Akzeptanz in der Szene

Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren viele Schwule in der Gesellschaft. Aber auch innerhalb der Community sind wir nicht immer alle so akzeptierend, wie wir es von anderen erwarten. Wieso ist das so? Und was macht das mit Menschen, die sich in der Community eigentlich aufgehoben fühlen wollen? Für ICH WEISS WAS ICH TU steht fest: Egal wie man aussieht, woher man kommt, woran man glaubt: Vielfalt ist mehr als sexy! Vielfalt ist unsere Zukunft!

Wir stehen für Akzeptanz

  • „Keine Tunten“, „keine Fetten“, „keine Asiaten“

Auf solche verletzenden und diskriminierenden Äußerungen ist wohl jeder schon mal gestoßen, nicht nur auf Datingportalen. Abgewertet wird oft das, was als „anders“ und nicht "mainstream"-tauglich erachtet wird, was nicht dem gängigen Bild, dem Leistungs- oder dem Jugendideal entspricht. Woher kommt dieses Verhalten in einer Community, die um Akzeptanz ringt und oft stolz auf ihre Vielfalt ist? Deswegen sagen wir: Jeder, wie er will!

  • Diskriminierung und Ausgrenzung machen krank.

Das belegen zahlreiche Studien. Ganz egal, ob die Mehrheitsgesellschaft diskriminiert oder ob das innerhalb der eigenen Community passiert. Das kann bis zu einer Depression und Selbsthass führen. Wir wollen dafür sensibilisieren, wie wir miteinander umgehen. Und wir fragen, was wir tun können, damit die Community für jeden einen Platz bietet.

  • Willkommen - so wie du bist.

Wir sind viele: Wir sind groß. Wir sind klein. Wir sind dick oder dünn und tuntig, kerlig oder spießig. Wir sind gescheit und manchmal auch weniger. Wir kommen von hier und manchmal auch aus einem anderen Land. Wir sind HIV-positiv, wir sind HIV-negativ. Und wir sind politisch links oder liberal oder konservativ. Du bist willkommen, so wie du bist.

Bei unserer Kampagne haben wir mit Menschen aus der Szene zusammengearbeitet. Unsere Motive werben für Vielfalt und Akzeptanz in der Szene.

Interview: Verinnerlichte Homophobie

Die Gesellschaft ist zum Teil homophob. Aber auch manche Schwule können sich und ihre Homosexualität nicht akzeptieren. Man spricht dann von verinnerlichter Stigmatisierung (verinnerlichte Homophobie)? Was sind Ursachen hierfür? Welche Auswirkungen kann das für sich aber auch für andere haben? Und was kann man dagegen tun? Marc Grenz, Projektleiter von Hein & Fiete in Hamburg gibt Antworten.

"Mingvase sucht fette Sau"

Wer sich auf schwulen Datingportalen herumtreibt, darf manchmal nicht zart besaitet sein. Dort geht es nicht nur sexuell recht direkt zu – auch unverhohlen diskriminierende Äußerungen gehören zum Cruising-Alltag.

Muss ich, um zu signalisieren, dass ich auf schlanke Typen stehe, abschätzig von „fetten Schweinen“ sprechen? Muss ich, was mir nicht kerlig genug erscheint, als „Tucke“ und „Schwuchtel“ beschimpfen? Und was unterscheidet eigentlich jemanden, der Schwule asiatischer Herkunft als „Mingvase“ oder „Reisschüssel“ beleidigt, vom „gewöhnlichen“ Rassisten und Neonazi?

Noch ein paar Kostproben gefällig?

Denn die Liste unmissverständlicher Ansagen bei den bekannten Online-Datingportalen ist lang und vielfältig.

„Passt mir deine Hackfresse nicht, verdienst du auch keine Antwort“
„Gezupfte Augenbrauen – einfach abtreten!“
„Kein Gammelfleisch!“
„Kein Hartz4-Gesocks.“
„Keine sonnengegerbten Fressen der Mallorca-Gran-Canaria-Fraktion“.

