Anders als die Andern“, der im August 1920 nach über einem Jahr von Protesten verboten wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anders_als_die_andern_1919_poster.jpg)

    Eine andere Form der „Zensur“ und Einschüchterung, die einen eigenen Artikel verdient, ist die polizeiliche Überwachung queerer Treffpunkte. In Städten wie Dresden, Chemnitz, München und Hannover wurden Queers in den 1920ern sogar registriert und verhört. Auch Razzien waren keine Seltenheit: So wurde beispielsweise am 2. Juli 1921 eine Party des Görlitzer Freundschaftsvereins im Hotel Namenlos durch eine Aktion der lokalen Polizei unterbrochen. Insgesamt wurden 23 Personen festgenommen und bis 12 Uhr am nächsten Tag inhaftiert, zwei davon sogar einen Tag länger. Der Vorwurf lautete Zuhälterei, letztendlich wurde jedoch keine Anklage erhoben.

    Technologische Repression

    Heute leben wir natürlich in einer anderen Welt und genießen deutlich mehr Akzeptanz und Rechte als unsere queeren Vorfahren. Doch gerade diese werden zunehmend in Frage gestellt, sodass die Errungenschaften der Kämpfe der letzten sechzig Jahre in Gefahr geraten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Allianz der Rechtsextremen mit großen Technologiekonzernen umso erschreckender.

    Was vor einhundert Jahren offenkundig und aggressiv von Behörden als Unzucht, Verletzung der Sittlichkeit oder im Namen des Jugendschutzes bekämpft wurde, wird heute viel subtiler und scheinbar harmloser angegangen. Unter dem Deckmantel der „Community Guidelines“, „Safe” oder „Advertiser-friendly Content“ werden queere Inhalte, Safer-Sex-Aufklärung und HIV-Prävention zensiert. Dabei sind manche Formen der Zensur, wie zum Beispiel das Shadow-Banning oder Altersbeschränkungen, nicht sofort erkennbar und somit viel unsichtbarer. Außerdem werden Entscheidungen über die Zulassung von Online-Inhalten nicht von Menschen, sondern immer mehr von Algorithmen getroffen.

    Dies kann im schlimmsten Szenario Leben kosten. Vor allem queere Jugendliche brauchen Zugang zu Informationen, die sie nicht nur über sexuelle Gesundheit aufklären, sondern auch vor Minderwertigkeitsgefühlen oder sogar Selbstmordgedanken schützen. HIV-Prävention und queere Bildungsarbeit darf unter keinen Umständen Opfer des Algorithmus-Regimes fallen.

    Immer wenn vor den Gefahren der zunehmenden rechten Radikalisierung der Gesellschaft und der Möglichkeit einer rechtsextremen Regierung gewarnt wird, sagen viele: „So schlimm wird es nicht sein.“ Genauso hat man auch vor ein hundert Jahren die Perspektive einer Machtübernahme durch Adolf Hitler kleingeredet. Vor ein paar Jahren schien das Risiko eines politischen Datenmissbrauchs durch US-amerikanische Big-Tech-Konzerne ebenfalls unwahrscheinlich und wurde von vielen bagatellisiert. Heute dürfen wir uns dessen nicht mehr so sicher sein.

    Bibliographie

    Beachy, Robert. Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity. 2014. New York City: Vintage Books, 2015.

    Foit, Mathias. Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages. Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.

    Dobler, Jens. “Nachwort.” In Tagebuch einer männlichen Braut, hrsg. Dobler, 154–175. Hamburg: Männerschwarm Verlag, 2010.

    —. Polizei und Homosexuelle in der Weimarer Republik: Zur Konstruktion des Sündenbabels. Berlin: Metropol Verlag, 2020.

    —.“Zensur von Büchern und Zeitschriften mit homosexueller Thematik in der Weimarer Republik.” Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 2 (2000): 85–104.

    Malakaj, Ervin. Anders als die Andern. Montreal, Quebec: McGill-Queen’s University Press, 2023.

    Micheler, Stefan. Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik. Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.

    Vendrell, Javier Samper. The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic. Toronto: University of Toronto Press, 2020.

    Mehr zu Zensur & Sichtbarkeit

    Pressebericht:

    YouTube löscht schwulen Präventionskanal – pünktlich zum Pride Month

    Stellungnahme von IWWIT:

    Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

  • Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

    Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

    Pünktlich zum Pride Month hat YouTube unseren Kanal ohne jede Vorwarnung entfernt.
    Die Begründung? Unsere Videos zu Sexualität, queeren Lebensrealitäten und Safer Sex würden gegen Richtlinien zu „Sex und Nacktheit“ verstoßen – und seien angeblich „eine Gefahr für die Community“.

