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Jeder wie er will - warum machen wir das Thema

  1. „Keine Tunten“, „keine Fetten“, „keine Asiaten“

  2. Warum ist das Thema wichtig?

  3. Wir wollen mit euch diskutieren.

  1. „Keine Tunten“, „keine Fetten“, „keine Asiaten“
    Auf solche verletzenden und diskriminierenden Äußerungen ist wohl jeder schon mal gestoßen, nicht nur auf Datingportalen. Abgewertet wird oft das, was als „anders“ und nicht mainstreamtauglich erachtet wird, was nicht dem gängigen Bild, dem Leistungs- oder dem Jugendideal entspricht. Woher kommt dieses Verhalten in einer Community, die um Akzeptanz ringt und oft stolz auf ihre Vielfalt ist?

  2. Warum ist das Thema wichtig?
    Diskriminierung und Ausgrenzung machen krank. Das belegen zahlreiche Studien. Ganz egal, ob die Mehrheitsgesellschaft diskriminiert oder ob das innerhalb der eigenen Community passiert. Das kann bis zu einer Depression und Selbsthass führen. Wir wollen dafür sensibilisieren, wie wir miteinander umgehen. Und wir fragen, was wir tun können, damit die Community für jeden einen Platz bietet.

  3. Wir wollen mit euch diskutieren.
    Wir wollen mit euch diskutieren. Wo erlebt ihr Diskriminierung und Ausgrenzung? Was könnte man dagegen tun? Wie stellt ihr euch eine Community vor, in der ihr euch wohlfühlt? Darf man eigentlich sagen, worauf man steht oder eben nicht, oder ist das schon diskriminierend?

    Wir freuen uns über eure Meinungen und Beiträge – auf unserem Facebook-Auftritt oder direkt über unser Kontaktformular

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Was sagt der Experte?

Wo kommt die verinnerlichte Stigmatisierung her? Wer ist eigentlich besonders betroffen. Marc Grenz, Projektleiter von Hein & Fiete in Hamburg spricht mit Frauke Oppenberg über Ausgrenzung innerhalb der Szene und deren Ursachen.

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Mingvase sucht fette Sau

Wer sich auf schwulen Datingportalen herumtreibt, darf manchmal nicht zart besaitet sein. Dort geht es nicht nur sexuell recht direkt zu – auch unverhohlen diskriminierende Äußerungen gehören zum Cruising-Alltag.

Muss ich, um zu signalisieren, dass ich auf schlanke Typen stehe, abschätzig von „fetten Schweinen“ sprechen? Muss ich, was mir nicht kerlig genug erscheint, als „Tucke“ und „Schwuchtel“ beschimpfen? Und was unterscheidet eigentlich jemanden, der Schwule asiatischer Herkunft als „Mingvase“ oder „Reisschüssel“ beleidigt, vom „gewöhnlichen“ Rassisten und Neonazi?

Noch ein paar Kostproben gefällig, denn die Liste unmissverständlicher Ansagen bei den bekannten Online-Datingportalen ist lang und vielfältig.

„Passt mir deine Hackfresse nicht, verdienst du auch keine Antwort“
„Gezupfte Augenbrauen – einfach abtreten!“
„Kein Gammelfleisch!“
„Kein Hartz4-Gesocks.“
„Keine sonnengegerbten Fressen der Mallorca-Gran-Canaria-Fraktion“.

Es gibt auch noch ganz andere Ausschlusskriterien: „Absolutes No-go: berliner/sächsischer Akzent“. Für diesen User ist alles eine Frage des guten Willens: „Jeder kann Hochdeutsch.“

HIV-Positive werden als „Viren- und Bakterienschleudern“ beschimpft, im Zweifelsfalle von Usern, die „gesunde Hengste“ für „Bareback-Besamung“ suchen. Aber auch unter Positiven herrscht bisweilen ein Milieu der wechselseitigen Anfeindung. Selbstverständlich, schreibt ein Endvierziger in seinem offenherzigen Profiltext, wäre es schön, wenn Positive nicht stigmatisiert würden. Ihm selbst passiere dies nur ganz selten. Angemacht aber würde er von anderen Positiven: dafür, dass er auf Safer Sex besteht.

Fehlt so vielen Schwulen einfach die gute Kinderstube?

Glauben manche Schwule, sich mit Verletzungen und Beschimpfungen kerliger gerieren zu können als sie in Wahrheit sind, um damit ihr offensichtlich mangelhaftes Machoimage ein wenig aufzupimpen? Niemand verlangt, dass jeder jeden gleich geil und attraktiv, paarungswillig und partnerfähig halten muss. Und niemand soll sich gehindert fühlen, seine sexuellen und anderen Präferenzen offen zu benennen.

