Immer mehr Schwule greifen zur Nadel, um sich Drogen und Potenzmittel zu spritzen (Slamming). Dass sie dabei auch ein hohes HIV- und Hepatitis-Risiko eingehen, ist vielen nicht klar. Höchste Zeit also, die Safer-Use-Regeln einzuüben, um die Risiken beim Spritzen zu senken. Von Florian Winkler-Ohm
Alkohol und andere Drogen gehören für viele schwule Männer seit je zu (Sex-)Partys dazu. In der letzten Zeit aber findet man an Orten, an denen Männer Sex mit Männern haben, immer häufiger auch Nadeln und Kanülen – die „traditionell“ wohl eher mit Heroinabhängigen in Verbindung gebracht werden.
Spritzen heißt jetzt Slamming
Beim Slamming spritzen sich viele Konsumierende Methamphetamin – auch bekannt als Crystal Meth, Tina, Ice oder Tweak. Die Droge wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt. Im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche Soldaten sie massenhaft unter dem Namen Pervitin. Sie sollte wach machen und Ängste im Gefecht unterdrücken – bekannt wurde sie als „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tablette“.
Seit etwa zwei Jahren ist Crystal Meth in der Partyszene wieder auf dem Vormarsch – zumindest laut Medienberichten. Immer mehr konsumieren es per Spritze, also intravenös. Früher wurde es meist geraucht, geschluckt oder gezogen. Der Grund: mehr Lust, intensiverer Sex, länger „fit“ bleiben. Doch das führt oft zu tagelanger Schlaflosigkeit.
Eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg untersucht derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Verbreitung und Folgen von Meth-Konsum.
Crystal macht schnell abhängig. Es kann Körper und Psyche langfristig stark schädigen. Doch auch abseits der direkten Wirkungen gibt es Risiken. Die Droge senkt Schmerzgrenzen und steigert Risikobereitschaft. Das führt zu langen, harten Sessions – oft ohne Kondome. Schleimhäute werden stark belastet. So steigt das Risiko für HIV, Hepatitis und andere Infektionen.
Laut Studien sind bis zu 75 % der Crystal-Konsumenten HIV-positiv. Bei langen Sessions werden HIV-Medikamente oft vergessen. Das kann zu Resistenzen führen und eine neue Therapie nötig machen.
Wenn die Spritze günstiger als Viagra ist
Doch nicht nur bei Drogen sind vermehrt Spritzen im Spiel. Auch um eine verlässliche Potenz zu haben, injizieren sich immer mehr Schwule Mittel wie Caverject oder Androskat in den Penis-Schwellkörper; das ist mittlerweile billiger als Viagra und vergleichbare Substanzen. Die Wirkung ist eine ein- bis zweistündige Erektion – bei korrekter Handhabung und richtiger Dosierung. Bei Überdosierung und Überempfindlichkeit gegenüber den erektionsfördernden Wirkstoffen kann es zu einer schmerzhaften Dauererektion kommen. Sollte diese länger als vier Stunden anhalten, droht eine Schädigung des Penisgewebes, die unter anderem zum dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit führen kann.
Doch das sind nicht die einzigen Risiken der Potenzspritzen. Da der Inhalt für bis zu drei Anwendungen reicht, werden Spritzen bei einer Sexsession nicht selten an den oder die Partner weitergegeben. Tibor Harrach, Pharmazeut und Drogenexperte, warnt eindringlich vor diesem „Needle-Sharing“: „Bei der Injektion kann es zu einer kleinen Blutung an der Einstichstelle kommen. Dadurch kann sich bei Patienten, die an einer durch Blut übertragbaren Infektionskrankheit leiden, das Risiko einer Übertragung der Infektion auf den Partner erhöhen. Insbesondere bei Hepatitis B und C reicht für eine Infektion bereits eine unsichtbar kleine Blutmenge aus.“
Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem
Harrach fordert klare Präventionsbotschaften – so wie sie seit Jahren für Heroin-Konsumierende gelten. Der wichtigste Satz für ihn: „Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem.“
Statt auf Anklage und moralische Verurteilung zu setzen, plädiert er für Aufklärung, Beratung und akzeptierende Ansprache der Szene.
Zudem rät er zu Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie zu regelmäßigen Tests auf Hepatitis C. Denn: Wird Hepatitis C früh erkannt, lässt sich eine Chronifizierung meist verhindern – und auch die Ansteckung weiterer Personen vermeiden.
Informationen zur Risikominimierung beim Drogengebrauch und wichtige Regeln im Umgang mit verschiedensten Substanzen findest du auf unserer Themenseite Drogen. Eine Anleitung dazu gibt es in der Broschüre „Safer Use“. Diese kannst du hier downloaden.
Harte Zeiten für Sexfilmfans. Wissenschaftler warnen vor Nebenwirkungen. Wieviel Porno ist ungesund? Machen Pornos tatsächlich impotent und abhängig? Ein Bericht über die richtige Dosis und überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Teenagern und Häftlingen.
Schlechte Nachrichten aus Großbritannien. Nach dem Brexit droht der Sexit: Immer mehr junge Briten kriegen keinen mehr hoch, warnte die Psychotherapeutin Angela Gregory von den Nottingham University Hospitals im August 2016. Auslöser sollen ausgerechnet die Filme sein, die viele Männer erst so richtig heiß machen. Pornos – so befürchtet Angela Gregory – verursachen Impotenz, oder medizinisch korrekt: erektile Dysfunktion. Immer mehr männliche Teenager und Mitzwanziger kommen in Gregorys Praxis und klagen über Flaute im Bett, ein Leiden, das bisher erst im hohen Alter auftrat. „Inzwischen frage ich als erstes nach den Porno- und Masturbationsgewohnheiten“, erklärte Gregory auf BBC Newsbeat. „Sie können der Grund sein, warum diese jungen Männer keine Erektion aufrechterhalten können, wenn sie mit einem Partner zusammen sind.“
Porno und Pornokonsum: Wie oft wird geschaut?