    Das ist ein Schlag ins Gesicht – nicht nur für uns,
    sondern für alle, die sich für Aufklärung, Sichtbarkeit und sexuelle Gesundheit einsetzen.

    Wir sagen: Das lassen wir uns nicht gefallen.

    Unsere Arbeit hat einen klaren öffentlichen Auftrag:

    Menschen stärken. Aufklären. Safer Sex fördern.

    Geschlechtliche Identitäten sichtbar machen.

    Wir machen keine Pornos.
    Wir machen Empowerment – für schwule, bi+, trans und queere Menschen.

    Mittlerweile müssen wir Begriffe wie „Sex“ sogar mit zwei G schreiben („Segg“) oder durch Sonderzeichen verschleiern – nur damit der Algorithmus uns nicht blockiert.

    Was jetzt?
    Wir machen weiter. Laut. Sichtbar. Unbequem.

    Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen.
    Unsere Arbeit ist wichtig – und wir setzen sie fort.

    Was genau passiert ist, erzählen wir euch im Video unten:

    Erklärung zum Video

    Kampagnenleitung: Jonathan Gregory
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Chris*tian Gaa

    Pünktlich zum Pride Month wurde der Präventionskanal der Deutschen Aidshilfe von YouTube gelöscht. In diesem Video erklärt Jonathan die Hintergründe und wie es dazu kommen konnte. Chris aus der Presseabteilung ordnet ein, warum der Kanal so wichtig für queere Gesundheitsaufklärung ist.

    Für Presseanfragen und weitere Informationen wende dich gern an uns per E-Mail. christian.gaa@dah.aidshilfe.de

    Hilf mit, queere Aufklärung sichtbar zu halten!

    Teile unser Video.
    Sprich darüber.
    Unterstütze queere Sichtbarkeit.

    Denn: Aufklärung ist ein Menschenrecht – kein Regelverstoß.

    Pressebericht zu diesem Thema:

  • Manchmal löst meine Trans*ness Neugierde aus

    Manchmal löst meine Trans*ness Neugierde aus

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    Beitrag von Paul
    M
    Beitrag von Manuel
    Paul
    Manuel

    Der erste Schritt: Angst und Aufregung

    P

    Wir beide erleben ja oft ähnliche, aber auch sehr unterschiedliche Sachen beim Cruisen. Erzähl mal, wie das bei dir losging!

    M

    Als ich das erste Mal im Park cruisen wollte, hatte ich extreme Angst. Ich wusste einfach nicht, wie! Die Vorstellung, jemand stellt fest, dass ich trans* bin, und hat dann keine Lust mehr auf mich. Oder ist sogar sauer auf mich. Ich hatte das zuvor beim Daten schon erlebt. Ich hätte es den Männern einfach sagen können, aber beim Cruisen, da will ich nicht sprechen. Das macht für mich den Reiz aus. Mein Drang dazu war sehr stark. Aufregend im positiven Sinne. Für mich fühlte es sich so an, als würde ich zu einer geheimen Gruppe gehören, deren Sprache nur wenige sprechen. Mein männliches Passing war gut. Ich erweckte schnell bei Anderen Interesse.

    Gleichzeitig war es ein Dilemma, weil es eben kein Passing als trans* Person war: Ich werde zu 100 % cis gelesen, was gar nicht mein Ziel war. Lieber wäre ich als das gelesen worden, was ich wirklich bin. Und als Person of Color werde ich ohnehin sehr viel männlicher gelesen, egal wie ich mich kleide. Was ich eigentlich gebraucht hätte, wäre eine Szene in der cis Männer sich selbst nicht als Maßstab setzen. Aber das gab es nicht.

    P

    Das kenne ich. Viele denken, dass wir als trans* Leute dankbar sein können, an den Cis-Orten mit dabei sein zu dürfen. Für mich ist es aber eher etwas langweilig, wenn andere Trans*männlichkeiten fehlen. Ich würde gern mehr mit trans* Schwulen spielen Aber viele lassen sich von der trans*feindlichen Vibe der Cruising-Orte abschrecken. Ich weiß selbst, wie schwer es war, das zu überwinden.

    M

    Ja, leider. Ich habe mir einen Darkroom voll mit trans* Menschen vorgestellt. Ich wäre da nackt reingelaufen, positiv aufgeregt. Dort hätte ich kaum Hemmungen gehabt, mich anfassen zu lassen, ohne diese Angst, aufgrund meiner Genitalien abgelehnt zu werden. Mittlerweile gibt es Angebote für T4T-Cruising [trans* für trans*]. Und eben auch einige Orte, wo trans* und cis Personen zusammenkommen können. Davon konnte ich früher nur träumen.