Es gibt auch noch ganz andere Ausschlusskriterien: „Absolutes No-go: berliner/sächsischer Akzent“. Für diesen User ist alles eine Frage des guten Willens: „Jeder kann Hochdeutsch.“

HIV-Positive werden als „Viren- und Bakterienschleudern“ beschimpft, im Zweifelsfalle von Usern, die „gesunde Hengste“ für „Bareback-Besamung“ suchen. Aber auch unter Positiven herrscht bisweilen ein Milieu der wechselseitigen Anfeindung. Selbstverständlich, schreibt ein Endvierziger in seinem offenherzigen Profiltext, wäre es schön, wenn Positive nicht stigmatisiert würden. Ihm selbst passiere dies nur ganz selten. Angemacht aber würde er von anderen Positiven: dafür, dass er auf Safer Sex besteht.

Fehlt so vielen Schwulen einfach die gute Kinderstube?

Glauben manche Schwule, sich mit Verletzungen und Beschimpfungen kerliger gerieren zu können als sie in Wahrheit sind, um damit ihr offensichtlich mangelhaftes Machoimage ein wenig aufzupimpen? Niemand verlangt, dass jeder jeden gleich geil und attraktiv, paarungswillig und partnerfähig halten muss. Und niemand soll sich gehindert fühlen, seine sexuellen und anderen Präferenzen offen zu benennen.

Neu ist diese Art der Ausgrenzung sicherlich nicht. Formulierungen wie „Tunten zwecklos“ und „kein BBB“ (Bart, Brille, Bauch) sind, zumindest gefühlt, in Gebrauch, seit es schwule Kontaktanzeigen gibt. Aber derart roh in der Wortwahl und so schamlos die Grenzen zum offenen Rassismus überschreitend wie heute ging es noch nie zu. Hat das böseböse Internet unsere Sitten so sehr verrohen lassen? Schaltet Mann eigentlich sein Hirn aus, bevor er in seiner No-go-Liste „Brillenträger“ und „Asiaten“ in einer Reihe mit „Fakern“, „Freaks“ und „Spinnern“ aufführt? Denkt so jemand darüber nach, wie sich die derart Angesprochenen dabei fühlen mögen?

Überraschenderweise kommen solche Ausfälle nicht auf allen schwulen Portalen gleichermaßen vor – oder werden nicht überall von den Usern bzw. den Betreibern im gleichen Maße geduldet. Je differenzierter die Kontaktbörse, desto freundlicher der Umgangston. Barebacker, Bären oder Fetischliebhaber unter sich sehen offensichtlich keinen Grund, sich negativ abgrenzen zu müssen. Sie schreiben und beschreiben lustvoll, worauf sie stehen und wer sie geil macht – und haben es nicht nötig, über alle anderen herzuziehen, die nicht in ihr Beuteraster fallen.

Mit Witz oder einfach direkt dagegen halten

Einem der sich selbstironisch als „Europäer, gefangen im Körper eines Asiaten“ bezeichnet, liest solchen Dummbratzen auf seinem Profil ordentlich die Leviten: „Es tut mir ja selber leid, dass ich nicht als schwedischer Gott geboren wurde und nicht dem schwulen Schönheitsideal entspreche. Und es tut mir leid, dass ich nicht als Schokomann mit Riesenschwanz geboren wurde, und genau so leid tut es mir, dass ich nicht als heißer Latinolover zur Verfügung stehe. – Merkt ihr was??? Genau: Schubladendenken!!!“

Sein Tipp lautet ganz schlicht: Wenn ihr keine Asiaten mögt, antwortet einfach nicht auf deren Messages. Es besteht allerdings kein Grund, verbal derart tief in die rassistische Schublade zu greifen.

Ganz gleich, wie die einzelnen Kontaktbörsen die Kontrolle der Profiltexte im Einzelnen auch handhaben, gegen diskriminierende Formulierungen kann jeder einzelne User etwas unternehmen, indem er die Urheber auf die vielleicht unbedacht und ungewollt ausgrenzenden Textstellen hinweist. Vielleicht tut’s ja sogar eine nette Message. Es muss ja nicht immer gleich ein Shitstorm sein …