Neu ist diese Art der Ausgrenzung sicherlich nicht. Formulierungen wie „Tunten zwecklos“ und „kein BBB“ (Bart, Brille, Bauch) sind, zumindest gefühlt, in Gebrauch, seit es schwule Kontaktanzeigen gibt. Aber derart roh in der Wortwahl und so schamlos die Grenzen zum offenen Rassismus überschreitend wie heute ging es noch nie zu. Hat das böseböse Internet unsere Sitten so sehr verrohen lassen? Schaltet Mann eigentlich sein Hirn aus, bevor er in seiner No-go-Liste „Brillenträger“ und „Asiaten“ in einer Reihe mit „Fakern“, „Freaks“ und „Spinnern“ aufführt? Denkt so jemand darüber nach, wie sich die derart Angesprochenen dabei fühlen mögen?

Überraschenderweise kommen solche Ausfälle nicht auf allen schwulen Portalen gleichermaßen vor – oder werden nicht überall von den Usern bzw. den Betreibern im gleichen Maße geduldet. Je differenzierter die Kontaktbörse, desto freundlicher der Umgangston. Barebacker, Bären oder Fetischliebhaber unter sich sehen offensichtlich keinen Grund, sich negativ abgrenzen zu müssen. Sie schreiben und beschreiben lustvoll, worauf sie stehen und wer sie geil macht – und haben es nicht nötig, über alle anderen herzuziehen, die nicht in ihr Beuteraster fallen.

Mit Witz oder einfach direkt dagegen halten

Einem der sich selbstironisch als „Europäer, gefangen im Körper eines Asiaten“ bezeichnet, liest solchen Dummbratzen auf seinem Profil ordentlich die Leviten: „Es tut mir ja selber leid, dass ich nicht als schwedischer Gott geboren wurde und nicht dem schwulen Schönheitsideal entspreche. Und es tut mir leid, dass ich nicht als Schokomann mit Riesenschwanz geboren wurde, und genau so leid tut es mir, dass ich nicht als heißer Latinolover zur Verfügung stehe. – Merkt ihr was??? Genau: Schubladendenken!!!“

Sein Tipp lautet ganz schlicht: Wenn ihr keine Asiaten mögt, antwortet einfach nicht auf deren Messages. Es besteht allerdings kein Grund, verbal derart tief in die rassistische Schublade zu greifen.

Ganz gleich, wie die einzelnen Kontaktbörsen die Kontrolle der Profiltexte im Einzelnen auch handhaben, gegen diskriminierende Formulierungen kann jeder einzelne User etwas unternehmen, indem er die Urheber auf die vielleicht unbedacht und ungewollt ausgrenzenden Textstellen hinweist. Vielleicht tut’s ja sogar eine nette Message. Es muss ja nicht immer gleich ein Shitstorm sein …

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Ein Tag voller Vorurteile - eine Glosse

Natürlich sind wir immer politisch korrekt, weltoffen und tolerant. Doch an so manchem Tag unterliegt man schnell eigenen Vorurteilen. Wir von ICH WEISS WAS ICH TU fühlten uns an manchen Stellen von Kriss Rudolphs Glosse ertappt. Wie geht's euch dabei? Viel Spaß beim Lesen

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hiv positiv

„Tunten, Spinner und Positive zwecklos“

HIV-Positive erleben auch in der Schwulenszene Ablehnung. Grund dafür ist nicht nur die Angst vor einer Infektion.

Eben noch sah alles nach einem geilen, lustvollen Date aus. Fotos und Komplimente waren ausgetauscht, die Vorlieben abgestimmt und man hatte sich mit Dirty Talk schon ein wenig in Stimmung gebracht. 

Mit einer kleinen Nebenbemerkung hat sich Marco dann aber um den Spaß gebracht. Dass mit ihm nur Safer Sex zu haben ist, steht klar in seinem PlanetRomeo-Profil. 

Dass er dies beim Chat aber sicherheitshalber noch einmal erwähnte, ließ seinen Datepartner hellhörig werden: „Wieso, bist du etwa HIV-positiv????
„Ich konnte aus diesem Satz förmlich heraushören, wie er die Fragezeichen panisch in die Tastatur gehackt hat“, erzählt Marco. Noch während er seine Antwort eintippte – „Ist das für dich ein Problem?“ –, rauschte auch schon die nächste Message ein: „Ihr kranken Virenschleudern! Man sollte euch hier allen ein Warnschild verpassen.“

Es wird niemanden wundern, dass aus der geilen Nacht nichts wurde. Gut zwei Monate liegt das Ganze zurück, aber wenn Marco jetzt davon erzählt, schwankt er immer noch zwischen Wut und Kränkung. „Ich hab ja schon viel Dummheit beim Online-Cruisen und auch sonst in der Szene erlebt, aber das ging mir echt an die Nieren.“

Dass Ben vergleichbare Erlebnisse bislang erspart blieben, hat einen einfachen Grund: „Ich bin nach meinem Testergebnis vor eineinhalb Jahren solchen Gesprächen aus dem Weg gegangen, weil ich wusste, dass die nicht immer angenehm sind.“ Nun aber hat ihn ausgerechnet ein guter Freund gegenüber einem Kumpel, mit dem ein Dreier geplant war, als HIV-positiv geoutet. „Daraufhin hatte ich mit seinem Kumpel ein ziemlich anstrengendes Telefonat. Er redete mir ins Gewissen, dass ich mich gefälligst immer outen müsse. Der Typ hat gar nicht gemerkt, dass er mich behandelt wie einen Leprakranken im Mittelalter.“