    Ablehnung, Gewalt und Trans*feindlichkeit

    P

    Das mit den Partys ist cool, gibt es aber außerhalb Berlins wenig. Es ist eine tolle Ergänzung, widerspricht aber dem Cruising-Vibe von Jetzt-gleich-weil-ich-Bock-hab. Wir trans* Leute müssen halt doch Sex immer planen und dafür viel auf uns nehmen.

    Beim Cruisen sind die guten und schlechten Seiten extremer. Man findet leichter jemanden als beim Daten, aber kriegt Ablehnung auch krasser und oft gewaltvoller ins Gesicht. Wenn ich beim Cruisen höre, wie ein cis Mann andere warnt, dass „jetzt auch Frauen in den Laden die, die behaupten, dass sie Männer sind, oder nur aussehen wie Männer, aber keine echten sind“, dann gehe ich aus Protest nicht eher heim, bis ich nicht noch zweimal mit jemand gekommen bin. Einmal hat sich ein Typ an meinem Schwanz zu schaffen gemacht. Als er merkte, dass der anders ist, lachte er mir mit großer Verachtung ins Gesicht: wie ich es wagen könne, hier zu sein. Das trifft hart. Aber ich habe auch von den alten cis Männern gelernt, dass ich mir von Hatern nicht meine Lust nehmen lasse.

    M

    Ich finde dich ganz schön mutig. Ich glaube nicht, dass wir jemals so frei und ungezwungen cruisen können wie cis Männer. Das schmerzt mich schon. Es gibt Alternativen, aber es ist nicht dasselbe. Ehrlich gesagt, ist es auch gefährlich. Genug cis Typen werden aggressiv, wenn sie nicht kriegen, was sie glauben zu bekommen! Sie denken, ihre Erwartung steht ihnen zu. Dieses Entitlement ist so anstrengend. Über Gewalt in schwulen Räumen reden wir zu wenig, vor allem die cis-schwulen Männer!

    P

    Dazu muss man auch sagen, dass die Rechtsprechung in einigen Ländern wieder so weit ist, dass unser Passing, also die angebliche Verheimlichung, Gewalt rechtfertigt. Das Entitlement wird also auch wieder zunehmen. Das ist mir wichtig, dass gerade junge Leute den Zusammenhang verstehen. Auch wenn ich junge Leute ermutigen will, sich nicht vom Cruisen abhalten zu lassen. – Aber, sag, wie ging es mit den Parks und dir weiter?

    M

    Es ging so weit, dass ich mit meiner Therapeutin darüber sprach. Ich wollte unbedingt im Park Sex haben. Ich war öfter da zum Kucken, ich wollte aber nicht nur zusehen, mich nicht wie ein Spanner fühlen. Die Parks sind leider absolut nicht safe. Die Polizei hat verstärkt kontrolliert. Büsche wurden ausgedünnt, Straßenlaternen aufgestellt. Ich habe gesehen, wie Jungs gefickt haben. Plötzlich wurden Autoscheinwerfer auf sie gerichtet, und die Bullen haben sie im Auto mitgenommen. Für einige war das wie ein Kick, das Erwachtswerden. Als Person of Color habe ich allerdings so viel racial profiling erlebt, dass mich allein der Anblick von Polizei total abschreckt, das ist kein Kick für mich. Cruising ist für mich als trans* Person of Color ganz schön unsicher. – Auf was stehst du denn beim Cruisen?

    Was Cruisen so reizvoll macht

    P

    Es gefällt mir, wie leicht man unter Männern geil sein kann, wie einfach sie sich auch anstecken lassen: Eben noch tote Hose in der schlecht besuchten Bar und plötzlich ein Rudel im Darkroom, alle wichsen und blasen sich, dass es kein Halten mehr gibt. Diese Verfügbarkeit und die schiere Menge an Männern geben mir ein großes Gefühl von Freiheit. Gerade mit den älteren Männern genieße ich das sehr. Sie haben eine radikale Liebe für männliche Lust, die ich als eine eigene Art von Widerstand gegen Homo-, Lust- und Körperfeindlichkeit erlebe.