Sollte an der strammen These etwas dran sein, sieht es schlecht aus für schwule Männer. Pornogucken gehört für sie zum Alltag. Das belegt eine Umfrage, die das schwule Gesundheitsmagazin FS im Sommer veröffentlicht hat, passenderweise in England. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber liefern Hinweise, wie selbstverständlich Schwule Pornografie konsumieren. 52 Prozent der Befragten gönnen sich mehrmals pro Woche Sexvideos. Ein knappes Drittel klickt sogar täglich auf Redtube & Co. Die allermeisten bleiben höchstens eine halbe Stunde dran. Nur 7 Prozent gucken mehr als 60 Minuten am Stück. Der größte Unterschied zur letzten Erhebung: 60 Prozent der User gucken Pornos mittlerweile auf dem Handy. 2012 war es nur ein Viertel. Das bedeutet: Pornos sind noch leichter verfügbar.
Porno ist die natürlichste Sache der Welt
Auch Hannes aus Hamburg schaut regelmäßig und hat bisher keine gesundheitlichen Nebenwirkungen bemerkt. Im Gegenteil: „Porno ist die natürlichste Sache der Welt“, sagt der 51-Jährige. Drei- bis viermal die Woche schaut er Pornos – auf Handy oder Tablet, seltener auf DVD. „Das kann schon mal ne Stunde gehen“, berichtet Hannes. „Ich gucke sehr bewusst und genieße das.“ In seinem Lieblingsgenre treffen Männer und Frauen aufeinander. Weil mehr Männer beteiligt sind, ficken sie sich gegenseitig. „Ich habe eine Tendenz zu etwas dominanteren Videos, wo eine Person benutzt wird“, gesteht Hannes. Dabei unterscheidet der Freiberufler klar zwischen Fick und Fiktion: Echte Sexerlebnissen und Pornos sind für ihn grundverschiedene Dinge. „Natürlich sind die Pornos unterbewusst in mir drin, aber ich spiele keine Szenen nach. Wenn ich Sex habe, ist der total von der Situation und von meinem Gegenüber abhängig. Das ist oft sehr überraschend.“
Pornokonsum: Wo endet der Genuss und ab wann beginnt die pornosucht?
Auch Marcus Behrens hält Pornos für gesundheitlich unbedenklich. Der Diplom-Psychologe arbeitet unter anderem für das Mann-O-Meter, einem Berliner Informationszentrum für schwule Männer. „Pornografie und Sex sind erst einmal jedermanns Privatsache“, betont der 48-Jährige. „Wenn es für mich d’accord ist und ich niemanden schädige, dann ist das kein psychisches Problem – und es geht auch niemanden sonst etwas an.“
Bisher zumindest verursachen Pornos keinerlei Beschwerden bei den Männern, die im Mann-O-Meter um Rat fragen. Wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, dann in Verbindung mit einer sogenannten Onlinesucht. „Einige unserer Klienten haben das Gefühl: Ich kriege den Kopf nicht mehr aus dem Rechner raus“, berichtet Marcus Behrens. „Das geht bei Facebook los und hört bei Gayromeo nicht auf.“ Die Zahl der Fälle habe aber in den vergangenen zehn Jahren nicht zugenommen – trotz Smartphone und Flatrate.
Wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann.“
Pornokonsum im Check: Ab wann wird Porno Sucht und schadet im Alltag?
Auch wenn es im Beratungsalltag von Marcus Behrens selten vorkommt: Porno hat das Potential zum Rauschmittel. Schon 2014 verkündete das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pornovideos verändern das Gehirn. Die Wissenschaftler scannten die Gehirntätigkeit von 64 Männern und stellten fest, dass bei den Probanden, die regelmäßig Sexfilme sahen, das Belohnungssystem des Gehirns auffällig klein war. „Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert“, erläutert Studien-Autorin Simone Kühn. Die Forscher vermuten eine ähnlichen Effekt wie bei anderen Suchtmitteln: Der User muss die Dosis ständig steigern, um einen lustvollen Effekt zu erzielen.
Aber wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann“, sagt Marcus Behrens. Ein weiteres Indiz: Schadet mir der Spaß schon im Alltag? Riskiere ich zum Beispiel eine Abmahnung, indem ich auf dem Bürorechner Pornoseiten aufrufe? Wie bei allen Abhängigkeiten gilt auch hier: Sobald Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder in Mitleidenschaft gezogen werden, sollte man sein Konsumverhalten unter die Lupe nehmen.
Ursache für den übermäßigen Konsum von Sexfilmen – wie auch echtem Sex – sind laut Marcus Behrens in vielen Fällen Einsamkeits- und Minderwertigkeitsgefühle. Bei schwulen Männern oft verstärkt durch Selbsthass, Fachleute sprechen dann von internalisierter Homophobie. „Die Betroffenen haben das Gefühl: Irgendwas läuft bei mir nicht richtig“, erklärt Behrens. „Dann suchen sie – bewusst oder unbewusst – nach einer Lösung und probieren verschiedene Hilfsmittel aus.“ Pornokonsum sei nur eines unter vielen. Meist wirken mehrere zusammen. „Es hängt stark davon ab, welcher Suchtstoff verfügbar ist und bei mir funktioniert“, erläutert Marcus Behrens. „Für den einen ist es Einkaufen, für den anderen Porno.“
Pornokonsum einordnen: Kein Automatismus zur Porno Sucht
Das heißt aber nun nicht, dass jeder, der Pornos guckt, in Gefahr schwebt. „Es ist sinnvoll, Menschen zu helfen, die unter ihrer Sexualität leiden“, betont Marcus Behrens, „aber gerade wenn es um Pornokonsum und Sexualität geht, heißt es immer schnell: Uiuiui, das ist entweder krank oder kriminell. Diese Moralisierung ist falsch.“ Die meisten Männer könnten ihren Pornokonsum problemlos dosieren.