Was Ben dabei besonders ärgerte: „Der war intelligent genug, um immer wieder vorauszuschicken, dass er jetzt nicht doof oder ablehnend klingen wolle und er mich grundsätzlich ja möge. Was er sich aber nicht auszusprechen traute war, dass es ihm einfach nicht geheuer ist, wissentlich mit einem Positiven ins Bett zu gehen, obwohl wir Kondome nehmen wollten. Solange ihn aber seine Sexpartner im Glauben lassen, sie seien negativ, steht einem Sexdate für ihn nichts im Wege.“

Ziemlich paradox findet dies Ben: „Wir machen ja gerade deshalb Safer Sex, weil wir wissen, dass der andere das Virus hat oder wir uns eben nicht sicher sein können, ob oder ob nicht.“ Mit logischen Argumenten allerdings kommt man da nicht immer weiter, wie Ben bei diesem Gespräch feststellen musste.

Dass solch irrationale Ängste vor einer HIV-Übertragung auch unter Schwulen und bisexuellen Männern stark verbreitet sind, ist spätestens seit einer ICH WEISS WAS ICH TU-Umfrage aus dem Jahr 2010 nicht mehr nur ein subjektiver Eindruck, sondern durch Zahlen belegt. Jeder fünfte Teilnehmer dieser Befragung gab an, einen HIV-Positiven nicht auf den Mund küssen zu wollen, weitere 20 Prozent waren sich unsicher. Das Ergebnis hat auch Jochen Drewes erstaunt. „Ich bin überzeugt, dass diese Männer wissen, dass sie sich durch Küssen nicht mit HIV infizieren können“, sagt der Berliner Gesundheitswissenschaftler.

Zum anderen gab ein Drittel der Befragten an, sie würden sich schämen, wenn sie sich mit HIV infizieren sollten. „Schuld und Scham, das sind dann auch genau die Gefühle, mit denen viele Positive kämpfen“, sagt Drewes. „‚Wer sich heute noch infiziert, ist selber schuld, rücksichtslos oder unvernünftig‘ – diese Haltung sitzt in manchen Köpfen ziemlich fest.“

Tim
Tim hat keine Ausgrenzung erlebt
Kampagnenteammitglied von ICH WEISS WAS ICH Tim dagegen glaubt, die Frage danach, wie man sich infiziert hat, sei heute nicht mehr so moralisch behaftet. Ausgrenzung und Diskriminierung durch andere Schwule hat Tim aufgrund seines Positivseins nicht erlebt. Wahrscheinlich, weil er so offen mit seiner Infektion umgeht, glaubt er. Er hat aber eine Vermutung, warum einige Schwule Positive so vehement ablehnen: „Sie haben Angst davor, sich mit ihren sexuellen Phantasien und ihrem Wunsch nach kondomlosem Sex auseinanderzusetzen. Schließlich haben wir Sex ohne Kondom sehr lange stigmatisiert, nicht ohne Grund… Und manchen fällt es offenbar nun sehr schwer zu akzeptieren, dass es mittlerweile auch andere Möglichkeiten wie den Schutz durch Therapie gibt.“

Tim vermutet bei den Negativen und Ungetesteten, die Positive ablehnen, die Angst davor, dass ein Damm brechen könnten, wenn sie einmal die Freiheit kondomlosem, aber trotzdem durch die Therapie geschützten Sex mit einem nicht mehr infektiösen Partner erleben würden.

Engelbrecht
Engelbert wünscht sich mehr Offenheit
Doch die Message von der Nichtinfektiosität gut therapierter HIV-Positiver ist in weiten Teilen der Szene noch gar nicht angekommen, so der Eindruck von Engelbert, der in der Münchner AIDS-Hilfe aktiv ist. „Wenn ich als Positiver eine Rückweisung erlebe, geschieht das unabhängig von meinem Therapiestatus. Eine Nachfrage, ob ich denn Medikamente nehme oder nicht, kommt dann in der Regel gar nicht mehr.“

Marco ist sich dennoch sicher, dass Bewegung in die Köpfe kommt. „Diese paranoide Angst vor Positiven wird desto schneller verschwinden, je offener und selbstbewusster wir werden und das Wissen um die Schutzwirkung der Medikamente verbreiten.“

Den verbalen Faustschlag beim Online-Chat hat er inzwischen weggesteckt. „Eigentlich bin ich froh, dass der Typ sich rechtzeitig selbst disqualifiziert hat und ich nicht mit ihm in der Kiste gelandet bin“, sagt Marco. „Sex mit Blödmännern geht einfach gar nicht. Was das angeht, bin ich sogar stolz auf mein diskriminierendes Arschlochverhalten.“
 

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