    M

    Ich war mal in einem BDSM-Laden auf einer Combat-Party zum Cruisen, nachdem ich schon auf tollen queeren Partys gespielt hatte. Ich war kaum da, als ich realisierte: Okay, es scheint niemand auf mich zu stehen. Überall Bundeswehr-Uniformen. Mir wurde klar, dass ich allein unter weißen – und vermutlich teils auch rechten – Männern war. Hier war meine Trans*ness nicht das Problem, – soweit kam es gar nicht! – sondern, dass ich nicht weiß war. Ich verließ die Party und werde sie nie wieder besuchen. Das waren alles wichtige Erfahrungen. Cruisen musste ich erstmal lernen: wann, wo, mit wem. Nicht zu wissen, was passiert, macht für mich den Reiz aus. Ich erlebe auch viel Positives: Männer voller Lust, mit mir Sex zu haben. Wenn nicht gesprochen wird, kommt auch kein blöder, trans*feindlicher oder rassistischer Kommentar, der mich abtörnt.

    Rassismus und Ausgrenzung in queeren Räumen

    P

    Oh Mann, das hört sich echt schlimm an. Ich hätte richtig Angst gehabt. Beim Cruisen werden Extreme sichtbarer: wie die weiß dominierte Community in der Gastro, in kulturellen Räumen, in Beratungsstrukturen ihren Rassismus ignoriert. Aber in deinem Beispiel ist es noch krasser und gefährlicher. Und niemand fühlt sich verantwortlich, das zu ändern.

    M

    Nachts komme ich meist gut an bei denen, die mich tagsüber ablehnen. Romeo funktioniert gut, aber danach werden gern die Profile gelöscht. Viele cis-schwule Männer schämen sich, dass sie auch auf trans* Personen stehen. Das ist schon eine harte Szene. Witzig wird es, wenn dann genau die gleichen Männer wieder ein Profil erstellen und mich erneut anschreiben. Weil sie es eigentlich gut fanden.

    P

    Das kenne ich. So peinlich! Ich kenne das auch von der Fett-Feindlichkeit. Es gibt viele, die im Geheimen total geil werden bei dick_fetten Körpern, aber dann nicht mit dem Menschen gesehen werden wollen. Bloß keine soziale Verbindung. Das gilt interessanterweise auch für dick_fette Männer, die ihre verinnerlichte Fettfeindlichkeit nicht bearbeiten. Da schmelzen sie beim Sex nur so dahin, hören gar nicht mehr auf zu kommen. Und dann müssen sie schnell weglaufen … Es ist auch bizarr, weil wir als Aktivisten ja auch gern mal Feierabend hätten und nur an Sex, nicht an Politics denken wollen. Aber wir ziehen halt dabei immer den Kürzeren. – Gibt es für dich ein Setting, wo du dich wohler fühlst?

    Sicherheit vs. Lust: Ein ständiges Dilemma

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    Wohl fühle ich mich dort, wo ich safe bin. Aber geil bin ich auf verbotene und eher unsichere Orte. Das sind zwei Paar Stiefel. Hier einen Kompromiss zu finden, ist echt schwer. Ich will mich weder in Gefahr bringen, noch auf meine Lust verzichten. Und du?

    P

    Ich liebe es, in Bars, Saunen oder draußen zu cruisen, wo ich relativ sicher bin. Dann habe ich das Gefühl, die Welt ist mein Abenteuerspielplatz. Es gibt mir ein bisserl meine Jugend zurück, die voll von Depressionen und Komplexen war – und immer mit zu wenig Sex! Ich passe und bewege mich in Großstadt-Communitys, und habe als deutscher Muttersprachler leichter Zugang zu Test-Angeboten als migrantische trans* Menschen oder welche vom Land. Wir werden im Gesundheitssystem so durchtraumatisiert! Für viele ist die Frage: Setze ich meine Gesundheit aufs Spiel? Muss ich mich erst diskriminieren lassen, bevor ich eventuell Hilfe bekomme? – Aber sag du: Bist du dann eigentlich in den Park gegangen oder nicht?

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    Hahaha, ja, irgendwann hatte meine Therapeutin die Schnauze voll. Ich solle meine Angst an die Hand nehmen und endlich leben, was ich so vermisse. Das habe ich gemacht. Es war 23 Uhr, ich in einem schwulen Lederclub, der Park nicht weit entfernt. Zwei Bier und ich war mutig genug für den Park. Mit dem Gedanken: „Mal schauen, muss ja nix machen.“ Es war Sommer und viel los. Ein Typ guckte mir tief in die Augen und plötzlich war alles ganz leicht. Wir knutschten rum, beide sehr erregt. Fassten uns in die Hose, er war gechillt. Ich musste nix erklären. Das habe ich immer wieder erlebt. Wenn wir erst mal erregt sind, dann scheint es oft ganz einfach, Trans*feindlichkeit zu überwinden. Plötzlich geht, was vorher undenkbar schien. Sex ist eine gute Möglichkeit, auch aktivistisch was zu verändern. Im Anschluss waren wir sogar noch ein Bier trinken. Am nächsten Morgen seine Spermaflecken auf meiner Jacke – einfach hot!