Und auch die Warnung vor pornobedingter Impotenz hält der Berliner Psychologe für übertrieben – auch wenn seine britische Kollegin auf ein interessantes Phänomen hingewiesen habe: Erektionsstörung durch zu viel Fantasiesex. Den Effekt kennen Psychologen von Strafgefangenen. Auch die kriegen oft keinen hoch, wenn sie nach einer langen Haftstrafe endlich wieder mit ihrem Freund oder ihrer Freundin schlafen dürfen. Sie haben verlernt, mit einem Menschen Lust zu empfinden, den sie nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen. „Das Hirn ist dann auf Fantasie gepolt“, erklärt Marcus Behrens. „Geil ist nur noch das, was vor meinem inneren Auge abläuft – eine Art Porno, bei dem ich Regie führe.“ Die jungen Engländer stehen vermutlich vor ähnlichen Anpassungsschwierigkeiten: Sie müssen von zweidimensionalen Pornos auf dreidimensionalen Sex umschalten – mit einem Partner aus Fleisch und Blut. Aber keine Sorge, sagt Marcus Behrens: „Sexualität kann man immer wieder neu lernen.“
FAQ zu Porno und Pornokonsum
In diesem FAQ zu Porno und Pornokonsum beantworten wir häufige Fragen: Was ist Porno, ab wann wird Pornokonsum zur Pornosucht, welche Rolle spielt das Gehirn und woran merke ich, dass es mir oder meinem Alltag schadet?
Was ist Porno eigentlich?
Porno meint bewusst sexuell erregend produzierte Bilder oder Videos. Sie zeigen inszenierten Sex, sind geschnitten, ausgeleuchtet und folgen oft bestimmten Fantasien oder Klischees. Sie bilden Sexualität nur ausschnitthaft ab und sind kein realistischer Leitfaden für echten Sex.
Ist Pornokonsum grundsätzlich ungesund?
Nach heutigem Stand ist normaler Pornokonsum für viele Menschen unproblematisch. Entscheidend ist weniger, ob ich Porno schaue, sondern wie stark es mich beschäftigt: Habe ich noch Lust auf echten Kontakt, kann ich meinen Konsum steuern?
Ab wann ist man porno süchtig?
Es gibt keine fixe Zahl an Minuten oder Videos. Von problematischem Pornokonsum wird eher gesprochen, wenn mehrere Punkte zusammenkommen: Ich verliere Kontrolle über die Häufigkeit, kann ohne Porno kaum masturbieren, vernachlässige Schlaf, Arbeit, Beziehungen oder andere Interessen und leide selbst darunter.
Können Pornos das Gehirn verändern?
Studien zeigen, dass intensiver Pornokonsum mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen kann. Ähnlich wie bei anderen Gewohnheiten kann sich das System an starke Reize gewöhnen, sodass manche Menschen immer mehr oder immer extremere Inhalte brauchen. Das bedeutet nicht automatisch Sucht, zeigt aber, dass Dosis und Kontext wichtig sind.
Was sind Warnzeichen für problematischen Pornokonsum?
Warnzeichen können sein: Ich brauche immer stärkere Reize, um mich zu erregen; ich fühle mich nach dem Schauen beschämt oder leer; ich nutze Porno vor allem gegen Einsamkeit, Stress oder Selbsthass; ich schaue trotz negativer Folgen weiter, etwa Konflikte in Beziehungen, Probleme im Job oder weniger Interesse an echten Begegnungen.
Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, zu viel Porno zu schauen?
Hilfreich kann sein, den eigenen Pornokonsum eine Zeit lang zu beobachten: Wann, wie oft, in welchen Situationen und mit welchem Gefühl davor und danach? Kleine Experimente wie pornofreie Tage, alternative Strategien gegen Stress oder bewusst mehr körperliche Nähe im realen Leben können Hinweise geben. Wenn Leidensdruck oder Kontrollverlust groß sind, ist eine Beratung oder Therapie eine gute Option.
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Momentan, elf Tage nach den Frühsymptomen geht es mir wieder gut, ich bin fast genesen. Schon am dritten Tag fühlte ich mich besser, zum Glück ging es bei mir schnell vorbei.
Du bist der erste MPX-, also „Affenpocken“-Fall im Rhein-Erft-Kreis. Wie hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
In der Nacht des 25. Mai, fünf Tage nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub in Maspalomas, traten die Symptome auf: Lymphknotenschwellung in der Leistengegend, 39 Grad Fieber und eine Pocke im Genitalbereich. In meinem Fall hat es etwa zwei Wochen ab der vermuteten Ansteckung auf Gran Canaria gedauert, bis die ersten Symptome auftraten. Mir wurde klar, dass es sich um MPX, also „Affenpocken“ handelte, weil ein Bekannter von mir – den ich zufällig im Urlaub traf – drei Tage vor mir positiv getestet wurde. Er erzählte mir von den Symptomen und riet mir, nach etwas Ähnlichem zu achten. Als ich also die gleichen Symptome hatte, ging ich direkt in die Notaufnahme der Uniklinik Köln, die einen Pockenabstrich und eine PCR durchführten. Am Freitag, dem 27. Mai, bekam ich dann den Anruf, dass ich positiv getestet wurde.
Magst du erzählen, wie du dich infiziert hast?
Wahrscheinlich auf dem Maspalomas Pride. Ich habe meinen deutschen Bekannten zufällig auf einer Party dort getroffen. Da hatten wir beide engen Körperkontakt, aber auch danach mit anderen auf privaten Sexpartys. Es waren viele Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern dabei. Darunter auch ein Berliner, der sich ebenso in Maspalomas infizierte.
Wie verlief deine Infektion denn?
Das Fieber ging in zwei Tagen schnell weg, aber die Schwellung der Lymphknoten hielt eine Woche lang an. Jetzt sind sie nur noch ganz leicht geschwollen, nicht mehr so stark wie früher. Ich hatte vier Pocken, eine im Genitalbereich, eine auf meinem rechten Oberarm, eine auf dem Po und die vierte auf dem Kopf unter meinen Haaren. Am Anfang sahen sie wie normale Pickel aus, danach hatten sie eine weißliche Kruste mit Flüssigkeit darin, etwa einen Zentimeter groß. Inzwischen sind drei davon kaum noch zu sehen. Die im Genitalbereich wird noch einige Zeit brauchen, um zu verschwinden. Ich musste keine Medikamente einnehmen, sie heilen von alleine ab.
„21 Tage Isolation sind sehr hart für mich.“
Es hört sich hart an, allein in der Isolation mit einem Virus, das nur wenige Menschen in Deutschland haben.