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    Cool, es hat sich also definitiv gelohnt, mit der Angst loszuziehen. Dass Geilsein Trans*feindlichkeit reduziert, habe ich auch erlebt. Auch, dass cis Männer sich gut versorgen. Selbst wenn sie anfangs irritiert sind, weil sich mein Schwanz anders anfühlt. Wenn Sie dann merken, der Ständer bleibt stabil, no matter what, dann gönnen sie sich großzügig. Das macht einerseits großen Spaß, andererseits muss man die Erwartungen erstmal erfüllen. Viele haben diese eine Phantasie und daneben ist beim Cruisen kaum Platz.

    Gerade als trans*maskuline Personen müssen wir lernen, uns zu holen, was wir brauchen und begehren. Und Ablehnung einstecken. Das braucht ganz schön Mut. So gesehen ist Cruisen eine Schule fürs Leben.

    Was wir vom Cruisen lernen können

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    Ich habe so viel kapiert: dass cis Männer auch Angst haben, unsicher sind, deshalb oftmals performen, Viagra nehmen, dass sie auch untereinander sehr hart mit sich umgehen. Nicht alles ist trans*feindlich, vieles gehört einfach zur Cruising-Kultur. Das auseinanderzuklamüsern ist nicht so einfach, aber wichtig. Auch dass cis Männer ganz gut darin sind, Begegnungen abzubrechen oder nein zu sagen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt. Auch dass ein Nein als ein Nein genommen wird. – Ich hab gelernt, wie toll es sich anfühlt, wenn ich trotz Angst losgezogen bin und einfach schöne Momente erleben durfte.

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    Stimmt. Im Gespräch mit mir sind trans* Jungs oft überrascht: Sie kennen mich als Aktivisten, der gerade ältere cis-schwule Männer hart kritisiert. Sie überrascht die tiefe Anerkennung und Liebe, die ich auch für sie empfinde. Die hat sich u. a. beim Cruising mit ihnen entwickelt.

    Meine Vorlieben, was ich an manchen Körpern sexier finde als an anderen, das spielt für mich beim Cruisen kaum eine Rolle. Die Energie, die Vibe, den jemand mitbringt, und natürlich, auf was man Lust hat – das ist es, was zählt. Und: Was kommt Geiles raus, wenn ich meine Erwartungen hinten anstelle …

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    Ja, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Mit Männern, die keine konkreten Erwartungen hatten und offen waren, konnte es ganz spannend und aufregend werden – also immer dann, wenn kein Drehbuch erfüllt werden muss! Manchmal löst meine Trans*ness Neugierde aus. Es ist sozusagen ein Vorteil. Oft sind auch gerade ältere schwule cis Männer, die schon viel Sex in ihrem Leben hatten, dankbar für neue Erlebnisse.

    P

    Viele suchen was ganz Spezielles. Und das merke ich als trans* Mann sofort. Zum Beispiel hat jemand Lust zu blasen, merkt dann aber, mein Schwanz fühlt sich anders an als erwartet und geht. Ich kann das oft nicht nachvollziehen, weil Cis-Schwänze an sich ja schon so unterschiedlich sind.

    M

    All in all hat Cruisen viel zu bieten. Man kann vieles ausprobieren und üben, selbst wenn man grad keine Beziehung hat oder der Beziehungspartner von der Testo-Pubertäts-Geilheit überfordert ist.

    Wir haben ja in dem Gespräch immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, denen wir trans* Leute beim Cruisen gegenüberstehen. Mir ist wichtig, dass potentielle Neulinge sich dessen bewusst sind, aber nichts aufschieben. Warte nicht, bis wir in einer Welt oder einer Community leben, in der es sicherer ist. Denn das wird vielleicht nicht in deiner Lebenszeit passieren. Wenn du das Gefühl hast, du kannst mit den negativen Seiten umgehen, dann geh gleich los. Auf zum Cruisen! Wenn nicht, dann such dir Gelegenheiten, wie eben Partys, die sich sicherer anfühlen, oder gründe diese, organisiere, was du brauchst. Verschwende nicht dein kostbares (Sex-)Leben!

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