Ich habe aber keine Angst vor der Krankheit, denn zum Glück habe ich einen sehr milden Verlauf. Jedoch sind 21 Tage Isolation sehr hart für mich. Ich fühle mich in dieser Zeit sehr einsam und allein: schreibe und telefoniere viel mit Freund*innen, Familie und Bekannten. Das hilft mir.
Und wie war die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt?
Gleich nach meinem positiven Testergebnis am 27. Mai rief mich das Gesundheitsamt an und teilte mir mit, dass ich für mindestens 21 Tage in Quarantäne gehen muss. Sie fragten auch nach den Kontaktpersonen. Außerdem rufen sie mich regelmäßig an und fragen nach der Entwicklung der Symptome. Bei mir endet die Quarantäne automatisch, wenn alles abgeheilt ist, ohne dass ich noch einmal vom Arzt untersucht werden muss, aber hier gehen die Gesundheitsämter unterschiedlich vor.
„Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.“
Glaubst du, dass es einen Ausbruch in Deutschland geben könnte?
Das Virus ist überhaupt nicht leicht übertragbar, man muss sich schon Mühe geben: Wir hatten sehr engen Körperkontakt. Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.
„Dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht.“
In den Medien werden einige Ausdrücke verwendet, die Stigmatisierung und Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer fördern könnten. Wie nimmst du diese Diskussion jetzt wahr?
Sie ist teilweise stigmatisierend. Es ist klar, dass bei MPX mehr Schwule betroffen sind, aber es kann jeden treffen. Die Aufklärung, dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht. Der Sprachgebrauch erinnert stark an die 80er-Jahre, als HIV ausbrach und es sehr stigmatisierende Medienberichte gab. Wörter wie Risikogruppe sollten umformuliert und durch z.B „häufig betroffene Menschen” ersetzt werden.
Wie reagieren die Menschen um dich herum? Helfen sie dir gerne oder hast du das Gefühl, dass es Vorurteile oder Ängste gibt?
Mein Umfeld hat total cool reagiert und mir sofort Hilfe zum Beispiel beim Einkaufen angeboten. Ängste oder Vorurteile habe ich nicht gemerkt.
„Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß!“
Mit dem, was du jetzt weißt und erlebst: Hättest du deinen Maspalomas-Urlaub anders machen wollen?
Ich hätte den Urlaub nicht anders verbracht und genauso gemacht. Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Es kann immer passieren, dass man sich mit etwas ansteckt. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß!
Was sollte jetzt getan werden?
Achtet auf die Verbreitung, betreibt Aufklärung! Ich zum Beispiel bekam die Symptome alle auf einmal. Aber bei meinem Bekannten kamen sie nach und nach. Die Symptome können also von Person zu Person abweichen. Man sollte in jedem Fall auf Symptome achten und sich testen lassen, wenn ein Verdacht entsteht. Außerdem ist es natürlich wichtig, Testkapazitäten aufzubauen.
Die meisten Fälle wurden aus Berlin gemeldet, weitere aus Nordrhein-Westfalen, Bayern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.
Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC hat bis zum 8. Juni 704 Fälle von MPXV-Infektionen in europäischen Ländern registriert (Statistik ohne das Vereinigte Königreich und die Schweiz). Weltweit wurden bisher 1176 Fälle bestätigt.
Bisher vor allem schwule Männer betroffen
Wie auch in den anderen Ländern außerhalb Afrikas betreffen die „Affenpocken“ (MPX) in Deutschland zurzeit vor allem schwule und bisexuelle Männer. Bisher wurde der Erreger hierzulande ausnahmslos bei Männern nachgewiesen, bei vielen liegt zudem die Information vor, dass sie Sex mit Männern hatten.
Klar ist aber auch: Die Affenpocken können prinzipiell jeden betreffen. Wie das Virus in die schwule Community gelangt ist, ist noch nicht geklärt.
Erste Fälle hat es laut Robert Koch-Institut bereits Ende April gegeben – also schon vor dem Maspalomas Pride auf Gran Canaria und dem Darklands-Festival in Antwerpen, bei denen offenbar zahlreiche Übertragungen stattgefunden haben.
Kein Grund zur Panik, aber zur Vorsicht
Der Ausbruch der Affenpocken in immer mehr Ländern ist ungewöhnlich. Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Fakt ist: Diese Erkrankung ist bisher in Europa kaum vorgekommen. Wenn Menschen sich auf einer Reise infiziert hatten, dann hat sich die Krankheit nicht weiterverbreitet. Das ist nun offenbar anders.
Fachleute rechnen nicht mit einer Pandemie wie bei Covid, befürchten aber eine weitere Ausbreitung der Infektion.
„Es besteht ganz sicher kein Grund zur Panik“, sagt auch Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe. „Die Fallzahlen sind insgesamt noch gering, das Risiko einer Infektion ist nicht besonders hoch. Die Krankheit kann zwar sehr unangenehm sein, heilt aber meistens von alleine aus. Wir empfehlen, sich gut zu informieren und bei Krankheitsanzeichen besonders aufmerksam zu sein.“
Auch das RKI ruft zu erhöhter Wachsamkeit auf: Insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben, sollten sich bei Hautveränderungen wie Pusteln oder Knötchen ärztlich untersuchen lassen. Die beste Adresse dafür sind infektiologische Einrichtungen wie zum Beispiel eine HIV-Schwerpunktpraxis.
Impfung noch im Juni
Eine Impfung für Menschen mit besonders hohem Risiko könnte noch im Juni zur Verfügung stehen. Das Bundesgesundheitsministerium hat 240.000 Dosen des Impfstoffs Imvanex bestellt. 40.000 sollen bis Mitte Juni verfügbar sein und über die Bundesländer verteilt werden. Das BMG lotet zurzeit weitere Möglichkeiten aus, Impfstoff zu beschaffen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) arbeitet an einer Impfempfehlung.
Imvanex ist in den USA bereits gegen MPXV zugelassen, in Europa bisher nicht. Mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission könnte das Vakzin trotzdem zeitnah zum Einsatz kommen. Für eine vollständige Impfung sind zwei Einzeldosen erforderlich.
Im Gespräch ist unter anderem eine Impfung von Menschen, die kürzlich Kontakt mit infizierten Personen hatten. Die Reaktion des Immunsystems nach einer solchen Impfung kurz nach einem Übertragungsrisiko kann eine Infektion noch verhindern oder den Krankheitsverlauf mildern.
Zuerst geimpft werden könnten außerdem schwule und bisexuelle Männer mit vielen engen Kontakten sowie Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, die mit MPX-infizierten Patient*innen in Kontakt kommen. Wem genau eine Impfung empfohlen werden soll, wird zurzeit in verschiedenen Gremien diskutiert.
„Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium, dem Robert Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, sagt DAH-Sprecher Holger Wicht. „Wir stimmen uns eng ab und sorgen dafür, dass neue Informationen rasch zu den Menschen gelangen, die sie betreffen.“
Immer auf dem Laufenden
Die Deutsche Aidshilfe informiert über MPX auf aidshilfe.de und der Webseite ihrer Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer sowie über ihre Social-Media-Kanäle. Bald werden auch Poster und Flyer für die schwule Szene-Orte verfügbar sein.
Stefan ist HIV-positiv. Ficken mit Kondom ist nichts für den 46-jährigen Journalisten aus Saarbrücken. Zum Glück kann er dank erfolgreicher HIV-Therapie auf den Gummi verzichten. Ein Gespräch über Schutz durch Therapie und Sex ohne Sorgen.
Stefan, was bedeutet „Schutz durch Therapie“? Dank der erfolgreichen HIV-Therapie sind in meinem Blut keine Viren mehr nachweisbar– deswegen kann ich beim Sex keine mehr übertragen.
Kaum zu glauben. Ich erkläre es immer an meinem Fall: Als ich mit der Therapie angefangen habe, hatte ich 93.000 HIV-Viren pro Mikroliter Blut. Nach einem Monat waren es nur noch 20.000. Zwei Monate später lag der Wert unter 2.000. Heute ist meine Viruslast nicht mehr nachweisbar. Wenn ich dann noch Zettel und Stift dabei habe, male ich dazu eine schöne Kurve auf. Dann checken die Leute plötzlich: Wo keine Viren sind, können auch keine übertragen werden.
Schutz durch Kondom oder Schutz durch Therapie – was ist dir lieber? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde Sex mit Kondom scheiße! In dem Moment, wo du weißt „Ich bin unter der Nachweisgrenze!“, bist du total entspannt, weil du weißt: Es kann praktisch nichts mehr passieren. Wenn man nachts aufwacht und geil ist, sucht man nicht lange nach Kondomen, sondern fängt einfach an zu vögeln.
Dein Freund ist negativ. Habt ihr von Anfang an auf Kondome verzichtet? Nein. Die ersten zwei, drei Monate haben wir Kondome verwendet. Mein Freund wusste über das Prinzip „Schutz durch Therapie“ Bescheid. Aber es hat gebraucht, bis die Info vom Kopf im Bauch und dann im Schwanz angekommen ist. Wir sind nun seit gut zwei Jahren zusammen, haben Sex ohne Kondom – und er ist immer noch HIV-negativ. Logischerweise.
Wie schützt du dich beim Sex mit anderen Männern? Bei uns gilt die Regel: Außerhalb der Beziehung benutzen wir Kondome, damit wir keine Krankheiten wie Syphilis in die Beziehung schleppen. Gegen Hepatitis A und B sind wir geimpft. Mir war die offene Beziehung gar nicht so wichtig. Ich bin ja nun in einem Alter, wo ich nicht mehr ständig Sex haben muss. (lacht) Aber mein Freund meinte, das wäre gut.
Als Rollenmodell für ICH WEISS WAS ICH TU bist du oft in Deutschland unterwegs und triffst viele schwule Männer. Wissen die, dass eine Therapie so gut schützt wie ein Kondom? Nach meiner Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. Vielleicht sind die Fakten in großen Städten etwas präsenter als in kleineren, aber der Unterschied ist nicht riesig.
Ist das Thema damit gegessen? Nein, die Message ist noch nicht bei allen angekommen. In den letzten 20 Jahren gab es medizinisch einen Riesensprung nach vorne. Das Allgemeinwissen hinkt dieser Realität hinterher. Das ist schade, weil so eine normale, angstfreie Sexualität verhindert wird. Diese Message muss raus, weil das eine enorme Entlastung ist. Vor allem für Paare, bei denen der eine positiv und der andere negativ ist. Deshalb bin ich Rollenmodell, weil dann andere sehen: Ach, die machen das auch so – und es funktioniert.
Was ist deine Botschaft an die schwule Community? Fürchtet euch nicht davor, Schutz durch Therapie zu praktizieren! Es ist eine enorme Entlastung. Manchmal hört man ja das Argument: Schutz durch Therapie fördert sorglosen Sex. Dann frage ich: Wo ist das Problem, wenn ich sorglos Sex haben kann? Sex ohne Sorgen – das ist doch etwas Schönes!
Kennt die Community ‚Schutz durch Therapie‘? Nach Stefans Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. (Foto: iwwit.de)
Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!
Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.
Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.
Schau dir jetzt unser Video dazu an:
Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.
Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.
Und es gibt noch mehr, was du tun kannst.Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.
Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.
Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!
Das Robert-Koch-Institut verzeichnet seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg von Syphilis-Fällen in Deutschland. Mehr 80 Prozent davon gehen demnach auf sexuelle Kontakte zwischen Männern zurück. Inwieweit spiegelt sich diese Zahlen auch im ärztlichen Alltag wieder? Ein Gespräch mit dem Berliner Allgemeinmediziner und Infektiologen Dr. Christoph Schuler
„Wir sehen jede Woche neue Syphilis-Fälle“ – Dr. Schuler aus Berlin im Interview
Syphilis bei schwulen Männern: Ein Dauerproblem in der Praxis
Christoph Schuler, zum Patientenstamm gehört auch ein großer Prozentsatz an schwulen Männern. Inwieweit spielt Syphilis in Ihrem Praxisalltag eine Rolle? Wir haben sicherlich im Schnitt jede Woche einen neuen Fall in unserer Praxis, und das bereits seit einigen Jahren. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Monaten nicht unbedingt gestiegen, aber sie hält sich schon über einen langen Zeitraum sehr konstant auf hohem Niveau.
Können sie aus der Praxiserfahrung bestimmte Patientengruppen ausmachen, die besonders betroffen sind? Wir entdecken sehr viele Syphilisinfektionen bei unseren HIV-Patienten, allein schon deshalb, weil diese regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten (STI) gescreent werden.
Wie sich schwule Männer mit Syphilis infizieren können
Das heißt, dadurch werden neue Infektionen automatisch und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt. Richtig. Zum anderen sind da aber viele nicht-positive Patienten, die wegen verdächtiger Symptome zu uns kommen oder die von sich aus einen STI-Routinetest haben machen lassen.
Manche haben sich auch anderswo testen lassen, zum Beispiel bei Testeinrichtungen in schwulen Beratungseinrichtungen und haben uns dann nach der Diagnose aufgesucht. Und nicht zuletzt gibt es auch Männer, die von ihrem Sexpartner erfahren haben, dass bei diesem Syphilis diagnostiziert wurde und sich deshalb nun selbst auch untersuchen lassen.
Kommt es auch vor, dass der gleiche Patient sich immer wieder infiziert? Das gibt es in der Tat, allerdings ist es gerade bei Syphilis sehr schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Neuinfektion oder um das wieder Aufflammen einer unzureichend behandelten Infektion handelt.
Könnte die Tatsache, dass die Zahl der Infektionen so gleichbleibend hoch bzw. sogar steigend ist, womöglich auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein? Nämlich dass schwule Männer wieder mehr Sex ohne Kondom haben? Ich sehe da keine direkte Verbindung. Natürlich wird häufiger auf das Kondom verzichtet, weil die HIV-Behandlung effektiv ist.
… und deshalb das Virus nicht mehr übertragen werden kann. Zum anderen ist Safer Sex mit Kondom keine Praxis, mit der man eine Syphilis-Infektion gänzlich ausschließen kann. Man kann sich eben auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.
Es gibt aus unserer Erfahrung in der Praxis aber sicherlich Szenen, in denen Syphilisinfektionen eher auftreten, zum Beispiel bei Männern, die sexuell aktiver sind oder auf Sexpartys gehen. Wenn hier neue Infektionen auftreten, werden diese dann auch schnell weitergegeben. Umso wichtiger ist es, dass man seine Sexpartner darüber informiert, wenn bei einem selbst eine Infektion festgestellt wurde, damit eine Partnermitbehandlung erfolgen kann.
Stigmatisierung von Syphilis bei homosexuellen Patienten
Syphilis erscheint moralisch mehr belastend zu sein, als andere sexuell übertragbare Krankheiten. Fällt es den Patienten tatsächlich leichter, zum Beispiel wegen eines Trippers um Arzt zu gehen? Das ist in der Tat so. Gerade Patienten, die zuvor noch nie mit einer STI zu tun hatten und nur gelegentlich sexuelle Kontakte haben, fühlen sich ziemlich vor den Kopf gestoßen und sind manchmal auch ein wenig schockiert. Das ist eindeutig auf den stigmatisierenden Charakter zurückzuführen, den die Syphilis nach wie vor hat. Auch wenn die Syphilis behandelt wird: eine Narbe bleibt im Blut ein Leben lang sichtbar. Aber auch die Behandlung unterscheidet sich von der vieler anderer STIs: Die Spritzen können durchaus schmerzhaft sein und müssen – je nachdem, wie spät die Infektion entdeckt wurde – gegebenenfalls im Wochenabstand wiederholt werden. Wenn man Allergien hat, sind möglicherweise auch tägliche Infusionen oder eine mehrwöchige Tabletteneinnahme notwendig. Die Behandlung eines Trippers oder von Chlamydien ist dagegen weitaus einfacher und unkomplizierter.
Diagnose und Verlauf: So wird Syphilis in der Praxis dokumentiert
Warum Syphilis bei schwulen Männern besonders häufig ist
Anders als etwa bei Hepatitis A ist man nach einer ausgestandenen Syphilis nicht automatisch vor einer neuen Infektion geschützt. Wie gehen Leute damit um, wenn es sie nicht nur einmal erwischt? Ich erlebe in letzter Zeit immer häufiger dann Fall, dass Patienten deshalb sehr frustriert sind und sagen: „Ich mach jetzt nichts mehr“. Denn nicht nur die Zahl der Syphilis-Fälle ist angestiegen, sondern auch Gonorrhö und Chlamydien sind weiter verbreitet. Manchen ist deshalb ganz offensichtlich die Lust am Sex vergangen, zumindest was den Sex in öffentlichen Räumen angeht.
Eine frühzeitige HIV-Therapie ermöglicht dir ein gutes und langes Leben. Wichtig ist, dass du zusammen mit einer Spezialistin oder einem Spezialisten die Behandlung findest, die zu dir passt. Dabei kommt es nicht nur auf die Medikamente an, sondern auch auf Vertrauen: Du solltest dich in der Praxis gut aufgehoben fühlen und das Gefühl haben, alles ansprechen zu können, was dir wichtig ist.
Schutz durch Therapie
Wenn du als HIV-positiver Mann eine HIV-Therapie einnimmst und sich in deinem Blut dauerhaft keine Viren mehr nachweisen lassen, kann HIV beim Sex nicht mehr übertragen werden. Das nennen wir Schutz durch Therapie.
Wichtig ist dabei, dass du deine HIV-Medikamente zuverlässig einnimmst. Nur so kann die Therapie dauerhaft wirken. Ob das gelingt, wird regelmäßig von deinem Arzt oder deiner Ärztin kontrolliert – in der Regel alle drei Monate.
Arztwahl
Wenn du ein HIV-positives Testergebnis erhalten hast, solltest du dich möglichst bald medizinisch untersuchen und beraten lassen. Am besten wendest du dich an eine HIV-Schwerpunktpraxis oder an eine Ärztin bzw. einen Arzt mit HIV-Schwerpunkt.
Eine früh begonnene HIV-Therapie kann dir ein langes und gutes Leben ermöglichen. Um die für dich beste Behandlung zu finden, ist eine Beratung durch erfahrene Expert*innen besonders wichtig. Sie können mit dir besprechen, wann der richtige Zeitpunkt für den Therapiebeginn ist und welche Behandlung am besten zu deiner Lebenssituation passt.
Wenn du in einem Dorf oder in einer kleineren Stadt wohnst, gibt es dort vielleicht keine Schwerpunktpraxis oder lokale Aidshilfe. Dann kann es sinnvoll sein, in die nächstgrößere Stadt zu fahren, um dich dort von Spezialist*innen beraten zu lassen.
Noch ein paar Tipps
Hör auf dein Bauchgefühl: Fühlst du dich bei deinem Arzt oder deiner Ärztin wohl? Könnt ihr offen über die Themen sprechen, die dir wichtig sind? Das ist entscheidend, denn HIV-Medizinerinnen begleiten ihre Patientinnen oft über einen langen Zeitraum.
Besprich vor Beginn der HIV-Therapie alles in Ruhe, was für dich wichtig ist – zum Beispiel die verschiedenen Therapieformen, die Wirkung der Medikamente und mögliche Nebenwirkungen.
HIV-Medikamente müssen immer zu festgelegten Zeiten eingenommen werden. Gerade zu Beginn der Behandlung kann es zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Kopfschmerzen oder Übelkeit kommen.
Wenn diese Beschwerden nach einigen Wochen nicht verschwinden, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Oft kann gemeinsam geprüft werden, ob die Medikamentenkombination angepasst werden sollte. In der Regel gibt es mehrere Möglichkeiten der Kombinationstherapie. So lassen sich Nebenwirkungen oder auch Resistenzen besser vermeiden.
Macht Poppers-Konsum die Augen kaputt? Französische Forscher warnen vor der Schwulen liebsten Sexdroge, andere Experten plädieren für Gelassenheit
Das Schnüffeln von Poppers kann ins Auge gehen. Das befürchtet jedenfalls ein Medizinerteam aus Frankreich. Die Sexdroge könne die Netzhaut schädigen, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.
Der Grund für die Warnung: Die Augenspezialisten hatten vier Personen behandelt, die nach dem Popperskonsum nicht mehr scharf sehen konnten. Die Patienten beklagten zudem einen hellen Fleck in ihrem Blickfeld. Tatsächlich konnten die Experten bei allen Patienten eine Schädigung der Netzhaut feststellen, und zwar genau an jener Stelle, die Bilder mit hoher Auflösung ans Hirn vermittelt („Sehgrube“).
Eine Folge: Die Geschädigten konnten nur noch schwer lesen. Bei zweien von ihnen ließen die Symptome glücklicherweise nach einigen Wochen nach.
Die Forscher suchten und fanden danach noch weitere Fälle. Teilweise waren sie von vorher behandelden Augenärzten nicht diagnostiziert worden, weil die Netzhautveränderungen nur einen sehr kleinen – wenn auch wichtigen – Bereich betreffen.
Was ist Poppers?
Poppers ist ein Sammelbegriff für bestimmte Nitrite, die eingeatmet werden. Die Wirkung setzt sehr schnell ein und hält nur kurze Zeit an. Viele Menschen nutzen Poppers beim Sex, weil sie entspannend wirken, ein kurzes Rauschgefühl auslösen und den Körper lockerer machen. Das kann zum Beispiel den Analverkehr erleichtern.
Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen von Poppers
Poppers wird über Nase oder Mund eingeatmet. Die Wirkung setzt fast sofort ein und hält nur wenige Minuten an. Viele beschreiben ein kurzes Rauschgefühl, das die Wahrnehmung intensiviert und den Körper entspannter macht. Vor allem beim Sex kann sich das luststeigernd anfühlen. Typisch für Poppers ist, dass sich die Blutgefäße weiten. Dadurch sinkt kurzfristig der Blutdruck, während der Puls ansteigen kann. Gleichzeitig entspannt sich die Muskulatur – auch der Schließmuskel. Das ist einer der Gründe, warum Poppers häufig beim Analverkehr genutzt werden. In kleinen Mengen berichten Nutzer häufig von einem stärkeren Lustempfinden, intensiveren Körpergefühlen und einer allgemeinen Entspannung. Die Wirkung ist kurz, klingt meist schnell wieder ab und hinterlässt bei vielen keine Nachwirkungen.
Anders kann es bei höheren Mengen oder häufigem Nachlegen aussehen. Dann kann es zu Schwindel, Übelkeit oder einem starken Blutdruckabfall kommen. In seltenen Fällen sind auch Kreislaufprobleme bis hin zur Bewusstlosigkeit möglich. Manche erleben außerdem Erektionsprobleme – besonders dann, wenn Poppers zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumiert wird. Die Wirkung von Poppers beruht auf einer vorübergehenden Gefäßerweiterung, auch im Gehirn. Dadurch fühlt sich der Rausch intensiv, aber kurz an. Poppers verändern jedoch nicht das Bewusstsein im Sinne von Halluzinationen. Wichtig: Wie stark und wie belastend die Wirkung ist, hängt von der Menge, der Häufigkeit des Konsums und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Substanzen ab. Deshalb gilt auch hier: informiert bleiben und Risiken realistisch einschätzen.
Poppers sind in der schwulen Szene weit verbreitet – über mögliche Risiken, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen wird jedoch oft wenig gesprochen.
Wie gefährlich ist Poppers?
Da stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist Poppers? Drohen wirklich bleibende Augenschäden? Schließlich sind die bunten Minifläschchen mit betörenden Namen wie „Jungle Fever“, „Hard Wave“ oder „Rush“ bei vielen schwulen Männern sehr beliebt. Die enthaltenen Nitrite haben eine berauschende und sexuell stimulierende Wirkung. Vor allem aber weiten sie die Blutgefäße und entspannen so die glatte Muskulatur – inklusive der Schließmuskel. Das erleichtert den Analverkehr. Poppers hat allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Herz-Kreislaufprobleme und das Absterben von Gehirnzellen. Deutschland toleriert den Verkauf von Poppers, obwohl die Inhaltstoffe rezeptpflichtig sind.
„Poppers wird eifrig benutzt“, sagt Rainer Rybak von Check Up, der schwulen Gesundheitsagentur in Köln. „Bei vielen Leuten stehen solche Fläschchen im Kühlschrank.“
Augenschäden durch Poppers? Die Studienlage ist dünn
Bezüglich des Warnrufs aus Frankreich rät Rybak zur Gelassenheit. „Bisher sind nur vier Einzelfälle bekannt. Bei vielen medizinischen Meldungen kocht die Erregung nur solange hoch, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.“
Seit 15 Jahren ist Rybak in der schwulen Szene unterwegs und informiert über sexuelle Gesundheit. „Mir ist persönlich kein Fall bekannt, in dem jemand nach Poppers-Konsum schwere Folgeschäden zurückbehalten hat.“ Nur auf einer Sexparty sei mal ein Gast nach dem Schnüffeln umgekippt. „Aber ob das nun am Poppers lag, am engen Latexleibchen oder am Flüssigkeitsmangel nach einer durchtanzten Nacht – das kann man nicht eindeutig feststellen“. Körperliche Probleme wie Herzrasen oder Bewusstlosigkeit sind laut Rybak selten allein auf die Droge zurückführen. Das erste Anzeichen einer Überdosierung ist bei Poppers kaum zu ignorieren: ein stechender Kopfschmerz beim Schnüffeln. „Das wirkt so abtörnend, dass dadurch meist Schlimmeres verhindert wird“, sagt der Partydrogenexperte.
Das französische Forscherteam weist selbst darauf hin, dass zwei ihrer Patienten kurz vor dem Sehkraftverlust nicht nur Nitrit, sondern jeweils auch „eine halbe Flasche hochprozentigen Alkohol“ zu sich genommen hätten. Dennoch vermuten die Forscher einen direkten Zusammenhang mit der Droge. Beweisen lässt sich der allerdings bisher nicht: Zwar kann Poppers ein Enzym aktivieren, das für die Fotorezeptoren des Auges wichtig ist, aber dieses hat – das räumen auch die Forscher ein – eine völlig andere Wirkung als in den vier untersuchten Fällen: Das Enzym reduziere die Lichtempfindlichkeit, die Patienten jedoch hätten helle, blendende Flecken beklagt.
Wechselwirkungen problematisch
Der Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, Armin Schafberger, sieht vor allem in Wechselwirkungen eine Gefahr: „Poppers wird oft mit anderen Drogen wie Alkohol kombiniert, dabei können viel schneller gesundheitliche Probleme entstehen.“
Die Kombination von Poppers und Viagra ist sogar lebensgefährlich: Sie kann zu starkem Blutdruckabfall bis hin zu tödlichem Herz-Kreislauf-Versagen führen. Ebenso gefährlich: die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten gegen Angina Pectoris oder hohen Blutdruck.
So bleibt am Ende vorläufig die Erkenntnis: Wer Poppers nimmt, sollte über mögliche Folgen Bescheid wissen und mit Augenmaß zur Sache gehen.
(Philip Eicker)
Wichtige Tipps zum Poppers-Konsum
Poppers nie mit Potenzmitteln oder Nitraten (z.B. in blutdrucksenkenden Medikamenten) kombinieren: Lebensgefahr!
Poppers nicht trinken und nicht direkt in Nase oder Mund einbringen. Der Kontakt mit Schleimhäuten kann zu Verätzungen und Vergiftungen führen.
Gelangt Poppers in Augen, Nase oder auf die Haut: sofort gründlich mit Wasser ausspülen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Poppers nicht zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumieren. Das erhöht das Risiko für Kreislaufprobleme, Schwindel oder Bewusstlosigkeit.
Kondome immer vor der Anwendung von Poppers überziehen. Danach kann es schwieriger werden, ein Kondom korrekt anzulegen.
Bei Vorerkrankungen des Herzens oder des Kreislaufs besser ganz auf Poppers verzichten.
Poppers werden oft beiläufig konsumiert, dabei gibt es einige wichtige Punkte zu Wirkung, Risiken und Safer Use. In diesem FAQ beantworten wir häufige Fragen rund um Poppers – kompakt und verständlich.
Was passiert im Körper, wenn man Poppers nimmt?
Poppers weitet kurzfristig die Blutgefäße. Dadurch sinkt der Blutdruck, der Puls steigt an und die Muskulatur entspannt sich. Viele erleben ein kurzes Rauschgefühl und intensivere Körperempfindungen. Die Wirkung hält in der Regel nur wenige Minuten an.
Ist Poppers gefährlich?
Poppers kann Nebenwirkungen haben, vor allem bei höheren Mengen oder in Kombination mit anderen Substanzen. Möglich sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufprobleme. Besonders riskant sind Wechselwirkungen mit bestimmten Medikamenten.
Warum ist die Kombination mit Potenzmitteln so gefährlich?
Sowohl Poppers als auch Potenzmittel senken den Blutdruck. Zusammen kann das zu einem starken Blutdruckabfall führen, der lebensgefährlich sein kann. Deshalb gilt: niemals kombinieren.
Kann Poppers die Augen schädigen?
Es gibt Berichte über Sehstörungen nach dem Konsum von Poppers. Ein eindeutiger Zusammenhang ist bislang nicht abschließend geklärt. Klar ist aber: Direkter Kontakt der Flüssigkeit mit Augen oder Schleimhäuten kann zu schweren Reizungen oder Verätzungen führen und sollte unbedingt vermieden werden.
Macht Poppers abhängig?
Poppers macht in der Regel nicht körperlich abhängig. Manche Menschen gewöhnen sich jedoch daran, Poppers beim Sex zu nutzen, und empfinden Sex ohne Poppers dann als weniger intensiv.
Wie kann ich Risiken beim Konsum verringern?
Informiert bleiben, keine Mischkonsum-Experimente eingehen, auf Warnsignale des Körpers achten und Poppers niemals mit Potenzmitteln oder bestimmten Medikamenten kombinieren. Weniger ist hier eindeutig mehr.
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